ALLGEMEINE SPRACHWISSENSCHAFT
Nr. 18/93— Seite 9
Überlegungen dieser Art haben zunächst einmal die Entscheidung des Gründungssenates für die Einrichtung eines eigenständigen Faches Allgemeine Sprachwissenschaft mitbestimmt. Die Chance der Gründung einer Universität zur Innovation wollte man nutzen, um einem durch neuere Entwicklungen der Wissenschaft veränderten Bereich durch veränderte Strukturen Rechnung zu tragen. Zugleich wurde beschlossen, diese strukturelle Neuerung nach innen und außen dadurch besonders deutlich zu machen, daß man die Allgemeine Sprachwissenschaft zu einem der Profilbereiche der Universität erhebt. Die Entscheidung hatte Auswirkungen auf die Ausstattung des Faches. Die Allgemeine Sprachwissenschaft sollte für Studierende und Lehrende gleichermaßen bundesweit attraktiv sein und in bezug auf die Forschung international Akzente setzen können. Entscheidend für das erste Konzept des Faches war dabei der Wunsch, neuere, theorieorientierte Richtungen und mehr traditionelle, empirisch orientierte, diachronsynchrone Richtungen unter einem Dach zusammenzuführen, um eine fruchtbare Wechselbeziehung zu erreichen. Das erste Konzept sah eine Gliederung in die vier Bereiche Grammatiktheorie, Psycholinguistik, synchroner und diachroner Sprachvergleich sowie Pragmatik mit folgender Binnendifferenzierung vor:
1. Grammatiktheorie — Syntaxtheorie/Theoretische Morphologie — Semantiktheorie/Theorie des Lexikons — Phonetik/Phonologie
2. Psycholinguistik — Spracherwerb — Sprachverarbeitung
3. Synchroner und diachroner Sprachvergleich
— Sprachtypologie und Sprachwandel
— Historisch-vergleichende Grammatik
4. Linguistische Pragmatik.
Dieses Konzept wurde zunächst kontextfrei, also unabhängig
Prof. Dr. Gisa Rauh hat in Göttingen sowie an den Universitäten North Carolina und California Germanistik, Anglistik, Rechtswissenschaften, Allgemeine Sprachwissenschaft, vergleichende Literaturwissenschaft sowie Philosophie studiert. Ihre Studien beendete sie in den Fächern Germanistik, Anglistik und Philosophie mit dem Staatsexamen, in der Allgemeinen Sprachwissenschaft mit dem M.A. 1978 hat sie in Göttingen promoviert, 1985 an der Freien Universität in Berlin habilitiert. An beiden Universitäten war sie mehrere Jahre als wissenschaftliche Assistentin/Hochschulassistentin tätig. Seit 1985 hat sie eine Professur für Anglistik/Linguistik an der Bergischen-Universität-Gesamthochschule Wuppertal inne. Zu ihren Forschungsgebieten im Schwerpunkt der Theoretischen Linguistik gehören: Deixis, thematische Relationen und Argumentstrukturen, englische Präpositionen, Kategoriendefinitionen, Theorie des Lexi
kons.
von anderen. Fächern und auch unabhängig von spezifischen Studiengängen konzipiert. Eine in dieser Art intern strukturierte Allgemeine Sprachwissenschaft wäre an jeder Universität möglich, die bereit ist, ihr einen entsprechenden Raum zuzugestehen. Sie weist kein besonderes Profil auf, und eine akzentuiert Kkognitionswissenschaftliche Orientierung ist noch nicht sichtbar.
Warum eine kognitions
wissenschaftlich orien
tierte Linguistik in Potsdam?
Relevant waren zunächst wieder die planerischen Aspekte, denn die Fächer, für deren Einrichtung man sich entschieden und für deren Struktur man Konzepte entwickelt hat, sollten nicht isoliert nebeneinander stehen. Wo immer möglich und sinnvoll, sollte eine Vernetzung der Fächer untereinander mit einer fächerübergreifenden Schwerpunktbildung erfolgen. Ausschlaggebend für die Allgemeine Sprachwissenschaft war dabei, daß die Entscheidung für eine kognitionswissenschaftlich orientierte Pädagogik auf der einen Seite und eine relativ starke Psychologie auf der anderen Seite gefallen war. Für einen Teilbereich gab ferner die Entscheidung für die Etablierung der Sonderpädagogik und insbesondere einer Sprachheilpädagogik den Ausschlag.
Bei einer ebenfalls kognitionswissenschaftlich orientierten Allgemeinen Sprachwissen
Foto: Rüffert
schaft bestand die Möglichkeit einer fächerübergreifenden Schwerpunktbildung auf dem Gebiet der kognitiven Wissenschaften. Zugleich konnte, ausgehend von diesem Kern, an die Einrichtung eines international attraktiven interdisziplinären Zentrums für kognitive Studien gedacht werden, das Pädagogen, Psychologen, Biologen, Sprachwissenschaftler, Informatiker, Physiker und Mathematiker zu gemeinsamer Forschung zusammenführt. Außerdem ist eine ausdrücklich kognitionswissenschaftliche Orientierung in der Lage, der Allgemeinen Sprachwissenschaft in Potsdam ein unverwechselbares Profil zu geben. Und schließlich erlaubte eine solche Ausrichtung die Etablierung von spezifischen, zum Teil vollkommen neuen Studiengängen mit überregionaler Attraktivität. Nicht zuletzt handelt es sich bei der kognitiven Linguistik wie bei den kognitiven Wissenschaften überhaupt um ein äußerst spannendes Forschungsgebiet, auf dem in der Zukunft sehr interessante Ergebnisse zu erwarten sind.
Was bedeutet kognitive Linguistik?
Die kognitive Linguistik ist jener Zweig der Allgemeinen Sprachwissenschaft, der natürliche Sprache unter ganz bestimmten Gesichtspunkten untersucht. Gegenstand der Untersuchung ist weniger das Produkt Sprache als historisches Gebilde, als Medium der Kommunikation oder als Teil sozia
len Handelns, sondern vielmehr
das mental_repräsentierte Kenntnis- und Wissenssystem, daß ein Mensch erwirbt, indem er seine Muttersprache lernt. Es ist die spezifische kognitive Fähigkeit, die den Erwerb, die Repräsentation und die Anwendung des Regelsystems natürlicher Sprachen ermöglicht, kurz: die menschliche Sprachfähigkeit. Sie manifestiert sich u. a. in folgenden Fähigkeiten: in der Fähigkeit,
— Gedanken, also begriffliche Einheiten, auf Lautketten abzubilden und umgekehrt aus Lautketten Gedanken abzuleiten,
— zur Entscheidung über die
Identität von Äußerungen (gegebenenfalls von verschiedenen' Sprechern gesprochen),
— zur Segmentierung von Äußerungen,
— zur Entscheidung über die Grammatikalität von Außerungen
— zum Erkennen von Bedeutungsgleichheit oder Ambiguität,
— Sätze zu produzieren und zu verstehen, die nie zuvor gehört wurden sowie
— potentiell unendlich viele Sätze produzieren zu können.
Die zentralen Fragestellungen der kognitiven Linguistik umfassen die folgenden Komplexe:
1. Welcher Art ist das sprachliFortsetzung auf Seite 10