Heft 
(1.1.2019) 18
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Nr. 18/93 Seite 10

ALLGEMEINE SPRACHWISSENSCHAFT

Fortsetzung von Seite 9

che Kenntnis- und Wissens­system?

. Wie wird es erworben?

. Wie ist es repräsentiert?

. Wie wird es angewendet?

. Welche neuronalen Struktu­ren und Mechanismen liegen dem Erwerb, der Repräsenta­tion und dem Gebrauch von Sprache zugrunde?

NnSUN

Mit der Beantwortung dieser Fragen sind jeweils spezifische Forschungsbereiche der kogni­tiven Linguistik befaßt: Die er­ste Frage ist die Kernfrage der Theoretischen Linguistik oder der Grammatiktheorie. Die Psy­cholinguistik mit ihren Zweigen Spracherwerb und Sprachverar­beitung widmet sich den Fragen 2,3 und'4. Frage 5 ist For­schungsgegenstand der Neuro­linguistik und deren Teilgebiet, der Patholinguistik.

Die Theoretische Linguistik ist der Forschungsbereich der ko­gnitiven Linguistik, der sich in direkter Linie aus der traditio­nellen Sprachwissenschaft ent­wickelt hat. Ihren Untersu­chungsgegenstand bilden sprachliche Daten, auf deren Grundlage sie Aufschlüsse über das kognitivmentale, sprachli­che Kenntnis- und Wissenssy­stem zu erhalten sucht. Die Theoretische Linguistik unter­teilt sich in die Teilbereiche Phonologie, Syntax und Se­mantik.

Die Phonologie untersucht die Lautstruktur von Wörtern und Sätzen, die Semantik, wie Wör­tern und Sätzen Bedeutungen zugeordnet werden. Gegen­stand der Syntax sind die Re­geln und Strukturen, die Laut­struktur und Bedeutung mitein­ander verbinden. Eine andere Gliederung orientiert sich an der Unterteilung des sprachli­chen Wissenssystems in lexika­lisches Wissen einerseits und Kombinationswissen anderer­seits.

Die Methode der Theoretischen Linguistik, zu Aussagen über das sprachliche Kenntnis- und Wissenssystem zu gelangen, besteht im wesentlichen darin,

wohlgeformte und nicht-wohl­geformte Ketten je einer Spra­che beziehungsweise mehrerer Sprachen im Vergleich zu be­trachten und Hypothesen über das Regelsystem aufzustellen, das das sprachliche Wissen als allgemeine menschliche Fähig­keit konstituiert. Zum Testen ih­rer Hypothesen setzt die Theo­retische Linguistik den Compu­ter als Hilfsmittel wie auch als Muster ein; er hat damit für die Theoretische Linguistik eine er­hebliche Bedeutung gewonnen. Als Folge ist die Computerlin­guistik inzwischen ein wichti­ger Bereich der Theoretischen Linguistik oder ihr unmittel­barer Partner geworden.

Der zweite Forschungsbereich der kognitiven Linguistik, die Psycholinguistik, gliedert sich in die zwei Teilbereiche Spracherwerb und Sprachverar­beitung. Die Spracherwerbs­forschung untersucht, wie ein Kind das beim Erwachsenen ausgereifte sprachliche Kennt­nis- und Wissenssystem er­wirbt. Sie beschäftigt sich so­wohl mit dem Erwerb des pho­nologischen, semantischen und syntaktischen Wissens als auch mit dem Erwerb des Lexikons und der Kombinationsregeln. Die Spracherwerbsforschung untersucht den Spracherwerb von normalen, gesunden Kin­dern wie auch den aufgrund von angeborenen oder erworbenen Entwicklungsstörungen abwei­chenden Spracherwerb kranker Kinder. Zu ihren grundlegen­den Methoden gehört die Lang­zeitstudie, in der sprachliche Leistungen einzelner Kinder über große Zeiträume aufge­zeichnet und analysiert werden. So wird festgestellt, welche Phasen des Spracherwerbs in welchem Zeitraum ablaufen. Auch das Verhältnis von sprachlichem Input und Output sowie der tatsächliche Einfluß gezielter Maßnahmen zur Be­schleunigung des_Spracher­werbs auf den Spracherwerbs­prozeß sind Gegenstand der Spracherwerbsforschung. Ne­ben der Langzeitstudie bedient sich die_Spracherwerbsfor­schung gezielter Tests, die den jeweiligen Wissensstand in be­zug auf das Verstehen und Pro­duzieren von Sprache beim

Kind erforschen sollen. Neben dem Erstspracherwerb unter­sucht die Spracherwerbsfor­schung auch den Zweit- oder Fremdsprachenerwerb. Von In­teresse ist hier insbesondere das Verhältnis der beiden Wissens­systeme zueinander.

Die_Sprachverarbeitungsfor­schung hat ihrerseits zwei Kom­ponenten, die sich mit der Ver­arbeitung von Sprache zum Verstehen, der Sprachrezeption, einerseits und beim Produzie­ren, der Sprachproduktion, an­dererseits befassen. In beiden Fällen ist die Verarbeitung sprachlicher Strukturen Gegen­stand der Forschung, die als komplexer Informationsverar­beitungsprozeß angesehen wer­den muß, der alle Komponenten des sprachlichen Kenntnissy­stems involviert: Phonetik/Pho­nologie, Syntax und Semantik, lexikalisches und kombinatori­sches Wissen. Außerdem spie­len für die Sprachverarbeitung nichtsprachliche Kenntnissyste­me wie das Weltwissen eine wesentliche Rolle. Für die Un­tersuchung des menschlichen Sprachverarbeitungssystems sind folgende Fragen zentral:

Wie sind permanent gespei­cherte Strukturrepräsentatio­nen des sprachlichen Kennt­nissystems an der Verarbei­tung aktueller sprachlicher Repräsentationen beteiligt?

In welchem Verhältnis stehen Repräsentationen und Prozes­se zueinander?

Welches sind die Prinzipien, die die Sprachverarbeitung organisieren und determinie­ren?

In welchem Verhältnis stehen Weltwissen, Kontext und Sprachverarbeitung zueinan­der?

Der Zweig der Sprachrezeption befaßt sich mit Systemen und Prozessen, die die Verarbeitung von Lautketten oder auch Schriftbildern zu mentalen Re­präsentationen bewirken. Er wendet im wesentlichen experi­mentelle Methoden an. Der Zweig der Sprachproduktion untersucht die Systeme und Prozesse, die mentale Reprä­

sentationen zu Lautketten wer­den lassen. Eine wesentliche Methode ist hier die Untersu­chung von Versprechern.

Es ist das Ziel der Sprachverar­beitungsforschung, Modelle zu entwickeln, die die menschliche Sprachverarbeitung simulieren. Wie die Theoretische Lingui­stik, so setzt auch sie den Com­puter als Werkzeug und als Mo­dell zum Testen ihrer Hypothe­sen ein.

Der dritte grundlegende For­schungsbereich der kognitiven Linguistik, die Neurolinguistik, mit ihrer spezifischen Teildiszi­plin, der Patholinguistik, unter­sucht die anatomischen und physiologischen Grundlagen für die menschliche Sprachfä­higkeit. Sie analysiert im neu­roanatomischen Bereich, wo im menschlichen Gehirn die anato­mischen Voraussetzungen für die Lokalisierung von sprachli­chem Wissen gegeben sind, wie diese Bereiche sich entwickeln, welche Funktionen sie haben und welche unterschiedlichen Bereiche gegebenenfalls bei der Produktion und Perzeption von Sprache zusammenwirken. We­sentliche Einsichten gewinnt die Neuroanatomie über Ge­hirnläsionen oder Infarkte, die die Sprachfähigkeit partiell zer­stören und so eine Lokalisie­rung der zerstörten Teile der Sprachfähigkeit erlauben. Die Patholinguistik ist der Teil der Neurolinguistik, der sich mit der abnorm beeinträchtigten Sprachfähigkeit, mit Aphasien, befaßt. Im_neurophysiolo­gischen Bereich wendet sich die Neurolinguistik der Struktur, Entwicklung und Funktion von Nervenzellen(Neuronen) zu, die bei der Verwendung von Sprache aktiviert werden. Mit einer Analyse elektrophysio­logischer und biochemischer Prozesse wird versucht, der ma­teriellen Seite der Sprachfähig­keit auf die Spur zu kommen. Auch hier ist es die Patholin­guistik, die die Ergebnisse ge­störter physiologischer Grund­lagen untersucht und zu erklä­ren bemüht ist.

Für die Perspektive der kogniti­ven Linguistik ist entscheidend, daß ihre Forschungsbereiche