CAMPUS
VOM SKELETTMATERIAL ZU DEN LEBENDEN
Der Erste Kongreß der Gesellschaft für Anthropologie e.V. fand an der Uni Potsdam statt
Daß Anthropologie sich durchaus nicht nur auf die „Lehre von den alten Knochen“ reduzieren läßt, wurde erst kürzlich auf dem ersten Kongreß der Gesellschaft für Anthropologie e. V. wieder deutlich, der an der Universität Potsdam stattfand. Veranstaltet hatte ihn die Gesellschaft für Anthropologie e. V. in Zusammenarbeit mit dem Institut für Anthropologie der Humboldt-Uni sowie dem Fachgebiet Humanbiologie und dem Institut für Sportmedizin und Prävention der Uni Potsdam. Der Veranstaltung vorausgegangen war ein einvernehmliches Zusammenwachsen beider in Ost und West vorhandener anthropologischer Gesellschaften. Sehr bald nach der Wiedervereinigung kam man überein, aus den jeweils existenten Leitungen fünf Repräsentanten für ein gemeinsames oberstes Gremium zu benennen. Daraufhin verschmolzen in einjähriger Arbeit die bundesrepublikanische „Gesellschaft für Anthropologie und Humangenetik“ mit dem bis dato bestehenden Pendant in der ehemaligen DDR - der „Deutsche(n) anthropologische^) Gesellschaft“.
Um es vorwegzunehmen, der Ablauf des Kongresses bot auch Gelegenheit zu einer Mitgliederversammlung. In deren Verlauf wählten die Anwesenden einen aus vier Personen bestehenden neuen Vorstand. Zwei Wissenschaftlermnen aus diesem Kreis stammen aus Potsdam: Prof. Dr. Holle Greil und Dr. Christiane Scheffler. Den Vorsitz übernahm Prof. Dr. Carsten Niemitz von der Freien Universität Berlin (Institut für Anthropologie und Humanbiologie). Die Gesellschaft hatte geladen und viele kamen. Ca. 280 Teilnehmer aus über einem Dutzend Ländern suchten den Austausch über neueste Erkenntnisse und Trends ihrer Wissenschaft. Unter dem Motto „Anthropologie heute - Standortbestimmung und Innovationen" gelang eine fruchtbare Diskussion. Dabei entsprach die Breite des Themenspektrums der Vielfalt anthropologischer Forschungsrichtungen. In zwei große Teile untergliederte sich das immerhin 96 Referate umfassende Programm des ersten Kongresses der neuen Gesellschaft: zum einen in die Skelettanthropologie, zum anderen in die Lebendanthropologie. Den thematischen Auftakt bildete die Vorstellung neuester Ergebnisse zur Evolution des Menschen. Die Wissenschaftler sprachen hierbei von einer viereinhalb Millionen Jahre währenden Fossilgeschichte der Hominiden. Dies sei durch aktuelle Funde belegt. Die Skelettanthropologie, sich sowohl auf die prähistorische als auch auf die historische Vorzeit beziehend,
wird an der Universität Potsdam nicht betrieben. Ihr hoher apparativer Aufwand ließe dies auch kaum zu. Eine umfangreiche Forschungsarbeit auf jenem Gebiet leistet dagegen z.B. das Institut für Anthropologie an der Universität Göttingen. Unter anderem ist es dort möglich, Krankheitsbelastungen verstorbener Bevölkerungen minutiös zu eruieren. Ob Brüche, Infektionen, Hunger und sogar Blutgruppen - die Feststellung derartiger Erscheinungen stellt unter bestimmten Bedingungen heute kein Problem mehr dar. Von zufälliger Aktualität waren auf dem Kongreß beispielsweise die Ergebnisse der Pestdiagnose an mittelalterlichen Skeletten. Über die Anthropologie hinaus bieten sie auch für Mediziner und Historiker Zugang zu völlig neuen Aufschlüssen. „Woher kommen wir?", „Wie haben unsere Vorfahren gelebt, und wie alt sind sie geworden?“ oder „Wieviel Menschen haben zu den unterschiedlichsten Zeiten auf der Erde gelebt?“ - das waren auch hier in Potsdam der Skelettanthropologie inhärente Fragestellungen, die immer wieder direkt oder indirekt im Raum standen. Der große Komplex zur genetisch bedingten Variabilität des Menschen spannte den Bogen vom Skelettmaterial zu den Lebenden. Ihm folgten Ausführungen sowohl zu den verhaltensökonomischen Aspekten des menschlichen Miteinanders als auch zu den Merkmalsvariationen in der Individualentwicklung. Gerade bei letzteren stellte ^ sich die Berück sichtigung der Mensch-Um- welt-Beziehun- x gen als dominant heraus. „Wie entwik kein sich Menschen unter bestimmten Umweltverhältnissen?“ war ein ganz zentraler Schwerpunkt. Diskutiert wurde er beispielsweise an Hand von Unter suchungser- gebnissen, die auf einem'
Vergleich von Stadt - und Landkindern basierten. Rück Schlüsse lagen auf dessen Grundlage durchaus nahe: sie bestätigten den starken Einfluß der Umwelt auf die Individualentwicklung des Menschen. Aus Potsdamer Sicht erwies sich der abschließende Themenbereich zur „Gestaltung der körpernahen Umwelt des Menschen" als besonders interessant. Diesen industrieanthropologischen Teil moderierte
denn auch Prof. Dr. Holle Greil. Im allgemeinen ging es darum, sich über neue Wege des Ermittelns von physischen Merkmalen mit dem Ziel ihrer späteren Verwendung in unterschiedlichsten Bereichen zu verständigen. Seit geraumer Zeit kommen zu diesem Zweck dreidimensionale Computer-Systeme zum Einsatz. Sie stellen praktisch räumlich angeordnete Datenbanken dar. Mit ihrer Hilfe können Menschen - einschließlich ihrer Gelenke, Maße, Bewegungswinkel und sogar integrierter Kräfte - simuliert werden. Die dreidimensionalen Mensch- Modelle ermöglichen den Forschern Tests hinsichtlich eines späteren Entwurfes z. B. von Arbeitsplätzen, Auto-Fahrerkabinen oder Kleidung. Konsens bestand darüber, nicht bei „Maßen und Kräften" stehenbleiben zu wollen. Vielmehr müsse in weit stärkerem Umfang als bisher die physiologische Anthropologie miteinbezogen werden.
Seinen Abschluß fand der Kongreß mit einer Wortmeldung zum Problemkreis „Innovative humanbiologische Arbeitsfelder in Forschung und Anwendung - Perspektiven für Anthropologen /Biologen in der Praxis". Ganz aktuelle Probleme standen dabei im Vordergrund. „Auf welchen Gebieten könnten Humanbiologen künftig arbeiten?" - so lautete im Kern die durch den Praxisbezug gekennzeichnete Themenstellung. Optimistisch stimmte die Eröffnung neuer Perspektiven. Nicht nur die körpemahe Umwelt, so war zu hören, auch die weitere Umwelt biete Einsatzmöglichkeiten. Zu denken sei hierbei an die Wohnumwelt- oder Landschaftsgestaltung, die Abfallwirtschaft und dergleichen. Die Wissenschaftler stünden immer wieder neuen Herausforderungen gegenüber. Sich ihnen zu stellen, gebiete eben auch das Ethos ihrer Fachdisziplin. P.G.
Dies ist das 3D-Menschmodell RAMS1S. Die Bezeichnung steht für „Rechneigestütztes Anthropologisch Mathematisches System zur Insassen Simulation“. RAMSIS wurde entwickelt und wird weiter perfektioniert im Auftrag der Forschungsvereinigung Automobiltechnik (FAT) in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Ergonomie der TU München und dem Fachgebiet Humanbiologie an der Universität Potsdam. Sein Zweck liegt in der Entwicklung verbesserter Sicherheitsgarantien für die Insassen von Fahrzeugen. Zeichnung: hg.
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