FORSCHUNG
Nr. 9/94 - Seite 7
Eine unzeitgemäOe Persönlichkeit
Hanna Delf vom Moses Mendelssohn Zentrum veröffentlicht Landauer Briefe
„Aufklärungsforschung ist ein ftaditionsthema für Potsdam“
Gustav Landauer (1870-1919) in seiner Zeit kennenzulernen, ist schon deshalb interessant, weil der Philosoph und Literaturwissenschaftlervölligzu Unrecht (fast) in Vergessenheit geraten ist. Kürzlich stellte Hanna Delf von Wolzogen im Potsdamer Galeriecafe Matschke innerhalb der Reihe „Denker des Jahrhunderts“ jenen seit siebzig Jahren verbotenen oder ignorierten Publizisten vor. Vier Vorträge anerkannter Wissenschaftler umfaßte diese Gemeinschaftsveranstaltung der Volkshochschule Potsdam und des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam.
Hanna Delf arbeitet seit September 1992 als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Neuere Geschichte mit dem Schwerpunkt deutsch-jüdische Geschichte bei Prof. Dr. Julius H. Schoeps. Sie ist gleichzeitig geschäftsführende Wissenschaftlerin am Moses Mendelssohn Zentrum.
Philosophie, Deutsche Literatur und Psychoanalyse studierte sie in den 70er Jahren. Die Wissenschaftlerin verfaßte ein philosophisches Lexikon, das in zahlreiche osteuropäische Sprachen übersetzt wurde. Bereits in den 80er Jahren begann sie ihre Forschungen für eine Werkausgabe Landauers. Nach zahlreichem und langjährigem Quellenstudium, insbesondere in Israel, kann im Herbst 1994 das erste Buch einer mehrbändigen, in loser FolgebeimBeck-Verlag in München erscheinenden Briefausgabe realisiert werden. Es handelt sich um die Edition des Briefwechsels zwischen Landauer und dem Sprachphilosophen Fritz Mauthner. Der Theaterkritiker des „Berliner Tageblatt“ spielte eine große Rolle im literarischen Leben Berlins seiner Zeit. Weiterhin soll ein Band mit den Jugendbriefen und Tagebüchern Landauers veröffentlicht werden,
der weitere Hintergründe seiner Biographie, seines Verhältnisses zum Judentum u. a. erhellen wird. Geplant ist ebenso die Publizie- rung des Briefwechsels Landauers mit Martin Buber sowie Erich Mühsam. In Vorbereitung befinden sich auch die Bearbeitung des Gesamtkonglomerats des Briefwechsels mit bedeutenden Persönlichkeiten aus Literatur, Kultur und Politik.
Übrigens war Landauer freundschaftlich verbunden mit Fidus (siehe PUZ 5/94). Deren Korrespondenz wird ebenfalls der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Leben und Werk Landauers sind prädestiniert für aktuelle Anknüpfungspunkte. Hanna Delf kennzeichnet seine Persönlichkeit als unzeitgemäß, weil er Qualitäten in sich vereinigte, die schon damals ungewöhnlich waren. Er tat sich durch extreme Kommunikationsfähigkeiten hervor, die ihn in die Lage versetzte, sachlich und emotional zu reagieren. Die öffentliche Auseinandersetzung betrachtete er als eine wichtige Quelle seines geistigen Lebens. Denkstrukturen im Freund-Feind-Schema waren ihm fremd. Als deutscher J ude sahersichmit einer persönlich-lebensgeschichtlichen Situation konfrontiert, die es ihm nicht erlaubte, schnell in die von der Gesellschaft angebotenen Karrierewege einzusteigen. Er befand sich immer in einer Umbruchsituation. Daraus schlußfolgert Hanna Delf, daß Landauer in der Lage war, Spannungen auszuhalten und sich selbst ohne Ideologie zu definieren. Er kann als einer der Vordenker des modernen utopischen Denkens, nicht im Sinne fixer positiver Utopien des 18. Jahrhunderts, bezeichnet werden. In diesem Zusammenhang ist in einem Brief an Mauthner sinngemäß zu lesen:
Es ist sehr schwer, das Bild zu behalten und die Wirklichkeit nicht zu verlieren. B.E.
Eine Kolloquienreihe zum Thema „Europäische Aufklärung“ eröffnete am 18. April der Minister für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, Hinrich Enderlein. Weitere Redner waren der Prorektor für Forschung und Lehre der Universität Potsdam, Herr Professor Görtemaker, der Kommissarische Leiter des Zentrums für Europäische Aufklärung, Herr Professor Fontius, und der ehemalige Direktor des Max-Planck- Instituts für Geschichte in Göttingen, Herr Professor Vierhaus. Die Veranstaltungsreihe „Europäische Aufklärung“ ist der Auftakt für die zukünftige Zusammenarbeit zwischen dem Zentrum für Europäische Aufklärung und der Universität Potsdam. Darüber hinaus sind gemeinsame Forschungsprojekte sowie Editionsvorhaben, die Mitwirkung von Zentrumsmitarbeitern in betreffenden Spezialgebieten der Lehre, gemeinsame Berufungen und Forschungsaufenthalte
von Universitätsmitarbeitern im Zentrum für Europäische Aufklärung geplant.
Der brandenburgische Wissenschaftsminister Hinrich Ender- lein mißt der Etablierung der Aufklärungsforschung in Potsdamgrößte Bedeutung bei:,,Die Europäische Aufklärung als Forschungsfeld ist für die Region Berlin-Brandenburg, insbesondere aber für Potsdam , ein Traditionsthema, dem wir uns verpflichtet sehen und das im europäischen Wettbewerb ein wichtiges Forschungsfeld darstellt. Ich bin guter Hoffnung, daß der Wissenschaftsrat im Juli sein abschließendes Standortvotum für Potsdam abgeben wird und damit die Voraussetzungen gegeben sind, daß das Zentrum in allernächster Zeit nach Potsdam umziehen und so die Zusammenarbeit mit der Universität Potsdam noch weiter intensiviert werden kann. “
Pressemitteilung MWFK
Gemeinsame Kolloquienreihe Universität Potsdam und Forschungsschwerpunkt Europäische Aufklärung der Förderungsgesellschaft Wissenschaftliche Neuvorhaben m.b.H.
Veranstaltungen im Mai
Montag, 9. Mai
Universität Potsdam 17.00 Uhr, Haus 11 Am Neuen Palais Raum 205 Montag, 30. Mai Universität Potsdam 17.00 Uhr, Haus 11 Am Neuen Palais Raum 205
1994
Prof. Dr. Helmut Börsch-Supan, Berlin
Watteaus Firmenschild Gersaint Koreferat: Dr. Gero Seelig, FSP
Prof. Dr. Günter Lottes, Gießen Die Geschichtsphilosophie der Aufklärung. Ein Vergleich der Entwicklungen in England, Frankreich und Deutschland
Vortrag
Einen Gastvortrag am Institut für Psychologie, Abteilung Sozialpsychologie, hält am 13. Mai 1994 von 9.15-10.45 Uhr Herr Dr. Rod Bond, University of Sussex (England). Er wird zum Thema „Culture and Conformity: A Meta-Analysis of Studies Using Asch’s Line Judgment Task“ referieren. Interessenten können sich im Haus 12 (Am Neuen Palais), Raum 1.12.134, einfinden.