Heft 
(1.1.2019) 04
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Nr. 4/93 Seite 10

STUDENTEN

Die Reform der Massenuniversität ist überfällig

Seit den siebziger Jahren hat die Öffnung der deutschen Univer­sitäten durch die neue Bundesre­publik der damaligen SPD Re­gierungen fast überall zu anony­men und oft uneffektiven Mas­senuniversitäten geführt. Zwar wurde auf diesem Wege durch eine breite Verteilung der inzwi­schen knapp gewordenen Geld­mittel der Zugang zur Univer­sität für gesellschaftliche Schich­ten geöffnet, denen das Studium bis dahin aus verschiedenen Gründen nicht möglich war. Die damit einhergehenden negati­ven Folgeerscheinungen wur­den aber einfach toleriert und hingenommen. Kann man diese Öffnung der Universitäten für alle Bevölkerungsschichten als etwas grundsätzlich Positives be­urteilen, so müssen wir uns doch heute mehr denn je mit den gra­vierenden negativen Auswirkun­gen dieser Politik beschäftigen und Lösungsmöglichkeiten fin­den.

Sie führte zu einer großen Orien­tierungslosigkeit der Studenten, besonders der Erstsemester beim Eintritt in die Hochschule, zu völlig überfüllten Hörsälen und Veranstaltungen, zur Lehrmittel­knappheit und zu einer viel zu geringen Betreuung der Studen­ten durch ihre Professoren oder anderen Lehrkräfte. Die Folge waren immer längere Studien­zeiten, eine Entfremdung zwi­schen dem Studium und den Studenten und ein drastisches Absinken der Qualität von For­schung und Lehre. Die im Stu­dium immer wieder viel be­schworene Interdisziplinarität, die gerade im Hinblick auf die auf uns zukommenden europäi­schen Märkte und die sich im­mer mehr verzahnenden Berei­che von Wirtschaft und Wissen­schaft unbedingt nötig wäre, ist dabei leider völlig auf der Strek­

ke geblieben. Durch falsche bil­dungspolitische Zielsetzungen der vergangenen Jahre wurden hochqualifizierte Leistungen an den Universitäten zur Ausnah­me und besonders Begabte nicht mehr ausreichend gefördert. Der Begriff der Elite bekam einen negativen Beigeschmack, ob­wohl eine geistige und techni­sche Führungsschicht in jedem Land Voraussetzung für einen breiten und gerecht verteilten Wohlstand aller gesellschaftli­cher Gruppen ist...

An diesem Punkt gilt es anzuset­zen und sowohl Strukturen als auch Inhalte des Studiums und der Hochschulen zu reformie­ren:

Die Fachhochschulen mit ihren näheren berufsspezifischen Aus­richtungen müssen gestärkt und ausgebaut werden, damit sie eine anerkannte Alternative zu einem Universitätsstudium werden. Ein Fachhochschulabschluß soll­te nahtlos in die Berufspraxis übergehen und nicht als Sprung­brett für ein anschließendes Uni­versitätsstudium benutzt wer­den. Promotionen müssen den Universitäten vorbehalten blei­ben.

Finanzielle Fördermittel des Staates an Studenten sollen mit entsprechenden Leistungsnach­weisen gekoppelt werden, damit das Gießkannenprinzip vermie­den wird und zukünftige Förde­rungen gezielter eingesetzt wer­den können. Dabei ist die soziale Herkunft zu berücksichtigen. Es muß ein Mischsystem von Dar­lehen und Zuschüssen gestaltet werden. Fachübergreifende Stu­dien müssen möglich sein, auch wenn sie das Studium verlän­gern, um keineFachidioten zu produzieren. Für solche weiter­bildenden Maßnahmen dürfen Fördermittel kein Engpaßfaktor darstellen, sondern sie müssen,

soweit sie sinnvoll sind, integrier­bar sein. Der Begriff Leistung und besonders wissenschaftliche Qualifizierung von Eliten müs­sen wieder positiv im Sprachge­brauch besetzt werden. Die Ein­führung von Studiengebühren zusätzlich zu den bereits entspre­chend der Semesteranzahl vor­handenen Sozialgebühren ist abzulehnen.

Eine besondere Berücksichti­gung erfordert die Situation von Studenten mit Kindern. Für die­se Zielgruppe sind an den Hoch­schulen eigene Kindergärten mit ausreichend Plätzen zu schaffen. Auch müssen spezielle Förder­programme für studierende Eltern die Möglichkeit bieten, ihr Studium erfolgreich abzu­schließen. Gerade alleinerzie­hende Elternteile dürfen wegen ihres Kindes keine Benachtei­ligung erfahren. Die studenti­schen Wohnungsbauprogram­me müssen erheblich gesteigert werden, damit vor allem auswär­tige Studenten keine Studienzeit durch Wohnungssuche verlieren. Das Abitur ist als Hochschulzu­gangsberechtigung beizubehal­ten. Bereits Berufstätigen ohne Abitur stehen die Fachhochschu­len für eine Weiterbildung zur Verfügung.

Um den NC möglichst bald ab­zuschaffen, sollten ergänzende fachspezifische Eingangsprü­fungen von den Universitäten angeboten werden, damit derar­tige Kenntnisse und Begabun­gen besser berücksichtigt wer­den können im Vergleich zu guten Schulnoten in fachfrem­den Fächern. Dadurch kann auch der Wettbewerb der Universi­täten untereinander um gute Studenten gesteigert werden. Der Übergang von der Schule zur Universität ist durch bessere Ein­führungen und Erklärungen der einzelnen Studiengänge erheb­

lich zu verbessern. Insbesondere müssen die unterschiedlichen Anforderungsprofile verdeut­licht werden, damit die vielen Studienwechsel, die auf man­gelnde Informationen zurückzu­führen sind, verringert werden können... Auch für die Universitäten selbst und deren Professoren muß die entsprechende wissenschaftliche Qualifizierung und Leistung als Gradmesser angesetzt werden. Die Lehre darf für den Professor nicht nur ein lästiges Anhängsel sein, wie es leider heutzutage vielfach üblich ist, sondern sie muß gleichbedeutend mit der Forschung gewichtet werden. Die Professoren müssen sich immer wieder den neuen wis­senschaftlichen Anforderungen stellen..: Unbedingt nötig ist auch in vie­len Studienfächern eine bessere Prüfungsstruktur über das ganze Studium verteilt. Die Studien­inhalte sind der wissenschaftli­chen Entwicklung anzugleichen. Wenn ein neuer Stoff hinzu­kommt, muß aber auch die Mög­lichkeit bestehen, überholte Fa­chinhalte wieder herauszu­streichen... Die großen und anonymen Mas­senuniversitäten müssen auf vernünftige und übersichtliche Größenordnungen und Struktu­ren zurück gebildet werden. Universitäten mit über 50 000 Studenten bilden einen Moloch, in dem der einzelne verschwin­det und keine Beziehung mehr zu seinem Studium entwickeln kann. Eine große Studienabbre­cherquote und zu lange Studien­zeiten sind darin vorprogram­miert. Michael Kunert RCDS Landesvorsitzender Berlin-Brandenburg (Ring Christlich Demokratischer Studenten)