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WISSENSCHAFT
Untersuchungen zum Phasendiagramm von Schwefel im Druckbereich bis 10 GPa bei Temperaturen bis 300 °C
Im Rahmen des erfolgreich abgeschlossenen Projektes wurden Beiträge zum Verständnis des Phasendiagramms von elementarem Schwefel erarbeitet, d. h., es wurden die Beziehungen zwischen Struktur und Eigenschaften dieses Elements in einem Druckbereich bis ca.20 GPa und für Temperaturen bis 300 °C untersucht.
Schwefel bildet unter Normalbedingungen einen Molekülkristall orthorhombischer Symmetrie, der aus ringförmigen Molekülen, bestehend aus jeweils acht Schwefelatomen, aufgebaut wird. Die Untersuchung des elementaren Schwefels in einem breiten Druck- und Temperaturbereich ist sowohl für geowissenschaftliche Fragestellungen (Schwefel bzw. Schwefelverbindungen bilden einen wesentlichen Bestandteil des Erdinneren) als auch für eine systematische Erforschung der Phasendiagramme der chemischen Elemente und des Verhaltens von Molekülkristallen von großem Interesse.
Auf Grund der unterschiedlichen chemischen Bindungskräfte (starke, kovalente Bindung innerhalb der Moleküle und schwache van-der-Waals-Bin- dung zwischen den Molekülen) kann eine Vielzahl von stabilen oder auch metastabilen Strukturen im Phasendiagramm erwartet werden. Ältere Untersuchungen berichten von bis zu zwölf verschiedenen kristallinen Phasen oberhalb der Zimmertemperatur. Die experimentellen Arbeiten im Rahmen des Projekts wurden mit Hilfe der leistungsfähigen und variabel einsetzba- ren Diamantstempel-Technik durchgeführt, die es ermöglicht, gleichzeitig mit dem Aufbringen von Druck und Temperatur auf die Probe die verschiedensten Untersuchungen in situ auszuführen, wobei hier insbesondere optische Meßmethoden (Fluoreszenz-, Absorptionsund Ramanspektroskopie) benutzt wurden. Als eine wesentliche Voraussetzung für die Durchführung des Projektes wurde zunächst ein neuer
Drucksensor vermessen, der eine (im Vergleich zu Standardverfahren) um eine Größenordnung genauere Messung des auf die Probe wirkenden Druckes erlaubt. Es konnte gezeigt werden, daß die in älteren Untersuchungen beobachtete Vielfalt von verschiedenen Phasen nicht das Gleichgewichtsphasendiagramm darstellt, sondern in der Mehrzahl auf metastabile Modifikationen des Schwefels zurückzuführen ist.
Bei optischen Untersuchungen im sichtbaren Spektralbereich, insbesondere bei der Bestimmung der Verschiebung der Absorptionskante mit dem Druck zu höheren Wellenlängen (es wurde bis etwa 20 GPa bei Zimmertemperatur gemessen), wurde erstmals bei ca. 6 GPa eine scharfe Änderung des Druckkoeffizienten festgestellt. An dieser Stelle ändert sich der Koeffizient der Rotverschiebung der Absorptionskante plötzlich um den Faktor 2, was auf einen strukturellen oder auch elektronischen Phasenübergang hinweist. Diese Vermutung wurde in der Literatur durch Röntgenuntersuchungen bestätigt, die bei diesem Druck eine Änderung der Kristallstruktur zur monoklinen Symmetrie nachgewiesen haben.
Es ist bekannt, daß orthorhombischer Schwefel unter hohem Druck und intensiver Laserbestrahlung einen photoinduzierten Phasenübergang zeigt, wobei die neue Phase durch scharfe Anregungen im Ramanspek- trum charakterisiert ist. Die Struktur dieser als p-S bezeichnten Phase und der physikalische Mechanismus des Übergangs konnten bisher noch nicht aufgeklärt werden. In den hier abgeschlossenen Arbeiten wurde dieser Übergang bei Anregung mit blauem Laserlicht im Druckbereich zwischen 3 und 9 GPa detaillierter untersucht. Dabei konnte erstmals durch die Anwendung eines schnellen und leistungsfähigen Detektionssystems für die Ramansignale der zeitliche Verlauf dieses Phasenübergangs aufgelöst und ausge
wertet werden. Die Abbildung zeigt die Entwicklung der Ra- manspektren während des Übergangs. Die neue Phase bildet sich aus den durch Zerstörung entstehenden Fragmenten der alten Phase und markiert sich durch neue Peaks im Spektrum sowie ein bisher noch nicht beobachtetes breites Anregungsband bei höherer Energie. Die Meßergebnisse zeigen, daß der Übergang in die photoinduzierte Phase ein rekonstruktiver Phasenübergang (erster Art) ist und zunächst die orthorhombische Ausgangsstruktur und die atomare Ringstruktur zerstört werden müssen, bevor die neue Phase aus den Fragmenten aufgebaut werden kann. Dieser Prozeß kann als elektronische Instabilität verstanden werden, bei dem die Absorption des intensiven Laserlichts das Elektronenensemble des Festkörpers so stark anregt, daß die kovalenten Bindungen teilweise aufgebrochen werden, so daß sich die Fragmente zu neuen Strukturen anordnen können.
Im Druckbereich oberhalb 9 GPa wird ein weiterer Phasenübergang erster Art im Ramanspek- trum beobachtet. Hier erfolgt der Übergang in eine neue molekulare Struktur (S 6 ). Die für bei
de hier beschriebenen Phasentransformationen erstmals durchgeführten zeitaufgelösten Ramanmessungen mit einer charakteristischen Meßzeit von etwa 5 s geben wichtige Hinweise auf die zugrundeliegenden physikalischen Prozesse. Der Vergleich aller gewonnenen Daten, sowohl der Absorptionsmessungen als auch der Raman- untersuchungen, zeigt eine gute Korrelation, wobei auch eine Reihe von Ergebnissen aus der Literatur ihre weitergehende Interpretation findet.
Die Arbeiten an diesem Projekt wurden im Rahmen des Wissen- schaftler-Integrations-Projektes am Hochdrucklabor bei der Universität Potsdam durchgeführt. Der für die Untersuchungen verwendete Meßplatz wurde mit Hilfe der Deutschen Forschungsgemeinschaft aufgebaut. Die Resultate wurden in mehreren Publikationen dargestellt und fanden auf Konferenzen und Tagungen (z. B. AIRAPT Conference 1993, Colorado Springs) reges Interesse und bilden die Grundlage für weitere interessante Diskussionen.
Dr. Bernd Lorenz, Dr. Ingo Orgzall WIP-Gruppe Hochdrucklabor
1500 -
1000 -
Raman shift [ cm ' 1 ]
Zeitaufgelöstes Ramanspektrum für den Übergang von der orthorhombischen Struktur (S 8 ) zur photosensitiven Phase p-S. Das erste Spektrum zeigt klar die Charakteristika des orthorhombischen Schwefels, während sich die neue Phase durch das Auftreten neuer Peaks sowie eines breiten Anregungsbandes markiert, besonders ausgeprägt im letzten Spektrum (aufgenommen nach 3 Minuten).