ZUSAMMENARBEIT
Nr. 17/92— Seite 5
West-ostdeutscher Spagat: Aufbau der Hochschulen in den neuen Bundesländern
Der wöchentliche Flug nach Berlin oder Leipzig, die Fahrt nach Cottbus oder Halle— für zahlreiche Mitglieder der Ruhr-Universität Bochum ist das fast schon zur Routine geworden. Mit der politischen Wende setzte eine breite Hinwendung zur Wissenschaft im Osten Deutschlands ein, anfangs spontan und ohne Konzept, dann stetig und organisiert. Jeder Beteiligte kann dazu sein besonderes Lied singen. Viele erläutern ihren Doppeleinsatz diesseits und jenseits der Elbe aus einer Mischung von Berufsethos und Neugierde, Kollegialität und neupatriotischen Altruismus; emotional bewegtes Engagement verbindet sich mit Professionalität. Mancher hält den Spagat von West nach Ost schon knapp zwei Jahre durch. Was sich heute, zum Ende des Jahres 1992 hin, wie ein kalkuliertes Netzwerk universitärer Zusammenarbeit ausnimmt, hat sich aus einer Vielfalt der Initiativen von Wissenschaftlern, Ministerialbeamten und Politikern ergeben. So ist der RuhrUniversität Bochum unversehens eine neue Aufgabe zugewachsen: Mithilfe bei der Erneuerung der Forschung und Lehre in den neuen Bundesländern. Die Aufgabe wird aus nahezu allen Fakultäten nicht zuletzt aus der Verwaltung und aus dem RektoTat heraus getragen.
Wie durch ein Kaleidoskop zeigt sich ein changierendes Interaktionsfeld: der Historiker, der in Dresden zur Technikgeschichte berät, der Mediävist, der an der Rekonstruktion der Geschichte in der Humboldt-Universität mitwirkt; der Volkswirt, der als Gründungsbeauftragter in Merseburg einen wirtschaftswissenschaftlichen Fachbereich abwikkelt, während sein betriebswirtschaftlicher Kollege in gleicher Funktion den wirtschaftswissenschaftlichen Fachbereich in Hal
_ le aufbaut; zugleich entsteht dort
ein Fraunhofer-Institut für Festkörperphysik unter der Leitung des Bochumer Physikers; in Jena geht es um ein Institut für Elektrooptik, in Greifswald um eines für Plasmaphysik, wenn Bochumer Wissenschaftler den Spagatschritt unternehmen; die Technischer Universitäten in Cottbus und Ilmenau entstehen unter maßgeblicher Mitwirkung von Mitgliedern der ingenieurwissenschaftlichen Fakultäten; der Alt-Dekan der Fakultät für Biologie steuert den Aufbau seines Faches an mehreren ostdeutschen Hochschulen; der langjäh
rige Altrektor der Ruhr-Univer-|
sität betreibt als Gründungsrektor zusammen mit dem aus der Bochumer Hochschulverwaltung stammenden Kanzler die Wiedergründung der Viadrina in Frankfurt an der Oder; die Skizze ließe sich unschwer weiter auszeichnen.
Eine besondere Qualität und außergewöhnliche Dichte haben die Beziehungen der Ruhr-Universität Bochum zur Universität Potsdam erreicht. Begonnen im Jahre 1990, als Kooperation in Richtung ehemalige DDR noch ein Wagnis war, sind sie inzwischen selbstverständlich geworden. Waren es im Jahre 1991 die sog. Evalutionskommissionen, so sind es im Jahre 1992 zahlreiche Berufungsausschüsse, in denen Vertreter Bochumer geistes- und naturwissenschaftlicher Fakultäten— insbesondere: Philologie, Rechtswissenschaft, Wirtschaftswissenschaft, Geowissenschaften, Physik, Biologie— aktiv sind. Die Potsdamer Juristische Fakultät ist ein Werk Bochumer Engagements. Ohne Lehrimporte aus der Ruhr-Universität wäre der Aufbau eines rechts- und eines wirtschaftswissenschaftlichen Studiums nicht zu denken. Die Rektorate beider Hochschulen treffen sich regelmäßig, hier eingedenk, dort angesichts der Gründungs-,
Struktur- und Finanzprobleme, und die Verwaltungen tauschen sich aus: Zur Bewältigung der erheblichen Schwierigkeiten, die mit dem Aufbau einer Hochschulverwaltung verbunden sind, ist Bochumer know how von Anfang an kontinuierlich nach Potsdam transportiert worden, wie umgekehrt Potsdamer Verwaltungspersonal Bochumer Praxis vor Ort kennenlernen konnte.
Prof. Dr. Grawert Foto: Tribukeit
Bekanntlich funktioniert eine Administrative dank Maßgaben, Vorbilder und Routine— und besonders durch Routine, die mit der Zeit entsteht und daher im Gedränge der Aufbaugeschäfte besonders rar ist. Wer„im Osten“ tätig ist, wird dies hinreichend erfahren und dabei die„zu Hause‘ gewohnte Verwaltungshilfe für den Wissenschaftsbetrieb schätzen gelernt haben. In den bald zwei Jahren, während der ich neben meinem Bochumer Prorektorat als Gründungsdekan der Juristischen Fakultät, als Mitglied des Gründungssenates und als Prorektor in Potsdam mit Gründungsaufgaben befaßt bin, habe ich dort drei Entwicklungsschübe des Gestaltens erlebt: eine Phase der Dekonstruktion, der Improvisation und der raschen Aktion, eine Phase außen- und vorbildgeleiteter Einübung, dann und jetzt eine Phase der Konsolidierung
und Selbstvergewisserung. So wird eine Hochschule in die Wissenschaftslandschaft gestellt, und so nimmt sie dort ihren Platz ein.
Alle diese Beteiligungen am Umbau und Aufbau wissenschaftlicher Einrichtungen in den neuen Bundesländern folgen den Vorhaben, die Artikel 38 des Einigungsvertrages bestimmt hat: der„Erneuerung von Wissenschaft und Forschung“ sozialistischer Provenienz und der „Einpassung‘“ dieser Bereiche „in die gemeinsame Forschungsstruktur der Bundesrepublik Deutschland‘. Dabei steht mehr als die Aufgliederung einer zentralistisch gesteuerten in eine bundesstaatlich differenzierte Organisation, mehr als der Umbau von Staatsakademien und Spezialhochschulen, mehr als die Veränderung der Personalstruktur auf dem Programm. Gewiß hat der Abschied von der Wissenschaftsstruktur a 1' UdSSR tiefe Einschnitte in bisher gesichert erscheinende Organisationsabläufe und Lebensläufe mit sich gebracht. Die Auflösung der Akademien als leitende Forschungseinrichtungen, die Einstellung zahlreicher, kleiner Lehrstätten, der Abbau des erheblichen Personalüberhanges, die Ausrichtung auf einen finanzierbaren Bedarf, das Konvolut von Abwicklungsmaßnahmen— alles dies macht den Wandel zur Systemrevolution. Aber eigentlich geht es um die Erneuerung der Sache Wissenschaftsethos. Zwar weiß man, daß es in der Wissenschaftslandschaft der ehemaligen DDR viele fruchtbare Äcker und nicht nur Brachen gab; langjährige Kontakte über die Mauer hinweg, neuerer Augenschein und des Wissenschaftsrates flächendeckende Befundnahmen haben erkennen lassen, daß zu unterscheiden lohnt.
Fortsetzung auf S. 6