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BIBLIOTHEK
Machbarkeitsstudie zum Kaiserbahnhof vorgestellt
Eine Machbarkeitsstudie zur Einbeziehung des Denkmals Kaiserbahnhof in die Gesamtplanung für die Universitätsbibliothek Potsdam stellte der Minister für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, Hinrich Enderlein, am 14. 1. 1994 auf einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit vor.
Der sogenannte „Kaiserbahnhof*, erbaut von 1905-1909 im Auftrag Wilhelms II. durch Emst von Ihne - der im übrigen auch die Preußische Staatsbibliothek Unter den Linden plante und errichtete - liegt an der Bahnstrek- ke Potsdam-Magdeburg in unmittelbarer Nähe des Neuen Palais' und damit im Bereich des U nesco-W eltkulturerbes.
Nach der Vertreibung Wilhelms des II. durch die Novemberrevolution verfiel der Kaiserbahnhof zunächst in Bedeutungslosigkeit, die lediglich am 19. April 1921 aus Anlaß der Beisetzung der Kaiserin Auguste Viktoria in einem Tempel unweit des Neuen Palais' unterbrochen wurde. Erst in den Nachkriegsjahren gewann er seine einstige Popularität durch die legendären „blauen Züge“ für sowjetisches Militär aus Moskau wieder. Wie zur Kaiserzeit wurde in Anwesenheit des Bahnhofsvorstehers der rote Teppich ausgerollt. Seit 1952 fahren am Kaiserbahnhof keine Züge mehr. Der Bau hat bis zur Wiedervereinigung keinerlei Gebäudepflege erfahren, er mußte daher 1967 aus Sicherheitsgründen gesperrt werden. 1990 wurde das Architekturdenkmal eingerüstet, 1991 unter Denkmalschutz gestellt und harrt seither einer Neubestimmung. War noch bis vor wenigen Jahren die Meinung vorherrschend, ein Gebäude beziehe seine Daseinsberechtigung lediglich aus seiner Funktion, so daß auf den Auszug der Nutzer unweigerlich der Verfall und dann der Abriß zu folgen habe, so hat hier inzwischen ein grundlegender Wandel stattgefunden. Eine Rückbesinnung auf Geschichte und Herkunft hat uns gelehrt, auch die Qualität derjenigen Bauten zu sehen, die gemeinhin nicht direkt dem Denkmalgedanken zuzuordnen sind. Auch für frühe Industrie- und Verkehrsbauten sind inzwischen
realisierte und erprobte Umnutzungsbeispiele in größerer Zahl zu nennen. Warum sollte also nicht eine große Universitätsbibliothek ein historisches Bahnhofsgebäude mit einbeziehen und nutzen?
Der Gedanke wird noch plausibler, bedenkt man die Lage des Bahnhofs in der Nähe des Universitätsstandortes Neues Palais und zwischen den beiden ande-
auf die Räumlichkeiten des Kaiserbahnhofs insbesondere eine differenzierte Kostenschätzung, die Einholung technischer Beratungen hinsichtlich des Tragwerks und der haustechnischen Belange und die Erstellung eines Geräusch- und Schwingungsgutachtens zur Aufgabe.
Die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie können als uneingeschränkte Empfehlung gesehen
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Dialog zwischen Baudenkmal und moderner Architektur: der Kaiserbahnhof mit Erweiterungen
ren Standorten Golm und Babelsberg, gelegen an einer Bahnlinie. Zudem ist der Bereich Wildpark/Kaiserbahnhof die einzige Möglichkeit für eine angemessene bauliche Entwicklung der Universität Potsdam an ihrem zentralen Standort. Die Bibliothek wäre also nicht, wie es sich derzeit darstellt, durch ein Waldstück isoliert von den übrigen Universitätsbauten gelegen, sie wäre vielmehr eine Art Eingangstor zur Universität.
Zur Klämng der Frage ob und wie ein derartiges Konzept umzusetzen wäre, hat das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur eine Machbarkeitsstudie bei dem Dortmunder Architekturbüro Prof. Gerber und Partner in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse jetzt vorliegen. Prof. Gerber ist ausgewiesen als Architekt von einem der gelungensten Bibliotheksbauten der letzten Jahre, der im Frühjahr 1993 eingeweihten Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen.
Die Studie hatte neben der Entwicklung eines schlüssigen Raumprogrammes für die Bibliothek bei direkter Zuschreibung von Funktionsbereichen
werden. Sie zeigen auf, wie mit einem sinnvollen und zugleich sparsamen Konzept die Wiederherstellung des Kaiserbahnhofs mit der Neubauplanung für die Bibliothek zu verbinden wäre. Die Bibliothekszentrale und die Flächen für die geisteswissenschaftlichen Buchbestände könnten allen modernen Anforderungen an eine Bibliothek gemäß untergebracht werden. Zusammenfassend ist festgehalten: Die lineare Struktur der Ankunftshalle kommt den funktionalen Anforderungen einer Bibliothek für die Bereiche offenes Magazin bzw. offene Nutzerbereiche in idealer Weise entgegen und bildet die Grundstruktur für einen sehr einfachen funktionallinearen Gesamtentwurf für die Universitätsbibliothek Potsdam. Ganz ohne Frage würde das Denkmal Kaiserbahnhof der Potsdamer Universitätsbibliothek eine besondere Identität verleihen. Aus dem Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne könnte ein Bibliotheksgebäude von hohem atmosphärischem Wert entstehen.
Die differenzierte Kostenschätzung weist nach, daß die Wiederherstellung des Kaiserbahnhofs
als Denkmal mit der Umnutzung und Einbeziehung in die Gesamtbibliothek Mehrkosten von ca. 12 %, bezogen auf die Hauptnutzungsfläche eines „Gesamtneubaus auf der grünen Wiese“, erfordern wird.
Auf aufwendige und kostenintensive Technik kann bei diesem Konzept verzichtet werden. Haupteingang zur Bibliothek bleibt der Kaisersaal. Das Denkmal behält somit die ihm kulturhistorisch gebührende Dominanz. Hinsichtlich der Flächenverteilung können von der Hauptnutzfläche 23 % im Altbau und 77 % im Neubau untergebracht werden.
Die Gesamtkosten für die Universitätsbibliothek unter Einbeziehung des Denkmals Kaiserbahnhof wurden auf knapp 77,5 Mio. DM bei einer Hauptnutzfläche von 12.221 qm präzise berechnet. Die Wiederherstellung des Kaiserbahnhofs als Denkmal mit- der Umnutzung und Einbeziehung in die Gesamtbibliothek verursacht bei Gesamtbaukosten von 24 Mio. DM. Verglichen mit den Kosten von Bibliotheksneubauten aus der jüngsten Vergangenheit konnte Professor Gerber nachweisen, daß sich die vorgeschlagene Konzeption in einem mittleren Bereich befindet. Berücksichtigt wurden bei dem vorgeschlagenen Konzept auch geeignete Lärm- und Schwingungsschutzmaßnahmen, die für jede neue Nutzung und überhaupt zum Schutz des Denkmals zu ergreifen sind.
Bei konsequenter Weiterentwicklung der Planungen wäre mit der Fertigstellung in vier bis fünf Jahren zu rechnen. Damit würde der Universitätsbibliothek, die an den Standorten Neues Palais und Golm noch Kapazitäten für allenfalls fünf bis sieben Jahre hat, eine dringend notwendige Perspektive eröffnet. Scheitert das Projekt, so wäre dies ein schlechtes Signal für den Standort Neues Palais; für die Unterbringung der Buchbestände der Philosophischen Fakultäten I und II fehlte die Perspektive. Und ein Baudenkmal sähe dem Verfall entgegen.
Barbara Schneider-Eßlinger
Direktorin der Universitätsbibliothek