Heft 
(1.1.2019) 09
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PRIMARSTUFE

Nr. 9/94 - Seite 3

Umweltlernen im Sachunterricht der Primarstufe

So oft hört man ihn heutzutage nicht, den Ausruf,jetzt weiß ich wieder, warum ich Lehrerin wer­den will!

Diese spontane Äußerung war das persönliche Fazit einer der Stu­dentinnen, die sich auf die Mit­arbeit an einem Forschungsprojekt für den Sachunterricht der Pri­marstufe eingelassen haben.

Sie hat Kinder im Unterricht ei­ner Grundschule in Neuruppin beobachtet, die begeistert, ideen­reich und sensibel für dasWun­derbare ihren Erkundungen in der Natur nachgehen. Das waren scheinbar nicht mehr die Kinder, denen vorrangig dieMedien­kindheit zu perfekten Informa­tionen verhilft, über die es sich u. U. sehr verständig reden läßt. Die betreffende Schulklasse und ihre Lehrerin sind Teilnehmer eines großen Bund-Länder-Mo- dellversuchesUmwelt-Lemen in der Grundschule, den das Päd­agogische Landesinstitut Bran­denburg betreut.

Das Projekt will einen Beitrag zur Umwelterziehung im Rahmen von Lehrerfortbildung leisten. In den Projektwochen, die die Lehrerin­nen teilweise mit ihren Kindern in zwei Umweltbegegnungsstät­ten verleben, soll Umlernen statt­finden. Dazu ist das Projekt we­sentlich daraufhin ausgelegt, Um­weltbeziehungen mit der Natur für sich selbst und mit anderen in natumahen Erlebnisräumen zu ge­winnen. Die anspruchsvollen In­vestitionen des Projektes zielen sowohl auf ein neues Verhältnis zur Natur als auch zur sozialen Umwelt.

Die Pädagogen probieren u. a. neue Wege des Erfahrungsge­winns, die den Kindern erlauben, von primären Erfahrungen in der Natur ausgehend, durch weitge­hend selbstbestimmtes Handeln Zusammenhänge aufzudecken. Vor allem sind es die eindrucks­vollen Erlebnisse, oftmals spie­lerisches Entdecken, das Staunen über etwas, die eigene Entschei­dung über die Zuwendung zum Erkundeten, die das gemeinsame Bereden, Probieren, Gestalten

usw. auslösen und dabei helfen, neue Sichtweisen anzubahnen. Mit seinen umweltpädagogischen Intentionen erreicht das Fortbil­dungsvorhaben Reformbestre­bungen der Grundschule, die Le­bensnähe und Primärerfahrungen als unabdingbare Komponenten fürganzheitliche schulische Lem-

neten Lernsituationen und an günstigen Lemorten bilden eine hervorragende Basis für eine pädagogisch-didaktische Unter­suchung zur Übertragbarkeit re­levanter didaktischer Einsichten auf denalltäglichen Sachun­terricht in der Grundschule. Grundsätzliches Anliegen der

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Erprobung des angefertigten Wasserrades (Klasse 3)

Foto: Toth

Vorgänge der Kinder ansehen. Unter diesem Gesichtspunkt ge­rät z. B. dasLernen mit allen Sinnen zu einem inhalts­bezogenen Konzept auch des Sachunterrichts, der für die Grund­legung von Bildung u. a. im Sach­bereich der Natur und Technik und gleichermaßen im Bereich des Zusammenlebens der Menschen zuständig ist. Sachunterricht ist demnach mit seinen thematischen Zugängen, Zielen und integrati- ven Vorgehensweisen wesenhaft Umweltunterricht.

Vorrangig auf solche Überlegun­gen gründet sich die Entscheidung für die Durchführung einer wis­senschaftlichen Begleituntersu­chung zum ModellversuchUm- Welt-Lernen. Die im Rahmen des Modellversuches gebotenen Möglichkeiten für Erfahrungsge­winn und -Verarbeitung in geeig­

Untersuchung ist die Klärung der Frage, inwieweit sich didaktisches Handeln von Lehrerinnen zur Förderung der Naturerfahrungen der Kinder aufgrund von Anre­gungen und Impulsen des Mo­dellversuches verändert hat.

Die Untersuchungen wendeten sich zunächst den Bedingungen für den Erwerb von Primär­erfahrungen in und mit der Um­welt zu. Normalerweise sind ja Wald, Wiesen, Felder und Seen nicht vor der Schultür zu finden, so wie das in den landschaftlich ideal gelegenen Umweltbegeg­nungsstätten der Fall ist. Daher wurden vergleichend zwischen Modellversuch und Schule Ob­jekte und Situationen gekenn­zeichnet, an und in denen Erfah­rungen erworben werden (kön­nen).

In dem Zusammenhang sollten

möglicherweise veränderte didak- tische Grundhaltungen der Leh­rerinnen ermittelt werden, die den Erwerb von Primärerfahrungen der Kinder in der Natur begün­stigen.

In den kommenden Monaten soll vertiefend der Frage nachgegan­gen werden, wie sich die Kinder in Situationen des didaktisch ini­tiierten oder auch spontanen Naturerlebens verhalten, wie sie entsprechende Erfahrungen inter­pretieren und verarbeiten. Er­kenn tnisleitende Annahmen be­ziehen sich sowohl auf eher sinn­lich-intuitive als auch auf eher kognitive Formen kindlicherZu- gangsweisen bei der Auseinan­dersetzung mit der Wirklichkeit. Auch in den Grundschulklassen bestätigte sich der vielfach be­schriebene Effekt derRoutinie- rung der Wahrnehmung, die es ein Stück weit aufzubrechen gilt, um Erfahrenes wieder zur Kor­rektur durch neue Erfahrungen freizugeben. InderUntersuchung ist daher angelegt, daß ein ein­seitiger Zugang zu Natur­phänomenen, der z. B. oftmals in Ermangelung gebotener Alterna­tiven ausschließlich aus der Be­findlichkeit der Kinder heraus erfolgt, durch eine Vielfalt von Beziehungen stiftende Wahmeh- mungsformen aufzuheben sein wird.

Mit den Ergebnissen der Unter­suchung, die im empirischen Teil sofort verwertbares didaktisches Anschauungsmaterial liefert, ist teilweise Rahmenplanevaluierung für Sachunterricht angezielt. Vor allem aber soll ein Beitrag zur pädagogischen Grundlegung des Sachunterrichts in bezug auf den Integrationsanspruch des Lern­bereichs geleistet werden, der aus seiner umfassenden ökologischen Aufgabenstellung resultiert.

Projektleiter:

Dr. Irene Frohne

Institut

für Grundschulpädagogik i. G.