Heft 
(1.1.2019) 14
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Nr. 14/93 Seite 8

SYMPOSIUM

Die politische Klasse in den neuen Bundesländern Eliten zwischen Kontinuität und Wandel

Außerordentlich vielverspre­chend scheint die Chance, anhand der gesellschaftlichen Prozesse im vereinten Deutschland auch über das Verhältnis von gesellschaftli­chen Transformationsprozessen und Eliten, Fragen der Elitenneu­konstitution und vor allem ihres Verbleibs im Zusammenhang mit Systemwechseln zu diskutieren, Theorien und Modelle zu überprü­fen und vielleicht sogar neu zu for­mulieren. Was lag also für die Beförderung des Erkenntnispro­zesses näher als ein erster Erfah­rungsaustausch. Hierzu veranstal­tete der Fachbereich Sozialwis­senschaften am 8. Juli 1993 ein eintägiges Symposion unter der ÜberschriftDie politische Klas­se in den neuen Bundesländern. Eliten zwischen Kontinuität und Wandel. Die theoretische Vor­bereitung des Symposions lag in den Händen von Prof. Wilhelm Bürklin, Inhaber des Lehrstuhls für Politikwissenschaft/Innenpo­litik.

Als Gäste seitens der Universität nahmen teil der Rektor Rolf Mitz­ner, Karl Rohe, Gründungsbe­auftragter für die Sozialwissen­schaften, umd Wolfgang Loschel­der, Dekan der Juristischen Fakul­tät. Das Feld der eingeladenen Experten versprach ein hohes Niveau der Debatten und wirkte sich fruchtbar auf den Ertrag der Veranstaltung aus.

Gleichsam stellvertretend genannt werden sollen an dieser Stelle Ur­sula Hoffmann-Lange(DJI, Mün­chen), Glaeßner(FU Berlin), Klaus von Beyme(Universität Heidelberg), Werner Patzelt(Uni­versität Passau/Dresden), Hans­Ulrich Derlien und Stefan Lock (Universität Bamberg).

Minister Hinrich Enderlein wies in seinem Grußwort an die Teilneh­mer des Symposions auf die Chan­ce hin, den Umbruch für die Schaffung einer neuen politi­schen Kultur zu nutzen und damit die demokratischen Wurzeln der Umwälzungen in der DDR nicht ungenutzt verdorren zu lassen. Noch verlaufe das politische Ver­halten der politischen Klasse nicht

voll und ganz entlang der traditio­nellen, soll heißen westlichen, Konfliktlinien. Daß diese Chance in Ansätzen schon vertan sei, dar­auf verwies Wilhelm Bürklin in seiner thematischen Auflassung. Denn der Zusammenbruch des po­litischen Systems der DDR führte quasi über Nacht zum Austausch der Erwerbsressourcen von Elite­positionen. Da diese Prozesse und Ressourcen dem westlichen Ge­sellschaftsmodell immanent sind, verläuft auch die Elitentransfor­mation eher als ein Verdrängungs­prozeß ostdeutscher Eliten durch westdeutsche. Womit sofort die Frage der Elitentransformation auftritt, da es vor allem auch durch das deutsche Spezifikum des Eli­tentransfers, im Gegensatz zu den Prozessen in Osteuropa, zu einer Neudefinierung der Hierarchie gekommen ist. Nämlich derart, dasOben mitWest undUn­ten mitOst gleichgesetzt wer­den könne. Daß diese Verletzung legitimer Gerechtigkeitsvorstel­lungen durchaus nicht unbedeu­tend ist, zeigt ein Blick in unsere eigene Geschichte. Er belegt die Erkenntnis, daß Identifikation und Unterstützung von Eliten lebens­wichtig sind für den Bestand eines politischen Systems. Dies aller­dings anzuerkennen heißt aller­dings auch, sich intensiv mit der Geschichte der DDR-Gesellschaft auseinanderzusetzen.

Ein erstes Panel beschäftigte sich unter Leitung des Präsidenten des Wissenschaftszentrums Berlin, Wolfgang Zapf, mit den Tradi­tionsbeständen der Elitenfor­schung und der Frage, was diese uns für die anstehenden Probleme lehren können. Doch schon in die­ser Abteilung zeigten sich die Tücken dieses schwierigen Ge­schäftes. Eine erste derer die Be­griffswahl ist. Klaus von Beyme (Universität Heidelberg) nahm sich des Spannungsbogens der Begriffe von politischer Klasse und Eliten aus dem Thema des Symposions an und verwies in diesem Zusammenhang auf be­stimmte Theoriedefizite. Aus heu­tiger Sicht eher zurückzuweisen

seien die klassischen Elitebegriffe von Mosca und Pareto. Besser griffen da schon die Arbeiten Mi­chels' und Webers, die stärker auf den bürokratischen Aspekt der modernen Gesellschaft abstellten. Von Beyme stellte die grundsätzli­che Frage, ob der Klassenbegriff überhaupt auf das Politische über­tragbar sei. Dabei kommt er zu dem Schluß, daß die klassische Marxsche Klassendefinition nach derDiesselbigkeit der Reve­nüen durchaus geeignet ist zu be­schreiben, was die politische Klas­se tue. Allein, dies ist nicht hin­länglich. Für eine wissenschaftli­che Analyse müssen die Prozesse der Entwicklung der Gesellschaft hin zu Etatisierung, Professionali­sierung und Kommerzialisierung und die Differenzierung ihrer Sphären mit in Betracht gezogen werden. Bei einer genaueren Un­tersuchung läßt sich das konkrete

Handeln der politischen Klasse auf vier miteinander verflochtene Komplexe zurückführen, die selbst wieder in zahlreiche Facet­ten zerfallen. Es sind dies(a) das Phänomen des Parteienstaates,(b) die Professionalisierung politi­scher Tätigkeit,(c) die Parteienfi­nanzierung als Ausdruck der Etati­sierung politischer Partizipation und(d) die Teilung gemeinsamer Privilegien. Die politische Klasse ist offensichtlich keine einheitlich handelnde Akteursgemeinschaft, sondern ebenso wie die Gesell­schaft von einer fortschreitenden Ausdifferenzierung und damit einer Aufteilung in viele vonein­ander getrennte Elitensektoren ge­zeichnet. Paradoxerweise, so meint von Beyme zu erkennen, werden die Kooperationsbezie­hungen dieser Teileliten jedoch immer enger. Konsequent zu Ende gedacht, würde dies bedeuten, daß

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