Heft 
(1.1.2019) 05
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VORLESUNG

Nr. 5/94 - Seite 7

Laienwissen als Artefaktquelle in der Psychologie

Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Barbara Krähe

Es ist allseits bekannt, daß sich Menschen in ihrer Wahrneh­mung täuschen, ihre Erinnerun­gen verfälschen und gegen ele­mentare Regeln der Wahr­scheinlichkeitsrechnung versto­ßen. Die Dokumentation des ir­renden, rational beschränkten Menschen füllt psychologische Bände.

Gut dokumentiert ist auch die Absicht von Personen, sich selbst möglichst positiv darzu­stellen. Insbesondere dann, wenn der psychologische Laie mit dem reichhaltigen Fragebo­geninventar eines Psychologen konfrontiert wird, neigt er dazu, sich einem Chamäleon gleich der jeweiligen Testsituation an­zupassen. Der Angeklagte möchte glaubhaft wirken und der Stellenbewerber leistungs­motiviert.

Solchen Verfälschungstenden­zen setzen Psychologen in der Regel ausgefeilte Techniken zur Verschleierung der wahren Zie­le und Inhalte ihrer Untersu­chung entgegen. Oder sie versu­chen, einen Lügner oder Ja-Sa- ger direkt dingfest zu machen. Dabei wird selbstverständlich immer vorausgesetzt, daß der psychologische Laie diese Techniken nicht zu durchschau­en und nicht zu konterkarieren vermag.

Prof. Dr. Barbara Krähe entzog dieser Voraussetzung eines un­wissenden Laien in ihrer An­trittsvorlesung jegliche Plausi­bilität. Eindrucksvoll stellte sie dar, daß Laien weit besser über psychologsiche Zusammenhän­ge Bescheid wissen, als ihnen von seiten des psychologischen Experten zugestanden wird. So verfügen psychologische Laien über implizites Wissen, das den Annahmen prominenter Theo­rien aus der Persönlichkeits­und Sozialpsychologie ent­spricht. Dies belegte Prof. Krähe überzeugend durch eine

Reihe empirischer Untersu­chungen.

Demnach vermögen Personen

1) ihr Profil auf dem Freiburger Persönlichkeitsinventar instruk­tionsgemäß im Sinne der beson­deren Eignung bzw. Nicht-Eig­nung für bestimmte Berufe zu verzerren; dies setzt ein implizi­tes Verständnis der Dimen­sionsstruktur des Fragebogens voraus, der vielfach in der Be­rufsberatung, Verkehrseignung und klinischen Diagnostik ver­wendet wird;

2) neben solchen phänotypi­schen Aussagen auch komple­xere genotypische Konstrukte des weit verbreiteten Eysenck- schen Extraversions-Introversi- ons-Modells zu identifizieren;

3) die Zusammengehörigkeit einzelner Items als Repräsen­tanten einer Modellvariablen und die Beziehungen zwischen Prädiktor- und Kriteriumsvaria­blen aufzudecken, wie sie der theory of reasoned action von Fishbein & Ajzen zugrundelie­gen.

Geht man davon aus, daß Laien auch über implizites Wissen zu anderen Konstrukten verfügen, und berücksichtigt man den weiten Einsatzbereich von Fra­gebogenstudien, so ist die Trag­weite dieser Befunde insbeson­dere auch für die psychologi­sche Praxis nicht zu überschät­zen.

Konsequent räumte Prof. Krähe in der Folge ihrer Antrittsvorle­sung mit der naiven Vorstellung auf, Psychologen könnten diese Artefaktquelle durch einfache Fangfragen oder Verdunke­lungstechniken ausschalten. Vielmehr plädierte sie dafür, der speziellen motivationalen Ausgangssituation einer Test­person stärkeres Gewicht beizu­messen. Des weiteren skizzierte sie ein Forschungsprogramm, das der Tragweite ihrer Befunde angemessen zu sein scheint. Sie

forderte,eine Neubestimmung des Verhältnisses von Forscher und Versuchsperson zu über­denken, in der die Versuchsper­son in ihrer Rolle als Experte des eigenen Erlebens und Ver­haltens unmittelbar am For­schungsprozeß beteiligt wird. Personen mögen häufig irren und fehlerhaft urteilen. Der von Prof. Krähe skizzierte Ansatz wird der Tatsache gerecht, daß dieselben Personen prinzipiell selbstverständlich in der Lage sind, entlarvbare Fehlurteile auch aufzudecken. Und er ver­baut nicht die Möglichkeit, psy­chologsiche Forschung transpa­rent zu machen, anstatt dem Laien die theoretischen Annah­men zu verschleiern.

Neben der Verhaltensbeobach­tung und physiologischen Mes­sungen kann die dritte große Säule psychologischer Messun­gen, der Einsatz von Fragebo­gen, mit diesem Ansatz an Gül­tigkeit nur gewinnen.

Dipl.-Psych.

Torsten Reimer

Prof. Dr. Barbara Krähe

Foto: Tribukeit

Datensammlung zum Mittelalter

Für Historiker, Literatur- und Kunstwissenschaftler, aber auch für den interessiertenLai­en hat der Herausgeber Joa­chim Heinzle einen Überblick zur Literatur-, Kunst- und Er­eignisgeschichte des Mittelal­ters zwischen 750 und 1520 er­arbeitet, der einen schnellen und übersichtlichen Zugang zu allen wichtigen Daten dieses Zeit­raums ermöglicht.

Der Zeitrahmen umfaßt das Auftauchen erster schriftlicher Zeugnisse der Entstehung deut­scher Literatur bis hin zur Re­formation. Die Datendichte ist hoch, aber naturgemäß nicht vollständig. Trotzdem erweist es sich als ein für alle mediävi- stischen Disziplinen nützliches Arbeitsinstrument.

Das dargestellte Material ist in einer synoptischen Folge von Doppelseiten angeordnet, die jeweils Zeiträume zwischen ei­nem Jahr und einem Viertel­jahrhundert erfassen. Neben den gängigen europäischen Kulturen (Deutschland, Skandi­navien, die slavischen Natio­nen, Frankreich, England, die Niederlande, die Iberische Halbinsel und Italien) werden auch Byzanz, die jüdische und arabische Kultur permanent einbezogen. Somit werden in­teressante Verflechtungen transparent, die sich an anderer Stelle mitunter sehr schwer er­schließen.

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DAS MITTELALTER IN DATEN; Li­teratur, Kunst, Geschichte 750- 1520; hrsg. von Joachim Heinzle; Verlag C. H. Beck (München) 1993

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