Heft 
(1.1.2019) 18
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Nr. 18/92 Seite 8

REZENSION

Mit dem letzten Zug nach England ­zwei deutsche Juden überlebten im Exil

Vor 50 Jahren fand in der Villa am Großen Wannsee 56-58 eine der Koordinierung aller wichti­gen Behörden und Instanzen dienende Besprechung zur Er­mordung von elf Millionen eu­ropäischen Juden statt. Im Ja­nuar dieses Jahres wurde dort die Gedenkstätte Haus der Wann­see-Konferenz eröffnet.

Über 50 Jahre ist es auch her, daß zwei junge Juden aus Berlin nach Großbritannien emigrierten, um sich der Verfolgung zu entzie­hen. Durch ihre Kontakte zu Schülern, Studenten und Arbei­tern angeregt, schrieben sie ihre Erinnerungen nieder. Das Anlie­gen ihres im Frühjahr 1992 er­schienenen Buches formulieren sie so:Weil es in der damaligen DDR kaum eine geschlossene Darstellung von Erlebnissen, Erfahrungen und Befindlichkei­ten junger Juden während der Jahre 1933 bis 1945 gab, wollten wir anhand unseres eigenen Lebens, unserer eigenen Schick­sale und der unserer Familien und Freunde diese furchtbare Zeit besonders jenen jüngeren Men­schen nahebringen, die sie nicht mehr erleben mußten.(S. 276) Alice und Gerhard Zadek erzäh­len über ihr Leben im Berlin der 30er Jahre und ihre Erfahrungen im britischen Exil in jeweils eigenständigen Kapiteln: Jeder hat trotz oder gerade wegen des gemeinsamen Lebensweges sei­ne eigene Sicht auf die vergan­gene Zeit. Zudem bietet das Wechseln des Erzählstils eben­so wie die aus Privatbesitz ein­gefügten Fotos eine Auflocke­rung für den Leser.

In ihrem Vorwort zu diesem Buch schreibt Lea Rosh:Dem Über­leben im Exil verdanken wir eines der Bücher, von denen es leider in Deutschland noch zu wenige gibt. Auch deshalb, weil die, die überlebt haben, nicht zu berich­ten imstande sind das Nacher­zählen, das Berichten, das Erin­nern bereitet zu viel Pein. Viele, die ich interviewt habe, haben

mir dann unter Tränen gesagt: Nun werde ich wieder schlaflose Nächte haben...

Spät, aber noch nicht zu spät, können Leserinnen und Leser in diesem Buch Antworten auf die immer und immer wieder ge­stellte Frage finden: ‚Wie konnte es geschehen?(S: 5)

Wer sich der Beantwortung die­ser Frage aus nicht wissenschaft­licher, sondern aus der Perspek­tive der Alltagsgeschichte, des konkreten Einzelschicksals nä­hern will, dem sei dieses Buch empfohlen.

Es ist das Leben der sogenannten kleinen Leute, über das hier Auskunft gegeben wird. Somit hilft das Buch, eine Lücke zu schließen. Bislang liegen Erin­nerungen und Forschungen vor allem derliterarischen, politi­schen und gelehrten Emigran­tenprominenz vor(Wolfgang Benz). Die Sicht auf den Alltag im Dritten Reich, auf Demüti­gung und Ausgrenzung, auf Diskriminierung und Verfolgung aus dem Blickwinkel jener Ju­den, die als kleine Leute das Gros der Auswanderer stellten, ist ein wichtiger Beitrag zur weiteren Erforschung und Aufarbeitung nationalsozialistischer Vergan­genheit.

Eine gleiche Bedeutsamkeit er­langt die Beschreibung des Exils aus dieser Sicht. Die Emigration, keineswegs eine Idylle und sich durch viele Beschwernisse aus­zeichnend, war zweifelsohne ein Privileg für die auf diese Weise Geretteten.

Gerhard Zadek, Sohn eines Schneiders, wuchs mitten in Berlin, unmittelbar am Alexan­derplatz,'auf. Die Familie ‚war keineswegs streng religiös. Gefeiert wurde alles und nichts ausgelassen, weder die jüdischen noch die christlichen Feiertage.

(S. 26) Er erlernte den Beruf NN eines Drehers, und über. die|#2 Mitgliedschaft in derDeutsch- F

Jüdischen Jugendgemeinschaft machte er die Bekanntschaft mit

dem Jungkommunisten Herbert Baum, der das Leben von Ger­hard Zadek entscheidend beein­flussen sollte. Baum leitete zwi­schen 1938 und 1942 eine illega­le antifaschistische Widerstands­gruppe in Berlin, der über 60 Jugendliche jüdischer Abstam­mung, darunter auch Alice und Gerhard Zadek, angehörten. Alice Zadek, geb. Kronheim, war ebenfalls Berlinerin und begann 1935 eine Lehre als Expedientin ineinem Konfektionsbetrieb. Im Sinne der nationalsozialistischen Rassegesetze war sie Halbjüdin, denn ihre Mutter warArierin, der Vater Jude.

So verkörpern die Autoren nicht das gängige Bild vom Juden, der reich ist vom Handel treiben oder Geschäfte machen und der streng nach den religiösen Regeln und Vorschriften lebt.

Das Buch gibt Einblicke in die Problematik, warum die Juden nach dem Machtantritt der Na­tionalsozialisten nicht mehrheit­lich Deutschland verließen.

Die Antwort auf diese Frage muß so vielschichtig ausfallen wie es Juden in Deutschland gab. Zu­dem war die Auswanderungspo­litik des NS-Regimes äußerst widersprüchlich, 1941 wurde den Juden die Auswanderung gänz­lich verboten. Neben finanziel­len Schwierigkeiten, die eine Ausreise für viele unmöglich machte, bildeten die allgemei­nen Bedingungen der potentiel­len Aufnahmeländer ein wesent­liches Erschwernis. Schließlich fühlten sich die Juden nicht in erster Linie als Juden, sondern als Deutsche jüdischen Glaubens.

Ihr Patriotismus und der hohe Grad ihrer Assimilation ließ sie nicht wahrhaben wollen, daß ihnen die Vernichtung bevor­stand.

Das Beispiel der Familie Ger­hard Zadeks zeigt, wie sich die Ausgrenzung der Juden aus al­len Bereichen Schritt für Schritt bis hin zur Deportation und Ver­nichtung vollzog. Zadek doku­mentiert dies anschaulich, indem er die wichtigsten antijüdischen gesetzlichen Maßnahmen und Richtlinien ab 1933 in seine Er­innerungen einfließen läßt. Beide erleben die Progromnacht des 10. November 1938. Die Juden waren danach immer bru­talerer Verfolgung ausgesetzt. Alles war für jüdische Bürger mit Beginn des neuen Jahres 1939 komplizierter geworden. (S. 133) Alice und Gerhard ver­lieren ihre Arbeit. Durch gute Freunde des Vaters hatte Alice ein englisches Visum erhalten. Ihre Ausreise ermöglichte es auch Gerhard, nach Großbritannien zu emigrieren buchstäblich im letzten Moment. Der Zug, mit dem er Deutschland verläßt, ist auf Jahre der letzte, der die Gren­ze in Richtung Holland passiert es war der 26. 8. 1939. Tage später bricht der Zweite Welt­krieg aus.

Alice und Gerhard Zadek: Mit dem letzten Zug nach England. Opposition. Exil. Heimkehr. Berlin: Dietz Verlag GmbH, 1992. 284 S., 66 Abb.

Dr. Irene Diekmann FB Geschichtswissenschaften

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