Nr. 4/92— Seite 7
"Die Kritik ist der Kopf der Leidenschaft”
So der Name der Autobiographie des über 80jährigen Koflers, der in der ihm zu Ehren herausgegebenen Festschrift mit einem Beitrag„Sozialdarwinismus, Religion und Humanphilosophie‘* selbst vertreten ist. Eine Rede, am 28. Mai 1990 dort gehalten, wo er bis Ende der 50er Jahre als Professor für Geschichte der Philosophie und Direktor des Institutes für Historischen Materialismus wirkte, an der Martin-Luther-Universität Halle.
Der Autodidakt Kofler, als Marxist unpassend in der DDR, unbequem in der BRD, wurde, und das unterscheidet ihn auch von solchen DDR-Philosophen wie Ernst Bloch, erst mit 65 Jahren(als Vertretung für Urs Jaeggi) Lehrstuhlinhaber, an der Ruhr-Uni Bochum.
Seine Rede nun in Halle, kennt man„Der asketische Eros. Industriekultur und Ideologie‘(1967) oder seine literatursoziologischen Schriften, ist, das sei vorweg genommen, enttäuschend. Der Einstieg ist ein historischer: J. W.
Goethe und W. Raabe, die Zeit zwischen ihren Todesjahren; ein beliebtes Diktum der Philosophiehistoriker, um„das Ende der Phi
Sabine Kebir Leo Kofler Reinhard Kühn! Ernest Mandel Jakob Moneta Oskar Negt Ursula Schmiederer Siegfried Tornow Winfried Wolf
Ursula Beer Detlev Claussen Diedrich Diederichsen Frank Deppe rigga Haug
Kornelia Hauser Joachim Hirsch
Soziales Denken dietz berlin
losophie‘“(Hegel starb 1831) und die darauf einsetzende ‚,Verwirrung" der Philosophen durch den literarischen„Zeitgeist zu umschreiben. In Koflers Diktion ist der Zustand des einzelnen zur Zeit Goethes„passabel‘‘,„das Ganze aber miserabel‘‘, zu Raabes Zei
ten hat sich das Verhältnis gewandelt. Unsere Zeit ist, mutatis mutandis, der von Raabe vergleichbar.
Sozialdarwinismus und Religion sind nach Kofler Topoi der modernen Gesellschaft und lassen sich nur„mit einem humanistischen Gegenentwurf kontrastieren“(S. 266), eben der„Humanphilosophie“‘. Ist auch schon die Reduktion dieser Gesellschaft auf obige Topoi mehr als fragwürdig, so geht dem Rezensenten beim Entwurf der humanphilosophischen Utopie und den Wegen dorthin die Phantasie verloren.
Die Theorie des neuen, humanphilosophischen Menschen verliert sich im Bermudadreieck von Schönheit, Sinnlichkeit und Phantasie, dem sich jede Näherung aus Gründen eigener Sicherheit verbietet. Die von Kofler beschworene„radikale Kritik“ ist eine genuin aufklärerische Kritik, wenn auch gegenläufige Tendenzen (a la Rousseau), z. B. im Insistieren auf Phantasie erkennbar sind. Phantasie setzt Kofler gegen Ra
tio, auch historisch:„Der Mensch hat die Welt mittels der Phantasie erlebt, bevor er sie mittels Ratio erlebte, und zwar in Form von Moral, Sitten, Riten, Traditionen usw... So kann Aufklärung, falls sie es noch nicht ganz verlernt hat, an die im Alltagsleben vorfindbaren Überreste der Phantasie anknüpfen.‘(S. 268f.)
Diese anknüpfbaren Überreste wären demnach repressionslose Tätigkeiten, Tätigkeiten also, die (für Kofler) nicht(Freudig) sublimiert werden: Kunst, Religion, Philosophie. Schönheit ist ein„universelles Symbol‘‘, das in den alltäglichen Handlungen anzutreffen ist und„für alle kritischen Aussagen ökonomischer, historischer, soziologischer oder anthropologischer Art‘‘ als Maßstab unentbehrlich bleibt(S. 271). Das Maß Schönheit, als ab-messendes wie zu-messendes soll Kritik involvieren, bleibt aber selbst unmeßbar; Koflers„Lob der Aufklärung‘‘ schlägt um in Mythos.
K. Freyberg
Höckerschwäne jetzt auch Vögel der Feldflur
Wer in diesen Wochen im westlichen Havelland unterwegs ist, dem bietet sich mancherorts ein ungewöhnliches Bild. Mitten in der Feldflur präsentieren sich kopfstarke Trupps von Höckerschwänen. An einigen Stellen sammeln sich bis zu 100 Höckerschwäne. Der Anblick ist um so überraschender, weil Schwäne zum Wasser gehören wie badende Menschen zum Schwimmbad. Schwäne kann man ansonsten allenfalls im Sommer bei kurzen Landgängen beobachten, und auch an winterlichen Futterstellen verlassen sie gelegentlich das nasse Element.
Der Grund für den Aufenthalt der Schwäne fernab vom Wasser, ihrem eigentlichen Lebensbereich, ist eine neue Form der Ernährung. Üblicherweise nehmen sie mit eingetauchtem Kopf und Hals vom Gewässergrund Nahrung auf oder weiden an Unterwasserpflanzen. In der Feldflur suchen die Höckerschwäne bevorzugt Felder mit gut entwickeltem Winterraps auf. Sie
fressen die Blätter der jungen Rapspflanzen. Da sich die großflächigen Blätter leicht abzupfen lassen, brauchen sich die Schwäne in der Technik das Nahrungserwerbs nicht umzustellen, abgesehen davon, daß das Untertauchen mit Kopf und Hals entfällt. Neben der leichten Erlangbarkeit und dem reichlichen Vorhandensein dieser Futterquelle dürfte deren hoher Nährwert dazu beitragen, daß sich die neue Ernährungsweise so rasch durchsetzt.
Wie und wo„Feldflüge‘“ zuerst praktiziert wurden, ist kaum noch feststellbar. Fest steht, daß unsere Höckerschwäne sie den nordischen Schwänen, den Sing- und Zwergschwänen, die im Herbst und Winter aus den Tundren Nordosteuropas und der Taiga zu uns kommen, abgesehen haben. Von diesen Arten, besonders vom Zwergschwan, sind„Landflüge‘“ zur Nahrungsaufnahme schon seit einigen Jahren bekannt. Schwäne lernen also voneinander. Wahrscheinlich
wurde die Ernährungsweise durch den starken Rückgang der Unterwasservegetation begünstigt, der als Folge der Gewässerverschmutzung vielfach zu verzeichnen ist. Mitarbeiter der Forschungsstelle für Wasservogel- und Feuchtgebietsschutz der Universität Pots
ANA
dam versuchen gegenwärtig herauszufinden, ob und gegebenenfalls in welchem Maß die jungen Rapspflanzen durch die Beweidung geschädigt werden und obes zu Ertragsausfällen kommt. Dr.Rammelt Pressestelle
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