Nr. 18/92— Seite 8
REZENSION
Mit dem letzten Zug nach England zwei deutsche Juden überlebten im Exil
Vor 50 Jahren fand in der Villa am Großen Wannsee 56-58 eine der Koordinierung aller wichtigen Behörden und Instanzen dienende Besprechung zur Ermordung von elf Millionen europäischen Juden statt. Im Januar dieses Jahres wurde dort die „Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz“ eröffnet.
Über 50 Jahre ist es auch her, daß zwei junge Juden aus Berlin nach Großbritannien emigrierten, um sich der Verfolgung zu entziehen. Durch ihre Kontakte zu Schülern, Studenten und Arbeitern angeregt, schrieben sie ihre Erinnerungen nieder. Das Anliegen ihres im Frühjahr 1992 erschienenen Buches formulieren sie so:„Weil es in der damaligen DDR kaum eine geschlossene Darstellung von Erlebnissen, Erfahrungen und Befindlichkeiten junger Juden während der Jahre 1933 bis 1945 gab, wollten wir anhand unseres eigenen Lebens, unserer eigenen Schicksale und der unserer Familien und Freunde diese furchtbare Zeit besonders jenen jüngeren Menschen nahebringen, die sie nicht mehr erleben mußten.“(S. 276) Alice und Gerhard Zadek erzählen über ihr Leben im Berlin der 30er Jahre und ihre Erfahrungen im britischen Exil in jeweils eigenständigen Kapiteln: Jeder hat trotz oder gerade wegen des gemeinsamen Lebensweges seine eigene Sicht auf die vergangene Zeit. Zudem bietet das Wechseln des Erzählstils ebenso wie die aus Privatbesitz eingefügten Fotos eine Auflockerung für den Leser.
In ihrem Vorwort zu diesem Buch schreibt Lea Rosh:„Dem Überleben im Exil verdanken wir eines der Bücher, von denen es leider in Deutschland noch zu wenige gibt. Auch deshalb, weil die, die überlebt haben, nicht zu berichten imstande sind— das Nacherzählen, das Berichten, das Erinnern bereitet zu viel Pein. Viele, die ich interviewt habe, haben
mir dann unter Tränen gesagt: Nun werde ich wieder schlaflose Nächte haben...
Spät, aber noch nicht zu spät, können Leserinnen und Leser in diesem Buch Antworten auf die immer und immer wieder gestellte Frage finden: ‚Wie konnte es geschehen?‘(S: 5)
Wer sich der Beantwortung dieser Frage aus nicht wissenschaftlicher, sondern aus der Perspektive der Alltagsgeschichte, des konkreten Einzelschicksals nähern will, dem sei dieses Buch empfohlen.
Es ist das Leben der sogenannten kleinen Leute, über das hier Auskunft gegeben wird. Somit hilft das Buch, eine Lücke zu schließen. Bislang liegen Erinnerungen und Forschungen vor allem der„literarischen, politischen und gelehrten Emigrantenprominenz‘“ vor(Wolfgang Benz). Die Sicht auf den Alltag im Dritten Reich, auf Demütigung und Ausgrenzung, auf Diskriminierung und Verfolgung aus dem Blickwinkel jener Juden, die als kleine Leute das Gros der Auswanderer stellten, ist ein wichtiger Beitrag zur weiteren Erforschung und Aufarbeitung nationalsozialistischer Vergangenheit.
Eine gleiche Bedeutsamkeit erlangt die Beschreibung des Exils aus dieser Sicht. Die Emigration, keineswegs eine Idylle und sich durch viele Beschwernisse auszeichnend, war zweifelsohne ein Privileg für die auf diese Weise Geretteten.
Gerhard Zadek, Sohn eines Schneiders, wuchs mitten in Berlin, unmittelbar am Alexanderplatz,'auf. Die Familie ‚war keineswegs streng religiös. „Gefeiert wurde alles und nichts ausgelassen, weder die jüdischen noch die christlichen Feiertage.“
(S. 26) Er erlernte den Beruf NN eines Drehers, und über. die|#2 Mitgliedschaft in der„Deutsch- F
Jüdischen Jugendgemeinschaft“ machte er die Bekanntschaft mit
dem Jungkommunisten Herbert Baum, der das Leben von Gerhard Zadek entscheidend beeinflussen sollte. Baum leitete zwischen 1938 und 1942 eine illegale antifaschistische Widerstandsgruppe in Berlin, der über 60 Jugendliche jüdischer Abstammung, darunter auch Alice und Gerhard Zadek, angehörten. Alice Zadek, geb. Kronheim, war ebenfalls Berlinerin und begann 1935 eine Lehre als Expedientin ineinem Konfektionsbetrieb. Im Sinne der nationalsozialistischen Rassegesetze war sie Halbjüdin, denn ihre Mutter war„Arierin‘‘, der Vater Jude.
So verkörpern die Autoren nicht das gängige Bild vom Juden, der reich ist vom Handel treiben oder Geschäfte machen und der streng nach den religiösen Regeln und Vorschriften lebt.
Das Buch gibt Einblicke in die Problematik, warum die Juden nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten nicht mehrheitlich Deutschland verließen.
Die Antwort auf diese Frage muß so vielschichtig ausfallen wie es Juden in Deutschland gab. Zudem war die Auswanderungspolitik des NS-Regimes äußerst widersprüchlich, 1941 wurde den Juden die Auswanderung gänzlich verboten. Neben finanziellen Schwierigkeiten, die eine Ausreise für viele unmöglich machte, bildeten die allgemeinen Bedingungen der potentiellen Aufnahmeländer ein wesentliches Erschwernis. Schließlich fühlten sich die Juden nicht in erster Linie als Juden, sondern als Deutsche jüdischen Glaubens.
Ihr Patriotismus und der hohe Grad ihrer Assimilation ließ sie nicht wahrhaben wollen, daß ihnen die Vernichtung bevorstand.
Das Beispiel der Familie Gerhard Zadeks zeigt, wie sich die Ausgrenzung der Juden aus allen Bereichen Schritt für Schritt bis hin zur Deportation und Vernichtung vollzog. Zadek dokumentiert dies anschaulich, indem er die wichtigsten antijüdischen gesetzlichen Maßnahmen und Richtlinien ab 1933 in seine Erinnerungen einfließen läßt. Beide erleben die Progromnacht des 10. November 1938. Die Juden waren danach immer brutalerer Verfolgung ausgesetzt. „Alles war für jüdische Bürger mit Beginn des neuen Jahres 1939 komplizierter geworden.“ (S. 133) Alice und Gerhard verlieren ihre Arbeit. Durch gute Freunde des Vaters hatte Alice ein englisches Visum erhalten. Ihre Ausreise ermöglichte es auch Gerhard, nach Großbritannien zu emigrieren— buchstäblich im letzten Moment. Der Zug, mit dem er Deutschland verläßt, ist auf Jahre der letzte, der die Grenze in Richtung Holland passiert — es war der 26. 8. 1939. Tage später bricht der Zweite Weltkrieg aus.
Alice und Gerhard Zadek: Mit dem letzten Zug nach England. Opposition. Exil. Heimkehr. Berlin: Dietz Verlag GmbH, 1992.— 284 S., 66 Abb.
Dr. Irene Diekmann FB Geschichtswissenschaften
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