Heft 
(1.1.2019) 01
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PHILOSOPHIE

Entfesselte Denunziation; oder: Philosophie auf Knien

Wer sich in der DDR der Philosophie verschrieben hat, in der Regel jugendli­chen Alters aus ganz gewöhnlichen Grün­den des Erkenntnisgewinns, dem haben sich Karrieremöglichkeiten eröffnet, die vom Mitglied des ZK der SED bis zum Insassen eines Zuchthauses reichten. Der Mann, der dies schrieb, muß es wis­sen: Peter Ruben, geb. 1933, Philosoph an der früheren Akademie der Wissenschaf­ten der DDR. Nach Meinung westlicher Kollegen der philosophischen Zunft war ereiner der wichtigsten Repräsentanten (in der DDR) in der ideologischen Aus­einandersetzung zwischen Sozialismus und Kapitalismus(Theunissen, FU Berlin), derdie Position des dialektischen Mate­rialismus... brillant vertreten hat(Lo­renz, Erlangen-Nürnberg) und sich im Westeneines hohen Grades wissenschaft­licher Reputation(Wolff, Bielefeld) er­freute.

Dennoch, oder gerade deshalb, kollidier­te Peter Ruben 1980 mit dem Philoso­phen-Establishment der DDR. Um sich ihn vom Leibe zu halten, wurde er zwei­mal aus der SED geworfen und eine Beru­fung verhindert. Im Gegensatz zu den ehemaligen Philosophie-Studenten Wolf Biermann, Wolfgang Templin oder Vera Wollenberger sind ihm allerdings Zucht­haus oder andere zwangsstaatliche Pres­sionen erspart geblieben. Dennoch gehört die Affäre um Peter Ruben zu jenen dunklen Facetten der DDR-Geschichte, deren Aufhellung und stringente histori­sche Bewertung auf der Tagesordnung zeitgeschichtlicher Forschung stehen. Hans-Christoph Rauh, der 1982 als einer ihrer Opfer seinen Posten als Chefredak­teur derDZfP* verlor, hat diese Affäre sehr übersichtlich dokumentiert. Gefesselter Widerspruch. Die Affäre um Peter Ruben Herausgegeben von Hans-Christoph Rauh. Dietz Verlag

Berlin 1991

Der hier nachgezeichnete Vorgang aus dem intellektuellen Alltag der DDR an der Schwelle zu den 80er Jahren ist durch­aus vergleichbar mit den Fällen Ernst Bloch und Alfred Kantrowicz 1956, Hans Mayer 1963, Robert Havemann 1963/1966 und Rudolf Bahro 1977, wenn auch weni­ger medienspektakulär. In all diesen Fäl­len ging es um die Ausschaltung des Wider­spruchs. Sicher, es handelte sich um einen Widerspruch intra murus, um einJa, aber..., einen Widerspruch, der sich gleich­wohl systemimmanent verstand, keinen System-bestenfalls einen Paradigmawech­selerstrebend.(Es gibt keinen Grund, die­sen Aspekt der DDR-Geschichte als quan­tite negligeable unbeachtet zu lassen.) Der Anlaß, eine dem philosophisch weni­ger kundigen Leser eher als Haarspalterei erscheinende Debatte um Begriffe, Kon­zepte und Definitionen, steht dabei in einem grotesken Mißverhältnis zu seinen Folgen: Parteiausschluß, partielles bis totales Berufsverbot, Demütigung aller Sympathisanten von Ruben. Auch wenn die Folgen weniger drastisch und exi­stentgefährdend als zu Zeiten des Hoch­Stalinismus waren, folgten die Vorwürfe klassischen Agitationsmustern: Verwi­schung der philosophischen Grundfrage, Verlassen der Positionen des Marxismus­Leninismus, philosophischer Revisionis­mus gar, dem wohl schlimmsten Sünden­fall. Übersichtlich gruppiert, präsentiert das Buch lückenlos die sich über Monate erstreckende Affäre: die Konfrontation der Basis-Artikel von Peter Ruben gleich­sam als intellektuellesCorpus delicti mit den öffentlichen Gegenartikeln der Philosophie-Prominenz der DDR in der DZfP, ferner die in einerGrünen Map­pe gesammeltenvertraulichen Gut­achten und Stellungnahmen der servilen Philosophen-Kollegen- eine Kollektion

entfesselter Denunziation-, Protokolle und Interna des Parteiapparates und schließ­lich Protestbriefe von Wissenschaftlern aus der Bundesrepublik. In dem als Epi­log nachgedruckten Aufsatz von Peter Ruben aus der Nachwendezeit(Die DDR und ihre Philosophen), der darin sein Schicksal in einen größeren ideologischen Kontext der DDR-Geschichte stellt, wird schließlich deutlich, daß querdenkende Intellektuelle in der DDR immer in Zeiten politischer Krisen und Instabilitäten dis­zipliniert wurden.(In diesem Falle war dies die Krise in Polen 1980 und die Lega­lisierung vonSolidarnosc durch die damalige polnische Führung.) Ein Register der in der Ruben-Affäre agie­renden Personen liest sich wie einWho is who der DDR-,,Kaderphilosophie. Ihm ist u.a. zu entnehmen, daß einer der Disziplinierten, Peter Beurton, immerhin Jahre später an der PH Potsdam zum Dr. sc. promovieren konnte und Wolf­gang Templin, ein späterer Aktivist der Bürgerbewegung, zur Ruben-Gruppe ge­hörte. Aber auch ein Kuriosum ist zu entdecken: Prof. H. Meißner, Akademiemitglied, einer der Großinquisitoren gegen Ruben(dem nicht zuletzt auch unkontrollierte West­kontakte vorgeworfen wurden). In die Schlagzeilen geriet der Ökonom Meißner nicht wegen seiner wissenschaftlichen Meriten, sondern als er in den späten 80ern während einer Dienstreise in West­Berlin vergaß, in einem Supermarkt einen Brauseschlauch zu bezahlen und dabei er­wischt wurde. Er unternahm daraufhin den für ein Akademiemitglied ungewöhn­lichen Versuch, sich dem BND anzudie­nen, ehe er unter bis heute nebulösen Umständen wieder nach Ost-Berlin ver­schwand. Von einerAffäre Herbert Meißner mit Parteiausschluß usw. ist nichts bekannt geworden...

Dr. R. Gutsche

Vielfältiges Programm:

Nr. 1/92

Am 17. April 1991 wurde die Berlin-Branden­burgische Auslandsgesellschaft e.V.(BBAG) gegründet.

Die Verbindung von kultureller und politi­scher Bildung kennzeichnet die Arbeit der BBAG. Hauptanliegen ist die Information über Kultur, Politik und Wirtschaft anderer Län­der, um so Verständnis unter den Völkern zu fördern. Entsprechend abwechslungsreich und vielfältig ist das Programm. Gegliedert ist die

Auslandsgesellschaft in: Institut für Politi­sche Bildung(IPB), Auslandsinsitut(AI) und Bilaterale Länderkreise. f Näheres über Aufbau, Programm und Mit­gliedschaft ist zu erfahren bei:

Berlin-Brandenburgische Auslandsgesellschaft e.V.

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