Heft 
(1.1.2019) 02
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STUDENTEN

Moskau- Neujahrstag 1992

Und, hat es Ihnen gefallen bei uns?, fragt mich Kostja, als wir im Januar 1992 gemein­sam von Moskau in Richtung Westen fah­ren.Ja*, antworte ich,gut sogar, ich habe viel gesehen und erfahren!, worauf mein Nachbar im Zugabteil große Augen bekommt, verwundert den Kopf schüttelt und ungläu­big fragt:Ernsthaft?? Und also muß ich ihm meine Neujahrsgeschichte erzählen... Mit dem für Außenstehende am einfachsten Verständlichen fange ich an: ich habe in einem Moskauer Studentenwohnheim viele Menschen kennengelernt, die mir inzwi­schen zu Freunden geworden sind. Vor al­lem haben wir zusammen gefeiert auch die Feiertage sind in Rußland durcheinander geraten. Zunächst Weihnachten nach unse­rem abendländischen Kalender, dann der Jahreswechsel 1991/92 und dann am 6./7. Januarroshdjestwo, das Weihnachtsfest gemäß dem Kalender der russisch-orthodo­xen Kirche.(Zuguterletzt haben meine Freun­de am 15. Januar zum zweiten Male Neujahr gefeiert.) Vor allem die Silvesternacht war dabei ein wunderbares Erlebnis, wie ich es mir von zu Hause kaum vorstellen kann. Angolaner, Bolivianer, Costaricaner, Deut­sche, Georgier, Jemeniten, Nicaraguaner, Polen, Russen fast das ganze Alphabet war mit einem Volk vertreten, wir tanzten zu arabischer, jiddischer, Latino- und auch Disco­Musik, stießen(ich weiß nicht mehr, wie oft) auf das Neue Jahr an: Mitternacht für Mos­kau, ein Uhr für Warschau und Berlin, acht Uhr für La Paz und Managua...

Natürlich, nicht nur die Feiertage sind aus den Fugen geraten. Das ganze alltägliche Leben der Moskauerinnen(vor allem sie stehen in den Schlangen) und Moskauer geht andere Wege, fast nichts ist mehr wie früher. Da wären, an. erster Stelle, zum Neujahrstag 1992, die Preissteigerungen bzw. -freigaben für fast ale Waren und Dienstlei­stungen zu nennen. Nochmals mindestens verdoppelt haben sich damit die Preise für Lebens-Mittel: zehn Eier kosten nun 15 Rubel, ein Brot 2-3 Rubel, Butter und Milch habe ich nirgends gesehen, für ein Kilo Wurst muß man 80 bis 100 Rubel bezahlen, für Fisch 50 Rubel. Immerhin: seit diesem Tag gibt es wenigstens wieder etwas in den (ehemals? noch?) staatlichen Geschäften; in kleineren Städten und ländlichen Gebieten war die Versorgungslage ohnehin nicht so extrem wie in Moskau. All das Folgende jedoch ist schier unvorstellbar:

daßes auf den privaten, von Händlerringen diktierten Märkten alle s gibt zu astrono­mischen Preisen: fürs Kilo Äpfel wollte man von mir 80 Rubel, für eine Pute nicht weni­

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All is quiet on New Years Day

A world in white gets

underway...

ger als 1000;-daß ich für eine D-Mark (Stand: 10. 1.) etwa 70 Rubel bekommen und sehr gut leben kann; daß eine pensio­nierte Biologielehrerin im Monat 200 Rubel Rente bekommt und davon über(!)-leben soll; daß sich andererseits eine überreiche Oberschicht herausbildet, die nicht weiß, wohin mit dem Geld da es nichtsEntspre­Chendes zu kaufen gibt... Wenn im Moment etwasFortschritte macht, so ist es die soziale und ökonomische(De-)Klassifizie­rung: zu keiner Zeit gab es so viele bettelnde Menschen, wie man sie derzeit in den Me­trogängen sitzen sieht. Überhaupt frage ich mich, wie lange dieses marktwirtschaftliche Experimentgut gehen wird, wie viel die Menschen noch ertragen werden, wann es, womöglich, ernsthafte soziale Unruhen gibt: es geht für viele schon lange ans sprichwört­liche Eingemachte. Und für ebenso viele wird denn auch der zweimalige Neujahrs­tag 1992 kaum Anlaß zum Feiern gewesen sein...

Wie beständig, so suchen Menschen wohl besonders in angespannten oder extremen Lebenslagen nach Strategien zur Bewälti­gung ihrer Probleme. Diese Suche kann ra­tionale, bewußte Wege gehen, sie kann aber auch von ersterem nicht immer zu trennen emotionale, auch irrationale Lösungen anbieten. Vor dem Hintergrund der oben ganz grob beschriebenen materiellen Lebens­situation der Menschen und dem(mit dieser Lage gleichgesetzten) angenommenen Schei­tern materialistischer Weltauffassungen, sind einige Erscheinungen, in meinen Augen, vielleicht ansatzweise erklärbar. Zum einen ist da ein gestiegenes, ausgeprägtes Natio­nalgefühl vieler Russen, die, natürlich, von ihrem Boris Nikolajewitsch ähnliche Wun­der eines starken Mannes erhoffen, wie wei­land die Mehrheit eines anderen Volkes von seinem Kanzler. Zum anderen kann man einen merklich wachsenden Einfluß kirchli­cher, idealistischer, verklärender Ideen und Gruppen bzw. Institutionen nicht überse­hen. Dieser beginnt bei. wiederbelebten Traditionen(?) wie Weihnachten und dem altrussischen Kalender, setzt sich fort in einer sprunghaft gestiegenen(und die Kapa­zitäten bisweilen übersteigenden) Anzahl von Menschen, die in die Kirche gehen, um zu beten, zu hoffen oder doch wenigstens

eine Kerze anzuzünden, und reicht bis zu wiederum bieten sich Parallelen an bun­tem Werben orientalischer Glaubensgemein­schaften. Beide Wiedergeweckte Natio­nalgefühl und(Aber-)Gläubigkeit ergän­zen einander und machen, so scheint mir, jene Besonderheit des russischen Nationa­lismus aus, die viele Menschen noch ertra­gen und dabeinach oben schauen läßt... Und wenn ich schon von Besonderheiten schreibe: So streitbar es ist, von irgendeiner Mentalität zu sprechen diesmal ist mir ein deutlich zu formulierender Unterschied zwischender russischen undder deut­schen bewußt geworden. Nämlich der, daß in Rußland eine geringere Distanz zwischen den Menschen zu beobachten ist als bei uns im wiedererkalteten Deutschland des Ja­nuars'92. Diese geringere Distanz äußert sich sehr widersprüchlich: So plump und teilweise entwürdigend sie sich manchmal darstellt(etwa wenn in der Schlange(vor­gedrängelt, laut lamentierend ge- und be­schimpft oder in der vollen Metro gerempelt wird), so überraschend wohltuend spüre ich sie bisweilen auch. Zum Beispiel in der elektritschka, dem Vorortzug, als wir uns erhitzt vom Lauf, um den Zug zu erreichen von Mützen und Mänteln befreien, um zu verschnaufen, und eine wildfremde Frau freundlich-besorgt, aber bestimmt auf uns einzureden beginnt: wir sollten uns doch schnell wieder anziehen, in der Elektrischka zieht es, und wir würden uns sonst erkälten: auch unsere Erklärung, daß wir uns schon wieder anziehen würden, wenn's uns kalt wird, beruhigt sie nicht dann wäre es bereits zu spät, meint sie...

Oder wenn ein altes Mütterchen auf meine Frage, wo denn der nächste geöffnete Brot­laden sei, mich nicht nur zu einem(der war zu), sondern auch noch zum zweiten Laden persönlich hinbringt...

... Oder wenn ich mit Kostja, 35, Lastwagen­fahrer, weniger als 1000 Rubel Monatsver­dienst, gemeinsam in einem Zug fahre und er mich zu einemtschaijok(mit dem deutschenTeechen nicht zu übersetzen) einlädt: man kann mit Russinnen und Rus­sen kaum in einem Abteil sitzen, ohne sich bekannt zu machen und sich zu unterhalten die ganze Bahnfahrt lang...

And so we're told this is the golden age But gold is the reason for the wars we wage Though I want to be with you night and day Nothing changes on Years Day

Die Textzitate am Beginn und am Schluß sind Anfang und Ende des TitelsNew Years Day der Gruppe U 2, erschienen 1983 bei Island Records.)

Stefan Köhler Sozialwissenschaften

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Nr. 2/92