ALLGEMEINE SPRACHWISSENSCHAFT
nicht isoliert nebeneinander bestehen, sondern theoretisch und methodisch miteinander verzahnt sind; d. h., die fünf angeführten zentralen Fragen können nicht unabhängig voneinander beantwortet werden.
Nicht unwesentlich ist die Frage, ob es einen Anwendungsbezug der kognitiven Linguistik gibt. Ich möchte hier drei relevante Bereiche nennen: Die Softwareentwicklung zur maschinellen Sprachverarbeitung und automatischen Übersetzung, die Sprachtherapie und den Fremdsprachenunterricht. Die Erstellung und Pflege sprachverstehender und automatisch übersetzender maschineller Systeme ist zu einem wichtigen Zweig der Computerund Softwareindustrie geworden. Als Computerlinguisten ausgebildete Sprachwissenschaftler haben daher gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt.
Durch das steigende Durchschnittsalter unserer Bevölkerung bei gleichzeitig steigender Zahl von Infarkten wie auch durch zunehmende Verkehrsund Sportunfälle wächst die Anzahl solcher Patienten ständig, die durch eine Beeinträchtigung des Gehirns an Sprachstörungen leiden. Daher ergibt sich für Patholinguisten, die in den Bereichen theoretische Linguistik, Neurolinguistik und Sprachverarbeitungsforschung in Verbindung mit Sprachheilpädagogik ausgebildet sind, mit Diagnostik und Therapie von medizinisch bedingten Sprachstörungen ein weites Arbeitsfeld. Und schließlich entsteht in einem Europa, das politisch zur Einheit wird, jedoch seine sprachliche Vielfalt erhält, ein großer Bedarf an professionellen Sprachlehrern, deren Qualität erheblich steigt, wenn sie nicht nach traditionellen Methoden, sondern unter Berücksichtigung neuerer Einsichten auf dem Gebiet der Psycholinguistik ausgebildet wurden.
Wie ist die kognitive Linguistik in Potsdam institutionalisiert? Das im Sinne einer kognitions
wissenschaftlichen Orientierung modifizierte Konzept für
Nr. 18/93— Seite 11
das Fach umfaßt nunmehr 4 Bereiche:
1. Grammatiktheorie Syntaxtheorie/Theoretische Morphologie Semantiktheorie/Theorie des Lexikons Phonetik/Phonologie
2. Synchroner und diachroner Sprachvergleich Sprachtypologie
Grammatik
3. Computerlinguistik
— Formale Sprachen Maschinelle Grammatikund Semantikverarbeitung Die Computerlinguistik ist hinzugekommen.
4. Psycho- und Neurolinguistik Spracherwerb — Patholinguistik — Sprachverarbeitung Die Psycholinguistik ist durch die Neuro- und die Patholinguistik erweitert worden(die Studiengänge s. Tabelle).
Hervorhebung verdient, daß die Studiengänge Patholinguistik in der hier konzipierten Form in Deutschland bislang einzigartig sind. Sie sind nicht vom Gründungssenat, sondern von Herrn Prof. Dr. Gisbert Fanselow ent
wickelt worden, der seit einiger
Zeit in Potsdam eine Professur Allgemeine
Grammatiktheorie: Morphologie innehat.
Hinsichtlich der Besetzung der|®
fünf vorgesehenen C4-Profes
suren stellt sich die Lage derzeit| P'
Sprachwissen-| schaft mit dem Schwerpunkt| Syntax/ Am
Studiengänge kognitive Linguistik
X X X X X X X X X
Vorgesehen ist ferner ein Aufbaustudiengang Patholinguistik. Genehmigt sind bislang die Magisterstudiengänge Allgemeine und Theoretische Lingusitik, Computerlinguistik und Patholinguistik..
Allgemeine und Theoretische Linguistik
Computerlinguistik
Patholinguistik
Historisch-vergleichende‘
Die angeführten Studiengänge können mit folgenden Schwerpunkten studiert werden:
Studiengang Allgemeine und Studiengang ComputerlinguiTheoretische Linguistik stik
mögliche Schwerpunkte: Theoretische Computerlingui
mögliche Schwerpunkte: Theoretische Linguistik
Psycholinguistik stik Computerlinguistik Maschinelle Grammatikanalyse Kommunikation Semantik und Wissensrepräsen
Historische Linguistik tation
Linguistik: Studiengang Patholinguistik AS yniax, MOTpHOIGEI,"Lex (Neurolinguistik) KonMeonie
— Semantik, Pragmatik, Leximögliche Schwerpunkte: kontheorie
Experimentelle Neurolinguistik— Phonetik, Phonologie, Spracherwerb, Sprachverarbeitung
Sprachstörungen Sprachentwicklungsstörungen
so dar, daß eine Professur be- Mil.
setzt ist, für zwei Professuren
der Ruf erteilt wurde und die m
zwei anderen Verfahren laufen. Die geplanten 5 C3-Professuren
sollen nach einem Stufenplan
ausgeschrieben werden.
Man kann guten Gewissens davon ausgehen, daß für die Kognitive Linguistik in Potsdam in Forschung und Lehre der Boden gut bestellt ist. Ich wünsche ihr einen guten Anfang und eine erfolgreiche Entwicklung, nicht zuletzt im Sinne des genius loci, Wilhelm von Humboldts.
Gisa Rauh
W. SCHAUSS POTSDAM
Inh. Wolfgang Dehmel Staatl. Gepr. Augenoptiker Brandenburger Str. 10 m 21793