PRIMARSTUFE
Nr. 9/94 - Seite 3
„Umweltlernen“ im Sachunterricht der Primarstufe
So oft hört man ihn heutzutage nicht, den Ausruf,„jetzt weiß ich wieder, warum ich Lehrerin werden will!“
Diese spontane Äußerung war das persönliche Fazit einer der Studentinnen, die sich auf die Mitarbeit an einem Forschungsprojekt für den Sachunterricht der Primarstufe eingelassen haben.
Sie hat Kinder im Unterricht einer Grundschule in Neuruppin beobachtet, die begeistert, ideenreich und sensibel für das „Wunderbare“ ihren Erkundungen in der Natur nachgehen. Das waren scheinbar nicht mehr die Kinder, denen vorrangig die „Medienkindheit“ zu perfekten Informationen verhilft, über die es sich u. U. sehr verständig reden läßt. Die betreffende Schulklasse und ihre Lehrerin sind Teilnehmer eines großen Bund-Länder-Mo- dellversuches„Umwelt-Lemen“ in der Grundschule, den das Pädagogische Landesinstitut Brandenburg betreut.
Das Projekt will einen Beitrag zur Umwelterziehung im Rahmen von Lehrerfortbildung leisten. In den Projektwochen, die die Lehrerinnen teilweise mit ihren Kindern in zwei Umweltbegegnungsstätten verleben, soll Umlernen stattfinden. Dazu ist das Projekt wesentlich daraufhin ausgelegt, Umweltbeziehungen mit der Natur für sich selbst und mit anderen in natumahen Erlebnisräumen zu gewinnen. Die anspruchsvollen Investitionen des Projektes zielen sowohl auf ein neues Verhältnis zur Natur als auch zur sozialen Umwelt.
Die Pädagogen probieren u. a. neue Wege des Erfahrungsgewinns, die den Kindern erlauben, von primären Erfahrungen in der Natur ausgehend, durch weitgehend selbstbestimmtes Handeln Zusammenhänge aufzudecken. Vor allem sind es die eindrucksvollen Erlebnisse, oftmals spielerisches Entdecken, das Staunen über etwas, die eigene Entscheidung über die Zuwendung zum Erkundeten, die das gemeinsame Bereden, Probieren, Gestalten
usw. auslösen und dabei helfen, neue Sichtweisen anzubahnen. Mit seinen umweltpädagogischen Intentionen erreicht das Fortbildungsvorhaben Reformbestrebungen der Grundschule, die Lebensnähe und Primärerfahrungen als unabdingbare Komponenten fürganzheitliche schulische Lem-
neten Lernsituationen und an günstigen Lemorten bilden eine hervorragende Basis für eine pädagogisch-didaktische Untersuchung zur Übertragbarkeit relevanter didaktischer Einsichten auf den „alltäglichen“ Sachunterricht in der Grundschule. Grundsätzliches Anliegen der
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Erprobung des angefertigten Wasserrades (Klasse 3)
Foto: Toth
Vorgänge der Kinder ansehen. Unter diesem Gesichtspunkt gerät z. B. das „Lernen mit allen Sinnen“ zu einem inhaltsbezogenen Konzept auch des Sachunterrichts, der für die Grundlegung von Bildung u. a. im Sachbereich der Natur und Technik und gleichermaßen im Bereich des Zusammenlebens der Menschen zuständig ist. Sachunterricht ist demnach mit seinen thematischen Zugängen, Zielen und integrati- ven Vorgehensweisen wesenhaft Umweltunterricht.
Vorrangig auf solche Überlegungen gründet sich die Entscheidung für die Durchführung einer wissenschaftlichen Begleituntersuchung zum Modellversuch„Um- Welt-Lernen“. Die im Rahmen des Modellversuches gebotenen Möglichkeiten für Erfahrungsgewinn und -Verarbeitung in geeig
Untersuchung ist die Klärung der Frage, inwieweit sich didaktisches Handeln von Lehrerinnen zur Förderung der Naturerfahrungen der Kinder aufgrund von Anregungen und Impulsen des Modellversuches verändert hat.
Die Untersuchungen wendeten sich zunächst den Bedingungen für den Erwerb von Primärerfahrungen in und mit der Umwelt zu. Normalerweise sind ja Wald, Wiesen, Felder und Seen nicht vor der Schultür zu finden, so wie das in den landschaftlich ideal gelegenen Umweltbegegnungsstätten der Fall ist. Daher wurden vergleichend zwischen Modellversuch und Schule Objekte und Situationen gekennzeichnet, an und in denen Erfahrungen erworben werden (können).
In dem Zusammenhang sollten
möglicherweise veränderte didak- tische Grundhaltungen der Lehrerinnen ermittelt werden, die den Erwerb von Primärerfahrungen der Kinder in der Natur begünstigen.
In den kommenden Monaten soll vertiefend der Frage nachgegangen werden, wie sich die Kinder in Situationen des didaktisch initiierten oder auch spontanen Naturerlebens verhalten, wie sie entsprechende Erfahrungen interpretieren und verarbeiten. Erkenn tnisleitende Annahmen beziehen sich sowohl auf eher sinnlich-intuitive als auch auf eher kognitive Formen kindlicherZu- gangsweisen bei der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Auch in den Grundschulklassen bestätigte sich der vielfach beschriebene Effekt der„Routinie- rung“ der Wahrnehmung, die es ein Stück weit aufzubrechen gilt, um Erfahrenes wieder zur Korrektur durch neue Erfahrungen freizugeben. InderUntersuchung ist daher angelegt, daß ein einseitiger Zugang zu Naturphänomenen, der z. B. oftmals in Ermangelung gebotener Alternativen ausschließlich aus der Befindlichkeit der Kinder heraus erfolgt, durch eine Vielfalt von Beziehungen stiftende Wahmeh- mungsformen aufzuheben sein wird.
Mit den Ergebnissen der Untersuchung, die im empirischen Teil sofort verwertbares didaktisches Anschauungsmaterial liefert, ist teilweise Rahmenplanevaluierung für Sachunterricht angezielt. Vor allem aber soll ein Beitrag zur pädagogischen Grundlegung des Sachunterrichts in bezug auf den Integrationsanspruch des Lernbereichs geleistet werden, der aus seiner umfassenden ökologischen Aufgabenstellung resultiert.
Projektleiter:
Dr. Irene Frohne
Institut
für Grundschulpädagogik i. G.