Heft 
(1.1.2019) 18
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VORLESUNG

Nr. 18/92 Seite 7

Wir sind zu einem Volk geworden, das sich zu Tode amüsiert.*

Im Rahmen der Ring- Vorlesung Kulturwissenschaften und Kul­turmanagement hielt der Me­dienwissenschaftler Prof. Dr. Lothar Bisky am 19. November einen Vortrag zum Thema: Medienkultur heute Versuch einer Diagnose.

In 11 Hypothesen bzw. Frage­stellungen entwickelte er seine Auffassungen zu dieser Thema­tik.

Audiovisuelle Medien(von Bis­ky vor allen Dingen untersucht) haben sich inzwischen weltweit durchgesetzt. Sie sind Produkte der Industrie, ihre Entwicklung ist untrennbar mit dem techni­schen Fortschritt verbunden. Medienprodukte sind zur Ware geworden. Mediengebrauch stellt ein Massenverhalten dar. Dies und anderes sind unumstöß­liche Tatsachen. Medien verbrei­ten aber beispielsweise auch Politik,aufgestellte Kameras schaffen Realität, so Bisky. Medienkultur sei in hohem Maße Entspannungs- und Zerstreu­ungskultur. Auch auf Grund der aus den USA zu uns gelangen­den Entwicklungen werde die Bedeutung der Printmedien schwinden, was er bedauere.

In der Internationalisierung und der ständigen Neuentwicklung sieht der Referent nicht nur eine Bedrohung für Kulturentwick­lung, sondern vor allen Dingen Chancen für Kreativität und In­novationen. Die neu entstehen­den ungeahnten Möglichkeiten für künstlerische Ausdrucksfor­men und veränderte Sehweisen (z. B. durch schnelle Schnittfol­

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gen) könnten den Beginn einer neuen Kultur darstellen.

Aus Anlaß seiner Vorlesung führte PUZ mit Prof. Bisky fol­gendes Gespräch.

PUZ: Weshalb wählten Sie sich für Ihren Vortrag das Thema Medienkultur aus?

L. B.: Die kommunikativen Ver­hältnisse sowie die Verhaltens­weisen im Alltag sind im Osten zusammengefallen. Die Alltags­kommunikation, der Medienge­brauch haben sich dramatisch verändert. Es erfolgte ein sozio­kultureller und medialer Um­bruch. Heute gibt es andere und

neue Medien im Vergleich zu|

früher. 50% der Kinos sind im Land verschwunden, Bibliothe­ken wurden geschlossen, ein verständlicher Video-Boom setz

te ein. Aber auch Konstantes ist;

zu verzeichnen, wie z. B. die Re

gionalpresse, der ORB entstand;

Anfang des Jahres. Wie werden die Menschen mi

diesen Umbrüchen fertig? Was/

wird von diesen Veränderungen stabil bleiben? Das sind mich in­teressierende, bisher wenig un­tersuchte Fragen, und damit be­schäftige ich mich.

PUZ: Beteiligen Sie sich an der allgemein üblichen Medien­schelte oder verteidigen Sie die dort arbeitenden Journalisten?

L. B.: An einer pauschalen Me­dienschelte beteilige ich mich nicht. Ich verhalte mich den Medien gegenüber kritisch. Daß

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Problematisches aufgegriffen wird, halte ich für normal. Mit kritischen Medien kann ich le­ben. Ich schelte nicht die Blätter und Journalisten, sondern stelle mir folgende Fragen. Was glau­ben die Leute? Warum glauben sie das, warum nicht? Dieses analytische Vorgehen finde ich interessanter. Mit der kulturell­kritischen Analyse habe ich mich immer sehr beschäftigt.

PUZ: Sie äußerten kürzlich die Auffassung, daß sich im Osten eine beängstigende Sprachlo­sigkeit breitmache. Wie kom­

Prof. Dr. L. Bisky Foto: Eckardt

men Sie zu einer derartigen Einschätzung?

L. B.: Da ich sehr viel im Land unterwegs bin, fällt mir das plötz­liche Schweigen in Betrieben und Institutionen auf. Früher wurde dort kritisch und ernsthaft disku­tiert. In der Kneipe dagegen redet jeder, wie er will. Was ist also passiert? Ist das Schweigen

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Unsicherheit, soziale Angst? Der Herbst'89 hat doch die Hoff­nung genährt, daß die Leute nie wieder schweigen werden. Die­se Hoffnung habe ich noch nicht verloren. Sonst könnte ich nicht arbeiten.

PUZ: Im Brandenburger Landtag fand im Oktober die erste Lesung des Pressegeset­zes statt. Dieses Gesetz wird teilweise als modernstes der Bundesrepublik bezeichnet.

Sie äußerten dagegen, es sei einetrockene Sterbeurkunde für die medienpolitischen Hoff­nungen des Herbstes 1989.

L.B.: Ich bestreite nicht, daß das Pressegesetz neu ist. Die Journa­listen müßten aber, wie ursprüng­lich im Referentenentwurf vor­gesehen, weitergehende Mitwir­kungsmöglichkeiten, ich rede ja schon nicht von Mitbestim­mungsmöglichkeiten, erhalten. Aus diesem Entwurf wurden Passagen zur inneren Pressefrei­heit, insbesondere die Bildung von Redaktionsstatuten gestri­chen. Ich bin für deren Festschrei­bung, sie stünden auch Branden­burg gut zu Gesicht.

PUZ: Vielen Dank für das Ge­spräch. Es fragte Dr. Barbara Eckardt.

* Neil Postman, New Yorker Medienwissenschaftler