Heft 
(1.1.2019) 15
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Nr. 15/93 Seite 12

STUDENTEN

Offener Brief an die Studenten der Potsdamer Universität

Vor gut zwei Jahren, im Juli 1991, wurde die Universität Potsdam gegründet. Ich selbst war ab Februar 1990 Mitglied einer Arbeitsgruppe, die diese Gründung vorbereitet hat und bin jetzt über das Wissenschaft­ler-Integrations-Programm hier als Dozent(Fachgebiet Mathe­matische Physik) tätig. Ich ziehe folgende Zwischenbilanz: Der Vorwurf, diese Gründung sei ein Etikettenschwindel, ist völlig unberechtigt; was zutrifft, ist die Tatsache, daß mit der Namens­gebung Vorschußlorbeeren ver­geben wurden, die es zum Teil erst noch zu rechtfertigen gilt. Dazu möchte ich nachfolgend meine Sicht wiedergeben:

1. Es sind noch nicht alle Stu­dienordnungen fertig und ver­fügbar. Natürlich ist dies bei der Studienplanung belastend. Es ist aber abzusehen, daß die aktuell vorhandenen vorläufigen Ord­nungen nicht mehr wesentlich geändert werden müssen. Für den Fall, daß eine Reihe von Studenten und Studentinnen vor der Situation steht, daß sie kurz vor Studienabschluß doch noch einen weiteren Vorlesungsbe­such nachweisen müssen(etwa durch eine kurz zuvor erfolgte Änderung der Ordnung), geht immer noch folgendes: Man kann ganz kurzfristig, auch kurz vor Semesterende, noch eine Vorlesung/Übung zusätzlich ansetzen und diese dann in Blockform durchführen. Ich habe diese Möglichkeit den gewählten Studentenvertretern ausdrücklich empfohlen, falls sich mindestens sechs Studen­ten/Studentinnen zusammenfin­den, die einen solchen Block nicht nur brauchen(im Sinne eines formalen Teilnahmebe­legs), sondern auch wirklich hören wollen. Ich habe damit schon gute Erfahrung gemacht: eine maßgeschneiderte 2 SWS­Vorlesung, die also theoretisch ein Semester(d. h. 12 Wochen lang) wöchentlich zwei Stunden Vorlesung umfaßt, wurde So verteilt: Freitag 16 Uhr bis Samstag 15 Uhr: 12 Stunden Vorlesung; 2 Wochen darauf

derselbe Umfang. Natürlich ist das ein Schlauch; ich nenne das hier aber, um die Möglichkeiten anzudeuten. Nebenbei: Alle 16 Hörer des ersten Wochenendes kamen auch zum zweiten!

2. Literaturbeschaffung: Die heutigen hohen Preise für Fach­bücher sind m. E. teilweise sit­tenwidrig im Sinne des$ 138 BGB- anbetrachts der Tatsache, daß Studenten benötigte Fach­bücher weder selbst sämtlich kaufen noch vollständig aus Bibliotheken ausleihen können. Zum Glück kann ich mir trotz­dem regelmäßig Fachbücher kaufen. Ich habe auch mehrfach private Bücher an Studenten verborgt; dies hat sich leider nicht bewährt, da kaum ein Stu­dent mir die Bücher zum verein­barten Termin zurückbrachte. Schade für die pünktlichen Stu­denten; als Alternative biete ich an: Wenn ein Student ein Buch benötigt, das nicht in der Univer­sitätsbibliothek, wohl aber in meiner Privatbibliothek exi­stiert, dann bin ich bereit, dieses zum Zeitwert an die Univer­sitätsbibliothek zu verkaufen.

Noch zwei Bemerkungen zum Fachbuch: a) Kürzlich machte mir ein bekannter deutscher Verlag das Angebot, mir ein über 100, DM teures Fachbuch unentgeltlich zu überlassen, wenn ich es in einer Vorlesung den Studenten zum Kauf emp­fehlen würde. Ich hätte das Angebot angenommen, wenn es wirklich ein Buch von herausra­gender Bedeutung gewesen wäre, so schickte ich aber das Buch zurück. b) Ich bin der Meinung, daß jeder, der Mathe­matik oder Physik studiert, eng­lischsprachige Fachliteratur le­sen können sollte(da bei diesen Gebieten durch viele Formeln ja sowieso eine Verstehenshilfe vorliegt). Und Cambridge Uni­versity Press hat eine preiswerte Paperback-Reihe; meine Erfah­rung damit: Deutsche Buch­handlungen behaupten, große Probleme zu haben, diese zu besorgen, im Angebot haben sie sie sowieso nicht dagegen: Ich

‚eine

schickte schon mehrfach einen Euroscheck in die Trumpington Street GB-CB2 12RP Cambrid­ge, und erhielt postwendend die Bücher zugeschickt. Meine Hoffnung: Wenn die Strukturen der Potsdamer Universität stabi­lisiert sind, bringt Potsdam das deutsche Pendant zur Cambrid­ge-Reihe in eigener Regie her­aus.

3. Zusatzstudium für Lehrer: Ich hatte kürzlich ein längeres Gespräch mit einer Familien­mutter, die jetzt als Mathematik­und Physiklehrerin an einem Gymnasium unterrichtet, wäh­rend sie früher nur bis zur 10. Klasse unterrichtet hatte. Sie macht jetzt parallel zur Arbeit ein Zusatzstudium an der Uni­versität Potsdam, um künftig ihre Schüler kompetent zum Abitur führen zu können. Dies zusammen stellt im Grunde eine unzumutbare Überlastung dar. Leider ist das Alternativmodell (ein Jahr reines Direktstudium bei voller Lohnfortzahlung) nicht realisiert worden. Trotz­dem lehne ich die andere disku­tierte Alternative(den Universi­tätsabschluß mit wesentlich weniger Arbeitsaufwand zu er­teilen), ab, denn es ist der nach­folgenden Schülergeneration nicht zuzumuten, von Lehrern zum Abitur geführt zu werden, die den Stoff selbst nur mühsam beherrschen. Beispiel: Oben erwähnte Lehrerin fragte mich, ob man ihr nicht den Computer­kurs erlassen könnte, sie würde dies sowieso nicht im Unterricht brauchen. Meine Antwort war entsprechend und begannSo leid es mir für Sie persönlich tut. Ganz anders reagiere ich, wenn es darum geht, vorhandene Fähigkeiten schriftlich zu bestä­tigen; wenn etwa nach der ersten Vorlesung einer Vorlesungsrei­he einer meiner Hörer oder Hö­rerinnen glaubhaft sagt, er/sie wisse das ja alles, brauche aber Teilnahmebestätigung, dann führe ich eine Art Prü­fungsgespräch und erteile dann die Teilnahmebestätigung ohne weitere Anwesenheitspflicht.

Abschließend noch eine Bitte an die Teilnehmer dieses Zusatz­studiums: Es ist ja gar nicht selbstverständlich, daß sich re­gelmäßig Dozenten finden, die samstags Vorlesungen und Übungen für Sie zu halten bereit sind; bitte laden Sie nicht Ihren berechtigten Frust wegen der Überlastung auf uns ab.

4. An das Ende einer wissen­schaftlichen Qualifikationsar­beit gehört eine Danksagung. Sie ist für den Betreuer der Di­plom- oder Doktorarbeit das, was der Applaus für den Künst­ler ist ein völliges Fehlen ist schon eine recht herbe Ent­täuschung. Die Danksagung kann natürlich nicht per Prü­fungsordnung verordnet wer­den. Auch wird es ja vorkom­men, daß der Student/die Stu­dentin den Eindruck hat, daß die Betreuungstätigkeit gerade mal das erforderliche Mindestmaß erreicht hat dann sollte man das neutralereAcknowledgement als Überschrift wählen, aber dann doch in ein, zwei Sätzen beschreiben, wer welchen Teil der Arbeit als Thema empfohlen hat, und wer wichtige Hinweise zur Literatur gegeben hat. Ich selbst nehme mir jedenfalls viele Stunden Zeit, ehe ich ein Thema für eine wissenschaftliche Ar­beit vergebe damit eben eine Frage angegangen wird, deren Antwort mit großer Wahr­scheinlichkeit noch nicht ir­gendwo nachgelesen werden kann. Von den Studenten erwar­te ich dann, daß sie Konsulta­tionstermine einhalten und dort gegebene Hinweise ernstneh­men denn weder ihnen noch mir ist es angenehm, wenn Schwachpunkte der Arbeit(die in einer Konsultation hätten aus­geräumt werden können) dann im abschließenden Gutachten mit aufgeführt werden müssen.

Dr. habil. Hans-Jürgen Schmidt,

FB Mathematik, WIP-Projektgruppe Kosmologie