Heft 
(1.1.2019) 04
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Nr. 4/92 Seite 7

"Die Kritik ist der Kopf der Leidenschaft

So der Name der Autobiographie des über 80jährigen Koflers, der in der ihm zu Ehren herausgege­benen Festschrift mit einem Bei­tragSozialdarwinismus, Religion und Humanphilosophie* selbst vertreten ist. Eine Rede, am 28. Mai 1990 dort gehalten, wo er bis Ende der 50er Jahre als Professor für Geschichte der Philosophie und Direktor des Institutes für Histori­schen Materialismus wirkte, an der Martin-Luther-Universität Halle.

Der Autodidakt Kofler, als Mar­xist unpassend in der DDR, unbe­quem in der BRD, wurde, und das unterscheidet ihn auch von sol­chen DDR-Philosophen wie Ernst Bloch, erst mit 65 Jahren(als Vertretung für Urs Jaeggi) Lehr­stuhlinhaber, an der Ruhr-Uni Bochum.

Seine Rede nun in Halle, kennt manDer asketische Eros. Indu­striekultur und Ideologie(1967) oder seine literatursoziologischen Schriften, ist, das sei vorweg ge­nommen, enttäuschend. Der Ein­stieg ist ein historischer: J. W.

Goethe und W. Raabe, die Zeit zwischen ihren Todesjahren; ein beliebtes Diktum der Philosophie­historiker, umdas Ende der Phi­

Sabine Kebir Leo Kofler Reinhard Kühn! Ernest Mandel Jakob Moneta Oskar Negt Ursula Schmiederer Siegfried Tornow Winfried Wolf

Ursula Beer Detlev Claussen Diedrich Diederichsen Frank Deppe rigga Haug

Kornelia Hauser Joachim Hirsch

Soziales Denken dietz berlin

losophie(Hegel starb 1831) und die darauf einsetzende ‚,Verwir­rung" der Philosophen durch den literarischenZeitgeist zu um­schreiben. In Koflers Diktion ist der Zustand des einzelnen zur Zeit Goethespassabel,das Ganze aber miserabel, zu Raabes Zei­

ten hat sich das Verhältnis gewan­delt. Unsere Zeit ist, mutatis mu­tandis, der von Raabe vergleich­bar.

Sozialdarwinismus und Religion sind nach Kofler Topoi der mo­dernen Gesellschaft und lassen sich nurmit einem humanistischen Gegenentwurf kontrastieren(S. 266), eben derHumanphiloso­phie. Ist auch schon die Reduk­tion dieser Gesellschaft auf obige Topoi mehr als fragwürdig, so geht dem Rezensenten beim Entwurf der humanphilosophischen Uto­pie und den Wegen dorthin die Phantasie verloren.

Die Theorie des neuen, human­philosophischen Menschen verliert sich im Bermudadreieck von Schönheit, Sinnlichkeit und Phan­tasie, dem sich jede Näherung aus Gründen eigener Sicherheit ver­bietet. Die von Kofler beschwore­neradikale Kritik ist eine ge­nuin aufklärerische Kritik, wenn auch gegenläufige Tendenzen (a la Rousseau), z. B. im Insistie­ren auf Phantasie erkennbar sind. Phantasie setzt Kofler gegen Ra­

tio, auch historisch:Der Mensch hat die Welt mittels der Phantasie erlebt, bevor er sie mittels Ratio erlebte, und zwar in Form von Moral, Sitten, Riten, Traditionen usw... So kann Aufklärung, falls sie es noch nicht ganz verlernt hat, an die im Alltagsleben vorfindba­ren Überreste der Phantasie an­knüpfen.(S. 268f.)

Diese anknüpfbaren Überreste wären demnach repressionslose Tätigkeiten, Tätigkeiten also, die (für Kofler) nicht(Freudig) subli­miert werden: Kunst, Religion, Phi­losophie. Schönheit ist einuni­verselles Symbol, das in den alltäglichen Handlungen anzutref­fen ist undfür alle kritischen Aussagen ökonomischer, histori­scher, soziologischer oder anthro­pologischer Art als Maßstab unentbehrlich bleibt(S. 271). Das Maß Schönheit, als ab-mes­sendes wie zu-messendes soll Kritik involvieren, bleibt aber selbst un­meßbar; KoflersLob der Aufklä­rung schlägt um in Mythos.

K. Freyberg

Höckerschwäne jetzt auch Vögel der Feldflur

Wer in diesen Wochen im westli­chen Havelland unterwegs ist, dem bietet sich mancherorts ein unge­wöhnliches Bild. Mitten in der Feldflur präsentieren sich kopf­starke Trupps von Höckerschwä­nen. An einigen Stellen sammeln sich bis zu 100 Höckerschwäne. Der Anblick ist um so überraschen­der, weil Schwäne zum Wasser gehören wie badende Menschen zum Schwimmbad. Schwäne kann man ansonsten allenfalls im Som­mer bei kurzen Landgängen beob­achten, und auch an winterlichen Futterstellen verlassen sie gele­gentlich das nasse Element.

Der Grund für den Aufenthalt der Schwäne fernab vom Wasser, ih­rem eigentlichen Lebensbereich, ist eine neue Form der Ernährung. Üblicherweise nehmen sie mit eingetauchtem Kopf und Hals vom Gewässergrund Nahrung auf oder weiden an Unterwasserpflanzen. In der Feldflur suchen die Höcker­schwäne bevorzugt Felder mit gut entwickeltem Winterraps auf. Sie

fressen die Blätter der jungen Rapspflanzen. Da sich die groß­flächigen Blätter leicht abzupfen lassen, brauchen sich die Schwä­ne in der Technik das Nahrungser­werbs nicht umzustellen, abgese­hen davon, daß das Untertauchen mit Kopf und Hals entfällt. Neben der leichten Erlangbarkeit und dem reichlichen Vorhandensein dieser Futterquelle dürfte deren hoher Nährwert dazu beitragen, daß sich die neue Ernährungsweise so rasch durchsetzt.

Wie und woFeldflüge zuerst praktiziert wurden, ist kaum noch feststellbar. Fest steht, daß unsere Höckerschwäne sie den nordischen Schwänen, den Sing- und Zwerg­schwänen, die im Herbst und Winter aus den Tundren Nordosteuropas und der Taiga zu uns kommen, abgesehen haben. Von diesen Arten, besonders vom Zwerg­schwan, sindLandflüge zur Nah­rungsaufnahme schon seit einigen Jahren bekannt. Schwäne lernen also voneinander. Wahrscheinlich

wurde die Ernährungsweise durch den starken Rückgang der Unter­wasservegetation begünstigt, der als Folge der Gewässerverschmut­zung vielfach zu verzeichnen ist. Mitarbeiter der Forschungsstelle für Wasservogel- und Feuchtge­bietsschutz der Universität Pots­

ANA

dam versuchen gegenwärtig her­auszufinden, ob und gegebenen­falls in welchem Maß die jungen Rapspflanzen durch die Bewei­dung geschädigt werden und obes zu Ertragsausfällen kommt. Dr.Rammelt Pressestelle

Alexander von Humboldt

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