Heft 
(1.1.2019) 04
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KOLLOQUIA

Nr. 4/94 - Seite 7

Kolloquia des Interdisziplinären Zentrums für Lern- und Lehrforschung

Am 24. November 1993 und am 26. Januar 1994 fanden nach dem Eröffnungskolloquium des Interdisziplinären Zentrums zwei weitere Kolloquia statt. Inhaltlich bewegten sich beide Veranstaltungen im Zentrum der Diskussionen um die Re­formbedürftigkeit von Schule und Unterricht.

Prof. Dr. Wolfgang Edelstein

vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, zugleich Mitglied des Gründungssenates der Universität Potsdam und Mitautor desPotsdamer Mo­dells der Lehrerbildung, refe­rierte zum Thema:Entwick­lungsorientierte Didaktik - Erfahrungsbericht aus der Curriculum-Reform in einem Unterrichtsfach. Im Zentrum seiner Argumentation stand das Erfordernis eines entwicklungs­stufengemäßen Zuschnitts der Lernprozesse auf der Grundlage einer Orientierung am Lernen­den als Entwicklungssubjekt. Die pädagogische Führung von Lernprozessen ist demnach in starkem Maße von den konkre­ten individuellen Befindlichkei­ten der Lernenden, deren Lem- geschichte, deren Sozialisati­onsgeschichte und weiteren Faktoren abhängig. Je genauer die jeweiligen Faktoren dem Lehrenden bekannt sind, um so treffsicherer erweisen sich die Prognosen über den Verlauf und die Qualität der Lern­prozesse. Neben den Spezifika der Lernenden selbst erweisen sind diegegenstandsspezifi­schen Akkomodationserforder­nisse, die jeweiligenWider­stände der Lemgegenstände als bestimmend für die Aneig­nungsaktivitäten des Subjektes. Im Aneignungsprozeß werden objektivierte kognitive Struktu­ren in subjektive überführt, wo­bei das Lemsubjekt mentale Strukturen konstruiert. Auf der Objektseite sind dabei unter an­derem solche Determinanten zu beachten wie die Arten des Weltwissens, der Wissenstypus oder der Strukturtypus.

Die anschließende Diskussion bewegte sich zum einen um die Fragen der Realisierung der Subjektfunktion/Subjektpositi­on des Lernenden im Kontext schulischen Unterrichts und der durch dessen Organisation und Konstruktion bedingten Zwän­ge. Andererseits wurden Anfra­gen an den Referenten gerichtet, die den Zusammenhang von Aneignungsgegenstand und Aneignungsweise sowie die stellvertretende Identifikation des Lehrenden mit jedem ein­zelnen Lernenden als Voraus­setzung für die Optimierung des Lernens betrafen.

Aus meiner Sicht wurde der Blick zu eng auf die Entwick­lung des Lernenden und die dar­aus resultierenden Anforderun­gen gerichtet. Eine entwick­lungsorientierte Didaktik muß zwangsläufig auch die Entwick­lung der Lemgegenstände und des Lehrenden reflektieren, wenn sie wirklich der mehrdi­mensionalen Subjekt-Objekt- Dialektik des Unterrichtspro­zesses nachgehen will.

Am 26. Januar 1994 fand das dritte Kolloquium zur Lem- Lehr-Forschung statt. Prof. Dr. Georg Rückriem von der Hochschule der Künste Ber­lin referierte zum Thema: Sinnkrise des ,Wissens 4 als Herausforderung an die Lern- und Lehrforschung. Er versuchte, die Problematik anhand der zunehmenden Ge­walt in Schule und Gesellschaft zu verdeutlichen. Ausgehend von der Darstellung gängiger Ursachenmodelle für die Er­klärung vonGewalt stellte er fest, daß diese Problematik und die Zusammenhänge vonGe­walt undWissen in der Er­ziehungswissenschaft unzu­reichend abgebildet werden. Seiner Auffassung nach fehlt der Erziehungswissenschaft ein eigenes kategoriales System. Bei Lehrern zeigen sich als Konsequenz der vorrangigen Konzentration auf Verhaltens­äußerungen der Schüler kom­

plementäre Verhaltensweisen wie

- schwindendes Engagement und schwindende Verantwor­tungsbereitschaft,

- Sinken der pädagogischen Verantwortung für die Heran­wachsenden sowie

- Rückgriff auf Sanktionen, die aber immer weniger Akzep­tanz finden.

In der gesellschaftlichen Dis­kussion wird der Schule immer stärker die Funktion einer Repa­raturwerkstatt für die fehlenden oder nicht mehr funktionsfähi­gen anderen Erziehungsinstan­zen zugewiesen, der diese aber nicht gerecht werden kann.

In seinen Ausführungen deckte der Referent auch den Zusam­menhang von Wissen und Herr­schaft auf. Die FormelWissen ist Macht widerspiegelt diesen Zusammenhang und impliziert das Verständnis von der auf Wissen begründeten Herrschaft des Menschen über die Natur, ohne die Relativität und Be­grenztheit von Wissen genü­gend in Rechnung zu stellen. DieKrise des Wissend be­zieht sich nicht vorrangig auf den Umfang und Inhalt des Wissens, sondern in erster Linie auf den Wissenstyp. Sie ist nicht nur eine Krise der Wissen­schaften, sondern auch eine Krise der Praxis und der prakti­schen Anwendung von Wissen. In der Diskussion wurde Prof. Rückriem nach den methodolo­gischen Prämissen seiner Dar­stellung gefragt. Weitere Anfra­gen betrafen die didaktischen Möglichkeiten der Gegenwir­kung, unter anderem durch die Befähigung zum Perspektiven­wechsel, das Problem der Ver­mittlung von Wissen und Tätig­keit im Sujekt sowie die sich als Folgerung ergebende Befähi­gung zum Lernen in allen Ent­wicklungsstufen.

Abschließend formulierte der Referent eine Reihe aus seiner Sicht für die interdisziplinäre Lem-Lehr-Forschung relevante Fragestellungen:

1. Welcher Zusammenhang besteht zwischen der Krise des Wissens und der zuneh­menden Gewalt in den zwi­schenmenschlichen Bezie­hungen?

2. Welches Wissen transpor­tieren eigentlich unsere Un­terrichtsfächer?

3. Warum haben Künstler, die sich pädagogisch engagier- ren, solche großen Erfolge?

4. Sind unsere Unterrichtsfor­men für die Wirklichkeits- werdung von Wissen rele­vant?

5. Welche Rolle kommt den Medien zu? Wie unter­scheidet sich auf unter­schiedlichen Wegen ange­eignetes Wissen?

6. Was kann Unterricht lei­sten, was nicht?

7. Wie ist Wissen zu klassifi­zieren? Welche Konse­quenzen haben die unter­schiedlichen Antworten auf diese Frage für den Fächer­kanon?

8. Welche Rolle spielen die unterschiedlichen Aneig­nungsweisen?

9. Welche Relevanz hat die Bestimmung der sogenann­ten Schlüsselprobleme für den Unterricht und den Wissenserwerb?

10. Welche Konsquenzen erge­ben sich aus den Verände­rungen in den gesellschaft­lichen Kommunikations­strukturen für Lern-Lehr- Prozesse?

Mit diesen Fragen sind für die Teilnehmer des Kolloquiums Anstöße zum weiteren Nach­denken gegeben worden, die möglicherweise auch zu dem ei­nen oder anderen Forschungs­projekt führen könnten.

Das nächste Kolloquium be­faßt sich mit Versuchsschulen in Zeiten gesellschaftlichen Wandels aus historischer Sicht (Prof. Dr. Schmitt, Uni- verstiät Potsdam, 30. 3.1994).

Dr. habil. Uwe Wyschkon FB Pädagogik