Heft 
(1.1.2019) 15
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Nr. 15/93 Seite 14

SPORT

Der 11. Sportwissenschaftliche Hochschultag

600 Sportwissenschaftlerinnen an der Universität Potsdam

Einen fruchtbaren Gedanken­austausch wünschte sich der Präsident der Deutschen Verei­nigung für Sportwissenschaft (dvs) für den 11. Sportwissen­schaftlichen Hochschultag, der vom 22. bis 24. September 1993 an der Universität Potsdam und damit erstmalig an einer ostdeut­schen Universität stattfand. Man kann es vorwegnehmen: Die Er­wartung des dsv-Präsidenten wurde erfüllt. In Oldenburg, dem Kongreßort des letzten Hochschultages, begegneten sich die mehr oder weniger be­kannten Namen aus Ost und West zum erstenmal persönlich, Gespräche bahnten sich erst vorsichtig und(ab)tastend an. In Potsdam wurde energisch und ausführlich, mit großer Offen­heit und nicht selten auch in Kontroversen diskutiert. Man hatte den Eindruck: Die organi­satorisch vereinigte scientific community der Sportwissen­schaft findet nun auch im Den­ken zusammen. Zwischen ihren Mitgliedern bestehen offenbar tragfähige soziale Beziehungen, die es einerseits zulassen, daß abweichende Positionen argu­

mentativ aufeinanderprallen können, die andererseits festzu­stellende Übereinstimmung

nicht von vornherein dem Ver­dacht bloßer Anpassung ausset­Zen.4:

In der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft sind die an den sportwissenschaftlichen Instituten der Bundesrepublik in Lehre und Forschung tätigen WissenschaftlerInnen Zzusam­__ mengeschlossen. Die Sportwis­senschaftlichen Hochschultage führen die KollegInnen aus allen sportwissenschaftlichen Teil­disziplinen in zweijährigen Ab­ständen zurGeneraldebatte zusammen. Sie geben Gelegen­heit, die disziplinären Diskus­sionen, wie sie in den verschie­denen dvs-Sektionen geführt werden, aus der Spezialisierung heraus- und in einen Diskurs zwischen den sportwissen­

schaftlichen Disziplinen einzu­bringen. DieZünfte waren denn auch alle vertreten: die KollegInnen aus der Bewe­gungs- und Trainingswissen­schaft, die VertreterInnen der Sportpsychologie und Sport­pädagogik bis hin zu den Sport­medizinerInnen und Sportphilo­sophen.

Sport in Schule, Verein und Betrieb so das Generalthema

in Potsdam. Auf den ersten Blick ein durchaustraditionsreiches Thema in der Sportwissen­schaft. Dennoch war es von den Gastgebern mit Bedacht und im Hinblick auf dessen neue Aktua­lität gewählt. Auch im Sport ste­hen weitreichende Transforma­tionsprozesse zur Bewältigung an.

Im Zuge der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten mit ihren unterschiedlichen Gesell­schaftssystemen sind auch die darin eingelagertenSportsyste­me* ineinander überzuführen. Modernitätsbrüche und Moder­nisierungsschübe, Legitima­tionskrisen und neuer Legitima­tionsbedarf, das Wegbrechen und Neubilden von Organisa­tionsstrukturen sind zu bewälti­gen. Und dies alles vor dem Hintergrund einer sich dynami­sierenden Sportentwicklung, wie sie sich allerdings mit un­terschiedlichenEntwicklungs­

Prof. Philipp während seines Redebeitrages

geschwindigkeiten in Ost und West vollzieht. Ausbreitung und Ausdifferenzierung des Sportsystems und der Sportkul­tur auf der gesellschaftlichen Ebene einerseits, Veralltägli­chung und Individualisierung des Sporttreibens auf der indivi­duellen Ebene andererseits sind Merkmale dieser Entwicklun­

gen. Die daraus resultierenden Herausforderungen an die In­

] Belastungsdosierung

Sportverbänden(Prof. Dr. KLAUS HEINEMANN, Sozio­loge an der Universität Ham­burg) und im Betriebssport(Dr. KLAUS W. TOFAHRN, Wirt­schaftswissenschaftler an der Universität Bochum).

In insgesamt 56 Arbeitskreisen und Foren wurden die in den einleitenden Referaten ange­sprochenen Problemstellungen im Detail diskutiert. Gesund­heitsförderung und Leistungs­förderung im Sport, Integra­

| tionsleistungen des Sports und

Professionalisierungstendenzen

| im Sport waren die vier themati­

schen Leitlinien, unter denen die

| Vorträge und Aussprachen ge­| bündelt wurden. Allein 12 Ar­| beitskreise widmeten sich dem | Schwerpunkt | derung: Sportmedizin und Ge­

Gesundheitsför­

sundheitsförderung durch Sport;|

Sport in der Primärprävention; im.Ge­

=| sundheitssport; Programme zur

Foto: Rüffert

stitutionen und Organisationen des Sports sind nicht zu überse­hen und lassen sich nicht überge­hen...

Zum Auftakt also durchaus pas­send: das Grundsatzreferat zurSportentwicklung in Deutschland Chancen und Risiken gesellschaftlicher Mo­dernisierung. Prof. Dr. HEL­MUT DIGEL, Sportsoziologe an der TH Darmstadt, Mitglied des Präsidiums des Deutschen Sportbundes und Vorsitzender des DSB-Wissenschaftsaus­schusses, erörterte die Moderni­sierungsprobleme desgesamt­deutschen Sports in den 90er Jahren. Zumindest einige der DIGELschen Thesen wurden in den drei Hauptreferaten wieder aufgenommen. Sie befaßten sich mit den aktuellen Problemlagen im Schulsport(Prof. Dr. KARL­HEINZ SCHERLER, Sportpäd­agoge an der Universität Ham­burg), in Sportvereinen und

Gesundheitsförderung; Lebens­

* stile und Gesundheit; Gesund­

heitserziehung Zwischen Trai­ningsnorm und Befindlichkeit; Gesundheitserziehung in der Schule; Das Brandenburger Pri­marstufen-Modell der Gesund­heitserziehung; Kommunale und Betriebliche Gesundheits­förderung; Prävention. im Ver­ein; Gesundheitssport im Verein und Betrieb; Tätigkeitsorientier­te Prophylaxe in der Berufsaus­bildung.

Die Potsdamer Sportwissen­schaft kann stolz sein auf das wissenschaftliche Programm, das sie für den 11. Sportwissen­schaftlichen Hochschultag zu­sammengestellt hat, so das Resümee von Prof. Dr. JÜR­GEN BAUR, Vorsitzender der Wissenschaftlichen Kommis­sion.Nicht nur die KollegInnen mit den bekannten Namen, son­dern auch viele Nachwuchswis­senschaftler sind angetreten und haben ihre ‚aktuellen For­schungsergebnisse vorgestellt.

Fortsetzung auf Seite 15