Heft 
(1.1.2019) 05
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ARCHIV

Nr. 5/94 - Seite 3

Gutachten bestätigt großen Wert des Fidus-Archivs

Der Künstler, Schriftsteller und Lebensreformer Hugo Höppe- ner (1868-1948) ist besonders in der Kunstgeschichte kein Un­bekannter. Weniger Eingeweih­ten ist er vielleicht unter dem von seinem Lehrer Karl Wil­helm Diefenbach verliehenen NamenFidus (lat.der Ge­treue) geläufig.

Als typischer Vertreter des Ju­gendstils war er bekannt und umstritten zugleich. Sowohl Pathos, Romantik, symbolische Gedankenkunst und Harmonie­bedürfnis als auch Nationalis­mus sind seinen Arbeiten zu entnehmen. Das Schaffen des Künstlers ist gekennzeichnet durch Breite, Differenziertheit und große Produktivität. Er gilt als Mitbegründer der modernen Gebrauchsgrafik, war Illustra­tor, beschäftigte sich mit Typo­grafie und Wohnkultur.

Für Wissenschaftler verschie­dener Fachgebiete stellt der Nachlaß von Fidus eine Fund­grube dar. Bisherige Forschun­gen erfolgten oftmals nur auf der Grundlage von Sekundär­quellen. Das kann sich in abseh­barer Zeit ändern.

Durch die Initiative von Dr. ha­bil. Hartmut Salzwedel (Be­reich Sozialwissenschaften/So­ziologie) und seine Kontakte zum Erben Oliver Haller ent­stand 1991 das Vorhaben, be­

trächtliche Teile des Nachlasses der Familie Haller der Universi­tät Potsdam, Universitätsbiblio­thek, zu übergeben. Vorher war das Kulturgut im denkmal-, aber nicht regengeschützten Wohnhaus und Atelier Höppe- ners in Woltersdorf unterge­bracht, zudem ungenügend vor Diebstahl gesichert. Das Archiv befindet sich jetzt in den Räum­lichkeiten der Potsdamer Hoch­schule.

Unter dem TitelDie Tempel­tänze des Fidus wurde im Sommer 1992 im Alten Rathaus in Potsdam eine Ausstellung mit Leihgaben des Hallerschen Familienarchivs gestaltet. Die Archivalien umfassen neben Beständen aus der Hand oder dem Besitz von Fidus auch Zeit­schriften, Zeitungsartikel, Bü­cher, Flugschriften, Fotos, Post­karten, die sein kulturelles Um­feld charakterisieren. Der um­fangreichste und reichhaltigste Teil des Nachlasses beinhaltet Tausende Briefe, handschriftli­che Notizen sowie an ihn ge­richtete Autographen. Dieser Briefwechsel mit Künstlern, Verlegern und Schriftstellern gewährt vielseitige Einblicke in zeitgeschichtlich relevante Zu­sammenhänge. Außerdem ge­hören zu den Beständen 90 bis 100 Originale (Grafik, Malerei), graphische Arbeiten (Originale

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und Reproduktionen), Skulptu­ren, Möbel und andere persönli­che Gegenstände.

Der Gutachter der Freien Uni­versität Berlin, Prof. Hammer- Schenk, stellte fest, daß es sich um einengeradezu einzigarti­gen ,Schatz 1 an authentischen Zeugnissen handelt.

Die Schriften enthalten nach seiner Auffassunghochwichti­ge Positionsbestimmungen zu sozialgeschichtlichen, philoso­phisch, kunst- und kulturge­schichtlich, literaturgeschicht­lich bedeutsamen Entwicklun­gen und Strömungen. Wertvoll sind die Bestände für Forschen­de, ebenso interessant unter dem Aspekt der praxisorientier­ten Lehre, insbesondere der Gebiete Literaturgeschichte, Geschichte, Kulturgeschichte, Kunstgeschichte, Musikge­schichte und Sozialgeschichte. Große Teile des Archivmateri­als sind derzeit erst grob sor­tiert, teilweise noch verpackt. Als Aufgabe steht nun die fach­kundige Erschließung der Be­stände. Vorgeschlagen wurde, einen interdisziplinären Beirat unter Einbeziehung der Univer­sitätsbibliothek zu etablieren, der die archivmäßige und fach­wissenschaftliche Bearbeitung begleitet. Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur stellte nach einem ent­sprechenden Antrag der Bi­bliotheksdirektorin, Barbara Schneider-Eßlinger, finanzielle Mittel zur Verfügung, die für Personalkosten genutzt wurden. Grafikschränke, Grafikkästen und Formularkästen aus säure­freiem Karton wurden ange­schafft, um eine angemessene Langzeitlagerung zu gewährlei­sten. Weitere Mittel sind für 1994 und 1995 bewilligt.

Seit wenigen Tagen existiert nun auch ein Unterzeichneter Vertrag zwischen dem Haller­schen Familienarchiv und der Universität Potsdam.

Dr. Barbara Eckardt

Lebensdaten

von

Hugo Höppener

- 8. November 1868 in Lü­beck als Sohn eines Kondi­tormeisters geboren

- seit 10. Lebensjahr regelmä­ßig privater Zeichenunter­richt

- 1887 Beginn des Studiums der Malerei in München

- verläßt nach drei Monaten die Akademie der Bildenden Künste, um Schüler des im Isartal lebenden Malers und Lebensreformers Karl Wil­helm Diefenbach zu werden, der ihm den NamenFidus (der Getreue) verleiht

- 1889 Rückkehr an die Aka­demie

- 1892 Übersiedlung nach Berlin

- 1893 erste Einzelausstellung im Kunstgewerbe-Museum Hamburg

- seit 1894 Gebrauchsgrafik (Werbung, Plakate, Verpak- kungen, Firmensignets), Ex­libris

- 1900 Heirat mit Elsa Knorr

- 1909 Umzug nach Wolters­dorf

- 1912 Beginn umfangreiche­ren Verlagstätigkeit (Flug­blätter, Prospekte, Postkar­ten, Reproduktionen seiner Bilder)

- 1915 Tod seiner Frau

- 1922 Heirat mti Eisbet Leh­mann-Hohenberg

- 1928Fidus-Gesamt-Aus­stellung

- 1932 Beitritt zur NSDAP

- 1943 zum 75. Geburtstag verleiht ihm Hitler den Titel Prof. h. c.

- am 23. Februar 1948 in Wol­tersdorf verstorben