WISSENSCHAFT
Nr. 9/92— Seite 5
Vorlesungsreihe mit anschließender Diskussion Thema: Literatur und Ethnologie in Frankreich in
der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts im Zeichen einer „UMGEKEHRTEN IMMIGRATION“
Die Vorlesungsreihe von MarieSimon Rollin, Literaturwissenschaftlerin von der Universite Paris VIII und z. Zt. als Gastdozentin im Bereich Romanistik der Universität tätig, wird am Mittwoch, dem 20. 5. 92, 17.00 Uhr in Golm, Haus 5/23 beginnen.
1. Auf dem Hintergrund der allgemeinen französischen Deutschfeindlichkeit nach dem 1870er Krieg, nach der Dreyfus-Affaire, die sich als der Katalysator der rassistischen Vorurteile in den französischen Mentalitäten erweist, und ausgehend von dem französischen und dem deutschen Kolonialismus der Jahrhundertwende, entwickelt sich in Frankreich eine gegen diese Tendenzen gerichtete Form des Denkens und der künstlerischen Produktion.
Aus Protest gegen die traditionellen politischen und kulturellen Werte schöpfen die neue Literatur und die Kunst ihre Inspiration aus der deutschen Philosophie(u. a. Hegel, Marx) einerseits und aus der Betrachtung der durch die Kolonialherrschaften unterdrückten Kulturen, vornehmlich in Schwarzafrika andererseits.
Durch die Rehabilitierung des ANDEREN entsteht eine Verän
derung des Schreibens und der Ästhetik im allgemeinen. Bei dieser Arbeit soll auf die Spezifizität der UMGEKEHRTEN IMMIGRATION innerhalb der künstlerischen literarischen Strömungen in Frankreich eingegangen werden; sie wäre ohne die Mitwirkung deutscher Intellektueller nicht möglich gewesen, und sie findet ihren Höhepunkt in der Beschäftigung mit den europäischen ebenbürtigen afrikanischen Kulturen. In dieser Beziehung war die Arbeit von Carl Einstein bahnbrechend.
2. Expressionismus in Deutschland, Modernität in Frankreich— Das gebrochene Denken— Schluß mit den alten Formen, Gattungen, Werten.
Geistige und politische Situation bis zum 1. Weltkrieg— Totale Verweigerung— Gründung der DADA— Bewegung als erstes Zeichen einer„UMGEKEHRTEN IMMIGRATION“ in Zürich mit Tzara.
Die russische Revolution und die Hoffnungen.
3. Begegnung mit Andre Breton — Jaque Vache— Die Konzeption des„Dichters“ wird als hinfällig deklariert. Gründung des Surrealismus—- Revolution des Denkens
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und Schreibens— Neue Techniken — Nicht die literarische Produktion ist vorrangig, sondern das LEBEN ist die Produktion selber. Nieder mit allen Zensuren: SADE’s Werke werden in ihre Rechte wieder eingesetzt.
Begeisterung für die russische Revolution. Reibungen mit der KPF. Auseinandersetzungen und Ausschlüsse innerhalb der Gruppe. 4. Gründung von Zeitschriften, deren wichtigste, LA REVOLUTION SURREALISTE (1924-1929) als Motto trägt: WIR MÜSSEN EINE NEUE DEKLARATION DER MENSCHENRECHTE ABFASSEN.
5. DOCUMENTS- Doctrines— Arch6ologie— Beaux-arts— Ethnologie(1929-1930) bildet die Fortsetzung und das Gegenstück zur REVOLUTION SURREALISTE. Sie wurde von Carl Einstein und Georges Bataille gegründet. Eine eingehende Beschäftigung mit ihr zeigt, daß sie als eine Produktion von Ecrivains-Ethnologues (Schriftsteller, die gleichzeitig Ethnologen sind oder es werden) zu betrachten ist, die parallel zu
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den Forschungen der Ethnologen der Freudschen Schule(Otto Rank, Theodor Reik, Geza Roheim) die Universalität des Unbewußten durch die Befassung mit den afrikanischen Gesellschaften ergründen und sich selbst als betrachtende Subjekte in die Analyse einbeziehen. Marcel Griaule, Michel Leiris, Alfred Metraux sind Schüler von Emil Durckheim und Levy-Brühl und Mitarbeiter der Ecole du Muse de L'homme— Trocadero unter der Leitung von Paul Rivet. Auf ihre Werke wird in der Vorlesung eingegangen. 6. Möglicher Ausblick auf den Strukturalismus von Levy-Strauss, die Linguistik und die Semiologie von Benveniste und Barthes, auf die Psychoanalyse von Jaques Lacan. Dank der geleisteten Arbeit dieser Theoretiker und Künstler der UMGEKEHRTEN IMMIGRATION hat sich ein erweiterter Begriff des Menschen durchgesetzt, dessen totaler Dimension jene Wissenschaften Rechnung tragen mußten.
Fachbereich Romanistik
Frau Prof. Dr. Nancy M. Doherty und Prof. Dr. sc. H. Barthel Foto: Tribukeit
Im Rahmen eines Europaaufenthaltes war zum Chemischen Kolloquium am 15. 4. 92 Frau Prof. Dr. Nancy M. Doherty, University of California at Irvine Gast unserer Universität. Neben der fachlichen Diskussion nutzte sie intensiv die Gelegenheit, das wissenschaftliche Leben an einer Universität der neuen Bundesländer kennenzulernen.
Prof. Dr. E. Uhlemann
Ringvorlesung des Fachbereiches Geschichtswissenschaften
Zeit: 16.45— 18.15 Uhr, Ort: K 113
26. Mai: Dr. D. Klose: Geschichtsdidaktik zwischen wis
senschaftlichem Anspruch und Schulpolitik
2. Juni: Prof. Dr. P. Gust (Budapest): Europa— Ostelbien — Ungarn. Perspektiven der Gutsherrschaftsgeschichte
9. Juni: Prof. Dr. Peters: Moderne Sozialgeschichte— immer noch strittig?
16. Juni: Prof. Dr. J.-H. Schoeps: Gab es eine deutschjüdische Symbiose? Zur Debatte um eine Kontroverse