Nr. 17/92— Seite 10
FREMDSPRACHENAUSBILDUNG
Prozeßorientierte Mediendidaktik für den Fremdsprachenunterricht— ein Ost-West-Kolloquium im Leibniz-Haus, Hannover
In einer Zeit des Medienüberflusses und manchen Medienüberdrusses— man denke nur an Postmans jüngste Medienschelte(Das Technopol, 1992)— ein solches Kollogqium? Dafür gibt es gute Gründe. Im neusprachlichen Unterricht sind Sprach-, Bild- und Sprachbild-Medien ein ‚essential‘, wenn der Wirklichkeitshintergrund der Zielsprachen im Klassenzimmer lebendig werden soll. Im Bereich des Technisch-Apparativen herrscht bei Lehrerinnen und Lehrern teils noch viel Medienscheu, obwohl hier die Entwicklung immer weiter geht und sich für den Fremdsprachenunterricht— z. B. telekommunikativ— ungeahnte Möglichkeiten auftun und die ‚software‘ als Lernhilfe wesentlich verbessert worden ist. Im Kolloquium sollte es jedoch mehr um Texte als um Technik gehen. Auf Grund neuerer Theoriebezüge— besonders der psycholinguistischen Theorie der Sprachverarbeitung, einer ganzheitlichen weiterentwickelten Informationstheorie und der leserbezogenen Textverstehenstheorie— bietet sich die Möglichkeit, die neusprachliche Mediendidaktik als Teil der Fremdsprachendidaktik besser zu fundieren, im Unterricht zu erforschen und praktisch voranzubringen. Daraus leitet sich ein Programmbegriff ab, der auch sonst z. Zt. in der Fremdsprachendidaktik zunehmend Bedeutung gewinnt: die Prozeßorientierung des Lernens. Gemeint ist ein Lernerbezug, der schrittweise Rezeption und Produktion ermöglicht, kontinuierlich aktiviert, Verarbeitung und Erarbeitung von Texten nachhaltig fördert, Lernstrategien entfaltet und vertieft— verinnerlichend zu Lernprodukten führt. Das Projekt, das mit diesem Kolloquium eröffnet wurde, hat demnach folgende Leithypothese: Wenn sich Informations- und Sprachverarbeitung im Lernenden auf Grund neuerer bezugswissenschaftli
cher Erkenntisse prozessual vollziehen, muß prozeßorientierter Fremdsprachenunterricht medialer Bindung intensiver und tiefer wirken und somit nachhaltiger und effektiver, gebunden an sinngebende Inhalte sinnstiftender sein.
Als gemeinsames Vorhaben des Wissenschaftsbereiches„Fachdidaktik Englisch“ der Universität Potsdam und des entsprechenden Arbeitsbereichs am Englischen Seminar der Universität Hannover hat das Projekt auch zum Ziel, in wechselseitiger Bemühung Informations-, Kooperations- und Verständnisdefizite abzubauen, wie sie durch die lange Zweistaatlichkeit Deutschlands noch bestehen.
So hatten sich vom 22. bis 24. Oktober 16 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie theoriebewußte Schulpraktikerinnen und-praktiker aus Ost und West im Leibniz-Haus um das Thema und seine Aufgaben versammelt(aus Berlin, Bochum, Dortmund, Dublin, Düsseldorf, Freiburg, Halle, Hannover, Helmstedt, Leipzig, Oldenburg, Potsdam, Warschau, Wuppertal). Weitere 8 moderierende Mitarbeiter und insgesamt etwa 30 Zuhörer verfolgten die Vorträge und Diskussionen mit Interesse. Sie wurden vom Herrn Vizepräsidenten der Universität Hannover, Professor Fischer, und vom Dekan des Fachbereichs Literatur- und Sprachwissenschaften, Herrn Professor Rector, begrüßt und an den euro- wie hochschulpolitischen Rahmen erinnert, in dem sich alles Fachliche vollzieht.
Nach einer theoretischen Grundlegung aus zunächst eher erziehungswissenschaftlicher Perspektive(neumedial bestimmte Anthropologie der Lernenden; Schwerdtfeger, Bochum) und dann psycholinguistischer (Wolff; Wuppertal), weiterentwickelt informationstheoretischer(Gienow; Potsdam), textverstehenstheoretischer Sicht
(Donnerstag; Dortmund) sowie der einer linguistisch bestimmten Theorie der interkulturellen Kommunikation(Oldenburg; Hannover) wurden auf deren Grundlage und bezogen auf gegenwärtig diskutierte Konzepte der Fremdsprachendidaktik (z. B. ‚Learner autonomy“, ganzheitlich und integrative sowie Handlungs- und Kreativitätsorientierung) prozessualer Lernund Arbeitstechniken vorgestellt. Diese griffen die stärker praxisbezogenen Vorträge mehr oder weniger entschieden auf: besonders der Beitrag zum Erleben und Gestalten szenischer Elementartexte im Französischunterricht(Rattunde; Freiburg), die Vorstellung der pressespiegelnden Zeitungs- und TonkassettenKombination Authentik(Little; Dublin), eines Kurses zum Hörverstehenstraining mit Hilfe von russischen Originalhörspielen (Thyrolf; Berlin), der Bericht über einen methodisch einfallsreichen Unterrichtsversuch mit einem künstlerischen Bild(Akinro; Helmstedt), über ein textlinguistisch fundiertes Leseverstehensprogramm für Deutsch als Fremdsprache(Nebe-Rikabi; Leipzig) und schließlich die Präsentation eines Forschungsprojektes zu weltweiten Kontakten von Schulklassen und Lehrpersonen mit Hilfe von Telekommunikation(Rautenhaus; Oldenburg). Daran war erstaunlich gut zu erkennen, wie sehr. ein moderner Fremdsprachenunterricht medialer Bindung Prozeßorientierung verwirklichen kann, d. h. konkret: — Lernen und Lehren intensivieren; —es inhaltlich und anschaulich bereichern, — Wahrnehmen und Verstehen fördern, — Sprach- und Sachlernen verstärkt verbinden,
— inhaltlich und anschaulich perspektivierend orientieren, — den Gebrauch der Fremdspra
che individuell sowohl han
delnd als auch kreativ anregen, — die Kluft zwischen kommunikativen Zielen und erreichtem Sprachkönnen ausgleichen — und die Lernbereitschaft ganz allgemein stärken.
Die Arbeitsgruppe will sich weiter für die Verwirklichung einer prozeßorientierten Mediendidaktik im Fremdsprachenunterricht einsetzen, deren Praxis erforschen und speziell die Ergebnisse zur Unterrichtsforschung in einem Folgekolloquijum 1994 in Potsdam diskutieren.
Dozent Dr. W. Gienow Fachdidaktik Englisch Universität Potsdam/Golm
Dr. K. Hellweg, korporationsrechtlich Professor
Englisches Seminar der Universität Hannover
Verein„Wilhelm Foerster“ Potsdam e. V.
Dienstag, 1. Dezember 1992 19.30 Uhr, Haus der URANIA „Der‘Roi-philosophe‘— Friedrich der Große und das Staatsdenken in Preußen“ mit Alexander Mentzel
Mittwoch, 2. Dezember 1992 19.30 Uhr, Haus der URANIA Die Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“
Dienstag, 8. Dezember 1992 17.00 Uhr, Haus der URANIA Das Verbindende der Weltreligionen mit Karl-Heinz Schildbach
Donnerstag, 10. Dezember 1992 17.00 Uhr, Haus der URANIA „Ernährung bei Diabetes mellitus‘ mit Dr. Wolfgang Lüder
Sonnabend, 12. Dezember 1992 10.00 Uhr, Telegrafenberg Vortrag mit anschließender Führung im Einsteinturm
Sonnabend, 12. Dezember 1992 11.00 Uhr, Gutenbergstr. 76 Besichtigung von Schuke-Orgelbau es führt Alexander Schuke
Sonnabend, 12. Dezember 1992 11.00 Uhr „Einstein in Caputh“ Führung durch das Einstein-Haus mit anschließendem Vortrag:
Donnerstag, 17. Dezember 1992 17.00 Uhr, Haus der URANIA „Jerusalem— Stadt der Weltreligionen“ mit Mathias Mosig
URANIA-Haus„Wilhelm Foerster“ 1560 Potsdam, Brandenburger Str. 38 Fon 2 1724- Fax 2 36 83