STANDPUNKTE
Nr. 11/92— Seite 9
„Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche!”
Es war Frei Betto, Befreiungstheologe aus Brasilien, der mir diesen Satz Ernesto Che Guevaras wieder ins Gedächtnis rief. Der Geist Che's schwang mit, als am 23. Mai 1992 in Bonn-Bad Godesberg weit mehr als 800 Menschen zum Kongreß„Solidarität mit Cuba!‘ zusammenkamen.
„Wir verklären Cuba nicht zum Paradies, aber wir blähen seine Fehler auch nicht zu Verbrechen auf“, sagte Dorothe Piermont, Mitarbeiterin des KEuropaparlaments, eingangs des Kongresses— und sie umriß damit einen Grundtenor der Redebeiträge und Diskussionen.
„Wenn für einen sehr großen Teil der lateinamerikanischen Bevölkerung außerhalb Cubas noch nicht einmal tierische Rechte gewährleistet sind; wenn in Brasilien von Millionen namen- und zukunftsloser Straßenkinder Tausende durch Killerkommandos getötet werden; wenn in Los Angeles/USA oder Hünxe/BRD die Diskriminierung oder gar Verfolgung von andersfarbigen Menschen die„Normalität“ ist— dann ist es zumindest zynisch, nicht nur mit Fingern auf Cuba zu zeigen, sondern es—- mehr noch— wie einen Kriminellen oder Aus
Auge um Auge
Die Amerikaner glänzen in letzter Zeit nicht nur mit fragwürdigen außenpolitischen Erfolgen, auch innenpolitisch haben sie einiges zu bieten. Mit viel Eigenlob werden die Hauptexportartikel wie Demokratie, Recht, Freiheit und Gleichheit der ganzen Welt als Vorbild gepriesen bzw. aufgedrängt. Die schweren Rassenkonflikte sowie die Rückkehr zur Kriminalisierung der Abtreibung sind nur einige Beispiele einer endlosen Liste, die an diesen Idealen Zweifel aufkommen lassen.
Mehr noch aber wird die Willkürlichkeit des Rechtssystems gerade in den letzten Tagen bewußt. Die Hinrichtung des Delinquenten Roger Keith Coleman wird in der letzten Nacht vermutlich nicht zu verhindern gewesen sein. Trotz beträchtlicher Entlastungsbeweise wurde eine Revision des mehr als zweifel
sätzigen in der Staatengemeinschaft zu behandeln.“ Damit ging Frei Betto auf die Einseitigkeit und die doppelte Moral der Vorwürfe von USA, EG und BRD gegenüber Cuba in Menschenrechts- und Demokratiefragen ein. Wenn Westeuropäer für Cuba nach„demokratischer Öffnung“ bzw.„Mehrparteiensystem und Marktwirtschaft‘ rufen, übersehen sie nicht selten, daß in keinem der Länder, die sich in letzter Zeit„demokratisch geöffnet“ haben, die Bevölkerungsmehrheit wirklich gewonnen hat oder auch nur eine realistische Aussicht hätte, in absehbarer Zukunft zu gewinnen. Es wird ausgeblendet, daß Cuba auf seinem versuchten Weg zu einer egalitären, solidarischen Gesellschaft bereits viel erreicht hat und dabei— trotz der gegenwärtigen großen Probleme— keinen Vergleich zu scheuen braucht: Gab es vor der Revolution 1959 über 50% Analphabeten, so können heute durch eine aktive Bildungspolitik beinahe alle lesen und schreiben. Binnen zelin Jahren(1969-1979) konnte die Kindersterblichkeit um weit mehr als die Hälfte gesenkt werden— sie ist heute eine der niedrigsten in der Welt. Afrocubaner und Indigenas haben die
Zahn um Zahn
haften Urteils nicht mehr zugelassen. Eine blutrünstige Gesellschaft sucht ihre Opfer, um eigene Unzulänglichkeiten zu kaschieren. Eine Hilflosigkeit braucht Präzedenzfälle.
Der„Weltpolizist‘“ zeigt der Welt in eindrucksvoller Weise, wie man sich an Kriminellen, oder solchen, die man dafür hält, in alttestamentarischer Weise rächt. Nachdem man schon in der Vergangenheit des öfteren rechtskräftig Verurteilte, an deren Schuld beträchtliche Zweifel bestanden, durch an KZs erinnernde Methoden(Gas) aus dieser Welt schaffte, will man diese Tradition nun fortsetzen.
Am gestrigen Mittwoch wird Roger Coleman aller Voraussicht nach sein vorbestimmtes Ende gefunden haben. Er wurde zum Tode auf dem elektrischen Stuhl verurteilt, weil er,
gleichen Rechte und Möglichkeiten wie alle anderen Cubaner auch. Doch letztlich genau dieses Versuches wegen—- an einer Alternative zum imperialen,„freien‘“ Markt und zu einer unipolaren Weltordnung(sprich: US-Weltherrschaft) festzuhalten— soll Cuba stranguliert werden. Dabei sind den Herren Erpressern selbst völkerrechtswidrige Mittel wie Boykott, Embargo und sogar die Verhinderung von humanitärer Lebensmittelhilfe recht. Ihre„einzige‘“ Bedingung: Castro soll gehen(mindestens siebenmal haben die USA/CIA versucht, ihn zu ermorden!), die Cubaner sollen ihr Menschenrecht auf Selbstbestimmung aufgeben und sich— de facto — in den südlichen Hinterhof des kapitalistischen Nordens heimholen lassen.
Dies zu verhindern, bedarf es nicht nur der Ideen und Bemühungen der Cubanerinnen und Cubaner, die übrigens aller Voraussicht nach 1993 auf allen Ebenen neu wählen werden. Es bedarf ebenso unserer tätigen Solidarität, die sich nicht auf caritative Geldspenden beschränkt, sondern politisch vernehmlich gegen die mörderische Cuba-Blockade Einspruch erhebt! Besserwisserei, wie es Cuba„richtig machen“ sollte, ist
gewissen Indizien zufolge, seine Schwägerin umgebracht haben soll. Daß andere Indizien dagegen sprechen, stört weder die Geschworenen noch die Berufungsinstanzen.
Der Prozeß zeigt, wie sehr Geld und Gerechtigkeit in den USA zusammenhängen. Hätte Roger Coleman sich einen guten Rechtsanwalt leisten können, könnte er heute ein freier Mann sein.
Die Todesstrafe ist ein Relikt aus der Frühgeschichte der Rechtskultur,
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angesichts der dortigen Situation fehl am Platze: Es geht ganz konkret darum, überhaupt noch einen Handlungsfreiraum für Cuba zu erhalten bzw. zu erstreiten; auch sollten wir in Westeuropa erstmal unsere Gesellschaftsvorstellungen auf Zukunftsverträglichkeit überprüfen und an der Realität, dem derzeit Möglichen, messen. Janey Buchan, Mitarbeiterin des Europaparlaments, traf mit einfachen Worten den Kern unseres Bemühens:„As we know more we would do more.‘(Wenn wir mehr wüßten, würden wir mehr tun.‘“): Eine breite GEGENÖFFENTLICHKEIT zu schaffen zur allgemeinen Cubaund Castro-Dämonisierung in unserem Land und in der Welt, damit die Welt nicht eines möglicherweise nicht allzu fernen Tages um eine weitere Hoffnung— Cuba— ärmer gemacht(!) wird— mit diesem Wunsch im Herzen und Ziel im Kopf gingen wir an jenem späten Maiabend auseinander. Seien wir realistisch, versuchen wir, die Blockade gegen Cuba zu durchbrechen und zu beseitigen. Stefan Köhler Student Bio/Sowi Teilnehmer am Cuba-Kongreß
nicht weit entfernt vom Faustrecht. Wir sprechen uns daher eindeutig gegen die menschenverachtende Todesstrafe als Möglichkeit der Schwerkriminellenbestrafung aus, da eine spätere Revision bei neuer Erkenntnislage nicht mehr möglich ist und sie gegen unser Verständnis von elementarsten Menschenrechten verstößt. In dubio pro reo! V.i. S. d. P.: Jan Burdinski, Kay Gebauer Eingegangen: 29. 5. 92
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