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ALLGEMEINE SPRACHWISSENSCHAFT
Fortsetzung von Seite 9
che Kenntnis- und Wissenssystem?
. Wie wird es erworben?
. Wie ist es repräsentiert?
. Wie wird es angewendet?
. Welche neuronalen Strukturen und Mechanismen liegen dem Erwerb, der Repräsentation und dem Gebrauch von Sprache zugrunde?
NnSUN
Mit der Beantwortung dieser Fragen sind jeweils spezifische Forschungsbereiche der kognitiven Linguistik befaßt: Die erste Frage ist die Kernfrage der Theoretischen Linguistik oder der Grammatiktheorie. Die Psycholinguistik mit ihren Zweigen Spracherwerb und Sprachverarbeitung widmet sich den Fragen 2,3 und'4. Frage 5 ist Forschungsgegenstand der Neurolinguistik und deren Teilgebiet, der Patholinguistik.
Die Theoretische Linguistik ist der Forschungsbereich der kognitiven Linguistik, der sich in direkter Linie aus der traditionellen Sprachwissenschaft entwickelt hat. Ihren Untersuchungsgegenstand bilden sprachliche Daten, auf deren Grundlage sie Aufschlüsse über das kognitivmentale, sprachliche Kenntnis- und Wissenssystem zu erhalten sucht. Die Theoretische Linguistik unterteilt sich in die Teilbereiche Phonologie, Syntax und Semantik.
Die Phonologie untersucht die Lautstruktur von Wörtern und Sätzen, die Semantik, wie Wörtern und Sätzen Bedeutungen zugeordnet werden. Gegenstand der Syntax sind die Regeln und Strukturen, die Lautstruktur und Bedeutung miteinander verbinden. Eine andere Gliederung orientiert sich an der Unterteilung des sprachlichen Wissenssystems in lexikalisches Wissen einerseits und Kombinationswissen andererseits.
Die Methode der Theoretischen Linguistik, zu Aussagen über das sprachliche Kenntnis- und Wissenssystem zu gelangen, besteht im wesentlichen darin,
wohlgeformte und nicht-wohlgeformte Ketten je einer Sprache beziehungsweise mehrerer Sprachen im Vergleich zu betrachten und Hypothesen über das Regelsystem aufzustellen, das das sprachliche Wissen als allgemeine menschliche Fähigkeit konstituiert. Zum Testen ihrer Hypothesen setzt die Theoretische Linguistik den Computer als Hilfsmittel wie auch als Muster ein; er hat damit für die Theoretische Linguistik eine erhebliche Bedeutung gewonnen. Als Folge ist die Computerlinguistik inzwischen ein wichtiger Bereich der Theoretischen Linguistik oder ihr unmittelbarer Partner geworden.
Der zweite Forschungsbereich der kognitiven Linguistik, die Psycholinguistik, gliedert sich in die zwei Teilbereiche Spracherwerb und Sprachverarbeitung. Die Spracherwerbsforschung untersucht, wie ein Kind das beim Erwachsenen ausgereifte sprachliche Kenntnis- und Wissenssystem erwirbt. Sie beschäftigt sich sowohl mit dem Erwerb des phonologischen, semantischen und syntaktischen Wissens als auch mit dem Erwerb des Lexikons und der Kombinationsregeln. Die Spracherwerbsforschung untersucht den Spracherwerb von normalen, gesunden Kindern wie auch den aufgrund von angeborenen oder erworbenen Entwicklungsstörungen abweichenden Spracherwerb kranker Kinder. Zu ihren grundlegenden Methoden gehört die Langzeitstudie, in der sprachliche Leistungen einzelner Kinder über große Zeiträume aufgezeichnet und analysiert werden. So wird festgestellt, welche Phasen des Spracherwerbs in welchem Zeitraum ablaufen. Auch das Verhältnis von sprachlichem Input und Output sowie der tatsächliche Einfluß gezielter Maßnahmen zur Beschleunigung des_Spracherwerbs auf den Spracherwerbsprozeß sind Gegenstand der Spracherwerbsforschung. Neben der Langzeitstudie bedient sich die_Spracherwerbsforschung gezielter Tests, die den jeweiligen Wissensstand in bezug auf das Verstehen und Produzieren von Sprache beim
Kind erforschen sollen. Neben dem Erstspracherwerb untersucht die Spracherwerbsforschung auch den Zweit- oder Fremdsprachenerwerb. Von Interesse ist hier insbesondere das Verhältnis der beiden Wissenssysteme zueinander.
Die_Sprachverarbeitungsforschung hat ihrerseits zwei Komponenten, die sich mit der Verarbeitung von Sprache zum Verstehen, der Sprachrezeption, einerseits und beim Produzieren, der Sprachproduktion, andererseits befassen. In beiden Fällen ist die Verarbeitung sprachlicher Strukturen Gegenstand der Forschung, die als komplexer Informationsverarbeitungsprozeß angesehen werden muß, der alle Komponenten des sprachlichen Kenntnissystems involviert: Phonetik/Phonologie, Syntax und Semantik, lexikalisches und kombinatorisches Wissen. Außerdem spielen für die Sprachverarbeitung nichtsprachliche Kenntnissysteme wie das Weltwissen eine wesentliche Rolle. Für die Untersuchung des menschlichen Sprachverarbeitungssystems sind folgende Fragen zentral:
— Wie sind permanent gespeicherte Strukturrepräsentationen des sprachlichen Kenntnissystems an der Verarbeitung aktueller sprachlicher Repräsentationen beteiligt?
— In welchem Verhältnis stehen Repräsentationen und Prozesse zueinander?
— Welches sind die Prinzipien, die die Sprachverarbeitung organisieren und determinieren?
— In welchem Verhältnis stehen Weltwissen, Kontext und Sprachverarbeitung zueinander?
Der Zweig der Sprachrezeption befaßt sich mit Systemen und Prozessen, die die Verarbeitung von Lautketten oder auch Schriftbildern zu mentalen Repräsentationen bewirken. Er wendet im wesentlichen experimentelle Methoden an. Der Zweig der Sprachproduktion untersucht die Systeme und Prozesse, die mentale Reprä
sentationen zu Lautketten werden lassen. Eine wesentliche Methode ist hier die Untersuchung von Versprechern.
Es ist das Ziel der Sprachverarbeitungsforschung, Modelle zu entwickeln, die die menschliche Sprachverarbeitung simulieren. Wie die Theoretische Linguistik, so setzt auch sie den Computer als Werkzeug und als Modell zum Testen ihrer Hypothesen ein.
Der dritte grundlegende Forschungsbereich der kognitiven Linguistik, die Neurolinguistik, mit ihrer spezifischen Teildisziplin, der Patholinguistik, untersucht die anatomischen und physiologischen Grundlagen für die menschliche Sprachfähigkeit. Sie analysiert im neuroanatomischen Bereich, wo im menschlichen Gehirn die anatomischen Voraussetzungen für die Lokalisierung von sprachlichem Wissen gegeben sind, wie diese Bereiche sich entwickeln, welche Funktionen sie haben und welche unterschiedlichen Bereiche gegebenenfalls bei der Produktion und Perzeption von Sprache zusammenwirken. Wesentliche Einsichten gewinnt die Neuroanatomie über Gehirnläsionen oder Infarkte, die die Sprachfähigkeit partiell zerstören und so eine Lokalisierung der zerstörten Teile der Sprachfähigkeit erlauben. Die Patholinguistik ist der Teil der Neurolinguistik, der sich mit der abnorm beeinträchtigten Sprachfähigkeit, mit Aphasien, befaßt. Im_neurophysiologischen Bereich wendet sich die Neurolinguistik der Struktur, Entwicklung und Funktion von Nervenzellen(Neuronen) zu, die bei der Verwendung von Sprache aktiviert werden. Mit einer Analyse elektrophysiologischer und biochemischer Prozesse wird versucht, der materiellen Seite der Sprachfähigkeit auf die Spur zu kommen. Auch hier ist es die Patholinguistik, die die Ergebnisse gestörter physiologischer Grundlagen untersucht und zu erklären bemüht ist.
Für die Perspektive der kognitiven Linguistik ist entscheidend, daß ihre Forschungsbereiche