Heft 
(1.1.2019) 17
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ZUSAMMENARBEIT

Nr. 17/92 Seite 5

West-ostdeutscher Spagat: Aufbau der Hochschulen in den neuen Bundesländern

Der wöchentliche Flug nach Ber­lin oder Leipzig, die Fahrt nach Cottbus oder Halle für zahlrei­che Mitglieder der Ruhr-Univer­sität Bochum ist das fast schon zur Routine geworden. Mit der politischen Wende setzte eine breite Hinwendung zur Wissen­schaft im Osten Deutschlands ein, anfangs spontan und ohne Konzept, dann stetig und organi­siert. Jeder Beteiligte kann dazu sein besonderes Lied singen. Viele erläutern ihren Doppelein­satz diesseits und jenseits der Elbe aus einer Mischung von Berufsethos und Neugierde, Kollegialität und neupatrioti­schen Altruismus; emotional bewegtes Engagement verbindet sich mit Professionalität. Man­cher hält den Spagat von West nach Ost schon knapp zwei Jahre durch. Was sich heute, zum Ende des Jahres 1992 hin, wie ein kalkuliertes Netzwerk universi­tärer Zusammenarbeit ausnimmt, hat sich aus einer Vielfalt der Initiativen von Wissenschaftlern, Ministerialbeamten und Politi­kern ergeben. So ist der Ruhr­Universität Bochum unversehens eine neue Aufgabe zugewach­sen: Mithilfe bei der Erneuerung der Forschung und Lehre in den neuen Bundesländern. Die Auf­gabe wird aus nahezu allen Fa­kultäten nicht zuletzt aus der Verwaltung und aus dem Rekto­Tat heraus getragen.

Wie durch ein Kaleidoskop zeigt sich ein changierendes Interak­tionsfeld: der Historiker, der in Dresden zur Technikgeschichte berät, der Mediävist, der an der Rekonstruktion der Geschichte in der Humboldt-Universität mitwirkt; der Volkswirt, der als Gründungsbeauftragter in Mer­seburg einen wirtschaftswissen­schaftlichen Fachbereich abwik­kelt, während sein betriebswirt­schaftlicher Kollege in gleicher Funktion den wirtschaftswissen­schaftlichen Fachbereich in Hal­

_ le aufbaut; zugleich entsteht dort

ein Fraunhofer-Institut für Fest­körperphysik unter der Leitung des Bochumer Physikers; in Jena geht es um ein Institut für Elek­trooptik, in Greifswald um ei­nes für Plasmaphysik, wenn Bochumer Wissenschaftler den Spagatschritt unternehmen; die Technischer Universitäten in Cottbus und Ilmenau entstehen unter maßgeblicher Mitwirkung von Mitgliedern der ingenieur­wissenschaftlichen Fakultäten; der Alt-Dekan der Fakultät für Biologie steuert den Aufbau sei­nes Faches an mehreren ostdeut­schen Hochschulen; der langjäh­

rige Altrektor der Ruhr-Univer-|

sität betreibt als Gründungsrek­tor zusammen mit dem aus der Bochumer Hochschulverwal­tung stammenden Kanzler die Wiedergründung der Viadrina in Frankfurt an der Oder; die Skiz­ze ließe sich unschwer weiter auszeichnen.

Eine besondere Qualität und außergewöhnliche Dichte haben die Beziehungen der Ruhr-Uni­versität Bochum zur Universität Potsdam erreicht. Begonnen im Jahre 1990, als Kooperation in Richtung ehemalige DDR noch ein Wagnis war, sind sie inzwi­schen selbstverständlich gewor­den. Waren es im Jahre 1991 die sog. Evalutionskommissionen, so sind es im Jahre 1992 zahlrei­che Berufungsausschüsse, in denen Vertreter Bochumer gei­stes- und naturwissenschaftlicher Fakultäten insbesondere: Phi­lologie, Rechtswissenschaft, Wirtschaftswissenschaft, Geo­wissenschaften, Physik, Biolo­gie aktiv sind. Die Potsdamer Juristische Fakultät ist ein Werk Bochumer Engagements. Ohne Lehrimporte aus der Ruhr-Uni­versität wäre der Aufbau eines rechts- und eines wirtschaftswis­senschaftlichen Studiums nicht zu denken. Die Rektorate beider Hochschulen treffen sich regel­mäßig, hier eingedenk, dort angesichts der Gründungs-,

Struktur- und Finanzprobleme, und die Verwaltungen tauschen sich aus: Zur Bewältigung der erheblichen Schwierigkeiten, die mit dem Aufbau einer Hoch­schulverwaltung verbunden sind, ist Bochumer know how von Anfang an kontinuierlich nach Potsdam transportiert worden, wie umgekehrt Potsdamer Ver­waltungspersonal Bochumer Praxis vor Ort kennenlernen konnte.

Prof. Dr. Grawert Foto: Tribukeit

Bekanntlich funktioniert eine Administrative dank Maßgaben, Vorbilder und Routine und besonders durch Routine, die mit der Zeit entsteht und daher im Gedränge der Aufbaugeschäfte besonders rar ist. Werim Ost­en tätig ist, wird dies hinrei­chend erfahren und dabei diezu Hause gewohnte Verwaltungs­hilfe für den Wissenschaftsbe­trieb schätzen gelernt haben. In den bald zwei Jahren, während der ich neben meinem Bochu­mer Prorektorat als Gründungs­dekan der Juristischen Fakultät, als Mitglied des Gründungsse­nates und als Prorektor in Pots­dam mit Gründungsaufgaben befaßt bin, habe ich dort drei Entwicklungsschübe des Gestal­tens erlebt: eine Phase der De­konstruktion, der Improvisation und der raschen Aktion, eine Phase außen- und vorbildgelei­teter Einübung, dann und jetzt eine Phase der Konsolidierung

und Selbstvergewisserung. So wird eine Hochschule in die Wissenschaftslandschaft gestellt, und so nimmt sie dort ihren Platz ein.

Alle diese Beteiligungen am Umbau und Aufbau wissen­schaftlicher Einrichtungen in den neuen Bundesländern folgen den Vorhaben, die Artikel 38 des Einigungsvertrages bestimmt hat: derErneuerung von Wis­senschaft und Forschung sozia­listischer Provenienz und der Einpassung dieser Bereiche in die gemeinsame Forschungs­struktur der Bundesrepublik Deutschland. Dabei steht mehr als die Aufgliederung einer zen­tralistisch gesteuerten in eine bundesstaatlich differenzierte Organisation, mehr als der Umbau von Staatsakademien und Spezialhochschulen, mehr als die Veränderung der Personalstruk­tur auf dem Programm. Gewiß hat der Abschied von der Wis­senschaftsstruktur a 1' UdSSR tiefe Einschnitte in bisher gesi­chert erscheinende Organisa­tionsabläufe und Lebensläufe mit sich gebracht. Die Auflösung der Akademien als leitende For­schungseinrichtungen, die Ein­stellung zahlreicher, kleiner Lehrstätten, der Abbau des er­heblichen Personalüberhanges, die Ausrichtung auf einen finan­zierbaren Bedarf, das Konvolut von Abwicklungsmaßnahmen alles dies macht den Wandel zur Systemrevolution. Aber eigent­lich geht es um die Erneuerung der Sache Wissenschaftsethos. Zwar weiß man, daß es in der Wissenschaftslandschaft der ehe­maligen DDR viele fruchtbare Äcker und nicht nur Brachen gab; langjährige Kontakte über die Mauer hinweg, neuerer Augen­schein und des Wissenschaftsra­tes flächendeckende Befundnah­men haben erkennen lassen, daß zu unterscheiden lohnt.

Fortsetzung auf S. 6