Heft 
(1.1.2019) 16
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CAMPUS

VOM SKELETTMATERIAL ZU DEN LEBENDEN

Der Erste Kongreß der Gesellschaft für Anthropologie e.V. fand an der Uni Potsdam statt

Daß Anthropologie sich durchaus nicht nur auf dieLehre von den alten Kno­chen reduzieren läßt, wurde erst kürz­lich auf dem ersten Kongreß der Gesell­schaft für Anthropologie e. V. wieder deutlich, der an der Universität Pots­dam stattfand. Veranstaltet hatte ihn die Gesellschaft für Anthropologie e. V. in Zusammenarbeit mit dem Institut für Anthropologie der Humboldt-Uni sowie dem Fachgebiet Humanbiologie und dem Institut für Sportmedizin und Prä­vention der Uni Potsdam. Der Veranstal­tung vorausgegangen war ein einver­nehmliches Zusammenwachsen beider in Ost und West vorhandener anthropo­logischer Gesellschaften. Sehr bald nach der Wiedervereinigung kam man überein, aus den jeweils existenten Lei­tungen fünf Repräsentanten für ein ge­meinsames oberstes Gremium zu be­nennen. Daraufhin verschmolzen in ein­jähriger Arbeit die bundesrepublikani­scheGesellschaft für Anthropologie und Humangenetik mit dem bis dato bestehenden Pendant in der ehemali­gen DDR - derDeutsche(n) anthropolo­gische^) Gesellschaft.

Um es vorwegzunehmen, der Ablauf des Kongresses bot auch Gelegenheit zu einer Mitgliederversammlung. In deren Verlauf wählten die Anwesenden einen aus vier Per­sonen bestehenden neuen Vorstand. Zwei Wissenschaftlermnen aus diesem Kreis stam­men aus Potsdam: Prof. Dr. Holle Greil und Dr. Christiane Scheffler. Den Vorsitz über­nahm Prof. Dr. Carsten Niemitz von der Frei­en Universität Berlin (Institut für Anthropo­logie und Humanbiologie). Die Gesellschaft hatte geladen und viele kamen. Ca. 280 Teil­nehmer aus über einem Dutzend Ländern suchten den Austausch über neueste Er­kenntnisse und Trends ihrer Wissenschaft. Unter dem MottoAnthropologie heute - Standortbestimmung und Innovationen" ge­lang eine fruchtbare Diskussion. Dabei ent­sprach die Breite des Themenspektrums der Vielfalt anthropologischer Forschungsrich­tungen. In zwei große Teile untergliederte sich das immerhin 96 Referate umfassende Programm des ersten Kongresses der neuen Gesellschaft: zum einen in die Skelett­anthropologie, zum anderen in die Lebend­anthropologie. Den thematischen Auftakt bildete die Vorstellung neuester Ergebnisse zur Evolution des Menschen. Die Wissen­schaftler sprachen hierbei von einer vierein­halb Millionen Jahre währenden Fossilge­schichte der Hominiden. Dies sei durch ak­tuelle Funde belegt. Die Skelettanthropolo­gie, sich sowohl auf die prähistorische als auch auf die historische Vorzeit beziehend,

wird an der Universität Potsdam nicht betrie­ben. Ihr hoher apparativer Aufwand ließe dies auch kaum zu. Eine umfangreiche For­schungsarbeit auf jenem Gebiet leistet dage­gen z.B. das Institut für Anthropologie an der Universität Göttingen. Unter anderem ist es dort möglich, Krankheitsbelastungen verstor­bener Bevölkerungen minutiös zu eruieren. Ob Brüche, Infektionen, Hunger und sogar Blutgruppen - die Feststellung derartiger Erscheinungen stellt unter bestimmten Be­dingungen heute kein Problem mehr dar. Von zufälliger Aktualität waren auf dem Kon­greß beispielsweise die Ergebnisse der Pest­diagnose an mittelalterlichen Skeletten. Über die Anthropologie hinaus bieten sie auch für Mediziner und Historiker Zugang zu völlig neuen Aufschlüssen.Woher kommen wir?", Wie haben unsere Vorfahren gelebt, und wie alt sind sie geworden? oderWieviel Men­schen haben zu den unterschiedlichsten Zei­ten auf der Erde gelebt? - das waren auch hier in Potsdam der Skelettanthropologie in­härente Fragestellungen, die immer wieder direkt oder indirekt im Raum standen. Der große Komplex zur genetisch bedingten Va­riabilität des Menschen spannte den Bogen vom Skelettmaterial zu den Lebenden. Ihm folgten Ausfüh­rungen sowohl zu den verhal­tensökonomischen Aspekten des menschlichen Miteinan­ders als auch zu den Merk­malsvariationen in der Indi­vidualentwicklung. Gerade bei letzteren stellte ^ sich die Berück sichtigung der Mensch-Um- welt-Beziehun- x gen als dominant heraus.Wie entwik kein sich Menschen unter bestimmten Um­weltverhältnissen? war ein ganz zentraler Schwer­punkt. Diskutiert wurde er beispielsweise an Hand von Unter suchungser- gebnissen, die auf einem'

Vergleich von Stadt - und Landkindern basierten. Rück Schlüsse lagen auf dessen Grundlage durch­aus nahe: sie bestätigten den starken Einfluß der Umwelt auf die Individualentwicklung des Menschen. Aus Potsdamer Sicht erwies sich der abschließende Themenbereich zur Gestaltung der körpernahen Umwelt des Menschen" als besonders interessant. Diesen industrieanthropologischen Teil moderierte

denn auch Prof. Dr. Holle Greil. Im allgemei­nen ging es darum, sich über neue Wege des Ermittelns von physischen Merkmalen mit dem Ziel ihrer späteren Verwendung in un­terschiedlichsten Bereichen zu verständigen. Seit geraumer Zeit kommen zu diesem Zweck dreidimensionale Computer-Systeme zum Einsatz. Sie stellen praktisch räumlich ange­ordnete Datenbanken dar. Mit ihrer Hilfe können Menschen - einschließlich ihrer Ge­lenke, Maße, Bewegungswinkel und sogar integrierter Kräfte - simuliert werden. Die dreidimensionalen Mensch- Modelle ermög­lichen den Forschern Tests hinsichtlich eines späteren Entwurfes z. B. von Arbeitsplätzen, Auto-Fahrerkabinen oder Kleidung. Konsens bestand darüber, nicht beiMaßen und Kräf­ten" stehenbleiben zu wollen. Vielmehr müs­se in weit stärkerem Umfang als bisher die physiologische Anthropologie miteinbezogen werden.

Seinen Abschluß fand der Kongreß mit einer Wortmeldung zum ProblemkreisInnovative humanbiologische Arbeitsfelder in For­schung und Anwendung - Perspektiven für Anthropologen /Biologen in der Praxis". Ganz aktuelle Probleme standen dabei im Vorder­grund.Auf welchen Gebieten könnten Hu­manbiologen künftig arbeiten?" - so lautete im Kern die durch den Praxisbezug gekenn­zeichnete Themenstellung. Optimistisch stimmte die Eröffnung neuer Perspektiven. Nicht nur die körpemahe Umwelt, so war zu hören, auch die weitere Um­welt biete Einsatz­möglichkeiten. Zu denken sei hierbei an die Wohnumwelt- oder Land­schaftsgestal­tung, die Abfall­wirtschaft und der­gleichen. Die Wis­senschaftler stünden immer wieder neuen Herausforderungen gegenüber. Sich ih­nen zu stellen, gebiete eben auch das Ethos ihrer Fachdisziplin. P.G.

Dies ist das 3D-Menschmodell RAMS1S. Die Be­zeichnung steht fürRechneigestütztes Anthro­pologisch Mathematisches System zur Insassen Simulation. RAMSIS wurde entwickelt und wird weiter perfektioniert im Auftrag der Forschungs­vereinigung Automobiltechnik (FAT) in Zusam­menarbeit mit dem Lehrstuhl für Ergonomie der TU München und dem Fachgebiet Humanbiologie an der Universität Potsdam. Sein Zweck liegt in der Entwicklung verbesserter Sicherheitsgarantien für die Insassen von Fahrzeugen. Zeichnung: hg.

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