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(1.1.2019) 16
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VERSCHIEDEN UND DOCH GLEICH

Symposium zur schulbezogenen L ^ Frauenforschung an der Universität

Solche Aussagen wieZwölf Mädchen sind in der Klasse und trotzdem ist es so unordentlich." oderVielleicht dürft ihr den Erste-Hilfe-Kasten im Auto eures Vatis benutzen. erscheinen zunächst nicht zitierenswert. Doch Dr. Marlies Hempel vom Institut für Grundschul­pädagogik sieht es anders. Unter dem TitelGleichberechtigung und Chan­cengleichheit von Mädchen und Jungen an den Grundschulen des Landes Bran­denburg bearbeitet sie seit Dezember 1993 ein bis Ende 1995 vom Ministeri­um für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen des Landes Brandenburg geför­dertes Projekt. Erste Ergebnisse stellte sie kürzlich auf dem Symposium Schulbezogene Frauenforschung - 5 Jahre nach der deutschen Einheit an der Universität Potsdam vor.

Gemeinsam mit sechs Studierenden erstell­te die Wissenschaftlerin durch intensive Beobachtungstätigkeit die Datengrundlage für eine Studie, die als erste Stufe dieses Pro­jektes anzusehen ist. Darauf basierend trat sie im Rahmen des Symposiums mit anderen auf diesem Gebiet Forschenden aus Halle, Berlin, Koblenz, Göttingen, Essen und Biele­feld in Erfahrungsaustausch. In ihren Vorträ­gen beschäftigten sich die Fachleute mit der Integration von Frauenforschung in der Leh­rerausbildung, der Geschlechtsrollenorien­tierung in unterschiedlichen schulischen Kontexten und der Berufsorientierung für Mädchen und Jungen. Natürlich existieren zur Thematik be­reits zahlreiche Untersuchun­gen und Veröffentlichungen.

Und dennoch hält Dr. Hempel es für wichtig, die daraus re­sultierenden Ergebnisse auf ihre Anwendbarkeit in den neuen Bundesländern zu über­prüfen.Aus der durch die ge­sellschaftliche Spezifik der ehemaligen DDR geprägten Sozialisation der Mädchen und Jungen erwachsen eine Fül­le von Erfahrungen, Meinungen,

Gefühlen und Verhaltensweisen der Kinder, die deren Rollenver­ständnis und das Geschlechter­verhältnis entscheidend beein­flussen. Diesen Problemkreis tiefer zu erfassen, bezeichnet Dr. Hempel u.a. als Gegenstand ihres Projektes.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in beiden deutschen Staaten wichtige Schritte zur Realisierung der Gleichberech­

tigung der Geschlechter. Bezogen auf den schulischen Bereich ist zu konstatieren, daß sich seit Mitte der siebziger Jahre die femi­nistische Erziehungswissenschaft der alten Bundesländer energisch gegen die Tradition ontologisch fixierter Geschlechterrollen zu wehren begann. Es konnte beispielsweise nachgewiesen werden, daß der sogenannte heimliche Lehrplan der Geschlechterer­ziehung Rollenstereotype transportiert, die die gesellschaftliche Zweitrangigkeit der Frau und den Überlegenheitsanspruch des Man­nes manifestieren, beschreibt Dr. Hempel die damalige Situation.

Die DDR betreffend stellt sie fest, daß man dort jahrzehntelang die Vorstellung genährt hatte, die Geschlechtergleichberechtigung sei durchgesetzt. Staatliche Maßnahmen er­möglichten die Vereinbarkeit von Mutter­schaft und Berufstätigkeit. Dennoch wurden Ausgrenzungen und Diskriminierungen kaum wahrgenommen und als Forschungsgegen­stand tabuisiert. Ihrer Meinung nach sollte die Aufgabe schulbezogener Frauenfor­schung gerade auf dem Gebiet der neuen Bundesländer darin bestehen, Zusammen­hänge zwischen den gesellschaftlichen Be­dingungen, die vier Jahrzehnte existent wa­ren, und dem sich daraus abgeleiteten Frau­en- und Männerbild aufzudecken. Folgende Aspekte waren dann u.a. auch Ausgangs­punkt für die strukturelle, inhaltliche und forschungsmethodische Anlage des Projek­tes von Dr. Hempel. Erkenntnisleitendes In­teresse bestand am ErziehungszielGleich­berechtigung der Geschlechter als Katego­rie des pädagogischen Denkens und Handelns und am Ausprägungs­grad des Problembewußtseins der Lehrer und Lehrerinnen zu Inhal­ten gesellschaftsspezifischer Sozia­lisationsprozesse. Lehrbücher wurden unter dem Gesichts­punkt des Frauen- und Männerbildesdurchforstet. 240 ausgewertete Hospita­tionsstunden und die Befra­gung von 255 Pädagogen er­lauben nun erste Einsichten und sind gleichzeitig notwendi­ge Grundlage für eine primar- stufenbezogene Geschlechter­forschung. Generell kann Dr. Hempel feststellen, daß diskri­minierende Äußerungen ge­genüber dem weiblichen Ge­schlecht in den Schulen im wesentlichen nicht beobach­tet wurden. Sie erlebte aber Begebenheiten, die zeigen, daß das pädagogische Denken und Handeln nicht frei von

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Was meine Frau arbeitet, ist mir egal, Hauptsache nicht so ein Beruf wie Krankenschwester, wo sie auch Nachtschicht arbeitet und nie da ist. - Das wünscht sich ein Junge aus der 5. Klasse für seine Zukunft. Diesen und ähnlichen Vorstellungen des einen oder des anderen Geschlechts widmete sich das Potsdamer SymposiumSchulbezogene Frauenforschung". Foto: Tribukeit

Rollenstereotypisierungen im allgemeinen Sprachgebrauch ist.Während Forschungs­ergebnisse aus den USA und der (alten) BRD belegen, daß die schulischen Interaktions­strukturen generell den Jungen mehr Auf­merksamkeit, Beachtung und Wertschätzung zuteil werden lassen, können die in Branden­burg durchgeführten Untersuchungen diesen Trend nicht bestätigen. Mädchen und Jun­gen werden im Unterricht etwa gleich häu­fig aufgerufen und gelobt. Tadel und Ermah­nung betreffen allerdings die Jungen zu 75%, erläutert Dr. Hempel.

53% der Unterrichtenden sind der Auffas­sung, daß Mädchen nicht benachteiligt wer­den. 40% greifen Probleme der Gleichberech­tigung bzw. der Geschlechterrollen bei jeder möglichen Gelegenheit im Unterricht auf. 81% der befragten Pädagogen sehen es als tägliche wichtige Aufgabe an, zur Gleichbe­rechtigung zu erziehen. Auf die Frage, ob es im schulischen Alltag Anforderungen gibt, die vorrangig Mädchen oder Jungen betref­fen, antworten 86% mitnein. Für nur 7,8% ist Gleichberechtigung bereits erreicht. Der Erfolg von Gleichberechtigung wird letztlich davon abhängen, in welchem Maße auf die grundsätzliche Verschiedenheit der gleich zu Behandelnden Rücksicht genommen wird. Das ist für die Projektleiterin der Theoriean­satz für weitere Forschungen. Dafür wünscht sie sich auch innerhalb der Universität mehr Aufmerksamkeit und Akzeptanz. Denn trotz zweifellos vorhandener Ansätze wird in den Lehrveranstaltungen die soziale Kategorie Geschlecht noch ungenügend in den Lehr­amtsstudiengängen berücksichtigt. B.E.

Mädchen sind zickig und Jungens frech" - die schul­bezogene Frauenforschung möchte von solchen Kli­schees in der Gesellschaft wegkommen. Doch trotz Un­terschiedlichkeit gleich zu behandeln, ist kein leichtes Unterfangen.

Zeichnung: Karl Schräder

PUZ 16/94

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