PHILOSOPHIE
„Entfesselte Denunziation; oder: Philosophie auf Knien“
„Wer sich in der DDR der Philosophie verschrieben hat, in der Regel jugendlichen Alters aus ganz gewöhnlichen Gründen des Erkenntnisgewinns, dem haben sich Karrieremöglichkeiten eröffnet, die vom Mitglied des ZK der SED bis zum Insassen eines Zuchthauses reichten.“ Der Mann, der dies schrieb, muß es wissen: Peter Ruben, geb. 1933, Philosoph an der früheren Akademie der Wissenschaften der DDR. Nach Meinung westlicher Kollegen der philosophischen Zunft war er„einer der wichtigsten Repräsentanten (in der DDR) in der ideologischen Auseinandersetzung zwischen Sozialismus und Kapitalismus“(Theunissen, FU Berlin), der„die Position des dialektischen Materialismus... brillant“ vertreten hat(Lorenz, Erlangen-Nürnberg) und sich im Westen„eines hohen Grades wissenschaftlicher Reputation“(Wolff, Bielefeld) erfreute.
Dennoch, oder gerade deshalb, kollidierte Peter Ruben 1980 mit dem Philosophen-Establishment der DDR. Um sich ihn vom Leibe zu halten, wurde er zweimal aus der SED geworfen und eine Berufung verhindert. Im Gegensatz zu den ehemaligen Philosophie-Studenten Wolf Biermann, Wolfgang Templin oder Vera Wollenberger sind ihm allerdings Zuchthaus oder andere zwangsstaatliche Pressionen erspart geblieben. Dennoch gehört „die Affäre um Peter Ruben‘ zu jenen dunklen Facetten der DDR-Geschichte, deren Aufhellung und stringente historische Bewertung auf der Tagesordnung zeitgeschichtlicher Forschung stehen. Hans-Christoph Rauh, der 1982 als einer ihrer Opfer seinen Posten als Chefredakteur der„DZfP*“ verlor, hat diese Affäre sehr übersichtlich dokumentiert. „Gefesselter Widerspruch. Die Affäre um Peter Ruben‘ Herausgegeben von Hans-Christoph Rauh. Dietz Verlag
Berlin 1991
Der hier nachgezeichnete Vorgang aus dem intellektuellen Alltag der DDR an der Schwelle zu den 80er Jahren ist durchaus vergleichbar mit den Fällen Ernst Bloch und Alfred Kantrowicz 1956, Hans Mayer 1963, Robert Havemann 1963/1966 und Rudolf Bahro 1977, wenn auch weniger medienspektakulär. In all diesen Fällen ging es um die Ausschaltung des Widerspruchs. Sicher, es handelte sich um einen Widerspruch intra murus, um ein„Ja, aber...‘“, einen Widerspruch, der sich gleichwohl systemimmanent verstand, keinen System-bestenfalls einen Paradigmawechselerstrebend.(Es gibt keinen Grund, diesen Aspekt der DDR-Geschichte als quantite negligeable unbeachtet zu lassen.) Der Anlaß, eine dem philosophisch weniger kundigen Leser eher als Haarspalterei erscheinende Debatte um Begriffe, Konzepte und Definitionen, steht dabei in einem grotesken Mißverhältnis zu seinen Folgen: Parteiausschluß, partielles bis totales Berufsverbot, Demütigung aller Sympathisanten von Ruben. Auch wenn die Folgen weniger drastisch und existentgefährdend als zu Zeiten des HochStalinismus waren, folgten die Vorwürfe klassischen Agitationsmustern: Verwischung der philosophischen Grundfrage, Verlassen der Positionen des MarxismusLeninismus, philosophischer Revisionismus gar, dem wohl schlimmsten Sündenfall. Übersichtlich gruppiert, präsentiert das Buch lückenlos die sich über Monate erstreckende Affäre: die Konfrontation der Basis-Artikel von Peter Ruben gleichsam als intellektuelles„Corpus delicti“ mit den öffentlichen Gegenartikeln der Philosophie-Prominenz der DDR in der DZfP, ferner die in einer„Grünen Mappe“ gesammelten„vertraulichen“ Gutachten und Stellungnahmen der servilen Philosophen-Kollegen- eine Kollektion
entfesselter Denunziation-, Protokolle und Interna des Parteiapparates und schließlich Protestbriefe von Wissenschaftlern aus der Bundesrepublik. In dem als Epilog nachgedruckten Aufsatz von Peter Ruben aus der Nachwendezeit(„Die DDR und ihre Philosophen‘‘), der darin sein Schicksal in einen größeren ideologischen Kontext der DDR-Geschichte stellt, wird schließlich deutlich, daß querdenkende Intellektuelle in der DDR immer in Zeiten politischer Krisen und Instabilitäten diszipliniert wurden.(In diesem Falle war dies die Krise in Polen 1980 und die Legalisierung von„Solidarnosc‘“ durch die damalige polnische Führung.) Ein Register der in der Ruben-Affäre agierenden Personen liest sich wie ein„Who is who‘ der DDR-,,Kaderphilosophie‘“‘. Ihm ist u.a. zu entnehmen, daß einer der Disziplinierten, Peter Beurton, immerhin Jahre später an der PH Potsdam zum Dr. sc. promovieren konnte und Wolfgang Templin, ein späterer Aktivist der Bürgerbewegung, zur Ruben-Gruppe gehörte. Aber auch ein Kuriosum ist zu entdecken: Prof. H. Meißner, Akademiemitglied, einer der Großinquisitoren gegen Ruben(dem nicht zuletzt auch unkontrollierte Westkontakte vorgeworfen wurden). In die Schlagzeilen geriet der Ökonom Meißner nicht wegen seiner wissenschaftlichen Meriten, sondern als er in den späten 80ern während einer Dienstreise in WestBerlin vergaß, in einem Supermarkt einen Brauseschlauch zu bezahlen und dabei erwischt wurde. Er unternahm daraufhin den für ein Akademiemitglied ungewöhnlichen Versuch, sich dem BND anzudienen, ehe er unter bis heute nebulösen Umständen wieder nach Ost-Berlin verschwand. Von einer„Affäre Herbert Meißner‘‘ mit Parteiausschluß usw. ist nichts bekannt geworden...
Dr. R. Gutsche
Vielfältiges Programm:
Nr. 1/92
Am 17. April 1991 wurde die Berlin-Brandenburgische Auslandsgesellschaft e.V.(BBAG) gegründet.
Die Verbindung von kultureller und politischer Bildung kennzeichnet die Arbeit der BBAG. Hauptanliegen ist die Information über Kultur, Politik und Wirtschaft anderer Länder, um so Verständnis unter den Völkern zu fördern. Entsprechend abwechslungsreich und vielfältig ist das Programm. Gegliedert ist die
Auslandsgesellschaft in: Institut für Politische Bildung(IPB), Auslandsinsitut(AI) und Bilaterale Länderkreise. f Näheres über Aufbau, Programm und Mitgliedschaft ist zu erfahren bei:
Berlin-Brandenburgische Auslandsgesellschaft e.V.
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