KONGRESS
Nr. 11/92— Seite 7
Die Kultur und die Luft zum Atmen Zum Kulturkongreß der F.D.P.
„Eine neue Zeit bricht an. Ich glaube, eine bessere und glücklichere. Aber wenn auch nicht eine glücklichere, so doch mindestens eine Zeit mit mehr Sauerstoff in der Luft, eine Zeit, in der wir besser atmen können. Und je freier man atmet, je mehr lebt man.“ Soweit Pastor Lorenzen, Vertreter eines radikalen Liberalismus, in Fontanes Roman„Der Stechlin‘. Und nicht zufällig legte die politische Bewegung des liberalen Bürgertums im 19. Jahrhundert einen besonderen Wert auf die Freiheit der Künste. Die Auffassung, daß die freie Entfaltung der Kultur auch ein Indiz für die freie Entwicklung des Individuums ist, hatte einerseits seine Wurzel in der Erfahrung der Unmündigkeit des Künstlers, andererseits aber auch in der Ahnung neuer Repressionen gegenüber der Kunst.
Der Grundkonsens des am 27. Mai in Potsdam stattgefundenen Kulturkongresses der F.D.P. unter dem Motto„Kultur braucht Freiheit, Freiheit braucht Kultur“ bestand in der Ausgangsposition, daß die Qualität der Atemluft in einer Demokratie auch vom Stellenwert der Kultur abhängig ist. Die kulturelle Atmosphäre ist dabei keine in sich geschlossene Erscheinung, sondern stets Bestandteil sehr konkreter wirtschaftlicher Rahmenbedingungen. Diese unumgängliche Tatsache, mit der verständlicherweise aus ihrer Situation heraus viele Künstler Probleme haben, ist in der Kontinuität liberaler Tradition auch auf die
Wir haben Zeit für Ste
sem Kongreß erneut unterstrichen worden. Nur, in gleicher Weise wurde auch der umgekehrte Prozeß reflektiert, ja sogar herausgehoben: eine vielseitige, lebendige Kultur ist gleichsam unverzichtbares Element ökonomischer Leistungskraft und eines ausgeglichenen Wertegefüges, lebenswerten Milieus und sozialer Gerechtigkeit. Bundesbildungsminister R. Ortleb unterstrich dies in seinen den Kongreß beschließenden Worten, in denen er die Kunst und Kultur als„Seismographen“‘ gesellschaftlicher Entwicklung kennzeichnete.
Nicht zufällig fiel die Wahl des Tagungsortes auf die brandenburgische Landeshauptstadt Potsdam. Sie war der Tatsache geschuldet— was auf dem Kongreß auch deutlich ausgesprochen wurde—, daß die Kultur in der ehemaligen DDR einen im Vergleich zu den alten Bundesländern doch relativ hohen Stellenwert besaß. So lag eine Intention der Veranstaltung auch darin begründet, kulturell erhaltenswerte Strukturen hier in Zukunft nicht verkümmern zu lassen. Betont wurde in diesem Zusammenhang die große Verantwortung und die immensen Möglichkeiten der Wirtschaft. So war dann auch die Teilnahme des Bundeswirtschaftsministers J. Möllemann weniger ein Akt parteipolitischer Repräsentation, sondern lag weitaus mehr in der Logik der Sache begründet.
In einem vom RTL-Moderator G. Müller-Gerbes mit Möllemann
geführten Interview sprach der Vizekanzler von der Notwendigkeit eines produktiven Wechselverhältnisses zwischen Wirtschaft und Kultur und offerierte dahingehend einen konkreten Vorschlag zum Sponsoren- und Mäzenatentum einzelner Firmen für kulturelle Einrichtungen und Projekte in den neuen Bundesländern.
Den kulturellen Zustand, aber besonders auch die notwendigen Entwicklungslinien im Ostteil Deutschlands umriß der brandenburgische Kultusminister H. Enderlein in 12 komprimierten Thesen. Auf den Titel des vorletzten Romans von Heinrich Böll anspielend, forderte Enderlein das Auflösen der„fürsorglichen Belagerung“ der Kultur durch den Staat, eine Neubestimmung der Funktion der Künste unter der Hauptprämisse Kreativität und Innovation. Daß es dabei nicht um eine vermeintliche„Harmonie‘* zwischen Staat und Kultur gehen könne nach der Erfahrung der Zwangsgemeinschaft zwischen beiden in der DDR, erklärt sich auch aus dem liberalen Selbstverständnis. Seinen eigentlichen Arbeitscharakter fand der Kongreß naturgemäß in den vier Arbeitskreisen zu den Sachgebieten Bildende Kunst, Literatur, Musik und Darstellende Kunst. Daß man dabei nicht in den Grenzen enger Parteipolitik verblieb, war allein schon durch die zahlreiche Teilnahme und die direkte Einbeziehung der vom Thema eigentlich betroffenen Künstler garantiert. Das war die Voraus
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setzung für den die Arbeit der einzelnen Kreise kennzeichnenden Dialog. Sostieß z. B. im Arbeitskreis Literatur die sehr provokante und sicherlich mehr rhetorische Frage der Schriftstellerin Helga Schütz nach dem ursächlichen Zusammenhang zwischen Unfreiheit und literarischer Meisterleistung zumindest auf tiefergehendes Nachdenken. Da im starken Maße hier kommerzielle Bedingungen ihre Wirkung zeigen, wurde das mehr als problematische Verhältnis zwischen Literatur und elektronischen Medien zu einem selbstverständlichen Punkt der Diskussion, ohne jedoch am Ende auch nur annähernd ein befriedigendes Ergebnis zu zeigen. Wie streitbar Literatur sein kann, unterstrich die emotional geführte Auseinandersetzung um Rolf Hochhuths noch unveröffentlichtes aktuelles Theaterstück. Neben der vielleicht verständlichen und doch wegen des noch unbekannten Kontextes zu relativierenden Empörung mit Blick auf die Rohwedder-Passage wurden grundsätzliche Fragen nach Tabus und Grenzen literarischer Gestaltung erörtert und hinterfragt. Summa summarum: in der Atmosphäre, in den vielfältigen Formen kontroverser Diskussion, in seiner Offenheit für Gäste, in der Bestandsaufnahme und der Fixierung liberaler kultureller Werte etablierte sich der Kongreß als ein Forum, dem man Fortsetzung wünscht! Petra Görlich
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