Heft 
(1.1.2019) 04
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Nr. 4/92 Seite 6

Die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen bringen: Beiträge zur marxistischen Theorie heu­te: Leo Kofler zum 80sten Ge­burtstag im Gedenken an Ur­sula Schmiederer. Dietz Verl. GmbH, 1991, 2815.

Eine Gruppe von Studenten der unterschiedlichsten geisteswissen­schaftlichen Fakultäten findet sich 1985 an der Ruhr-Universität Bochum zusammen, um gemein­sam das Hauptwerk deseigen­sinnigen. Marxisten Leo Kofler Zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft zu lesen. Sie disku­tieren mit Kofler selbst, der, als er 1950 die DDR nicht mehr aus­hielt, mit seinem Eigensinn nach Deutschland ausbrach und 22 Jahre später die 68er waren wohl schuld daran 65jährig einen Lehrstuhl erhielt. Seinen 80. Geburtstag zu ehren, organisieren die Studenten neben ihrem Studium eine Vor­tragsreihe, die sich auf 5 Semester (1987-1989) auswächst und 26 Vorträge unterschiedlichster mar­xistischer Denkrichtungen umfaßt. Das vorliegende Buch, von den Initiatoren herausgegeben, ist als späte Festschrift eine Auswahl aus diesen Vorträgen.

Die respektable Entstehungsge­schichte des Buches macht dessen Rezension nicht leichter.

Zwei Schwierigkeiten objekti­ver wie subjektiver Natur stellen sowohl den Wert als auch die Be­wertung des Buches in Frage:

1) Die Beiträge datieren, mit Ausnahme eines abschließenden Aufsatzes Koflers vom Mai 1990, aus einer Zeitspanne von Mai 1987 bis Februar 1989. Dies wäre unter normalen Verhältnissen unproble­matisch: aber die Weltgeschichte hat in einer von keiner Theorie so vorgesehenen Weise zwischenzeit­

REZENSION

lich Kobolz geschossen. Die Kri­se des Marxismus ist von der Denunziation mißlungener Praxis befreit und muß mit sich selbst und einer völlig veränderten Si­tuation zurecht kommen.

2) Wie(so) sollte der Rezensent, der jäh aus provinziell-verträum­ter Schläfrigkeit gerissen wurde und der vormals eher hochmütig den Westmarxismus belächelt hat, nunmehrals gebranntes Kind zu objektivem(?) Urteil fähig oder auch nur Willens sein? Dies vor­angestellt, mein(ungerechter) Eindruck:

1..... diese versteinerten Verhält­nisse dadurch zum Tanzen zu zwingen, daß man ihnen ihre eige­ne Melodie vorsingt!, lautete ein Gedanke des 25jährigen Marx in seinerKritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, der zum Mot­to des Buches erhoben wird. Eine Erwartungshaltung wird provoziert; man wird zu Marx verleitet: und auf deutsche Zustände und eine Programmatik verwiesen.Die eigene Melodie vorsingen..., die Totalität nicht sezieren, nicht re­konstruieren, sondern ihre gene­rative Grammatik(Chomsky) aufspüren,Kritik im Handgemen­ge, als Rekursion des Prozesses, damit eingriffsmächtig, also erst praktisch. Kritik, die nicht statt­findet, weil die Zustände unter aller Kritik sind, sondern weil eine Antwort auf die FrageWo also die positive Möglichkeit der deut­schen Emanzipation? gefunden scheint; eine positive Möglichkeit, die- schwerlich populistisch, au­genscheinlich mitleidslos und inhuman- zum Engagement für den Kapitalismus führt, der erst­mals eine Klasse schaffe, dieder völlige Verlust des Menschen ist, also nur durch die völlige Wie­

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dergewinnung des Menschen sich selbst gewinnen kann. So Marx vor 150 Jahren. Diese deutschen Verhältnisse, aus denen Marx' Denken erwuchs, gibt es heute nicht mehr.

Das Buch ist eine Festschrift.

Es ist brav, kritisch.

Es übernimmt sich, da es sich auf Marx beruft. Es ist realistisch als Kritik eines kritischen Zustands, der kritische Tendenzen verbirgt. 2) Das Buch ist eine Sammlung disziplinärer Beiträge, die, aus einer Vorlesungsreihe entstanden, sich nicht aufeinander beziehen kön­nen. Totalitätssicht oder Ganzheits­denken, das mehrfach reklamiert wird, ist nur selten auszumachen. Die Beiträge reichen überVer­kehr 2000,Krise des Marxis­mus bis hin zuFitneß-Kulten, Homosexualität in Sowjetruß­land,Schwarze Musik und Feminismus.

Bezüge zu Kofler treten kaum hervor, eher sind die Ideen Grams­cis ein wahrnehmbares verbinden­des Band, das neugieriger machen sollte. Daß die Diskussion mit den Studenten, jenen also, bei denen die disziplinären Sichten interdis­ziplinäre Zumutung wurden, kei­nen Eingang in das Buch fanden, scheint mir dessen größter Man­gel zu sein.

Die meisten Beiträge(mit Aus­nahme von Joachim Hirsch und Frank Deppe) schreiben die Tra­ditionslinien neuerer Marxismus­interpretationen fort oder hinter-. lassen den Eindruck eher fachspe­zifischer Analysen. Das Luhmann­sche Bild dererloschenen Vul­kane des Marxismus drängt sich auf; Ansätze fehlen, von denen man mit Niels Bohr sagen könnte: Wir haben hier eine ganz ver­rückte Theorie vor uns. Die Frage ist nur, ob sie verrückt genug ist, um richtig zu sein.

3) Eine Intention, die bereits von den Herausgebern formuliert wird und eine Vielzahl der Beiträge durchzieht, reizt besonders zum Widerspruch:

Unter den gegebenen Umstän­den der weitläufig gelungenen repressiven Integration der Mas­sen scheint... humanistische Auf­klärung die schlechthin wichtig­

ste praktische Aktion; eine Kriti­sche Gesellschaftstheorie kann somit nur dort erfolgreich sein, wo sie sich dessen bewußt ist.(S. 15) Aufklärung als Kritik der beste­henden Verhältnisse ist Praxis, auch wenn sich Praxis darauf nicht beschränkt.(S. 21) Gut, Praxis beschränkt sich nicht auf Kritik und Aufklärung. Aber Kritik, Auf­klärung auch als Praxis? Wenn nach Marx Feuerbach-Thesen erst diePraxis... die Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines (des Menschen-H.-J. Petsche) Denkens beweist, kann Kritik und Aufklärung bestenfalls Moment von Praxis werden. Ironisierend von Marx auf den Punkt gebracht: Und Adam erkannte, id est kriti­sierte, sein Weib Hevam, und sie ward schwanger pp. Gorbatschowsneues Denken" war eminent praktisch! Nur nicht als neues Denken".

Zudem ist Praxis selbstbezüglich, in sich zurücklaufend und nur

dadurch geschichtswirksam. Nicht

Kritik oder Aufklärung schlecht­hin, sondern die Klärung der (subjekt-objektiven) Bedingungen der Möglichkeit eingriffsmächti­gen Denkens wäre hierbei eine Vorstufe von Theorie, die auf Praxis abzielt. Hat ferner Max Weber recht, daß der Anteil der Aufklärung an der Entstehung des Kapitalismus eine zu vernachlässigende Größe war, dann ist die Potenz der Auf­klärung zur Transformation des heutigen Zivilisationstypus wohl noch geringer anzusetzen. Auch stimmt der Theorieansatz Luh­manns bedenklich hinsichtlich der wirklichen Möglichkeit der Ra­tionalität der Gesellschaft... Zugestanden: Mir fehlen selbst die Fragen, auf die ich Antwort in dem Buch erwartete. Indem ist auch dies kein neuer Befund, eher eine von Kofler zu Bloch führende Problemlage, die zugleich auf die mangelnde Sen­sibilität der Deutschen für die Blaue Blume* und die Schwie­rigkeiten einerOrthopädie des aufrechten Gangs verweist, da­mit aber, diese Besprechung spren­gend, zu einem nächsten Abschnitt deutscher Geschichte überleitet. Dr. habil. H.-J. Petsche