Heft 
(1.1.2019) 11
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KONGRESS

Nr. 11/92 Seite 7

Die Kultur und die Luft zum Atmen Zum Kulturkongreß der F.D.P.

Eine neue Zeit bricht an. Ich glau­be, eine bessere und glücklichere. Aber wenn auch nicht eine glück­lichere, so doch mindestens eine Zeit mit mehr Sauerstoff in der Luft, eine Zeit, in der wir besser atmen können. Und je freier man atmet, je mehr lebt man. Soweit Pastor Lorenzen, Vertreter eines radikalen Liberalismus, in Fonta­nes RomanDer Stechlin. Und nicht zufällig legte die politische Bewegung des liberalen Bürger­tums im 19. Jahrhundert einen besonderen Wert auf die Freiheit der Künste. Die Auffassung, daß die freie Entfaltung der Kultur auch ein Indiz für die freie Entwicklung des Individuums ist, hatte einer­seits seine Wurzel in der Erfah­rung der Unmündigkeit des Künst­lers, andererseits aber auch in der Ahnung neuer Repressionen ge­genüber der Kunst.

Der Grundkonsens des am 27. Mai in Potsdam stattgefundenen Kul­turkongresses der F.D.P. unter dem MottoKultur braucht Freiheit, Freiheit braucht Kultur bestand in der Ausgangsposition, daß die Qualität der Atemluft in einer Demokratie auch vom Stellenwert der Kultur abhängig ist. Die kultu­relle Atmosphäre ist dabei keine in sich geschlossene Erscheinung, sondern stets Bestandteil sehr konkreter wirtschaftlicher Rah­menbedingungen. Diese unum­gängliche Tatsache, mit der ver­ständlicherweise aus ihrer Situa­tion heraus viele Künstler Proble­me haben, ist in der Kontinuität liberaler Tradition auch auf die­

Wir haben Zeit für Ste

sem Kongreß erneut unterstrichen worden. Nur, in gleicher Weise wurde auch der umgekehrte Pro­zeß reflektiert, ja sogar herausge­hoben: eine vielseitige, lebendige Kultur ist gleichsam unverzicht­bares Element ökonomischer Lei­stungskraft und eines ausgegliche­nen Wertegefüges, lebenswerten Milieus und sozialer Gerechtigkeit. Bundesbildungsminister R. Ortleb unterstrich dies in seinen den Kongreß beschließenden Worten, in denen er die Kunst und Kultur alsSeismographen gesellschaft­licher Entwicklung kennzeichne­te.

Nicht zufällig fiel die Wahl des Tagungsortes auf die brandenbur­gische Landeshauptstadt Potsdam. Sie war der Tatsache geschuldet was auf dem Kongreß auch deut­lich ausgesprochen wurde, daß die Kultur in der ehemaligen DDR einen im Vergleich zu den alten Bundesländern doch relativ hohen Stellenwert besaß. So lag eine In­tention der Veranstaltung auch darin begründet, kulturell erhal­tenswerte Strukturen hier in Zu­kunft nicht verkümmern zu lassen. Betont wurde in diesem Zusam­menhang die große Verantwortung und die immensen Möglichkeiten der Wirtschaft. So war dann auch die Teilnahme des Bundeswirt­schaftsministers J. Möllemann weniger ein Akt parteipolitischer Repräsentation, sondern lag weit­aus mehr in der Logik der Sache begründet.

In einem vom RTL-Moderator G. Müller-Gerbes mit Möllemann

geführten Interview sprach der Vizekanzler von der Notwendig­keit eines produktiven Wechsel­verhältnisses zwischen Wirtschaft und Kultur und offerierte dahinge­hend einen konkreten Vorschlag zum Sponsoren- und Mäzenaten­tum einzelner Firmen für kulturel­le Einrichtungen und Projekte in den neuen Bundesländern.

Den kulturellen Zustand, aber besonders auch die notwendigen Entwicklungslinien im Ostteil Deutschlands umriß der branden­burgische Kultusminister H. En­derlein in 12 komprimierten The­sen. Auf den Titel des vorletzten Romans von Heinrich Böll anspie­lend, forderte Enderlein das Auf­lösen derfürsorglichen Belage­rung der Kultur durch den Staat, eine Neubestimmung der Funk­tion der Künste unter der Haupt­prämisse Kreativität und Innova­tion. Daß es dabei nicht um eine vermeintlicheHarmonie* zwi­schen Staat und Kultur gehen könne nach der Erfahrung der Zwangsge­meinschaft zwischen beiden in der DDR, erklärt sich auch aus dem liberalen Selbstverständnis. Seinen eigentlichen Arbeitscharak­ter fand der Kongreß naturgemäß in den vier Arbeitskreisen zu den Sachgebieten Bildende Kunst, Literatur, Musik und Darstellende Kunst. Daß man dabei nicht in den Grenzen enger Parteipolitik ver­blieb, war allein schon durch die zahlreiche Teilnahme und die di­rekte Einbeziehung der vom The­ma eigentlich betroffenen Künst­ler garantiert. Das war die Voraus­

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setzung für den die Arbeit der ein­zelnen Kreise kennzeichnenden Dialog. Sostieß z. B. im Arbeitskreis Lite­ratur die sehr provokante und si­cherlich mehr rhetorische Frage der Schriftstellerin Helga Schütz nach dem ursächlichen Zusammen­hang zwischen Unfreiheit und lite­rarischer Meisterleistung zumin­dest auf tiefergehendes Nachden­ken. Da im starken Maße hier kommer­zielle Bedingungen ihre Wirkung zeigen, wurde das mehr als proble­matische Verhältnis zwischen Li­teratur und elektronischen Medien zu einem selbstverständlichen Punkt der Diskussion, ohne jedoch am Ende auch nur annähernd ein befriedigendes Ergebnis zu zeigen. Wie streitbar Literatur sein kann, unterstrich die emotional geführte Auseinandersetzung um Rolf Hochhuths noch unveröffentlich­tes aktuelles Theaterstück. Neben der vielleicht verständlichen und doch wegen des noch unbekannten Kontextes zu relativierenden Empörung mit Blick auf die Roh­wedder-Passage wurden grund­sätzliche Fragen nach Tabus und Grenzen literarischer Gestaltung erörtert und hinterfragt. Summa summarum: in der Atmo­sphäre, in den vielfältigen Formen kontroverser Diskussion, in seiner Offenheit für Gäste, in der Be­standsaufnahme und der Fixierung liberaler kultureller Werte etablier­te sich der Kongreß als ein Forum, dem man Fortsetzung wünscht! Petra Görlich

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