Nr. 9/92— Seite 6
BUCHTIP
Manfred Uschner— Die Ostpolitik der SPD. Sieg und Niederlage einer Strategie, Dietz Verlag Berlin 1991, 232 S.
Ganz sicher haben wir es mit einem wichtigen Buch zu tun, denn eine derartige Darstellung aus DDR-Sicht fehlte bislang. Geschrieben hat sie einer, der Augenzeuge vieler Expertentreffen mit der SPD von DDR-Seite war. Das weckt viele Erwartungen, die wohl nicht jeder Leser erfüllt finden wird. Der Autor versucht eine historische Aufarbeitung, wobei es eben kaum noch eine authentische DDR-Sicht gibt, denn selbstredend sind die Erfahrungen der Jahre nach der„Wende“ deutlich sichtbar eingeflossen. Das ist aber natürlich kein Nachteil, erlaubt es doch objektivere Urteile. Anfangs gibt der Autor in geraffter, übersichtlicher Form einen Überblick über die Vorgeschichte der Neuen Ostpolitik seit der Entstehung der UdSSR und damit der Notwendigkeit einer Ostpolitik gegenüber staatlich organisiertem Kommunismus. Speziell die Nachkriegspolitik der SPD in der„Ära Adenauer“ erfährt eine kritische
Aufarbeitung. Deutlich belegt|
Uschner, daß unter Schumachers Führung bei aller nachvollziehbaren Abgrenzung zu Kommunisten kaum Konstruktives in östlicher Richtung kam, hingegen mit ihm und danach eine Unterstützung Adenauerscher Politik in den wesentlichen Fragen, selbst wenn wichtige Schritte nicht sofort mitvollzogen wurden. Insofern standen bedeutende Teile der deutschen Sozialdemokratie am 13. August 1961 ebenso vor einem politischen Scherbenhaufen wie die Christdemokraten. Dies hätte man sich deutlicher differenzierend gewünscht.
Der wichtigste Teil des Buches ist zweifellos der zweite, der sich eben dem Konzept von Tutzing und seiner Verwirklichung widmet. Der Autor arbeitet klar heraus, daß diese Strategie des„Wandels durch Annäherung“ nicht plötzlich da war, sondern sie das Ergebnis eines längeren Prozesses des Nachdenkens und vieler Diskussionen einiger Strategen war, wobei es si
Rezension
cher einiger Namen mehr bedurft hätte als die von Brandt und Bahr, die freilich die entscheidenden Protagonisten waren. Uschner stellt gut dar, daß die neue Strategie viele Quellen hatte, bettet sie anschaulich ein in die damalige weltpolitische Situation, den OstWest-Konflikt, betont die Impulswirkung der Kennedyschen Friedensstrategie— die von den Urhebern übrigens nie bestritten worden ist—, arbeitet aber deutlich heraus, daß es sich dennoch um eine sehr kreative Leistung handelt. Die wesentlichen Elemente der Neuen Ostpolitik kann man sehr gut nachvollziehen, was noch unter
MANFRED USCHNER
Ostpolitik
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mit den Konservativen, ging die Regierung Brandt/Scheel seit 1969 sehr zügig an deren Umsetzung. Die Logik der praktischen Verwirklichung— der Schlüssel erfolgreicher Deutschlandpolitik lag in Moskau— wird dem Leser plastisch dargestellt. Zu Recht wird der KSZE-Prozeß als Höhepunkt und Krönung der Bemühungen auch der SPD dargestellt. Aber ebenso berechtigt legt der Autor dar, daß damit der Höhepunkt dieser Politik bereits überschritten war, daß unter den Regierungen Schmidt/Genscher zwar noch manches an sogenannten kleinen Schritten, aber nichts Spektakuläres mehr kam, daß sich die Stagnationserscheinungen in der sozialdemokratischen Gesamtpolitik auch in der Ostpolitik niederschlugen, wie die Auseinandersetzung um die„Nachrüstung‘“ drastisch deutlich machte.
Es ist verdienstvoll, daß der Autor an dieser Stelle nicht aufhört mit
j der Betrachtung sozialdemokrati
$8 scher Ostpolitik. Das gebietet nicht
Sieg undı ae IN en| Niederlage Strategie;
stützt wird durch die im An-hang mitgelieferten Originaldokumente. Jeder Leser kann erkennen, daß vieles des später so bedeutsamen „Neuen Denkens‘‘ aus dem Osten bei Brandt und Bahr bereits 1964 angedacht war. Die SPD erschloß der Bundesrepublik mit dieser Strategie außenpolitischen Spielraum— weil Ansehen in Ost und West. Konservative Kritiker im eigenen Land wetterten gegen einen Neuansatz, zu dem sie selbst nicht fähig waren, die damals schon mehrheitlich konservativen Regimes im Osten wit-terten eine „Aggression auf Filzlatschen“ (DDR-Außenminister Otto Winzer), was den Kern sogar traf.
Währendes in den 60er Jahren der SPD nur sehr zögernd gelang, diese Position praktisch umzusetzen in Opposition bzw. Großer Koalition
| zuletzt die Fairneß in der aktuel4 len politischen Auseinanderset
zung. So wird die Initiative Bahrs
# gewürdigt, mitten in einer Zeit ] wieder wachsender Spannungen 1981 ein„Konzept einer gemein
samen Sicherheit und der Sicherheitspartnerschaft“ zu entwickeln, das östliche Vorstellungen aufgreifend in die sogenannte PalmeKommission der Sozialistischen Internationale mündete, woraus sich eine durchaus fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Osten ergab— nicht zuletzt mit der SED, und die ohne Zweifel die politischen Vorstellungen Gorbatschows wesentlich beeinflußt hat.
Uschner würdigt im weiteren die Entspannungsbemühungen der SPD aus der Opposition heraus und verteidigt ausdrücklich ihre Beziehungen zur SED seit dieser Zeit. Selbst wenn hier sehr im aktuellen Kontext argumentiert wird, so bleibt richtig, gegen jedes ahistorische Denken anzugehen, daß sich regierungsamtlich gelegentlich breitmacht. Zweifellos hat die SPD in dieser Zeit viel erreicht auf diesem Gebiet, so die Rahmenvorschläge für chemiewaffen
freie Zonen, für einen atomwaffenfreien Korridor, für eine Zone des Vertrauens und der Sicherheit in Zentraleuropa und— nicht zuletzt— das nun so oft geschmähte „Ideologiepapier‘“ SED-SPD, an dem der Autor in Expertenberatungen beteiligt war. Uschner verteidigt so auch dieses Papier ausdrücklich gegen konservative Angriffe— und dies völlig zu Recht. Wer wollte hierzulande abstreiten, daß mit diesem Dokument sozialdemokratisches Denken erheblich Einfluß gewann, weil der Vergleich mit den SED-Vorstellungen eine wichtige Denkprovokation war. Insofern ist es völlig berechtigt, davon zu reden, daß die SPD in der Krise den Umbruch im Osten erheblich befördert hat, daß insofern der Umbruch im Osten auch ein Triumph der Sozialdemokratie gewesen ist: das Ziel der Neuen Ostpolitik— Wandel durch Annäherung— war erreicht, selbst wenn in diesen zeitlichen Dimensionen ursprünglich niemand dachte. Ebenso offen wird allerdings auch die Tragödie der SPD und der SI insgesamt dargestellt. So scheiterte eben gerade die SPD sowohl als Regierungspartei wie 1990 in der Opposition am Auseinanderklaffen von Innen- und Außenpolitik. So konnte sie auch in der Stunde des Sieges nicht ausreichend vorbereitet sein. Nirgends in den neu entstandenen Staaten im Osten konnte sich sozialdemokratische Politik durchsetzen. Dieser‘ letzte: Teil des”Buches unter der Überschrift„Fazit und Ausblick“ Krankt allerdings über weite Teile an einem Abgleiten in Züge von SPD-Parteipropaganda. Zum Schluß muß der Rezensent einige bedauerliche Mängel des Buches anmerken, besonders den Umgang mit Zitaten, die manchmal nicht belegt sind und deren Autor nicht immer klar ist. Dennoch sei guten Gewissens diese Darstellung allen zeitgeschichtlich und politisch Interessierten empfohlen; man wird sie mit Gewinn lesen, verdienstvoll ist sie allemal. Dr. sc. phil. Rüdiger Beetz FB Geschichte