GESPRÄCHE
Große Fehler und kleine Nützlichkeiten
Dritte Veranstaltung des„Potsdamer Forum“
Wer am 17. November ein kulturvolles Gespräch und produktiven Streit erwartete, wurde weitgehend enttäuscht. Das lag nicht am eingeladenen Gesprächspartner von Prof. Julius Schoeps.
Innerhalb der gemeinsamen Veranstaltungsreihe der Universität Potsdam und der Pressestiftung Tagesspiegel stellte sich Prof. Jürgen Kuczynski—„Querdenker“ und„Legende zu Lebzeiten“— der Diskussion zahlreich erschienener Interessierter.;
Vom Kaiserreich zur Wendezeit— Reflexionen über deutsche Zustände lautete das in den Einladungen ausgedruckte Thema. In seinen einleitenden Bemerkungen legte Prof. Kuczynski seine Meinung zum real-existierenden Sozialismus der DDR und Osteuropas dar. Es hätte ein soziales, ein kapitalistisches und ein („schlimmes und giftiges‘‘) feudalabsolutistisches Element in dieser Gesellschaft gegeben.
In der Hoffnung, daß die ehemalige DDR eine„gepflegte Armenkolonie‘“ werde, beschrieb er die gegenwärtig herrschende Situation: sechsmal höhere Arbeitslosig
keit unter Intellektuellen in der Welt, viermal größere Steigerung der Preise als in der alten BRD, zerschlagene Industrie und Landwirtschaft, Kahlschlag von Kultur und Wissenschaft,
JÜRGEN KUCZYNSKI
— 1904 in Elberfeld geboren
— Studium der Philosophie, Statistik und Politökonomie in Erlangen, Berlin und Heidelberg
— 1930 Eintritt in die KPD
— 1936 Emigration nach England
— 1945 Rückkehr nach Deutschland — umfangreiche Publikationen, darunter sein vierzigbändiges Hauptwerk„Geschichte der Lage der Arbeiter‘,„Studien zur Geschichte der Gesellschaftswissenschaften‘‘, „Geschichte des Alltags des deutschen Volkes“
Der Gast glaubt fest daran, daß es, zwar nicht zu seinen Lebzeiten, wieder eine Wende geben wird. Die Vorfreude darauf lasse er sich nicht nehmen. In Anlehnung
an die Geschichte des Kapitalismus sei der untergegangene Sozialismus das mißlungene Vorspiel für eine neue Gesellschaft gewesen. Die Geschichte gehe im Zick-Zack vorwärts. Selbstkritisch äußerte sich Kuczynski zu seinen einstigen Sozialismus-Einschätzungen. Es gab„große Fehler und kleine Nützlichkeiten“‘. Mit ihnen beschäftigt sich der Autor zahlreicher Bücher und Artikel auch in seiner neuesten Veröffentlichung.
Die Bemerkung Kuczynskis, daß der Sozialismus nicht an der Ökonomie, sondern am Kommandosystem, an der fehlenden Demokratie„gestorben“ sei, fand keinen Konsens. Strittig auch die Frage nach dem„neuen Menschen‘. Leider wurden von seinen(vorwiegend West-) Kritikern nur selten sachliche Argumente vorgetragen. Hoffentlich muß beim nächsten„Potsdamer Forum“ nicht wieder aus dem Publikum Sachlichkeit eingefordert werden.
Der 87jährige Gesellschaftswissenschaftler ist fest davon überzeugt, daß die Menschen auch in Zukunft Utopien brauchen werden. Dr.Barbara Eckardt
Profilierter Gast stellte sich der Diskussion
Wiederum war die„Galerie am Neuen Palais‘ Veranstaltungsort eines abendlichen Gesprächs. Mit dem Fernsehjournalisten, politischen Sachbuchautor und als ständiger Vertreter der Bundesrepublik in Ostberlin zeitweise auch Diplomaten Günter Gaus stellte sich ein intimer Kenner deutscher Politik und Geschichte den Fragen der Potsdamer. Eingeladen dazu hatten das Literatur-Kollegium Brandenburg ee. V., der Bereich Kultur der Universität Potsdam sowie das Kultur- und Bildungshaus am Wildpark GmbH.
Gaus las zunächst aus einer von ihm für Hamburgs Bürgermeister Voscherau geschriebenen Rede zum 1. Jahrestag der Wiedervereinigung. Diese Rede ist jedoch nie gehalten worden. Grund dafür waren politische Ereignisse, wie z. B. die Randale in Hoyerswerda und die damit neu aufgeworfenen Fragen, die in diesen Text aus zeitlichen Gründen nicht mehr eingearbeitet werden konnten. Zur Bewältigung der Thematik wäre dies jedoch notwendig gewesen.
Ohne Moderation ergab sich sofort nach der Lesung ein reger Disput zwischen
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Publikum und Autor. Genauer hinterfragt wurden u. a. die von Gaus beschworene „Koalition der Einsicht“, aber auch die nun schon abgenutzten Begriffe„Opfer“‘, „Täter“,„Mitläufer‘“ sowie seine politische Standortbestimmung und die Beurteilung der Situation seiner Partei- der SPD. Die Vereinigung sei nicht nur gekennzeichnet durch die Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechts der Menschen, die Realisierung von Träumen, sondern auch begleitet von Mißverständnissen und Kränkungen, so der Gast. Er verurteilte die in der Praxis häufig anzutreffenden Simplifizierungen des Alltags in der ehemaligen DDR. Diesem Hang zur Schwarz-Weiß-Färberei widersprach er vehement und plädierte vielmehr für ein Sichnäher-Kennenlernen durch gegenseitiges Stellen von Fragen.
Der politische Meinungsstreit entbrannte z. B. auch an der Bemerkung des Publizisten, er kenne kein besseres als eben dieses bürgerlich-parlamentarische politische System. Denn im gleichen Atemzug vernahmen die Zuhörer Einschränkungen: nicht für alle Probleme gäbe es Lösungen,
„soziale Unvollkommenheiten“ seien gegenwärtig nicht zu beseitigen. Im Wissen darum appellierte er an das„soziale Gewissen“ aller. Dieses müßte sich belastet fühlen durch die Lage der Schwachen in der Gesellschaft.
Obwohl Mitglied der SPD und sich selbst als links von der Mitte bezeichnend, verbarg Gaus nicht seine Unzufriedenheit mit der SPD. Derzeit sei sie nicht in der Lage, Wählermassen für sich zu aktivieren. Seine kritische Distanz zur Partei bedeute für ihn jedoch keineswegs das Abrücken von bestimmten Grundpositionen.
Das Resümee des Abends: vielleicht die Erkenntnis, daß es keine Schubladen gibt, aus denen man parat liegende Lösungen hervorzaubern kann. Gefragt ist vielmehr die uneingeschränkte Solidarität all derer, die in Ost und West am Werk der Vereinigung wirken. Vieles blieb an diesem Abend- der fortschreitenden Zeit geschuldet-ungefragt und ungesagt. Doch es war der Versuch, sich polemisch und doch niveauvoll im politischen Streit näherzukommen. P. Görlich
Nr. 18/91