Heft 
(1.1.2019) 15
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SPORT

Nr. 15/93 Seite 13

Motorische Entwicklung in kulturellen Kontexten

Aus einem Forschungsprojekt des ArbeitsbereichsSport und Gesellschaft

Bei den Zinacanteco-Indianern in Mexiko werden die Säuglinge im Zuge ritueller Handlungen mit einem langen, schweren Hemdeingekleidet, das sie das ganze erste Lebensjahr hin­weg tragen. Die Neugeborenen werden zusätzlich in Decken eingewickelt, um zu vermeiden, daß sie ihre Seele verlieren, und ihr Gesicht wird abgedeckt, um sie vor dembösen Blick zu schützen. Während der ersten Lebensmonate werden sie fast ausschließlich imRebozo (einem Tragetuch) umhergetra­gen; nur selten können sie sich auf dem Boden frei bewegen; Spielzeug ist rar. Vergleicht man die motorische Entwicklung der Zinacanteco-Säuglinge mit den Entwicklungsstandards euro­päischer oder nordamerikani­scher Säuglinge, weisen sie er­hebliche Entwicklungsrück­stände auf.

Ganz anders dagegen gehen die Baganda im Oostafrikanischen Uganda oder die halbnomadi­schen!Kung San im Nordwe­sten Botswanas mit ihren Klein­kindern um. Bei den Baganda stellen gute Umgangsformen die Voraussetzung für den sozialen Aufstieg innerhalb der Baganda­Gesellschaft dar, und dasrich­tige Sitzen ist ein wichtiges Element dieser Umgangsfor­men. Deshalb beginnen die Baganda-Mütter schon frühzei­tig mit einem gezieltenSitztrai­ning. Auch die!Kung San Unterrichten ihre Säuglinge im Sitzen(und in anderen moto­rischen Fertigkeiten), aber aus anderen Gründen: Sie sind der Ansicht, ohne ein gezieltes mo­torisches Üben würden die Kno­chen weich bleiben uund nicht fest zusammenwachsen. In bei­den Fällen zeigen dieErzie­hungsmaßnahmen Wirkung: Die Säuglinge der beiden afrika­nischen Ethnien sind wesentlich früher in der Lage, frei zu sitzen, als die nordamerikanischen Kin­der.

Dies sind Beispiele für Varia­

tionsbreite der motorischen Ent­wicklung von Kleinkindern. Sie dokumentieren(wie viele ande­re), wie weitreichend auch die Motorik durch kulturelle Nor­men und Regeln und durch die in sie eingebetteten Sozialisations­praxen sozial präformiert wird. Die Beispiele wurden in einer zweijährigen Forschungsarbeit recherchiert, wobei Untersu­chungen über die motorische Sozialisation von negroiden und weißen Kleinkindern in den USA ebenso ausgewertet wur­den wie Berichte über die Sozia­lisationspraxen in verschiede­nen europäischen, afrikani­schen, mittel- und südamerika­nischen, indischen, orientali­schen und polynesischen Eth­nien. In der letzten Phase wur­den die Recherchen im Arbeits­bereichSport und Gesell­schaft der Universität Potsdam zum Abschluß gebracht. Der Bericht über das vom Bundesin­stitut für Sportwissenschaft ge­förderte Forschungsprojekt liegt inzwischen als Publikation vor(Jürgen Baur: Motorische Entwicklung in kulturellen Kontexten, Köln 1993).

Das Projekt steht im Zusam­menhang mit einigen anderen Arbeiten, die sich um einen Forschungsschwerpunkt des Arbeitsbereichs Sport und Ge­sellschaft am Institut für Sport­wissenschaft gruppieren: Kör­per- und Sportkarrieren im Lebenslauf. Ein weiteres Pro­jekt, das sich gleichsam mit dem anderen Pol des Lebenslaufs, mit den Bewegungsaktivitäten der Älteren befaßt, ist in diesem Jahr angelaufen. Der For­schungsschwerpunkt Körper­und Sportkarrieren im Lebens­lauf eröffnet künftig auch An­schlüsse an die Arbeiten des geplanten Interdisziplinären Zentrums für Kindheits-, Fami­lien- und Jugendforschung an der Universität Potsdam.

Bei dem jetzt vorgelegten Pro­jektbericht handelt es sich um eine grundlagentheoretische

Arbeit insofern, als die empiri­schen Befunde aus der Perspek­tive verschiedener entwick­lungstheoretischer Konzeptio­nen diskutiert werden. Im Durchgang durch die auch zeit­lich weit auseinanderliegenden Untersuchungen wird offen­sichtlich, daß die Interpretatio­nen der empirischen Befunde zur motorischen Entwicklung in den frühen Arbeiten noch sehr stark durch die damals bevorzugten genetischen Entwicklungskon­zeptionen eingefärbt sind. So hat sich etwa die Annahme einer genetisch determiniertenFrüh­reife afrikanischer Kleinkinder (African Infant Precocity), die man gerade hinsichtlich der motorischen Entwicklung aus­zumachen meinte, als irrig her­ausgestellt. Selbst die in man­chen Lehrbüchern der Entwick­lungspsychologie erwähnten Paradebeispiele für das Wirk­samwerden genetischer Ent­wicklungsprogramme haben sich als nicht stichhaltig erwie­sen: die angeblicheReifung motorischer Funktionen bei Kindern, die wie u. a. bei den Hopi- und Navajo-Indianern gängige Praxis war auf Wickel­brettern festgebunden wurden. Nimmt man die Befunde aus den verschiedenen Ethnien zusam­men, dann stellt sich heraus, daß (auch) die/motorische Entwick­lung in eine vielgliedrige kultu­rell tradierte und sozial gespurte Vermittlungskette eingebunden ist. Da werden Sozialisations­praxen kulturell tradiert, die ei­nerseits zwar die motorische Entwicklung eher beeinträchti­gen als befördern, die jedoch andererseits(wie z. B. das Fest­binden auf Wickelbrettern oder das Tragen in Schlingen) die vielfältigen Gesundheits- und Unfallrisiken minimieren und damit eine Art Überlebenssiche­rung für die Kleinkinder darstel­len. Da sind die ethnischen Glau­bens- und Wertesysteme, die sich in die Sozialisation der Kleinkinder einspielen und zu

besonderen für die motorische Entwicklung förderlichen oder hinderlichen Interventionen veranlassen: wie z. B. das er­wähnte Sitztraining bei den Baganda. Es sind die innerfami­lialen Arbeitsteilungen in Be­tracht zu ziehen, aus denen sich Bewegungsfreiheiten oder-re­striktionen ergeben: Weil die elterlichen Sozialpartner harte Feldarbeit leisten müssen, dür­fen sich die Kinder unbeaufsich­tigt relativ freizügig bewegen, oder sie werden in Erdlöcher gesetzt, damit sie bei der Feldar­beit zugleich beaufsichtigt wer­den können. Da ist die soziale Lagerung der Familien von Bedeutung: Armut, Mangeler­nährung(die in den Ethnien der Dritten Welt weit verbreitet ist) und hygienische Risiken sind gerade insozial schwachen Familien gekoppelt und kumu­lieren sich oft zu einem retardie­renden Syndrom für die körper­

liche und motorische Entwick­lung usw. In dieser Vermittlungskette

spielen die Mütter eine zentrale Rolle für die Entwicklung ihrer Kinder. Die Mutter wird in mehrfacher Hinsicht zum,so­zialökologischen Focus: Schon die pränatale Entwicklung ist eng mit der Schwangerschafts­geschichte verkoppelt, indem die in einer Ethnie bestehenden Lebensverhältnisse und die durch die jeweilige soziale La­gerung der Familie definierten innerfamilialen. Lebensbedin­gungen(wie z. B. Armut), ver­mittelt über den mütterlichen Organismus und die körperliche Verfassung der Mutter(Mangel­ernährung) während der Schwangerschaft, an den Fötus weitergegeben werden. Und nach der Geburt übernimmt die Mutter in vielen Ethnien die anfallenden caretaking- und Erziehungsaufgaben: Sie ist ver­antwortlich für die angemessene Ernährung, für die hygienische

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