Nr. 15/92— Seite 8
FORSCHUNG
Enge Zusammenarbei
vorgesehen
FB Slavistik begrüßte Gäste aus St. Petersburg
In der Zeit vom 4.-13. Oktober weilten der Leiter des Computerlaboratoriums zur Automatisierung linguistischer Forschungen an der Russischen Akademie der Wissenschaften St. Petersburg, Dr. A. S. Asinovskij, sowie einer seiner Mitarbeiter, S. A. Gruzincev, am Fachbereich Slavistik der Universität. Beide sind gleichzeitig Mitglieder der Unabhängigen Akademie der Geisteswissenschaften ihrer Stadt.
Von seiten unserer Alma mater besteht ein starkes Interesse, eine feste Verbindung zur genannten Einrichtung herzustellen. Während des Besuches wurde aus diesem Grunde eine Absichtserklärung unterzeichnet, die die Zusammenarbeit auf unterschiedlichen Gebieten umfaßt. Schwerpunkte sind Forschung, Weiterbildung und Lehre. Die Forschung betreffend, wurde die Entwicklung und der Einsatz von Sprachlehrprogrammen(Russisch) für Philologen und Nichtphilologen sowie phonetischer, grammatischer und lexikalischer Computerwerkzeuge(Analyseprogramme, lexikalische Datenbanken, Lexika) für die Bereiche der Gegenwartssprache und der Sprachgeschichte vereinbart. Hinsichtlich der Weiterbildung wird die Propagierung und Realisierung von Weiterbildungskursen in sprachpraktischer und in computertechnologischer Richtung in St. Petersburg/Oranienbaum(für Mitarbeiter und Studenten) angestrebt. Um die Lehre zu bereichern, soll eine Prüfung und Realisierung von Einsatzmöglichkeiten russischer Wissenschaftler an deutschen
Während ihres Aufenthaltes, der vor allem zur Kontaktaufnahme und Feststellung freier Betätigungsfelder diente, führten die Gäste Gespräche mit Vertretern
‚der Philologien, der Sozialwis
senschaften und der Firma LINGU-SOFT/Herr. Dank der Unterstützung des IBM-Pools der Universität, insbesondere Herrn Reschkes, konnte eine Demonstrationsvorführung organisiert werden. Eingeladen dazu waren KollegInnen der Philologien, des Bereiches Fremdsprachen und des ABM-Gesamtprojektes Sprachen. Durch das eigene Auswählen am Computer wurden ihnen die Möglichkeiten der vorgestellten Programme deutlich.
Die Mitarbeiter des Fachbereiches Slavistik knüpfen an die beabsichtigte Zusammenarbeit große Erwartungen und Hoffnungen. Grund dafür ist die Tatsache, daß das Laboratorium unter dem Dach der Unabhängigen Akademie der Geisteswissenschaften mit allen anderen geisteswissenschaftlichen Institutionen in St. Petersburg verbunden ist, so auch mit der Pädagogischen Universität(PU)„A. L:Herzen‘
Im nächsten Monat ist ein Treffen mit Angehörigen des Instituts für Russische Philologie der PU vorgesehen, um ein weiteres Vorhaben in Angriff zu nehmen. Im Rahmen dessen soll die sprachliche Wirklichkeit und das Sprachverhalten im gegenwärtigen Rußland erfaßt werden. Dazu gehört auch die Nutzung der Datenregistrierung und-verarbeitung über den Computer. Die PUZ wünscht für das Gelin
Universitäten/Hochschulen auf gen all dieser weitreichenden
dem Gebiet„Angewandte Linguistik“, insbesondere„Computerlinguistik“, erfolgen.
Aktivitäten viel Erfolg!
P. Görlich
Belorußland steht zunehmend im Interesse der Öffentlichkeit und das nicht nur durch das Schicksal der Tschernobyl-Kinder. Viele Kinder dieser Region wurden im Land Brandenburg liebevoll betreut. Aktive Solidarität ist in Form von Hilfskonvois in verschiedene Städte Belorußlands geleistet worden.
Es möge nicht zufällig sein, daß in Wiskuli bei Brestam 8. 12. 91 ein öÖstliches Commonwealth proklamiert wurde— die Gemeinschaft der unabhängigen Staaten, mit den Gründungsstaaten Belorußland, Ukraine und Rußland. Mit diesem Schritt bestimmen diese Staaten nicht zuletzt ihre zukünftige Position zu Europa. Die neue Situation verlangt auch ein neues differenziertes Herangehen an die Geschichte, Kultur, Literatur und Sprache des belorussischen Volkes. Das deutsche Interesse an dessen kulturund literaturgeschichtlicher Entwicklung hat schon eine lange Tradition.
Bereits während des I. Weltkrieges und in den 20er Jahren sind zahlreiche Publikationen über Belorußland unter Federführung deutscher Slavisten erschienen. Durch die Übersetzung einer Reihe von Werken belorussischer Autoren, wie A. Adamowitsch, W. Bykau, J. Bryl u. a., ins Deutsche konnten sich die Leser der neuen Bundesländer mit ihrem literarischen Schaffen vertraut machen, ohne dabei die historischen Beziehungen zwischen Belorussen und Russen, aber auch zu ihren Nachbarn, insbesondere zu den Polen und Litauern, voll zu erfassen.
Eine Reihe von wissenschaftlichen Veranstaltungen in den letzten zwei Jahren reflektiert das gewachsene Interesse an den Fragen der Gegenwartsentwicklung dieser Region. So fanden Symposien in Münster und Salzburg statt. Das Symposium an der Universität in Münster wurde von Prof. F. Scholz, Direktor des slavisch-baltischen Seminars initiiert und durchgeführt. An der unter dem Thema„Belorußland
{ Neubewertung von Vergangenheit notwendig
und der Westen‘ stehenden Veranstaltung beteiligten sich mehr als 30 Wissenschaftler aus aller Welt. Ende Oktober 1991 fand am Slawistischen Institut der Universität Salzburg auf Initiative von Doz. Dr. Hermann Bieder das Symposium„Sprachund Kulturpolitik in der Sowjetunion. Thema: Weißrußland‘“ statt, ebenfalls mit internationaler Beteiligung.
Bereits das zweite Mal organisierte im August dieses Jahres die Universität Minsk den Internationalen Sommerkurs für Belorussistik. An diesem Kurs nahmen Vertreter aus den USA, Belgien, Großbritannien, Kanada, Österreich, der BRD, der Schweiz, Polen und Slovenien teil. Das Lehrprogramm umfaßte zahlreiche sprachpraktische Übungen und Vorlesungen in Belorussisch. Neue Erkenntnisse zur Geschichte des Landes und Einblicke in den Stand der Sprach- und Literaturwissenschaft wurden vermittelt. Wesentlicher Bestandteil des Sommerkurses war die wissenschaftliche Konferenz in Maladetschna zum Thema:„Entwicklung des nationalen Selbstbewußtseins der Belorussen“, eine vom New Yorker Institut für Wissenschaft und Kunst Belorußlands gesponsorte Veranstaltung.
Eindeutig erkennbar wurde das Bestreben der belorussischen Wissenschaftler, nicht nur die letzten Jahrzehnte der Geschichte ihres Landes neu zu bewerten, sondern auch die bisher einseitige Darstellung der kultur-historischen Vergangenheit zu überwinden. Vorträge namhafter Schriftsteller wie W. Bykau, N. Gilewitsch und Wissenschaftler wie Prof. Maldis, Minsk; Janka Saprudnik, New York sind Beleg für die Ernsthaftigkeit des Bestrebens, die neue Situation zu bewältigen und die sich neu ergebenden Möglichkeiten umfassend zu nutzen.
Fortsetzung S. 9