Heft 
(1.1.2019) 18
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ALLGEMEINE SPRACHWISSENSCHAFT

Nr. 18/93 Seite 9

Überlegungen dieser Art haben zunächst einmal die Entschei­dung des Gründungssenates für die Einrichtung eines eigenstän­digen Faches Allgemeine Sprachwissenschaft mitbe­stimmt. Die Chance der Grün­dung einer Universität zur Inno­vation wollte man nutzen, um einem durch neuere Entwick­lungen der Wissenschaft verän­derten Bereich durch veränderte Strukturen Rechnung zu tragen. Zugleich wurde beschlossen, diese strukturelle Neuerung nach innen und außen dadurch besonders deutlich zu machen, daß man die Allgemeine Sprachwissenschaft zu einem der Profilbereiche der Universi­tät erhebt. Die Entscheidung hatte Auswirkungen auf die Ausstattung des Faches. Die Allgemeine Sprachwissen­schaft sollte für Studierende und Lehrende gleichermaßen bundesweit attraktiv sein und in bezug auf die Forschung inter­national Akzente setzen kön­nen. Entscheidend für das erste Konzept des Faches war dabei der Wunsch, neuere, theorieori­entierte Richtungen und mehr traditionelle, empirisch orien­tierte, diachronsynchrone Rich­tungen unter einem Dach zu­sammenzuführen, um eine fruchtbare Wechselbeziehung zu erreichen. Das erste Konzept sah eine Gliederung in die vier Bereiche Grammatiktheorie, Psycholinguistik, synchroner und diachroner Sprachvergleich sowie Pragmatik mit folgender Binnendifferenzierung vor:

1. Grammatiktheorie Syntaxtheorie/Theoreti­sche Morphologie Semantiktheorie/Theorie des Lexikons Phonetik/Phonologie

2. Psycholinguistik Spracherwerb Sprachverarbeitung

3. Synchroner und diachro­ner Sprachvergleich

Sprachtypologie und Sprachwandel

Historisch-vergleichende Grammatik

4. Linguistische Pragmatik.

Dieses Konzept wurde zunächst kontextfrei, also unabhängig

Prof. Dr. Gisa Rauh hat in Göttingen sowie an den Universitäten North Carolina und California Germanistik, Anglistik, Rechtswis­senschaften, Allgemeine Sprachwissenschaft, vergleichende Litera­turwissenschaft sowie Philosophie studiert. Ihre Studien beendete sie in den Fächern Germanistik, Anglistik und Philosophie mit dem Staatsexamen, in der Allgemeinen Sprachwissenschaft mit dem M.A. 1978 hat sie in Göttingen promoviert, 1985 an der Freien Universität in Berlin habilitiert. An beiden Universitäten war sie mehrere Jahre als wissenschaftliche Assistentin/Hochschulassistentin tätig. Seit 1985 hat sie eine Professur für Anglistik/Linguistik an der Bergi­schen-Universität-Gesamthochschule Wuppertal inne. Zu ihren For­schungsgebieten im Schwerpunkt der Theoretischen Linguistik ge­hören: Deixis, thematische Relationen und Argumentstrukturen, englische Präpositionen, Kategoriendefinitionen, Theorie des Lexi­

kons.

von anderen. Fächern und auch unabhängig von spezifischen Studiengängen konzipiert. Eine in dieser Art intern strukturierte Allgemeine Sprachwissen­schaft wäre an jeder Universität möglich, die bereit ist, ihr einen entsprechenden Raum zuzuge­stehen. Sie weist kein besonde­res Profil auf, und eine akzentu­iert Kkognitionswissenschaftli­che Orientierung ist noch nicht sichtbar.

Warum eine kognitions­

wissenschaftlich orien­

tierte Linguistik in Pots­dam?

Relevant waren zunächst wie­der die planerischen Aspekte, denn die Fächer, für deren Ein­richtung man sich entschieden und für deren Struktur man Konzepte entwickelt hat, sollten nicht isoliert nebeneinander stehen. Wo immer möglich und sinnvoll, sollte eine Vernetzung der Fächer untereinander mit einer fächerübergreifenden Schwerpunktbildung erfolgen. Ausschlaggebend für die Allge­meine Sprachwissenschaft war dabei, daß die Entscheidung für eine kognitionswissenschaftlich orientierte Pädagogik auf der ei­nen Seite und eine relativ starke Psychologie auf der anderen Seite gefallen war. Für einen Teilbereich gab ferner die Ent­scheidung für die Etablierung der Sonderpädagogik und ins­besondere einer Sprachheilpäd­agogik den Ausschlag.

Bei einer ebenfalls kognitions­wissenschaftlich orientierten Allgemeinen Sprachwissen­

Foto: Rüffert

schaft bestand die Möglich­keit einer fächerübergreifenden Schwerpunktbildung auf dem Gebiet der kognitiven Wissen­schaften. Zugleich konnte, aus­gehend von diesem Kern, an die Einrichtung eines international attraktiven interdisziplinären Zentrums für kognitive Studien gedacht werden, das Pädago­gen, Psychologen, Biologen, Sprachwissenschaftler, Infor­matiker, Physiker und Mathe­matiker zu gemeinsamer For­schung zusammenführt. Außer­dem ist eine ausdrücklich ko­gnitionswissenschaftliche Ori­entierung in der Lage, der All­gemeinen Sprachwissenschaft in Potsdam ein unverwechsel­bares Profil zu geben. Und schließlich erlaubte eine solche Ausrichtung die Etablierung von spezifischen, zum Teil voll­kommen neuen Studiengängen mit überregionaler Attraktivität. Nicht zuletzt handelt es sich bei der kognitiven Linguistik wie bei den kognitiven Wissen­schaften überhaupt um ein äu­ßerst spannendes Forschungs­gebiet, auf dem in der Zukunft sehr interessante Ergebnisse zu erwarten sind.

Was bedeutet kognitive Linguistik?

Die kognitive Linguistik ist je­ner Zweig der Allgemeinen Sprachwissenschaft, der natür­liche Sprache unter ganz be­stimmten Gesichtspunkten un­tersucht. Gegenstand der Unter­suchung ist weniger das Pro­dukt Sprache als historisches Gebilde, als Medium der Kom­munikation oder als Teil sozia­

len Handelns, sondern vielmehr

das mental_repräsentierte Kenntnis- und Wissenssystem, daß ein Mensch erwirbt, indem er seine Muttersprache lernt. Es ist die spezifische kognitive Fä­higkeit, die den Erwerb, die Re­präsentation und die Anwen­dung des Regelsystems natürli­cher Sprachen ermöglicht, kurz: die menschliche Sprachfähig­keit. Sie manifestiert sich u. a. in folgenden Fähigkeiten: in der Fähigkeit,

Gedanken, also begriffliche Einheiten, auf Lautketten ab­zubilden und umgekehrt aus Lautketten Gedanken abzu­leiten,

zur Entscheidung über die

Identität von Äußerungen (gegebenenfalls von ver­schiedenen' Sprechern ge­sprochen),

zur Segmentierung von Äu­ßerungen,

zur Entscheidung über die Grammatikalität von Auße­rungen

zum Erkennen von Bedeu­tungsgleichheit oder Ambi­guität,

Sätze zu produzieren und zu verstehen, die nie zuvor ge­hört wurden sowie

potentiell unendlich viele Sät­ze produzieren zu können.

Die zentralen Fragestellungen der kognitiven Linguistik um­fassen die folgenden Komple­xe:

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