Heft 
(1.1.2019) 09
Einzelbild herunterladen

Nr. 9/92 Seite 3

VERANSTALTUNGEN

Frauen-Sonntags-Vorlesung mit Christa Wolf

Wie ist es möglich, daß bei einem Thema wieKrebs und Gesell­schaft die ZuhörerInnen so er­mutigt und bestärkt den Hörsaal verlassen konnten? Zu erleben war in dieser Sonntagsvorlesung eine Schriftstellerin, die den Ursachen nachfragte, die die Wirkungen der Schulmedizin einschränken. Dia­gnose: Die Medizin könne nur schwer jener Forderung nachkom­men, daß nämlich der Arzt nicht einen Blinddarm oder einen Krebs zu behandeln habe, sondern den

ganzen Menschen, die Person, ja diePersönlichkeit. Diese Behandlung aber beginnt bei ei­ner verständlichen Sprache, in der Arzt und Patient miteinander spre­chen lernen müssen. Verhüllun­gen und Tabus kennzeichnen aber allzuoft das Verhältnis von Arzt und Patient, statt daß da Offen­heit, Verständnis und Anteilnah­meherrscht!

In einer extremen Notsituation wird für den kranken Menschen das

gesellschaftliche Verhängnis zum

individuellen: die Gesellschaft mit

.

ihren mechanistischen Weltbildern

| hat jedem einzelnem Muster auf­

I

| geprägt, die imNormalfall

| automatisch umschalten aufAb­

|

| wehr, Verleugnen, den Institutio­

| nen zuschieben, sich abschotten.

Christa Wolf hat in vielen Bü­

chern, autobiographischen Kran­| kenberichten, Tagebüchern, aber | auch in medizinischen Berichten | über Gehirnforschungen und über

Krebserkrankungen die Grundmu­ster im Verhalten zur Krankheit von Menschen in modernen Indu­striegesellschaften erkundet. Aus dem Buch des Psychoanalytikers Arno Gruen diskutiert sie dessen radikale Thesen, die davon ausge­hen, daß bei fast allen Mitgliedern unserer Kultur in frühester Kind­heit durch die Kopplung von elter­licher Liebe an das Wohlverhal­ten des Kindes eine fatale Ent­wicklung eingeleitet wird: die Pathologie der Anpassung. Dage­

Foto: Rüffert

gen wird die Entwicklung autono­mer Bedürfnisse mit Schuldgefüh­len bestraft. Die Autorin fragt im Sinne Arno Gruens, ob nicht unser Körper der Austragungsort für Widersprüche ist, in die jeder von uns angesichts unzumutbarer Ansprüche der Gesellschaft gera­ten kann. DerKrebs verschluck­te Tränen! Das Fatale daran ist, daß wir nicht ermuntert, sondern gehindert werden, entsprechend un­serem Wertesystem die Konflikte zu bearbeiten und damit um Iden­tität zu ringen. Die Losung über dem Tempel von DelphiErkenne dich selbst! ist aber so in Chri­sta Wolfs Wiener Rede 1985 eine Forderung, die von den frü­hen Europäern an, am allermei­sten aber von unseren Zeitgenos­sen,geflohen wird wie nichts sonst. Die Ermutigung, die von dieser Vorlesung ausging, ist nicht in erster Linie der Belesenheit der Autorin in medizinischen Dingen

Kartenvorverkauf * im Foyer des Kabaretts Di. bis Sa. von 17.00- 19.30

geschuldet, sondern ihrer Fähig­keit, über ein so sehr mit Angst beladenes Thema wie Krebs mit solcher Souveränität und Anteil­nahme reden zu können.

Faszinierend war für mich beson­ders, bei wie vielen Menschen sie nachgelesen, wie viele Erfahrun­gen sie aufgenommen hat, eigene und die von Freundinnen wie Maxie Wander, ein lebendiges Geflecht.

| In der anschließenden Diskussion

formulierte sie dann nochmals ihr Credo: Das mechanistische Welt­bild, das systemübergreifend in Ost- und Westeuropa funktioniert, hat zu einer Situation geführt, in

Sonderbare Sachen

Am 27. Mai wird Dr. Roman Legien sein diesen Titel tragendes Buch vorstellen in einer Veranstal­tungsreihe des Forschungskollo­quiums des Fachbereichs Sozial­wissenschaften, 16.00 Uhr c.t., Uni­versitätsbereich II(August-Bebel­Straße 89) Raum 328. Felix-Erik Laue in dem von ihm herausgege­benen Presse- und Nachrichten­dienst:.... in vorzüglicher Spra­che wird in diesem Band bewie­sen, daß die Beschreibung der existentiellen Probleme sozialkri­tisches Szenarium oder soziologi­sches Pathos nicht benötigt... (Der Autor) setzt die Faszination gleichnishafter Beschreibungen zwischen Phantasie und Realität fort, in der Tradition so bedeuten­der Autoren wie Wolf von Niebel­schütz und Heimito von Dode­rer. Axel Witte im Volksblatt: Berliner Ex-Bürgermeister(von Charlottenburg, d. Redaktion) zieht Lacher auf seine Seite. Das For­schungskolloquim ist offen für Hörer aller Fachbereiche.

* in der Potsdam-Information Friedrich-Ebert-Straße: täglich von 9.00- 18.00 Uhr Tel.: 211.00 im Hof des

Kabaretts(Büro)

Mo. bis Fr. 8.00- 16.00 Uhr Tel.:(0 37 33) 2 1069

oder 2 17 38

Tel.: Geschäftsführung 2 17 38

der die Menschen ihren selbstzer­störerischen Mustern folgen(das Bild der Lemminge zum Abgrund zu!). Aber: Sie will sich nicht damit abfinden, sondernetwas dafür tun, daß Menschen ihr zerstörerisches Denken aufgeben können. Der lange Beifall der ca. 300 ZuhörerInnen bestätigt, was Chri­sta Wolf mit Ingeborg Bachmanns Worten seit Jahren immer wieder­holt:Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar. Eine Wahrheit in menschenwürdigen Worten. Dr. Margrid Bircken FB Germanistik

URANIA

VereinWilhelm Foerster Potsdam e. V.

Donnerstag, 11. Juni 1992 19.30 Uhr, Haus der URANIA 47 Jahre Theater ums Theater* mit Rainer Globisch und Prof. Axel Busch

Sonnabend, 13. Juni 1992 10.00 Uhr, Haupteingang Bahnhofstrasse Stahnsdorf Führung über den Stahnsdorfer Südwestkirchhof es führt Kärstin Weirauch

Sonnabend, 13. Juni 1992 11.00 Uhr, Treffpunkt: Bornstedt, Eichenallee 31 Besuch im Landschaftsgarten von Hermann Göritz

Sonntag, 14. Juni 1992 10.00 Uhr, Puschkinallee 25 (Am Fuße des Pfingstberges) Führung über den Jüdischen Friedhof es führt Theo Goldstein

Sonntag, 14. Juni 1992 14.00 Uhr, Sternwarte Babelsberg, Rosa-Luxemburg-Str. 17 a Besichtigung der Sternwarte Babelsberg es führt Dr. W. Bronkalla

Mittwoch, 17. Juni 1992 19.30 Uhr, Haus der URANIA Entwicklungswunder Kind Referentin: Dr. Brigitta Ketz, Psychologin

Sonnabend, 20. Juni 1992 10.00 Uhr, Treffpunkt: Haus der URANIA Führung durch die II. Barocke Stadterweiterung in Potsdam es führt Jens Amelung

Sonnabend, 27. Juni 1992 9.00 bis 15.00 Uhr, Haus der URANIA MATERIAL UND MUSIK Ergänzungsseminar zum Kurs Kreatives Spiel mit Kindern

Sonnabend, 27. Juni 1992 10.00 Uhr, Haupteingang Bahnhofstrasse Stahnsdorf Führung über den Stahnsdorfer Südwestkirchhof es führt Klaus Stelling

URANIA-HausWilhelm Foerster 1560 Potsdam, Brandenburger Str. 38 Fon21724- Fax 2 36 83