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VERSCHIEDEN UND DOCH GLEICH
Symposium zur schulbezogenen L ^ Frauenforschung an der Universität
Solche Aussagen wie „Zwölf Mädchen sind in der Klasse und trotzdem ist es so unordentlich." oder „Vielleicht dürft ihr den Erste-Hilfe-Kasten im Auto eures Vatis benutzen.“ erscheinen zunächst nicht zitierenswert. Doch Dr. Marlies Hempel vom Institut für Grundschulpädagogik sieht es anders. Unter dem Titel „Gleichberechtigung und Chancengleichheit von Mädchen und Jungen an den Grundschulen des Landes Brandenburg“ bearbeitet sie seit Dezember 1993 ein bis Ende 1995 vom Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen des Landes Brandenburg gefördertes Projekt. Erste Ergebnisse stellte sie kürzlich auf dem Symposium „Schulbezogene Frauenforschung - 5 Jahre nach der deutschen Einheit“ an der Universität Potsdam vor.
Gemeinsam mit sechs Studierenden erstellte die Wissenschaftlerin durch intensive Beobachtungstätigkeit die Datengrundlage für eine Studie, die als erste Stufe dieses Projektes anzusehen ist. Darauf basierend trat sie im Rahmen des Symposiums mit anderen auf diesem Gebiet Forschenden aus Halle, Berlin, Koblenz, Göttingen, Essen und Bielefeld in Erfahrungsaustausch. In ihren Vorträgen beschäftigten sich die Fachleute mit der Integration von Frauenforschung in der Lehrerausbildung, der Geschlechtsrollenorientierung in unterschiedlichen schulischen Kontexten und der Berufsorientierung für Mädchen und Jungen. Natürlich existieren zur Thematik bereits zahlreiche Untersuchungen und Veröffentlichungen.
Und dennoch hält Dr. Hempel es für wichtig, die daraus resultierenden Ergebnisse auf ihre Anwendbarkeit in den neuen Bundesländern zu überprüfen. „Aus der durch die gesellschaftliche Spezifik der ehemaligen DDR geprägten Sozialisation der Mädchen und Jungen erwachsen eine Fülle von Erfahrungen, Meinungen,
Gefühlen und Verhaltensweisen der Kinder, die deren Rollenverständnis und das Geschlechterverhältnis entscheidend beeinflussen.“ Diesen Problemkreis tiefer zu erfassen, bezeichnet Dr. Hempel u.a. als Gegenstand ihres Projektes.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in beiden deutschen Staaten wichtige Schritte zur Realisierung der Gleichberech
tigung der Geschlechter. Bezogen auf den schulischen Bereich ist zu konstatieren, daß sich seit Mitte der siebziger Jahre die feministische Erziehungswissenschaft der alten Bundesländer energisch gegen die Tradition ontologisch fixierter Geschlechterrollen zu wehren begann. Es konnte beispielsweise nachgewiesen werden, daß der sogenannte heimliche Lehrplan der Geschlechtererziehung Rollenstereotype transportiert, die die gesellschaftliche Zweitrangigkeit der Frau und den Überlegenheitsanspruch des Mannes manifestieren, beschreibt Dr. Hempel die damalige Situation.
Die DDR betreffend stellt sie fest, daß man dort jahrzehntelang die Vorstellung genährt hatte, die Geschlechtergleichberechtigung sei durchgesetzt. Staatliche Maßnahmen ermöglichten die Vereinbarkeit von Mutterschaft und Berufstätigkeit. Dennoch wurden Ausgrenzungen und Diskriminierungen kaum wahrgenommen und als Forschungsgegenstand tabuisiert. Ihrer Meinung nach sollte die Aufgabe schulbezogener Frauenforschung gerade auf dem Gebiet der neuen Bundesländer darin bestehen, Zusammenhänge zwischen den gesellschaftlichen Bedingungen, die vier Jahrzehnte existent waren, und dem sich daraus abgeleiteten Frauen- und Männerbild aufzudecken. Folgende Aspekte waren dann u.a. auch Ausgangspunkt für die strukturelle, inhaltliche und forschungsmethodische Anlage des Projektes von Dr. Hempel. Erkenntnisleitendes Interesse bestand am Erziehungsziel „Gleichberechtigung der Geschlechter“ als Kategorie des pädagogischen Denkens und Handelns und am Ausprägungsgrad des Problembewußtseins der Lehrer und Lehrerinnen zu Inhalten gesellschaftsspezifischer Sozialisationsprozesse. Lehrbücher wurden unter dem Gesichtspunkt des Frauen- und Männerbildes „durchforstet“. 240 ausgewertete Hospitationsstunden und die Befragung von 255 Pädagogen erlauben nun erste Einsichten und sind gleichzeitig notwendige Grundlage für eine primar- stufenbezogene Geschlechterforschung. Generell kann Dr. Hempel feststellen, daß diskriminierende Äußerungen gegenüber dem weiblichen Geschlecht in den Schulen im wesentlichen nicht beobachtet wurden. Sie erlebte aber Begebenheiten, die zeigen, daß das pädagogische Denken und Handeln nicht frei von
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„ Was meine Frau arbeitet, ist mir egal, Hauptsache nicht so ein Beruf wie Krankenschwester, wo sie auch Nachtschicht arbeitet und nie da ist. “ - Das wünscht sich ein Junge aus der 5. Klasse für seine Zukunft. Diesen und ähnlichen Vorstellungen des einen oder des anderen Geschlechts widmete sich das Potsdamer Symposium „Schulbezogene Frauenforschung". Foto: Tribukeit
Rollenstereotypisierungen im allgemeinen Sprachgebrauch ist. „Während Forschungsergebnisse aus den USA und der (alten) BRD belegen, daß die schulischen Interaktionsstrukturen generell den Jungen mehr Aufmerksamkeit, Beachtung und Wertschätzung zuteil werden lassen, können die in Brandenburg durchgeführten Untersuchungen diesen Trend nicht bestätigen. Mädchen und Jungen werden im Unterricht etwa gleich häufig aufgerufen und gelobt. Tadel und Ermahnung betreffen allerdings die Jungen zu 75%“, erläutert Dr. Hempel.
53% der Unterrichtenden sind der Auffassung, daß Mädchen nicht benachteiligt werden. 40% greifen Probleme der Gleichberechtigung bzw. der Geschlechterrollen bei jeder möglichen Gelegenheit im Unterricht auf. 81% der befragten Pädagogen sehen es als tägliche wichtige Aufgabe an, zur Gleichberechtigung zu erziehen. Auf die Frage, ob es im schulischen Alltag Anforderungen gibt, die vorrangig Mädchen oder Jungen betreffen, antworten 86% mit „nein“. Für nur 7,8% ist Gleichberechtigung bereits erreicht. Der Erfolg von Gleichberechtigung wird letztlich davon abhängen, in welchem Maße auf die grundsätzliche Verschiedenheit der gleich zu Behandelnden Rücksicht genommen wird. Das ist für die Projektleiterin der Theorieansatz für weitere Forschungen. Dafür wünscht sie sich auch innerhalb der Universität mehr Aufmerksamkeit und Akzeptanz. Denn trotz zweifellos vorhandener Ansätze wird in den Lehrveranstaltungen die soziale Kategorie Geschlecht noch ungenügend in den Lehramtsstudiengängen berücksichtigt. B.E.
„Mädchen sind zickig und Jungens frech" - die schulbezogene Frauenforschung möchte von solchen Klischees in der Gesellschaft wegkommen. Doch trotz Unterschiedlichkeit gleich zu behandeln, ist kein leichtes Unterfangen.
Zeichnung: Karl Schräder
PUZ 16/94
Seite 9