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LEHRAMTSSTUDIUM
Modulare Studienstruktur und hochschuldidaktische
Gestaltung von Lehramtsstudiengängen an der
Universität Potsdam
1. Die angestrebte Professionalität der Lehrerbildung
Das Lehramtsstudium kann seinen differenzierten, sowohl for- schungs- wie professionsbezogenen Aufgaben künftig nur dann gerecht werden, wenn es die einzelnen Komponenten in ein ganzheitlich konzipiertes Verlaufsmodell umsetzt. Ein solches Modell muß eine hoch- schuldidaktisch begründete Koordination psychologischer, er- ziehungs- und sozialwissenschaftlicher, fachwissenschaftlicher und fachdidaktischer sowie schulpraktischer Studien für den gesamten Studienverlauf leisten. Von Beginn des Studiums an soll die Qualifikation für den Lehrerberuf als wissenschaftlich qualifizierter Profession gefördert und bewußt gemacht werden. Dieser professionellen Identitätsbildung der Lehramtsstudenten dient
- die frühzeitige Bewältigung von realen Aufgaben der Lehrerrolle in schulischen und schulumfeldbezogenen Hand- lungsfeldem,
- die Sensibilisierung für professionelles Handeln und für die entsprechende Entwicklung pädagogisch psychologischer Kompetenzen, einschließlich individueller psy- cho-physischer Belastbarkeitsmerkmale,
- die gezielte Aneignung
• von wissenschaftlichem Fachwissen,
• von operativem Prozeßwissen,
• von professionsbezogenem Kontextwissen,
• von pädagogischer und sozialer Handlungskompetenz als der Bereitschaft und Fähigkeit, das im Studium erworbene Wissen im
Ein Vorschlag zur modularen Neukonzeption der Studienordnungen nach den Organisationsprinzipien des „Potsdamer Modells“
Tätigkeitsfeld Schule und ihren außerschulischen Handlungskontexten adäquat anzuwenden sowie • von einer partizipativen Forschungskompetenz, um die erworbenen Fähigkeiten zu wissenschaftlicher Beobachtung und Analyse auch in künftigen professionsrelevanten Forschungsaufgaben einsetzen zu können.
Für ein solches Lehramtsstudium empfiehlt sich eine Gliederung in Module, in denen die für ein professionsbezogenes Studium der Erziehungs- und Fachwissenschaften relevanten Kontexte „gefaßt“ werden können.
2. Modulare Binnenstruktur
Das bisher zumeist kollektioni- stisch fragmentierte Studium der wissenschaftlichen Disziplinen muß durch die Prinzipien der Ganzheitlichkeit und Kontinuität im Lernen korrigiert werden. An die Stelle der Logik von in kleinsten Einheiten parzellierten Wissensbeständen als Organisationsprinzip des Studi- enaufbaus, z. B. oft als sog. Teilgebiete aufgelistete, rasch veraltende Themen, müssen umfassendere Kontexte treten, in denen der Zusammenhang der Lehrinhalte in bezug auf pädagogische Berufspraxis und erziehungs wissenschaftliche Kompetenzaneignung behandelt wird. Dies kann in einzelnen, thematisch eingegrenzten ebenso wie in interdisziplinären, projektorientierten Lehrveranstaltungen geschehen. Es
kommt jedoch darauf an, den jeweiligen professionellen Kontext zum expliziten Bezugspunkt für Lern- bzw. Lehrprozesse zu machen.
Organisiert wird deshalb das erziehungs- und fachwissenschaftliche Lehramtsstudium in Modulen. In einem Modul werden Gruppen von thematisch bisher ohne expliziten Bezug zueinander stehenden Veranstaltungen zusammengefaßt. Der Zusammenhang wird durch den Bezug auf einen gemeinsam definierten bzw. in der Lehrplanung vorgegebenen Kontext gestiftet. Thematisch können die einzelnen Lehrveranstaltungen durchaus dem Spektrum der bisherigen oder zukünftigen Schwerpunkte entstammen, die in den beteiligten Fächern vertreten sind. Nicht mehr das Abarbeiten derartiger Teilgebietskataloge ist jedoch Organisationsprinzip, sondern die Zuordnung der einzelnen Themen zu den jeweils sinnstiftend und studienleitend definierten Kontexten.
3. Exemplarische Darstellung einer modularen Studienverlaufsstruktur für das erziehungswissenschaftliche Studium
Notwendig ist die inhaltliche und methodische Abstimmung zwischen den einzelnen Veranstaltungen durch eine enge Kooperation zwischen den Lehrenden innerhalb jedes Moduls. Anzustreben ist die Bildung von interdisziplinär kooperierenden Veranstalterteams und - wo im
mer möglich - die Integration der Lehrveranstaltungen in projektförmige Lern- und Lehrzusammenhänge. Auf der Grundlage des modularen Strukturkonzepts wird das erziehungswissenschaftliche Studium in eine für Lehrende und Studierende transparente Sequenz geordnet, die vielfältige Ausge- staltungsmöglichkeiten offen läßt. Die Studierenden bauen ihren erziehungswissenschaftli- chen Studiengang selbstverant- wortlich aus einzelnen Modulen des Pflicht- und Wahlpflichtbe- reiches auf, die insgesamt den quantitativen Rahmen eines /Studienjahres füllen und damit auch die Einhaltung der vorgeschobenen Regelstudienzeit ermöglichen. Die modulare Struktur erlaubt ferner eine ausreichend flexible Verknüpfung mit Studiengangselementen anderer Teilstudiengänge des Lehramtsstudiums, insbesondere der Fachdidaktiken und der unterrichtsfachbezogenen Disziplinen.
Zur Funktionsbestimmung der Module:
1. Modul: Orientierung über das erziehungswissenschaftli- che Studium und das professionelle Tätigkeitsfeld Schule
Kontext: Das erste Studienjahr dient einer einführenden Orientierung über die Erziehungswissenschaften (Pädagogik, Psychologie, Sozialwissenschaften) im Rahmen der Lehrerausbildung und einer exemplarischen Behandlung ausgewählter Teilgebiete. Es vermittelt durch die Erkundung spezifischer pädagogischer Tätigkeitsfelder im Rahmen schulpraktischer Studien die reflektierte und erziehungswissenschaftlich begleitete Begegnung mit der zukünftigen Berufspraxis. Die