Nr. 4/93— Seite 10
STUDENTEN
Die Reform der Massenuniversität ist überfällig
Seit den siebziger Jahren hat die Öffnung der deutschen Universitäten durch die neue Bundesrepublik der damaligen SPD Regierungen fast überall zu anonymen und oft uneffektiven Massenuniversitäten geführt. Zwar wurde auf diesem Wege durch eine breite Verteilung der inzwischen knapp gewordenen Geldmittel der Zugang zur Universität für gesellschaftliche Schichten geöffnet, denen das Studium bis dahin aus verschiedenen Gründen nicht möglich war. Die damit einhergehenden negativen Folgeerscheinungen wurden aber einfach toleriert und hingenommen. Kann man diese Öffnung der Universitäten für alle Bevölkerungsschichten als etwas grundsätzlich Positives beurteilen, so müssen wir uns doch heute mehr denn je mit den gravierenden negativen Auswirkungen dieser Politik beschäftigen und Lösungsmöglichkeiten finden.
Sie führte zu einer großen Orientierungslosigkeit der Studenten, besonders der Erstsemester beim Eintritt in die Hochschule, zu völlig überfüllten Hörsälen und Veranstaltungen, zur Lehrmittelknappheit und zu einer viel zu geringen Betreuung der Studenten durch ihre Professoren oder anderen Lehrkräfte. Die Folge waren immer längere Studienzeiten, eine Entfremdung zwischen dem Studium und den Studenten und ein drastisches Absinken der Qualität von Forschung und Lehre. Die im Studium immer wieder viel beschworene Interdisziplinarität, die gerade im Hinblick auf die auf uns zukommenden europäischen Märkte und die sich immer mehr verzahnenden Bereiche von Wirtschaft und Wissenschaft unbedingt nötig wäre, ist dabei leider völlig auf der Strek
ke geblieben. Durch falsche bildungspolitische Zielsetzungen der vergangenen Jahre wurden hochqualifizierte Leistungen an den Universitäten zur Ausnahme und besonders Begabte nicht mehr ausreichend gefördert. Der Begriff der Elite bekam einen negativen Beigeschmack, obwohl eine geistige und technische Führungsschicht in jedem Land Voraussetzung für einen breiten und gerecht verteilten Wohlstand aller gesellschaftlicher Gruppen ist...
An diesem Punkt gilt es anzusetzen und sowohl Strukturen als auch Inhalte des Studiums und der Hochschulen zu reformieren:
Die Fachhochschulen mit ihren näheren berufsspezifischen Ausrichtungen müssen gestärkt und ausgebaut werden, damit sie eine anerkannte Alternative zu einem Universitätsstudium werden. Ein Fachhochschulabschluß sollte nahtlos in die Berufspraxis übergehen und nicht als Sprungbrett für ein anschließendes Universitätsstudium benutzt werden. Promotionen müssen den Universitäten vorbehalten bleiben.
Finanzielle Fördermittel des Staates an Studenten sollen mit entsprechenden Leistungsnachweisen gekoppelt werden, damit das Gießkannenprinzip vermieden wird und zukünftige Förderungen gezielter eingesetzt werden können. Dabei ist die soziale Herkunft zu berücksichtigen. Es muß ein Mischsystem von Darlehen und Zuschüssen gestaltet werden. Fachübergreifende Studien müssen möglich sein, auch wenn sie das Studium verlängern, um keine„Fachidioten“‘ zu produzieren. Für solche weiterbildenden Maßnahmen dürfen Fördermittel kein Engpaßfaktor darstellen, sondern sie müssen,
soweit sie sinnvoll sind, integrierbar sein. Der Begriff Leistung und besonders wissenschaftliche Qualifizierung von Eliten müssen wieder positiv im Sprachgebrauch besetzt werden. Die Einführung von Studiengebühren zusätzlich zu den bereits entsprechend der Semesteranzahl vorhandenen Sozialgebühren ist abzulehnen.
Eine besondere Berücksichtigung erfordert die Situation von Studenten mit Kindern. Für diese Zielgruppe sind an den Hochschulen eigene Kindergärten mit ausreichend Plätzen zu schaffen. Auch müssen spezielle Förderprogramme für studierende Eltern die Möglichkeit bieten, ihr Studium erfolgreich abzuschließen. Gerade alleinerziehende Elternteile dürfen wegen ihres Kindes keine Benachteiligung erfahren. Die studentischen Wohnungsbauprogramme müssen erheblich gesteigert werden, damit vor allem auswärtige Studenten keine Studienzeit durch Wohnungssuche verlieren. Das Abitur ist als Hochschulzugangsberechtigung beizubehalten. Bereits Berufstätigen ohne Abitur stehen die Fachhochschulen für eine Weiterbildung zur Verfügung.
Um den NC möglichst bald abzuschaffen, sollten ergänzende fachspezifische Eingangsprüfungen von den Universitäten angeboten werden, damit derartige Kenntnisse und Begabungen besser berücksichtigt werden können im Vergleich zu guten Schulnoten in fachfremden Fächern. Dadurch kann auch der Wettbewerb der Universitäten untereinander um gute Studenten gesteigert werden. Der Übergang von der Schule zur Universität ist durch bessere Einführungen und Erklärungen der einzelnen Studiengänge erheb
lich zu verbessern. Insbesondere müssen die unterschiedlichen Anforderungsprofile verdeutlicht werden, damit die vielen Studienwechsel, die auf mangelnde Informationen zurückzuführen sind, verringert werden können... Auch für die Universitäten selbst und deren Professoren muß die entsprechende wissenschaftliche Qualifizierung und Leistung als Gradmesser angesetzt werden. Die Lehre darf für den Professor nicht nur ein lästiges Anhängsel sein, wie es leider heutzutage vielfach üblich ist, sondern sie muß gleichbedeutend mit der Forschung gewichtet werden. Die Professoren müssen sich immer wieder den neuen wissenschaftlichen Anforderungen stellen‘..: Unbedingt nötig ist auch in vielen Studienfächern eine bessere Prüfungsstruktur über das ganze Studium verteilt. Die Studieninhalte sind der wissenschaftlichen Entwicklung anzugleichen. Wenn ein neuer Stoff hinzukommt, muß aber auch die Möglichkeit bestehen, überholte Fachinhalte wieder herauszustreichen... Die großen und anonymen Massenuniversitäten müssen auf vernünftige und übersichtliche Größenordnungen und Strukturen zurück gebildet werden. Universitäten mit über 50 000 Studenten bilden einen Moloch, in dem der einzelne verschwindet und keine Beziehung mehr zu seinem Studium entwickeln kann. Eine große Studienabbrecherquote und zu lange Studienzeiten sind darin vorprogrammiert. Michael Kunert RCDS Landesvorsitzender Berlin-Brandenburg (Ring Christlich Demokratischer Studenten)