Nr. 18/93— Seite 8
ALLGEMEINE SPRACHWISSENSCHAFT
Allgemeine Sprachwissenschaft an der Universität Potsdam
Nur an wenigen deutschen Universitäten ist das Fach Allgemeine Sprachwissenschaft derzeit präsent, obwohl es in den letzten 30 Jahren durch Neuerungen insbesondere im theoretischen und methodischen Bereich große Veränderungen erfahren hat. Bei der Neugründung der Universität Potsdam entschloß sich der Gründungssenat, mit einem vorwiegend kognitionswissenschaftlich orientierten Fach Allgemeine Sprachwissenschaft, das mit dem Potsdamer Modell der Lehrerbildung hinsichtlich der kognitionswissenschaftlichen Ausrichtung korrespondiert, einen besonderen Profilbereich zu etablieren. Bundesweit und auch über Deutschlands Grenzen hinaus werden die Potsdamer Bestrebungen mit großer Aufmerksamkeit beob
Warum Allgemeine Sprachwissenschaft in Potsdam?
Der Minister für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, Hinrich Enderlein, hat 1991 einen Gründungssenat einberufen, der den Auftrag erhielt, ein Konzept für die neugegründete Universität zu entwickeln. In der ersten Sitzung des Gründungssenats erläuterte der Minister diesen Auftrag, der unter vier Punkten zusammengefaßt werden kann:
1. Die Universität sollte dem Bildungsauftrag als Landesuniversität gerecht werden, das heißt, sie soll die akademische Grundversorgung im Lande Brandenburg gewährleisten. Akademische Grundversorgung meint hier die Ausbildung von Lehrern, Juristen, Ökonomen eic.
2. Die Universität sollte bundesweit und insbesondere im Hinblick auf Berlin konkurrenzfähig sein.
3. Die Universität sollte sich durch Qualität auszeichnen.
4. Die Universität sollte möglichst ein erkennbares eigenes Profil haben, das heißt, es sollte von vornherein darauf geachtet werden, daß Bereiche etabliert werden, die bundesweit herausragend sind und damit der Potsdamer Universität ein von außen erkennbares Gesicht geben.
‚Für den Gründungssenat leite‚ten sich daraus die Aufgaben ab ‘zu entscheiden, welche Fächer ‚an der Universität einzurichten seien; wie die Fächer intern strukturiert und inhaltlich ausgerichtet sein sollten; wie eine Abstimmung zwischen den Fächern erfolgen und eine fächerübergreifende Schwerpunktbildung ‚erreicht werden könnte und schließlich, wo Profilbereiche zu etablieren seien.
achtet.
Die dem Gründungssenat der Universität von Beginn an zugehörige und entscheidend an der Erarbeitung des Konzepts beteiligte Anglistin und Vertreterin der Allgemeinen Sprachwissenschaft Prof. Dr. Gisa Rauh hat das Konzept am 4. November in Potsdam öffentlich vorgestellt. Der Vortrag erfolgte im Rahmen der Ringvorlesung zur kognitiven Linguistik im Wintersemester 1993/94. Wir veröffentlichen im folgenden eine gekürzte und bearbeitete Fassung ihres Vor
trages.
Bei der Entscheidung hinsichtlich des Fächerkanons war zu berücksichtigen, daß es in bezug auf bestimmte Fächer keine Entscheidungsmöglichkeiten gibt. Dazu zählen Fächer, die für die Grundversorgung verantwortlich sind, beispielsweise Jura, Wirtschaftswissenschaften und all jene naturwissenschaftlicher oder geisteswissenschaftlicher Art, die mit Schulfächern korrespondieren und daher aufgrund der Lehrerbildung notwendig sind. Zugleich gilt aber auch, daß die Einrichtung dieser Fächer nur bedingt zu einer Profilbildung beitragen kann, weil sie an allen Universitäten repräsentiert sind und sein müssen.
Für die spezifische Profilbildung der Universität Potsdam konnte man also an Fächer denken, die nicht an allen Universitäten vorhanden sind, also nicht der akademischen Grundversorgung des Landes dienen. Unter diesem Gesichtspunkt war auch die Einrichtung eines Faches Allgemeine Sprachwissenschaft in Erwägung zu ziehen. Dafür sprachen— unabhängig vom Potsdamer Kontext— zwei, gegebenenfalls drei relevante Kriterien. Das erste Kriterium ist die Repräsentation dieses Faches an anderen deutschen Universitäten, insbesondere auch
an Berliner Hochschulen, das zweite die Bedeutung, die dem Fach aufgrund jüngerer Entwicklungen an sich, aber auch im Hinblick auf andere wissenschaftliche Bereiche zukommt und schließlich ein drittes, mehr nostalgisches Kriterium, nämlich die Tradition der Sprachwissenschaft in Deutschland.
Nur an wenigen Universitäten in Deutschland ist die Allgemeine Sprachwissenschaft als eigenständiges Fach repräsentiert. Wo eine Repräsentation gegeben ist, herrscht eine Ausrichtung typologischer oder diachroner Art vor, beispielsweise auch an der Freien Universität Berlin, wo es eine Indogermanistik gibt. Im übrigen wird Sprachwissenschaft an deutschen Universitäten in den Philologien mit abgedeckt. Als Folge geraten die Wissenschaftler, die diese Wissenschaft tragen, lehren und weiterentwickeln, zwischen die Anforderungen der Philologie einerseits und die der Allgemeinen Sprachwissenschaft andererseits. Die philologischen Fächer haben im wesentlichen Lehramtsstudiengänge zu bedienen, so daß eine ständige Spannung zwischen dem Bedarf der curricula für Lehrämter einerseits und Lehre und Forschung der Allgemeinen Sprachwissenschaft ande
rerseits besteht. Dies führt dazu, daß Forschung im Bereich der Allgemeinen_Sprachwissenschaft auf internationalem Niveau nur in eingeschränktem Maße stattfinden kann. Unter dem Gesichtspunkt des nostalgischen Kriteriums handelt es sich um eine sehr bedauerliche Situation, denn die Allgemeine Sprachwissenschaft war im 19. und im 20. Jahrhundert bis zum kritischen Jahre 1933 eine Domäne von Wissenschaftlern in Deutschland. Erinnert sei hier nur an den frühen Klassiker der deutschen Sprachwissenschaft, Wilhelm von Humboldt, der in Potsdam geboren wurde.
Die schwache Repräsentanz der Allgemeinen_Sprachwissenschaft an deutschen Universitäten ist aber nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Tradition beklagenswert, sondern auch unter dem Gesichtspunkt, daß unter den gegebenen Bedingungen neuere Entwicklungen in ihrer Effektivität... ‚erheblich... beschränkt werden. So hat sich ein Zweig der neueren Sprachwissenschaft aufgrund von neu definierten Zielen und von neu entwickelten Methoden zu einer kognitiven Wissenschaft entwickelt, die ihre Kooperationspartner nicht wie die traditionelle Sprachwissenschaft unter Philologen und Historikern, sondern unter. Psychologen, Neurobiologen, Informatikern, Physikern, Mathematikern u. a. findet. Eingeklemmt in den Philologien wird die Sprachwissenschaft als potentieller Partner für diese Orientierungsbereiche jedoch nicht sichtbar. Die Kooperation ist erschwert, eine Weiterentwicklung der Wissenschaft durch Impulse von diesen Kooperationspartnern wird behindert. Das ist um so bedauerlicher, als gerade die Kooperation mit den genannten Partnern zur Entwicklung von Wissen führen kann, mit dem sich für Studierende entsprechend konzipierter Studiengänge neue Arbeitsbereiche und damit gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt ergeben.