Heft 
(1.1.2019) 09
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HOCHSCHULLEBEN

Nr. 9/94-Seite 11

Gast im Institut für Sportwissenschaft

Vom 14. - 23. April diesen Jah­res weilte im Institut für Sport­wissenschaft der Universität Potsdam Herr Prof. Reuven Ko- hen - Raz zu Gast. Der Profes­sor fürchild psychology and special education lehrte bis 1989 an der Hebräischen Uni­versität Jerusalem. Zwischen beiden Hochschulen existiert seit 1993 eine vertragliche Ver­einbarung zur Zusammenarbeit. Ein Spezialgebiet des nun eme­ritierten Wissenschaftlers ist die Untersuchung des Zusammen­hangs von motorischer und ko­gnitiver Entwicklung bei Kin­dern.

Der Besuch Prof. Kohen - Raz' erfolgte aufgrund einer Einla­dung Prof. Philipps. Zuvor hatte dieser, Geschäftsführender Di­rektor des Potsdamer Instituts für Sportwissenschaft, die Mög­lichkeit wahrgenommen, nach Israel zu reisen, um einen ersten Kontakt herzustellen.

In seiner Heimat beschäftigt sich der israelische Wissen­schaftler zuvorderst mit den Be­ziehungen zwischen dem Gleich­

gewichtsverhalten und der ko­gnitiven Entwicklung bei Schü­lern. Erstgenanntes ist objektiv meßbar mit einem Vier-Platten- Posturographen, von ihm selbst erfunden und weiterentwickelt.

Prof. Kohen-Raz

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Ein solches Gerät befindet sich seit kurzem auch im sportwis­senschaftlichen Institut der hie­sigen Alma mater, im übrigen ein Ergebnis der Israel-Reise Prof. Philipps. Dessen Gast nutzte nun in Potsdam die Gele­genheit, den Apparat angemes­

sen einzustellen und für die An­wendung praktikabel zu ma­chen.

Der einwöchige Aufenthalt diente beiden Seiten zu intensi­ver gemeinsamer Arbeit. Ko­operative, systematische For­schungen konnten angebahnt werden. Ausdiskutiert wurde deren Richtung und Ausmaß. Eine Abklärung hinsichtlich der Umsetzung von Erkenntnissen in das brandenburgische Schul­system - die praktische Seite also - gehörte ebenfalls zur the­matischen Verständigung. Diesbezüglich gab es Unterre­dungen mit Vertretern des Mi­nisteriums für Bildung, Jugend und Sport.

Das Programm enthielt des wei­teren Lehrveranstaltungen und wissenschaftliche Gespräche mit Studenten, Mitarbeitern der Arbeitsbereiche Trainingslehre und Bewegung/Motorik sowie Sportmedizinern.

Nach seinen Eindrücken be­fragt, äußerte Prof. Kohen-Raz: Der Besuch hier überschreitet weit meine Erwartungen. Ich

treffe auf Mitarbeiter mit hoher fachlicher Qualifikation. Das Institut ist modern ausgerüstet. So sehe ich größere Möglich­keiten der Zusammenarbeit, als ich eigentlich angenommen hat­te.

Text und Foto: P. Görlich

Akademische Daten zu Prof. Reuven Kohen-Raz:

- Geboren 1921

- 1950-1954 Studium an der Universität Zürich (Psychologie, Sondererzie­hung, Komposition bei Hin- demith)

- 1955-1958 Leiter der Abtei­lung für Jugendeinwande­rung der israelischen Regie­rung

- 1958 Berufung an die Hebräi­sche Universität Jerusalem

-1968-1970 Gastprofessur, Stanford, Califomien

- 1975 Gastprofessur, Sor­bonne, Paris

- 1976 Gastprofessur, Univer­sität Genf

- 1984 Gastprofessur, Univer­sität Kioto, Japan

- 1989 Emeritierung

Stephanie Marschall absol­viert derzeit das 2. Semester Jura an der Potsdamer Uni­versität. Sie wurde 1970 in München geboren, besuchte dort die Realschule, lernte ein Jahr in den USA und schloß das Gymnasium in Marburg 1993 mit dem Abitur ab.

Wir fragten sie nach ihren Motiven für den Wunsch, in Potsdam zu studieren, und er­sten Eindrücken.

Ich wollte nicht in München an einer Massenuniversität studie­ren. Diese Entscheidung habe ich nicht allein getroffen. Ich wurde beraten, habe mich mit anderen Studenten unterhalten. Sie erzählten mir, wie der Studi­enbetrieb, auch an kleineren Universitäten, im Westen ab­läuft. Die Hörsäle sind über­füllt. Das Studium macht keinen Spaß, weil Klausuren geschrie-

Warum studiere

ben werden, um Studenten herauszufiltern. Das hörte ich auch von Jurastudenten. Des­halb überlegte ich, ob ich das auf mich nehmen sollte, wenn es auch andere Bedingungen gibt.

Es existieren hier in Potsdam diese Zulassungsbeschränkun­gen. Danach dürfen sich nur 250 Studenten im Winterseme­ster und 150 im Sommerseme­ster im Fach Jura einschreiben. Das heißt, die Hörsäle sind nicht überlaufen. Man wird nicht gedrängt. Es ist nicht alles so festgefahren.

Die Universität Potsdam ist noch recht unbekannt, weil sehr viele Menschen Vorurteile ha­ben, da es sich um eine Einrich­tung im Osten handelt. Bei ei­nem Besuch schaute ich mir die Uni an und erkundigte mich, ob ich bei einer Studienaufnahme als Behinderte nicht benachtei-

ich in Potsdam?

ligt bin, ob das Studium genau­so anerkannt wird wie im We­sten. Ich unterhielt mich mit Herrn Rainer Homey aus dem Studienbüro der Juristischen Fakultät. Ich habe gemerkt, daß die Hilfsbereitschaft sehr groß ist. Die Verantwortlichen ver­sprachen, sich für mich einzu­setzen. Ich nahm auch Kontakt zu Frau Dr. Irma Bürger, Studi­enberaterin und Beraterin für behinderte Studenten, auf. Die­ser gute Eindruck wurde bekräf­tigt, und so entschloß ich mich, hierher zu kommen. Das habe ich bisher nicht bereut.

Die materiellen Bedingungen, der Komfort, die Einkaufsmög­lichkeiten, die Verkehrsanbin­dung und die begleitenden An­gebote z.B. auf sportlichem Ge­biet sind an anderen Universitä­ten noch besser. Darauf lege ich aber nicht so viel Wert. Mir ist wichtiger, daß wir mit den Pro­

fessoren unmittelbar reden kön­nen, daß der Lehrstoff gutrü­bergebracht wird. Die Profes­soren kommen, um aufzubauen und zu fördern. Das ist auch in den Lehrveranstaltungen spür­bar.

Stephanie Marschall wohnt im Studentendorf Babelsberg.

Foto: Rüftert