Heft 
(1.1.2019) 02
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angemessene Vorstellung vom Schüler, je nach der Entwick­lungsstufe, auf der er sich befin­det. Zweitens von den Inhalten des Faches her, weil der Lehrer die Inhalte und Strukturen des Faches und die kognitive Struk­tur des Denkens der Schüler muß vermitteln können. Diese Balan­ce zwischen den Strukturen der Inhalte und den Denkstrukturen der Schüler auf unterschiedlichen Altersstufen hat der Lehrer her­zustellen, und deshalb muß er beides beherrschen, die Struktu­ren seiner Fachwissenschaft und die Psychologie des Schülers, die seine Erkenntnisfähigkeit be­stimmt. Deswegenist die profes­sionelle Aufgabe des Lehrers nicht bloß das Vermitteln von Inhalten, um sie dem Gedächtnis des Schülers zu überliefern, sondern eine strukturell ange­messene Rekonstruktion der Inhalte und Strukturen der Fä­cher für den Kopf des Schülers, dessen Denk- und Verstehens­strukturen entwicklungsange­messen begriffen werden müs­sen. Dies ist die zentrale didakti­sche Lehreraufgabe. Weiteres kommt hinzu: die Fähigkeit, einen Schüler in der Gruppe al­ters- und institutionsspezifisch zu erziehen, ihn zu motivieren, zu disziplinieren, ihn auf pro­duktive Weise für den Unter­richt und für die Schule zu inter­essieren, seine destruktiven oder aggressiven Neigungen in kon­struktive Kanäle zu lenken usw. Dies ist der pädagogisch-psy­chologische Kontext des Unter­richts.

Auch dieser braucht heute in anderer Weise als früher einen professionellen Ausbildungs­gang, denn die benötigten Kom­petenzen fallen nicht vom Him­mel. Heute hören wir Lehrer dar­über klagen, wie sie in der Schu­le verbraucht werden von Schü­lern, deren Eigenschaften sie aus ihrer eigenen Schul- und Jugend­zeit nicht mehr erinnern können! Sie haben es mit Kindern zu tun, die gewaltbereit sind, die von den Medien bestimmt sind, von neuen Verkehrsverhältnissen,

vor allem von neuen Familien­verhältnissen mit stark veränder­ten Strukturen geprägt sind, und die von einer neuartigen Ökono­mie mit neuartigen Perspektiven auf Beruf und familiäre Zukunft in völlig anderer Weise beein­flußt sind als das die Kinder einer stabileren Welt waren. Deshalb müssen die Lehrer Probleme lösen, für die bis heute praktisch noch nirgendwo angemessene Lösungen gefunden worden sind. Ganzheitlich repräsentieren die­se Aufgaben den unterrichtswis­senschaftlichen und den pädago­gisch-psychologischen Profes­sionalisierungsbereich.

Dazu kommt noch eine Menge zusätzlicher Aufgaben, die es früher für Lehrer nicht gab: Be­teiligung an der Forschung und an der Curriculumentwicklung, Aufgaben der Sozialtechnologie, administrative Aufgaben der Unterrichts- und Schulführung u. a. m. Insgesamt also benötigen diese Aufgaben einen Kranz von Qualifikationen, die in der Pro­fession unerläßlich sind, aber bisher von der Universität nicht befriedigend angeboten wurden. Vor diesem Hintergrund darf man freilich nicht vergessen, daß nach wie vor der größte Teil der Lehrerqualifikation durch das Fach abgerufen wird, also das Studium eines Faches voraus­setzt. Das drückt sich auch in der LPO aus, die vom Lehrer in einem Oberstufenfach 80 SWS und in einem Fach der Sekundar­stufe I 50 SWS erfordert. Stu­diert jemand zwei solcher Fä­cher, dann sind bereits 130 SWS vom Studium vergeben, und es verbleiben noch 32 SWS für das Potsdamer Kernstudium der Erziehungswissenschaften, in denen Pädagogik, Psychologie und Sozialwissenschaften inte­grativ miteinander verbunden sind, was für den professions­orientierten Bereich dringend er­forderlich ist. Es geht im wesent­lichen darum, daß dieser erzie­hungswissenschaftlich-pädago­gische Bereich auf die profes­sionsorientierten Zwecke hin systematisch reflektiert wird und daß gemeinsam mit den Fach­wissenschaften an der Universi­

tät nach Wegen gesucht wird, wie die Fachdidaktik, die ja zu den jeweiligen Fächern ge­hört, in produktiver Weise mit einer kognitionswissenschaftlich orientierten Erziehungswissen­schaft und Psychologie koordi­niert werden kann.

PUZ: Das Modell beruht auf der Integration mehrerer Kompo­nenten. Könnten Sie diese cha­rakterisieren und ihre Verknü­pfung miteinander aufzeigen?

Edelstein: Die erste Komponen­te des integrativen, professions­orientierten Lehrerstudiums ist zunächst und vorwiegend das fachwissenschaftliche Studium. Der schwere Kern jeder Lehrer­bildung ist nach wie vor die Fachwissenschaft. Darin enthal­ten ist die Fachdidaktik, die mit Bedacht beim Fach belassen wurde. Sie soll kein bloßes Re­zeptwissen vermitteln, sondern nach Möglichkeit mit Hilfe der kognitiv-psychologischen allge­meinen Didaktik der erziehungs­wissenschaftlichen Komponen­te auf eine höhere Stufe der Reflexion gehoben werden, damit ein für die Fächer und den erziehungswissenschaftli­chen Kern gemeinsam gelten­des, unterrichtswissenschaftli­ches Prinzip realisiert werden kann, eine Kkognitionswissen­schaftlich orientierte Didaktik oder Unterrichtstheorie. Diese erst ist in der Lage, die Struktur der Fächer psychologisch so zu transformieren, daß sie Schülern unterschiedlicher Altersstufen entwicklungsangemessen ver­mittelt werden kann, und dabei das Fach in seiner Struktur erhal­ten bleibt und der Struktur ent­sprechend verstanden wird. Das ist eine zentrale und zugleich komplizierte Aufgabe.

Die Fachdidaktik schlägt die Brücke zwischen dieser Kompo­nente der Fachwissenschaft und der Komponente der erziehungs­wissenschaftlichen Grundlagen. Letztere setzt sich bei uns inte­grativ zusammen aus Pädago­gik, Psychologie und Sozialwis­senschaften und umfaßt 32 SWS. Im einzelnen ist das der erzie­

hungswissenschftliche Anteil mit 12 SWS Pädagogik(Systemati­sche Pädagogik, Theorie der Schule, Lehrplantheorie) und 12 SWS Psychologie. Die Psycho­logie enthält einerseits die allge­meine kognitionswissenschaftli­che Didaktik und andererseits die pädagogische Psychologie, im Sinne der Persönlichkeitstheorie des Schülers und seiner Bera­tungsbedürfnisse.

Dem sozialwissenschaftlichen Bereich der Erziehungswissen­schaft liegt vor allem die Sozia­lisationsforschung zugrunde, die gegenwärtige Sozialisationsbe­dingungen in Schule und Eltern­haus analysiert und deren Her­kunft aus historischen Formen der Sozialisation in der Geschich­te der Schule betrachtet.

Die dritte Komponente bilden die studienbegleitenden Prakti­ka. ­

Sie stellen differenziert geplante und über das Studium hinweg verteilte, intensiv durchgeführte Erfahrungsanreicherungen dar, die Impulse aus der schulischen Realität aufnehmen, um sie in das Studium so einzubringen, daß das theoretische Studium auf die in den Praktika gewonnenen Er­fahrungen angemessen antwor­ten kann. Zu Beginn des Stu­diums gibt es einSchnupper­praktikum, in dem elementare Erfahrungen in der Schule unter den Gesichtspunkt des späteren Berufs gestellt werden können. Danach antworten die theoreti­schen Seminare auf dieses erste Praktikum. Wenn das abgearbei­tet ist, kommt das zweite Haupt­praktikum, in dem erste Unter­richtserfahrungen gemacht wer­den, vor allem aber Gesichts­punkte der pädagogischen Psy­chologie und der allgemeinen Didaktik eingebracht werden. Und wiederum antwortet in den weiteren Semestern das Ange­bot der Seminare und Unter­richtsveranstaltungen der Grund­lagenfächer auf die dort aufge­worfenen Fragen, so daß der zukünftige Lehrer mit diesen Fragen etwas anfangen kann. In

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