CAMPUS
VERPACKT UND ADRESSIERT
Strukturierter Zugriff auf INTERNET-Quellen: ein neuer Dienst der Universitätsbibliothek
Im Informationszeitalter verändern sich die Formen der wissenschaftlichen Kommunikation: Anstelle des personal computing der 80er Jahre tritt das inter-personal- computing der 90er Jahre. Gleichzeitig wird von Wissenschaftstheoretikern darauf verwiesen, daß ein Merkmal einer sich gegenwärtig vollziehenden Neuen Wissensordnung in einer naturwüchsigen Wissens-Unordnung besteht. Stellt man die alte philosophische Frage nach dem Verhältnis von Wesen und Erscheinung, dabei beachtend, daß Kommunikation sowohl die Essenz der Wissenschaft als auch Vermittlungsmedium derselben darstellt, kann man zu der Hypothese gelangen, daß diese neue Wissensordnung ihre logische und physikalische Umsetzung durch das INTERNET erfährt. Dieses „Netzwerk der Netzwerke“, das gegenwärtig ca. 13.000 Netzwerke weltweit mit ca. 1,77 Mio Host-Rechnern (Netzvermittlungsrechner) miteinander kommunizieren läßt, befindet sich in einer Phase des dynamischen, unkontrollierten Wachstums. Schätzte man 1993 die Anzahl der INTER- NET-Dienste nutzenden Personen auf 10 - 17 Mio, so geht man in 1994 von einer Größenordnung um 26 Mio Menschen weltweit aus. Zu diesen können sich nun auch die Nutzer der Potsdamer Universitätsbibliothek zählen.
30 % der an Internet teilnehmenden Netzwer
ke sind kommerzieller Natur. Die „Unternehmung INTERNET“ ist dabei eine nur protokollbestimmte soziale Interaktion. Die Entwicklung der Nutzung des „Protokolls TCP/ IP“ wiederum ist ein Beispiel für die Eigendynamik gesellschaftlicher Prozesse: 1964 erhielt die U.S.-Denkfabrik RAND Corporation von Regierungsseite den Auftrag, eine Technologie zu entwickeln, die es erlauben sollte, daß U.S.-Regierungsstellen nach einem Atomschlag des Gegners weiter sicher und effektiv miteinander kommunizieren können. Ergebnis der Studie war die Idee eines Netzes ohne zentrale Leitung, ohne Netzwerkleitstelle, alle Teile sind gleichberechtigt, können unabhängig miteinander kommunizieren, die Informationsübermittlung erfolgt durch das Bilden von Paketen, die mit einer Adresse versehen werden. Die Architektur dieser Netzwerke beruhte auf der Client-Server-Technologie, d.h. spezielle Programme („Client-Programme") können dabei die Aufgabe übernehmen, eine Verbindung zu einem entfernten Rechner (Server) herzustellen. Als Protokoll wurde TCP (Transmission Control Protocol, „verpackt") / IP (Internet Protocol, „adressiert") entwickelt. Dieses Protokoll fand eine so hohe Akzeptanz, daß es nach kurzer Zeit ausschließlicher Nutzung für militärische Forschung für eine freie Nutzung durch die Wissenschaft geöffnet wurde.
Dienste im INTERNET
Den Teilnehmern an diesem Netzwerk stehen folgende grundlegende Möglichkeiten offen: Austausch von Texten und Übernahme von Software, Dokumenten, Bildern, Bibliothekskatalogen usw. Für eine Nutzung der im Internet hegenden Ressourcen sind sogenannte „Network Resource Tools“ entwickelt worden. EARN (European Academic & Research Network) hat für diese Werkzeuge funktionale Gebiete beschrieben: die er
ste Gruppe bilden danach jene tools (Werkzeuge), die auf der Client-Server-Technolgie die Aufgabe „Exploring the network“ ausführen. Hier ist das Werkzeug Gopher (als ein verteiltes menübasiertes Informationssystem) zu nennen, bei dem der lokale Computer die Funktion eines clients ausführt, der Gopher- Host hat Serverfunktion.
Es kann dabei durch immer weiteres Öffnen von anderen Gopher-Anbietern der gesamte weltweit verfügbare „Gopher-Space“ unmittelbar am Bildschirm des Endnutzers erschlossen werden. Als wesentlich komfortabler entwickeln sich Client-Programme für World Wide Web (WWW), einem weltweit verteilten Hypertext-Informationssystem, mit deren Hilfe die Informationssuche in einem virtuellen Raum von miteinander verbundenen Hypertextdokumenten erfolgt. Eine weitere Gruppe von tools (Werkzeugen) führt Recherchen in Datenbanken aus: das Werkzeug WAIS (Wide Area Information Server) dient der Suche in volltext-indexierten Datenbanken.
Bibliotheken im INTERNET
Bibliotheken sind zunehmend in der Lage, sich als offene Systeme darzustellen. Die gleichzeitige Entwicklung von Telekommunikation und spezieller Werkzeuge des Internet ermöglicht und erfordert einen Wandel des „klassischen“ Informationsangebotes von Bibüotheken: hinausgehend über die Gewährleistung eines Zugriffes auf die Gesamtheit der Quellen einer definierten geschlos- senenen Umgebung (Quellen der verschiedenen Medienformen innerhalb der Bibliothek) und eines Zugriffes auf eine definierte äußere Umgebung (Quellen eines hosts, Quellen anderer Bibüotheken) stellt sich nun die Aufgabe, einen strukturierten, thematisch geordneten Zugangs in eine offene, nur ansatzweise geordnete und sich ständig verändernde Umgebung anbieten zu müssen. Gleichzeitig sollen die Quellen der inneren Umgebung
In weltweiten Datenbanken für die eigenen Arbeiten zu recherchieren ist mittlerweile in der Bereichsbibliothek Am Neuen Palais möglich.
Foto: RüSert
so aufberietet werden, daß sie für Internet- Nutzer von außen nutzbar werden. Neben diesen gegenwärtig realisierbaren Aufgaben gibt es die Idee der Entwicklung von intelligenten Tools, die als inteüigente, d.h. lernfähige Füter- und Retrieval-Komponenten vor die Gesamtheit der äußeren Quellen gesetzt werden und die Trefferquote an relevanter Information wesentüch erhöhen würden. Erste Schritte dieser Art werden am MIT (Massachussetts Institute for Technology) mit Hilfe von Perl-Scripten durchgeführt.
Thematischer INTERNET-Ressourcen- Zugriff in der Universitätsbibliothek Potsdam
In der Universitätsbibüothek wurde ein Projekt erfolgreich abgeschlossen, welches die Schaffung eines thematisch strukturierten Zugriffes auf Internet-Quellen und eine Internet-Ressourcenberatung zum Ziel hatte. Die kurz vor dem Abschluß stehende ISDN-Ver- bindung der noch voneinander getrennten drei lokalen Novell-Netze in den drei Bereichsbibliotheken wird es ermöglichen, daß diese Option jedem Nutzer des UB-LAN offen steht. Gegenwärtig wird diese Leistung nur im Freihandbereich der Bereichsbibliothek Am Neuen Palais angeboten. Angeboten werden die Dienste WWW, Gopher, Telnet und FTP.
Es wurden während des Projektes mehrere WWW-Client-Programme getestet: Nach Mosaic und WinWeb kommt nun der Client Netscape zum Einsatz, eine noch frei verfügbare Version der Mosaic Communications Corporation. Eine Ressourcenberatung wird auf Zielgruppen abgestimmt von der Uni-Bi- büothek auf Nachfrage angeboten.
Mit der Gesamtheit des Zugriffes auf Internet-Quellen nimmt die Universitätsbibüothek Potsdam damit innerhalb der Gruppe deutscher Universitätsbibliotheken eine vordere Position ein.
Steffen Wawra
Seite 12
PUZ 16/94