VORLESUNG
Nr. 5/94 - Seite 7
Laienwissen als Artefaktquelle in der Psychologie
Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Barbara Krähe
Es ist allseits bekannt, daß sich Menschen in ihrer Wahrnehmung täuschen, ihre Erinnerungen verfälschen und gegen elementare Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung verstoßen. Die Dokumentation des irrenden, rational beschränkten Menschen füllt psychologische Bände.
Gut dokumentiert ist auch die Absicht von Personen, sich selbst möglichst positiv darzustellen. Insbesondere dann, wenn der psychologische Laie mit dem reichhaltigen Fragebogeninventar eines Psychologen konfrontiert wird, neigt er dazu, sich einem Chamäleon gleich der jeweiligen Testsituation anzupassen. Der Angeklagte möchte glaubhaft wirken und der Stellenbewerber leistungsmotiviert.
Solchen Verfälschungstendenzen setzen Psychologen in der Regel ausgefeilte Techniken zur Verschleierung der wahren Ziele und Inhalte ihrer Untersuchung entgegen. Oder sie versuchen, einen Lügner oder Ja-Sa- ger direkt dingfest zu machen. Dabei wird selbstverständlich immer vorausgesetzt, daß der psychologische Laie diese Techniken nicht zu durchschauen und nicht zu konterkarieren vermag.
Prof. Dr. Barbara Krähe entzog dieser Voraussetzung eines unwissenden Laien in ihrer Antrittsvorlesung jegliche Plausibilität. Eindrucksvoll stellte sie dar, daß Laien weit besser über psychologsiche Zusammenhänge Bescheid wissen, als ihnen von seiten des psychologischen Experten zugestanden wird. So verfügen psychologische Laien über implizites Wissen, das den Annahmen prominenter Theorien aus der Persönlichkeitsund Sozialpsychologie entspricht. Dies belegte Prof. Krähe überzeugend durch eine
Reihe empirischer Untersuchungen.
Demnach vermögen Personen
1) ihr Profil auf dem Freiburger Persönlichkeitsinventar instruktionsgemäß im Sinne der besonderen Eignung bzw. Nicht-Eignung für bestimmte Berufe zu verzerren; dies setzt ein implizites Verständnis der Dimensionsstruktur des Fragebogens voraus, der vielfach in der Berufsberatung, Verkehrseignung und klinischen Diagnostik verwendet wird;
2) neben solchen phänotypischen Aussagen auch komplexere genotypische Konstrukte des weit verbreiteten Eysenck- schen Extraversions-Introversi- ons-Modells zu identifizieren;
3) die Zusammengehörigkeit einzelner Items als Repräsentanten einer Modellvariablen und die Beziehungen zwischen Prädiktor- und Kriteriumsvariablen aufzudecken, wie sie der „theory of reasoned action“ von Fishbein & Ajzen zugrundeliegen.
Geht man davon aus, daß Laien auch über implizites Wissen zu anderen Konstrukten verfügen, und berücksichtigt man den weiten Einsatzbereich von Fragebogenstudien, so ist die Tragweite dieser Befunde insbesondere auch für die psychologische Praxis nicht zu überschätzen.
Konsequent räumte Prof. Krähe in der Folge ihrer Antrittsvorlesung mit der naiven Vorstellung auf, Psychologen könnten diese Artefaktquelle durch einfache Fangfragen oder Verdunkelungstechniken ausschalten. Vielmehr plädierte sie dafür, der speziellen motivationalen Ausgangssituation einer Testperson stärkeres Gewicht beizumessen. Des weiteren skizzierte sie ein Forschungsprogramm, das der Tragweite ihrer Befunde angemessen zu sein scheint. Sie
forderte, „eine Neubestimmung des Verhältnisses von Forscher und Versuchsperson zu überdenken, in der die Versuchsperson in ihrer Rolle als Experte des eigenen Erlebens und Verhaltens unmittelbar am Forschungsprozeß beteiligt wird“. Personen mögen häufig irren und fehlerhaft urteilen. Der von Prof. Krähe skizzierte Ansatz wird der Tatsache gerecht, daß dieselben Personen prinzipiell selbstverständlich in der Lage sind, entlarvbare Fehlurteile auch aufzudecken. Und er verbaut nicht die Möglichkeit, psychologsiche Forschung transparent zu machen, anstatt dem Laien die theoretischen Annahmen zu verschleiern.
Neben der Verhaltensbeobachtung und physiologischen Messungen kann die dritte große Säule psychologischer Messungen, der Einsatz von Fragebogen, mit diesem Ansatz an Gültigkeit nur gewinnen.
Dipl.-Psych.
Torsten Reimer
Prof. Dr. Barbara Krähe
Foto: Tribukeit
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DAS MITTELALTER IN DATEN; Literatur, Kunst, Geschichte 750- 1520; hrsg. von Joachim Heinzle; Verlag C. H. Beck (München) 1993
G.