ARCHIV
Nr. 5/94 - Seite 3
Gutachten bestätigt großen Wert des Fidus-Archivs
Der Künstler, Schriftsteller und Lebensreformer Hugo Höppe- ner (1868-1948) ist besonders in der Kunstgeschichte kein Unbekannter. Weniger Eingeweihten ist er vielleicht unter dem von seinem Lehrer Karl Wilhelm Diefenbach verliehenen Namen „Fidus“ (lat. „der Getreue“) geläufig.
Als typischer Vertreter des Jugendstils war er bekannt und umstritten zugleich. Sowohl Pathos, Romantik, symbolische Gedankenkunst und Harmoniebedürfnis als auch Nationalismus sind seinen Arbeiten zu entnehmen. Das Schaffen des Künstlers ist gekennzeichnet durch Breite, Differenziertheit und große Produktivität. Er gilt als Mitbegründer der modernen Gebrauchsgrafik, war Illustrator, beschäftigte sich mit Typografie und Wohnkultur.
Für Wissenschaftler verschiedener Fachgebiete stellt der Nachlaß von Fidus eine Fundgrube dar. Bisherige Forschungen erfolgten oftmals nur auf der Grundlage von Sekundärquellen. Das kann sich in absehbarer Zeit ändern.
Durch die Initiative von Dr. habil. Hartmut Salzwedel (Bereich Sozialwissenschaften/Soziologie) und seine Kontakte zum Erben Oliver Haller entstand 1991 das Vorhaben, be
trächtliche Teile des Nachlasses der Familie Haller der Universität Potsdam, Universitätsbibliothek, zu übergeben. Vorher war das Kulturgut im denkmal-, aber nicht regengeschützten Wohnhaus und Atelier Höppe- ners in Woltersdorf untergebracht, zudem ungenügend vor Diebstahl gesichert. Das Archiv befindet sich jetzt in den Räumlichkeiten der Potsdamer Hochschule.
Unter dem Titel „Die Tempeltänze des Fidus“ wurde im Sommer 1992 im Alten Rathaus in Potsdam eine Ausstellung mit Leihgaben des Hallerschen Familienarchivs gestaltet. Die Archivalien umfassen neben Beständen aus der Hand oder dem Besitz von Fidus auch Zeitschriften, Zeitungsartikel, Bücher, Flugschriften, Fotos, Postkarten, die sein kulturelles Umfeld charakterisieren. Der umfangreichste und reichhaltigste Teil des Nachlasses beinhaltet Tausende Briefe, handschriftliche Notizen sowie an ihn gerichtete Autographen. Dieser Briefwechsel mit Künstlern, Verlegern und Schriftstellern gewährt vielseitige Einblicke in zeitgeschichtlich relevante Zusammenhänge. Außerdem gehören zu den Beständen 90 bis 100 Originale (Grafik, Malerei), graphische Arbeiten (Originale
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und Reproduktionen), Skulpturen, Möbel und andere persönliche Gegenstände.
Der Gutachter der Freien Universität Berlin, Prof. Hammer- Schenk, stellte fest, daß es sich um einen „geradezu einzigartigen ,Schatz 1 an authentischen Zeugnissen“ handelt.
Die Schriften enthalten nach seiner Auffassung „hochwichtige Positionsbestimmungen zu sozialgeschichtlichen, philosophisch, kunst- und kulturgeschichtlich, literaturgeschichtlich bedeutsamen Entwicklungen und Strömungen“. Wertvoll sind die Bestände für Forschende, ebenso interessant unter dem Aspekt der praxisorientierten Lehre, insbesondere der Gebiete Literaturgeschichte, Geschichte, Kulturgeschichte, Kunstgeschichte, Musikgeschichte und Sozialgeschichte. Große Teile des Archivmaterials sind derzeit erst grob sortiert, teilweise noch verpackt. Als Aufgabe steht nun die fachkundige Erschließung der Bestände. Vorgeschlagen wurde, einen interdisziplinären Beirat unter Einbeziehung der Universitätsbibliothek zu etablieren, der die archivmäßige und fachwissenschaftliche Bearbeitung begleitet. Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur stellte nach einem entsprechenden Antrag der Bibliotheksdirektorin, Barbara Schneider-Eßlinger, finanzielle Mittel zur Verfügung, die für Personalkosten genutzt wurden. Grafikschränke, Grafikkästen und Formularkästen aus säurefreiem Karton wurden angeschafft, um eine angemessene Langzeitlagerung zu gewährleisten. Weitere Mittel sind für 1994 und 1995 bewilligt.
Seit wenigen Tagen existiert nun auch ein Unterzeichneter Vertrag zwischen dem Hallerschen Familienarchiv und der Universität Potsdam.
Dr. Barbara Eckardt
Lebensdaten
von
Hugo Höppener
- 8. November 1868 in Lübeck als Sohn eines Konditormeisters geboren
- seit 10. Lebensjahr regelmäßig privater Zeichenunterricht
- 1887 Beginn des Studiums der Malerei in München
- verläßt nach drei Monaten die Akademie der Bildenden Künste, um Schüler des im Isartal lebenden Malers und Lebensreformers Karl Wilhelm Diefenbach zu werden, der ihm den Namen „Fidus“ (der Getreue) verleiht
- 1889 Rückkehr an die Akademie
- 1892 Übersiedlung nach Berlin
- 1893 erste Einzelausstellung im Kunstgewerbe-Museum Hamburg
- seit 1894 Gebrauchsgrafik (Werbung, Plakate, Verpak- kungen, Firmensignets), Exlibris
- 1900 Heirat mit Elsa Knorr
- 1909 Umzug nach Woltersdorf
- 1912 Beginn umfangreicheren Verlagstätigkeit (Flugblätter, Prospekte, Postkarten, Reproduktionen seiner Bilder)
- 1915 Tod seiner Frau
- 1922 Heirat mti Eisbet Lehmann-Hohenberg
- 1928 „Fidus-Gesamt-Ausstellung“
- 1932 Beitritt zur NSDAP
- 1943 zum 75. Geburtstag verleiht ihm Hitler den Titel Prof. h. c.
- am 23. Februar 1948 in Woltersdorf verstorben