Heft 
(1.1.2019) 18
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GESPRÄCHE

Große Fehler und kleine Nützlichkeiten

Dritte Veranstaltung desPotsdamer Forum

Wer am 17. November ein kulturvolles Gespräch und produktiven Streit erwarte­te, wurde weitgehend enttäuscht. Das lag nicht am eingeladenen Gesprächspartner von Prof. Julius Schoeps.

Innerhalb der gemeinsamen Veranstal­tungsreihe der Universität Potsdam und der Pressestiftung Tagesspiegel stellte sich Prof. Jürgen KuczynskiQuerdenker undLegende zu Lebzeiten der Dis­kussion zahlreich erschienener Interes­sierter.;

Vom Kaiserreich zur Wendezeit Refle­xionen über deutsche Zustände lautete das in den Einladungen ausgedruckte Thema. In seinen einleitenden Bemer­kungen legte Prof. Kuczynski seine Mei­nung zum real-existierenden Sozialismus der DDR und Osteuropas dar. Es hätte ein soziales, ein kapitalistisches und ein (schlimmes und giftiges) feudalabsolu­tistisches Element in dieser Gesellschaft gegeben.

In der Hoffnung, daß die ehemalige DDR einegepflegte Armenkolonie werde, beschrieb er die gegenwärtig herrschende Situation: sechsmal höhere Arbeitslosig­

keit unter Intellektuellen in der Welt, viermal größere Steigerung der Preise als in der alten BRD, zerschlagene Industrie und Landwirtschaft, Kahlschlag von Kul­tur und Wissenschaft,

JÜRGEN KUCZYNSKI

1904 in Elberfeld geboren

Studium der Philosophie, Statistik und Politökonomie in Erlangen, Berlin und Heidelberg

1930 Eintritt in die KPD

1936 Emigration nach England

1945 Rückkehr nach Deutschland umfangreiche Publikationen, darunter sein vierzigbändiges Haupt­werkGeschichte der Lage der Arbeiter,Studien zur Geschichte der Gesellschaftswissenschaften, Geschichte des Alltags des deut­schen Volkes

Der Gast glaubt fest daran, daß es, zwar nicht zu seinen Lebzeiten, wieder eine Wende geben wird. Die Vorfreude darauf lasse er sich nicht nehmen. In Anlehnung

an die Geschichte des Kapitalismus sei der untergegangene Sozialismus das miß­lungene Vorspiel für eine neue Gesell­schaft gewesen. Die Geschichte gehe im Zick-Zack vorwärts. Selbstkritisch äu­ßerte sich Kuczynski zu seinen einstigen Sozialismus-Einschätzungen. Es gabgro­ße Fehler und kleine Nützlichkeiten. Mit ihnen beschäftigt sich der Autor zahlrei­cher Bücher und Artikel auch in seiner neuesten Veröffentlichung.

Die Bemerkung Kuczynskis, daß der Sozialismus nicht an der Ökonomie, son­dern am Kommandosystem, an der feh­lenden Demokratiegestorben sei, fand keinen Konsens. Strittig auch die Frage nach demneuen Menschen. Leider wurden von seinen(vorwiegend West-) Kritikern nur selten sachliche Argumente vorgetragen. Hoffentlich muß beim näch­stenPotsdamer Forum nicht wieder aus dem Publikum Sachlichkeit eingefordert werden.

Der 87jährige Gesellschaftswissenschaft­ler ist fest davon überzeugt, daß die Menschen auch in Zukunft Utopien brau­chen werden. Dr.Barbara Eckardt

Profilierter Gast stellte sich der Diskussion

Wiederum war dieGalerie am Neuen Palais Veranstaltungsort eines abendli­chen Gesprächs. Mit dem Fernsehjourna­listen, politischen Sachbuchautor und als ständiger Vertreter der Bundesrepublik in Ostberlin zeitweise auch Diplomaten Gün­ter Gaus stellte sich ein intimer Kenner deutscher Politik und Geschichte den Fragen der Potsdamer. Eingeladen dazu hatten das Literatur-Kollegium Branden­burg ee. V., der Bereich Kultur der Univer­sität Potsdam sowie das Kultur- und Bil­dungshaus am Wildpark GmbH.

Gaus las zunächst aus einer von ihm für Hamburgs Bürgermeister Voscherau ge­schriebenen Rede zum 1. Jahrestag der Wiedervereinigung. Diese Rede ist je­doch nie gehalten worden. Grund dafür waren politische Ereignisse, wie z. B. die Randale in Hoyerswerda und die damit neu aufgeworfenen Fragen, die in diesen Text aus zeitlichen Gründen nicht mehr eingearbeitet werden konnten. Zur Be­wältigung der Thematik wäre dies jedoch notwendig gewesen.

Ohne Moderation ergab sich sofort nach der Lesung ein reger Disput zwischen

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Publikum und Autor. Genauer hinterfragt wurden u. a. die von Gaus beschworene Koalition der Einsicht, aber auch die nun schon abgenutzten BegriffeOpfer, Täter,Mitläufer sowie seine politi­sche Standortbestimmung und die Beur­teilung der Situation seiner Partei- der SPD. Die Vereinigung sei nicht nur ge­kennzeichnet durch die Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechts der Men­schen, die Realisierung von Träumen, sondern auch begleitet von Mißverständ­nissen und Kränkungen, so der Gast. Er verurteilte die in der Praxis häufig anzu­treffenden Simplifizierungen des Alltags in der ehemaligen DDR. Diesem Hang zur Schwarz-Weiß-Färberei widersprach er vehement und plädierte vielmehr für ein Sichnäher-Kennenlernen durch gegensei­tiges Stellen von Fragen.

Der politische Meinungsstreit entbrannte z. B. auch an der Bemerkung des Publizi­sten, er kenne kein besseres als eben die­ses bürgerlich-parlamentarische politische System. Denn im gleichen Atemzug ver­nahmen die Zuhörer Einschränkungen: nicht für alle Probleme gäbe es Lösungen,

soziale Unvollkommenheiten seien gegenwärtig nicht zu beseitigen. Im Wis­sen darum appellierte er an dassoziale Gewissen aller. Dieses müßte sich bela­stet fühlen durch die Lage der Schwachen in der Gesellschaft.

Obwohl Mitglied der SPD und sich selbst als links von der Mitte bezeichnend, ver­barg Gaus nicht seine Unzufriedenheit mit der SPD. Derzeit sei sie nicht in der Lage, Wählermassen für sich zu aktivie­ren. Seine kritische Distanz zur Partei bedeute für ihn jedoch keineswegs das Abrücken von bestimmten Grundpositio­nen.

Das Resümee des Abends: vielleicht die Erkenntnis, daß es keine Schubladen gibt, aus denen man parat liegende Lösungen hervorzaubern kann. Gefragt ist vielmehr die uneingeschränkte Solidarität all de­rer, die in Ost und West am Werk der Vereinigung wirken. Vieles blieb an die­sem Abend- der fortschreitenden Zeit geschuldet-ungefragt und ungesagt. Doch es war der Versuch, sich polemisch und doch niveauvoll im politischen Streit näherzukommen. P. Görlich

Nr. 18/91