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AUSSTELLUNG
„Das Buch als Symbol geistiger Werte an sich.“
Ausstellung„Wider den deutschen Geist“ am 27. Oktober eröffnet
— PZ: Was bewog Sie, die Zeit des Faschismus nicht erlebend, sich dem Thema Bügg cCcherverbrennung künstle- risch zu nähern? ı| W. V.: Das Thema hat sich aus ‘meiner Arbeit heraus entwiki” kelt, die mit Büchern zu tun hat. 7 Ich verwende sie als Symbol für geistige Werte. Mit Hilfe dieser Bücher, die ich dementsprechend bearbeite, also auch zerstöre, versuche ich die Ohnmacht unseres Geisteslebens darzustellen. Womit ich meine, daß das Geistesleben, so wie es sich zur Zeit darstellt, keine Antwort auf die großen Fragen unserer Zeit weiß. Was sicher zu tun hat mit der Abhängigkeit, in der es sich befindet; Abhängigkeit von staatlich-bürokratischen Dingen einerseits und natürlich wirtschaftlichen auf der anderen Seite. Dementsprechend ist eine Forderung, die aus meiner Arbeit resultiert, die Unabhängigkeit, die Autonomie ‚des Geisteslebens..‘Das spiegelt sich nicht so sehr in dieser Ausstellung wider. Sie behandelt ein konkret-historisches Thema. So ist der Zusammenhang natürlich da, weil ich über den konkreten Anlaß von 1933 hinausschaue, als eine Mahnung gegen jeden Verstoß gegen die freie Meinungsäußerung. Ich bin grundsätzlich gej gen Zensur jeglicher Art. | Heine hat ja den Bezug herausgestellt vom Verbrennen der Bücher zum Verbrennen der Leichen. Dieses Phänomen wird bis heute auf erschreckende Weise immer noch sichtbar. Ich erinnere nur an den Fall in der Türkei vor einiger Zeit, wo man daran ging, die Intellektuellen zu vernichten. Als Künstler muß mir natürlich immer daran gelegen sein, das versteht sich fast von selbst, daß ich mich um die Freiheit bemühe. Der Aachener Künstler Wolfgang Vincke stellt seine Werke in Insofern ist meine Arbeit ein der Universität Potsdam aus. Foto: Eckardt stetiges Kämpfen darum.
PUZ: Das ist eine Vision von Ihnen?
W. V.: Natürlich ist das eine Vision. Es ist ein sehr komplexes, differenziert zu betrachtendes Thema, es heute zu analysieren, ist verdammt schwierig. Wir haben natürlich ein großes Maß an freier Meinungsäußerung, nur inwieweit die Meinung noch frei sein kann auf Grund der Manipulation durch die Medien, ist ein anderes Thema, das sich auch grundsätzlich in meinen anderen Arbeiten widerspiegelt, also die Beeinflussung durch das kapitalistische System.
PUZ: Welches Ziel verfolgen Sie mit Ihren Arbeiten, was wollen Sie erreichen bei den Rezipienten? Sind Sie mit Ihrer Ausstellung z. B. bewußt an eine Universität gegangen? W. V.: Es hat sich aus der Vermittlungsarbeit des Kulturministeriums ergeben. Ich bin gern an Universitäten. Ich bin auch in Aachen zunächst an die Universität gegangen, das hat aber mit dem historischen Beispiel zu tun. Diese Entwicklung der Bücherverbrennung ist von den Studenten, insbesondere von Germanistik-Studenten, ausgegangen. Ich bin deshalb gern an den Universitäten, weil ich sehe, wie die Geisteswissenschaften zu leiden haben. Sie werden an den Rand gedrängt, sie müssen um das Überleben kämpfen.
Es ist ehrlich gesagt nicht so sehr mein Ziel, vielleicht etwas resignativ und ich bin auch Pessimist, etwas zu erreichen. Ich mache es eigentlich mehr nach der Devise Schopenhauers, um meines eigenen ethischen Anspruchs willen. Man muß es gesagt, darauf hingewiesen haben. Das ist für mich wichtig. Ich weiß von den jungen Leuten heute, daß die Thematik Faschismus so behandelt wird, daß es sie gar nicht mehr inter