STUDENTEN
Moskau—- Neujahrstag 1992
„Und, hat es Ihnen gefallen bei uns?‘“, fragt mich Kostja, als wir im Januar 1992 gemeinsam von Moskau in Richtung Westen fahren.„Ja‘*, antworte ich,„gut sogar, ich habe viel gesehen und erfahren!‘‘, worauf mein Nachbar im Zugabteil große Augen bekommt, verwundert den Kopf schüttelt und ungläubig fragt:„Ernsthaft??‘‘— Und also muß ich ihm meine Neujahrsgeschichte erzählen... Mit dem für Außenstehende am einfachsten Verständlichen fange ich an: ich habe in einem Moskauer Studentenwohnheim viele Menschen kennengelernt, die mir inzwischen zu Freunden geworden sind. Vor allem haben wir zusammen gefeiert— auch die Feiertage sind in Rußland durcheinander geraten. Zunächst Weihnachten nach unserem abendländischen Kalender, dann der Jahreswechsel 1991/92 und dann am 6./7. Januar„roshdjestwo‘‘, das Weihnachtsfest gemäß dem Kalender der russisch-orthodoxen Kirche.(Zuguterletzt haben meine Freunde am 15. Januar zum zweiten Male Neujahr gefeiert.) Vor allem die Silvesternacht war dabei ein wunderbares Erlebnis, wie ich es mir von zu Hause kaum vorstellen kann. Angolaner, Bolivianer, Costaricaner, Deutsche, Georgier, Jemeniten, Nicaraguaner, Polen, Russen— fast das ganze Alphabet war mit einem Volk vertreten, wir tanzten zu arabischer, jiddischer, Latino- und auch DiscoMusik, stießen(ich weiß nicht mehr, wie oft) auf das Neue Jahr an: Mitternacht für Moskau, ein Uhr für Warschau und Berlin, acht Uhr für La Paz und Managua...
Natürlich, nicht nur die Feiertage sind aus den Fugen geraten. Das ganze alltägliche Leben der Moskauerinnen(vor allem sie stehen in den Schlangen) und Moskauer geht andere Wege, fast nichts ist mehr wie früher. Da wären, an. erster Stelle, zum Neujahrstag 1992, die Preissteigerungen bzw. -freigaben für fast ale Waren und Dienstleistungen zu nennen. Nochmals mindestens verdoppelt haben sich damit die Preise für Lebens-Mittel: zehn Eier kosten nun 15 Rubel, ein Brot 2-3 Rubel, Butter und Milch habe ich nirgends gesehen, für ein Kilo Wurst muß man 80 bis 100 Rubel bezahlen, für Fisch 50 Rubel. Immerhin: seit diesem Tag gibt es wenigstens wieder etwas in den (ehemals? noch?) staatlichen Geschäften; in kleineren Städten und ländlichen Gebieten war die Versorgungslage ohnehin nicht so extrem wie in Moskau. All das Folgende jedoch ist schier unvorstellbar:
—daßes auf den privaten, von Händlerringen diktierten Märkten alle s gibt— zu astronomischen Preisen: fürs Kilo Äpfel wollte man von mir 80 Rubel, für eine Pute nicht weni
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„All is quiet on New Years Day
A world in white gets
underway...“
ger als 1000;—-daß ich für eine D-Mark (Stand: 10. 1.) etwa 70 Rubel bekommen und sehr gut leben kann;— daß eine pensionierte Biologielehrerin im Monat 200 Rubel Rente bekommt und davon über(!)-leben soll;— daß sich andererseits eine überreiche Oberschicht herausbildet, die nicht weiß, wohin mit dem Geld— da es nichts„EntspreChendes‘‘ zu kaufen gibt... Wenn im Moment etwas„Fortschritte‘‘ macht, so ist es die soziale und ökonomische(De-)Klassifizierung: zu keiner Zeit gab es so viele bettelnde Menschen, wie man sie derzeit in den Metrogängen sitzen sieht. Überhaupt frage ich mich, wie lange dieses marktwirtschaftliche Experiment„gut‘‘ gehen wird, wie viel die Menschen noch ertragen werden, wann es, womöglich, ernsthafte soziale Unruhen gibt: es geht für viele schon lange ans sprichwörtliche Eingemachte. Und für ebenso viele wird denn auch der zweimalige Neujahrstag 1992 kaum Anlaß zum Feiern gewesen sein...
Wie beständig, so suchen Menschen wohl besonders in angespannten oder extremen Lebenslagen nach Strategien zur Bewältigung ihrer Probleme. Diese Suche kann rationale, bewußte Wege gehen, sie kann aber auch— von ersterem nicht immer zu trennen — emotionale, auch irrationale Lösungen anbieten. Vor dem Hintergrund der oben ganz grob beschriebenen materiellen Lebenssituation der Menschen und dem(mit dieser Lage gleichgesetzten) angenommenen Scheitern materialistischer Weltauffassungen, sind einige Erscheinungen, in meinen Augen, vielleicht ansatzweise erklärbar. Zum einen ist da ein gestiegenes, ausgeprägtes Nationalgefühl vieler Russen, die, natürlich, von ihrem Boris Nikolajewitsch ähnliche Wunder eines starken Mannes erhoffen, wie weiland die Mehrheit eines anderen Volkes von seinem Kanzler. Zum anderen kann man einen merklich wachsenden Einfluß kirchlicher, idealistischer, verklärender Ideen und Gruppen bzw. Institutionen nicht übersehen. Dieser beginnt bei. wiederbelebten Traditionen(?) wie Weihnachten und dem altrussischen Kalender, setzt sich fort in einer sprunghaft gestiegenen(und die Kapazitäten bisweilen übersteigenden) Anzahl von Menschen, die in die Kirche gehen, um zu beten, zu hoffen oder doch wenigstens
eine Kerze anzuzünden, und reicht bis zu— wiederum bieten sich Parallelen an— buntem Werben orientalischer Glaubensgemeinschaften. Beide Wiedergeweckte— Nationalgefühl und(Aber-)Gläubigkeit— ergänzen einander und machen, so scheint mir, jene Besonderheit des russischen Nationalismus aus, die viele Menschen noch ertragen und dabei„nach oben‘‘ schauen läßt... Und wenn ich schon von Besonderheiten schreibe: So streitbar es ist, von irgendeiner „Mentalität‘‘ zu sprechen— diesmal ist mir ein deutlich zu formulierender Unterschied zwischen„der russischen‘‘ und„der deutschen‘‘ bewußt geworden. Nämlich der, daß in Rußland eine geringere Distanz zwischen den Menschen zu beobachten ist als bei uns im wiedererkalteten Deutschland des Januars'92. Diese geringere Distanz äußert sich sehr widersprüchlich: So plump und teilweise entwürdigend sie sich manchmal darstellt(etwa wenn in der Schlange(vorgedrängelt, laut lamentierend ge- und beschimpft oder in der vollen Metro gerempelt wird), so überraschend wohltuend spüre ich sie bisweilen auch. Zum Beispiel in der „elektritschka‘‘, dem Vorortzug, als wir uns — erhitzt vom Lauf, um den Zug zu erreichen — von Mützen und Mänteln befreien, um zu verschnaufen, und eine wildfremde Frau freundlich-besorgt, aber bestimmt auf uns einzureden beginnt: wir sollten uns doch schnell wieder anziehen, in der Elektrischka zieht es, und wir würden uns sonst erkälten: auch unsere Erklärung, daß wir uns schon wieder anziehen würden, wenn's uns kalt wird, beruhigt sie nicht— dann wäre es bereits zu spät, meint sie...
Oder wenn ein altes Mütterchen auf meine Frage, wo denn der nächste geöffnete Brotladen sei, mich nicht nur zu einem(der war zu), sondern auch noch zum zweiten Laden persönlich hinbringt...
... Oder wenn ich mit Kostja, 35, Lastwagenfahrer, weniger als 1000 Rubel Monatsverdienst, gemeinsam in einem Zug fahre und er mich zu einem„tschaijok‘‘(mit dem deutschen„Teechen‘‘ nicht zu übersetzen) einlädt: man kann mit Russinnen und Russen kaum in einem Abteil sitzen, ohne sich bekannt zu machen und sich zu unterhalten — die ganze Bahnfahrt lang‘...
„And so we're told this is the golden age But gold is the reason for the wars we wage Though I want to be with you night and day Nothing changes on Years Day
Die Textzitate am Beginn und am Schluß sind Anfang und Ende des Titels„New Years Day‘‘ der Gruppe U 2, erschienen 1983 bei Island Records.)
Stefan Köhler Sozialwissenschaften
12./13. 1. 92
Nr. 2/92