SPORT
Nr. 15/93— Seite 13
Motorische Entwicklung in kulturellen Kontexten
Aus einem Forschungsprojekt des Arbeitsbereichs„Sport und Gesellschaft“
Bei den Zinacanteco-Indianern in Mexiko werden die Säuglinge im Zuge ritueller Handlungen mit einem langen, schweren Hemd„eingekleidet‘, das sie das ganze erste Lebensjahr hinweg tragen. Die Neugeborenen werden zusätzlich in Decken eingewickelt, um zu vermeiden, daß sie ihre Seele verlieren, und ihr Gesicht wird abgedeckt, um sie vor dem„bösen Blick“ zu schützen. Während der ersten Lebensmonate werden sie fast ausschließlich im„Rebozo“ (einem Tragetuch) umhergetragen; nur selten können sie sich auf dem Boden frei bewegen; Spielzeug ist rar. Vergleicht man die motorische Entwicklung der Zinacanteco-Säuglinge mit den Entwicklungsstandards europäischer oder nordamerikanischer Säuglinge, weisen sie erhebliche Entwicklungsrückstände auf.
Ganz anders dagegen gehen die Baganda im Oostafrikanischen Uganda oder die‘ halbnomadischen!Kung San im Nordwesten Botswanas mit ihren Kleinkindern um. Bei den Baganda stellen gute Umgangsformen die Voraussetzung für den sozialen Aufstieg innerhalb der BagandaGesellschaft dar, und das„richtige Sitzen“ ist ein wichtiges Element dieser Umgangsformen. Deshalb beginnen die Baganda-Mütter schon frühzeitig mit einem gezielten„Sitztraining“. Auch die!Kung San „Unterrichten“ ihre Säuglinge im Sitzen(und in anderen motorischen Fertigkeiten), aber aus anderen Gründen: Sie sind der Ansicht, ohne ein gezieltes motorisches Üben würden die Knochen weich bleiben uund nicht fest zusammenwachsen. In beiden Fällen zeigen die„Erziehungsmaßnahmen“ Wirkung: Die Säuglinge der beiden afrikanischen Ethnien sind wesentlich früher in der Lage, frei zu sitzen, als die nordamerikanischen Kinder.
Dies sind Beispiele für Varia
tionsbreite der motorischen Entwicklung von Kleinkindern. Sie dokumentieren(wie viele andere), wie weitreichend auch die Motorik durch kulturelle Normen und Regeln und durch die in sie eingebetteten Sozialisationspraxen sozial präformiert wird. Die Beispiele wurden in einer zweijährigen Forschungsarbeit recherchiert, wobei Untersuchungen über die motorische Sozialisation von negroiden und weißen Kleinkindern in den USA ebenso ausgewertet wurden wie Berichte über die Sozialisationspraxen in verschiedenen europäischen, afrikanischen, mittel- und südamerikanischen, indischen, orientalischen und polynesischen Ethnien. In der letzten Phase wurden die Recherchen im Arbeitsbereich„Sport und Gesellschaft‘ der Universität Potsdam zum Abschluß gebracht. Der Bericht über das vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft geförderte Forschungsprojekt liegt inzwischen als Publikation vor(Jürgen Baur: Motorische Entwicklung in kulturellen Kontexten, Köln 1993).
Das Projekt steht im Zusammenhang mit einigen anderen Arbeiten, die sich um einen Forschungsschwerpunkt des Arbeitsbereichs Sport und Gesellschaft am Institut für Sportwissenschaft gruppieren: Körper- und Sportkarrieren im Lebenslauf. Ein weiteres Projekt, das sich gleichsam mit dem anderen Pol des Lebenslaufs, mit den Bewegungsaktivitäten der Älteren befaßt, ist in diesem Jahr angelaufen. Der Forschungsschwerpunkt Körperund Sportkarrieren im Lebenslauf eröffnet künftig auch Anschlüsse an die Arbeiten des geplanten Interdisziplinären Zentrums für Kindheits-, Familien- und Jugendforschung an der Universität Potsdam.
Bei dem jetzt vorgelegten Projektbericht handelt es sich um eine grundlagentheoretische
Arbeit insofern, als die empirischen Befunde aus der Perspektive verschiedener entwicklungstheoretischer Konzeptionen diskutiert werden. Im Durchgang durch die— auch zeitlich weit auseinanderliegenden Untersuchungen— wird offensichtlich, daß die Interpretationen der empirischen Befunde zur motorischen Entwicklung in den frühen Arbeiten noch sehr stark durch die damals bevorzugten genetischen Entwicklungskonzeptionen eingefärbt sind. So hat sich etwa die Annahme einer genetisch determinierten„Frühreife“ afrikanischer Kleinkinder („African Infant Precocity““), die man gerade hinsichtlich der motorischen Entwicklung auszumachen meinte, als irrig herausgestellt. Selbst die in manchen Lehrbüchern der Entwicklungspsychologie erwähnten „Paradebeispiele‘“ für das Wirksamwerden genetischer Entwicklungsprogramme haben sich als nicht stichhaltig erwiesen: die angebliche„Reifung“ motorischer Funktionen bei Kindern, die— wie u. a. bei den Hopi- und Navajo-Indianern gängige Praxis war— auf Wickelbrettern festgebunden wurden. Nimmt man die Befunde aus den verschiedenen Ethnien zusammen, dann stellt sich heraus, daß (auch) die/motorische Entwicklung in eine vielgliedrige kulturell tradierte und sozial gespurte Vermittlungskette eingebunden ist. Da werden Sozialisationspraxen kulturell tradiert, die einerseits zwar die motorische Entwicklung eher beeinträchtigen als befördern, die jedoch andererseits(wie z. B. das Festbinden auf Wickelbrettern oder das Tragen in Schlingen) die vielfältigen Gesundheits- und Unfallrisiken minimieren und damit eine Art Überlebenssicherung für die Kleinkinder darstellen. Da sind die ethnischen Glaubens- und Wertesysteme, die sich in die Sozialisation der Kleinkinder einspielen und zu
besonderen— für die motorische Entwicklung förderlichen oder hinderlichen— Interventionen veranlassen: wie z. B. das erwähnte Sitztraining bei den Baganda. Es sind die innerfamilialen Arbeitsteilungen in Betracht zu ziehen, aus denen sich Bewegungsfreiheiten oder-restriktionen ergeben: Weil die elterlichen Sozialpartner harte Feldarbeit leisten müssen, dürfen sich die Kinder unbeaufsichtigt relativ freizügig bewegen, oder sie werden in Erdlöcher gesetzt, damit sie bei der Feldarbeit zugleich beaufsichtigt werden können. Da ist die soziale Lagerung der Familien von Bedeutung: Armut, Mangelernährung(die in den Ethnien der Dritten Welt weit verbreitet ist) und hygienische Risiken sind gerade in„sozial schwachen“ Familien gekoppelt und kumulieren sich oft zu einem retardierenden Syndrom für die körper
liche und motorische Entwicklung usw. In dieser Vermittlungskette
spielen die Mütter eine zentrale Rolle für die Entwicklung ihrer Kinder. Die Mutter wird in mehrfacher Hinsicht zum„,sozialökologischen Focus“: Schon die pränatale Entwicklung ist eng mit der Schwangerschaftsgeschichte verkoppelt, indem die in einer Ethnie bestehenden Lebensverhältnisse und die durch die jeweilige soziale Lagerung der Familie definierten innerfamilialen. Lebensbedingungen(wie z. B. Armut), vermittelt über den mütterlichen Organismus und die körperliche Verfassung der Mutter(Mangelernährung) während der Schwangerschaft, an den Fötus „weitergegeben‘“ werden. Und nach der Geburt übernimmt die Mutter in vielen Ethnien die anfallenden caretaking- und Erziehungsaufgaben: Sie ist verantwortlich für die angemessene Ernährung, für die hygienische
Fortsetzung auf Seite 15