VORTRAGSREIHE
Nr. 5/94 - Seite 5
„Zeit der Neuorientierung - Politik im vereinten Deutschland“
Was Angebot und Nachfrage betrifft, so könnte der Lehrstuhl Professor Bürklins die Vortragsreihe „Politik aus erster Hand“ zu seinem Hauptanliegen machen. Zum einen liegen zahlreiche Einladungsvorschläge von seiten der Mitarbeiter und Studenten vor, zum anderen finden Einladungen zu Vorträgen an unserer Universität bei den bisher angesprochenen Politikern einen recht großen Anklang.
Nachdem am 8. Dezember vergangenen Jahres der Ministerpräsident des Landes Brandenburg, Manfred Stolpe, diese Vorlesungsreihe eröffnete, kam nun am 26. Januar dieses Jahres Wolfgang Schäuble der Einladung nach Babelsberg nach. Abgesehen von der mit einiger Spannung erwarteten Debatte mit diesem nicht gerade profillosen Politiker, gab es im Vorfeld dieser Veranstaltung einigen Wirbel um die behindertenunfreundliche Ausstattung des Komplexes in Babelsberg. Dies sollte übrigens zum Nachdenken bei der weiteren Sanierungsplanung der Gebäude gereichen. In der letzten Zeit sorgte der Fraktionschef der CDU/ CSU im Bundestag für Schlagzeilen. Sei es sein Vorstoß in Sachen Einsatz der Bundeswehr im Inneren der Republik, das vehemente Eintreten für ein Zurücknehmen des Sozialstaates oder seine Gegnerschaft zu Christos Reichstagsverpak- kungsprojekt. Auch in der sich an seinen Babelsberger Vertrag anschließenden Debatte zeigte sich Schäuble als ein Mann, der sich keineswegs hinter verwaschenen Formulierungen versteckt. Im Gegenteil: Klar traten die Konturen eines der Tradition verhafteten Denkers hervor, und seine Äußerungen enttäuschten in puncto Streitbarkeit keineswegs. Dieser Umstand und die fundierte wie auch lebhafte Diskussion seitens des
Auditoriums machten auch diese Veranstaltung wieder zu einem fruchtbaren Podium. Von Schäubles Vortrag jedoch war so mancher enttäuscht. Der wirkte eher unvorbereitet - aus oftmals aufgesagten Formeln zusammengesetzt: „Der Aufschwung ist in Sicht, vielleicht eher als später.“ - denn für ein wissenschaftlich geschultes und politisch interessiertes Auditorium einer Universität sorgfältig ausgearbeitet.
Es gibt wohl zwei grundsätzliche Alternativen einer Neuorientierung: Nach vom, für notwendig Neues offen, und rückwärtsgewandt, die „gute alte Zeit“ zurücksehnend. In welche Richtung Schäuble neuorientieren möchte, wurde schon in seinen einleitenden Ausführungen deutlich.
Man kann normativ sicher unterschiedlicher Meinung darüber sein, ob das allmähliche Schwinden der traditionellen Form des Zusammenlebens in der Ehe zu bedauern oder gutzuheißen ist. Angesichts des sich bietenden Bildes unserer Gesellschaft geht ein pauschaler Appell zur Rückbesinnung auf „Sekundärtugenden“ schlicht an der Realität und den Tendenzen der Entwicklung vorbei. Insofern scheint es zumindest ein Verkennen der Steuerungsanforderungen an die Institution des Staates in einer hochkomplexen Gesellschaft, wenn Schäuble glaubt, allein mit der Anmahnung des Generationsvertrages bei den jungen Menschen die demographischen und damit Rentenprobleme lösen zu können. Überspitzt könnte man fragen: Sollte eine Wiederbelebung der Großfamilie mit mehreren Generationen unter einem Dach die Lösung für diese Probleme darstellen? - Ein anderes Beispiel: Die Gegensätze zwischen Deutschen aus Ost und West seien zurückzuführen zum einen auf das Vermissen liebge
wordener Besitzstände und da- gen angesichts des Verhaltens mit auf Widerstand gegen Ver- „ihrer“ Wähler spüren. Da ist änderungen im Westen. Zum einerseits das ständige Bestre- anderen auf das Fehlen der ben, den Wähler nicht zu verschätzenden Hand des autoritä- prellen: Den Reichstag könne ren Obrigkeitsstaates im Osten, man schon deshalb nicht ver- Dies sind sicher mögliche Ursa- packen, da das Nationalgefühl chen. Nur kann daran gezwei- vieler Deutscher verletzt wer- felt werden, ob Schäubles den könnte. Manches wiederum Schluß auf eine Mobilisierung möchte man ihm aber vor-
Wolfgang Schäuble im überfüllten Saal der Potsdamer Universität Foto: Rüffert
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deutschen Nationalgefühls der richtige Weg zur inneren Einheit Deutschlands in einer sich internationalisierenden Welt ist. Originalton Schäuble: „Nur mit dem Kopf ist die innere Einheit Deutschlands nicht zu erreichen. Wir brauchen wieder eingeübte Regeln und Rituale zur Erleichterung des Zusammenlebens.“
Ist es nicht eher angezeigt, sich von einer völkischen Fassung cts „Deutschsems“ im Blutrecht zu lösen und Nation endlich als Verkörperung demokratischer Grundwerte zu begreifen - und zu leben? Zuwanderer und Asylsuchende müssen auf der Grundlage von Freiheit, Gleichzeit, Brüderlichkeit Aufnahme und Akzeptanz finden. Immer wieder fiel auf, daß auch Schäuble zu den Politikern gehört, die ein gewisses Unbeha-
schreiben: So zum Beispiel, daß er am besten die demokratische Mitte wähle, nicht aber PDS oder Republikaner; abgesehen davon, daß man sich allein auf der Grundlage unseres Grundgesetzes schon über die Nennung beider Parteien in einem Atemzug streiten könnte. Ungeachtet auch dessen, daß der von Schäuble für eine Demokratie als wichtig bezeichnete Streit wenig Sinn macht, wenn er nur in der Mitte geführt wird. Wichtiger ist vielmehr, daß nicht gefragt wird, warum sich das Wahlverhalten geändert hat, warum viele Menschen im Osten Deutschlands PDS wählen. In den Antworten auf diese und viele andere Fragen liegen wohl am ehesten die Ideen für Neurorientierung in einer veränderten Welt.
Jörg Machatzke
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