Heft 
(1.1.2019) 16
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CAMPUS

VERPACKT UND ADRESSIERT

Strukturierter Zugriff auf INTERNET-Quellen: ein neuer Dienst der Universitätsbibliothek

Im Informationszeitalter verändern sich die Formen der wissenschaftlichen Kom­munikation: Anstelle des personal computing der 80er Jahre tritt das inter-personal- computing der 90er Jahre. Gleichzeitig wird von Wissenschaftstheoretikern dar­auf verwiesen, daß ein Merkmal einer sich gegenwärtig vollziehenden Neuen Wissensordnung in einer naturwüchsigen Wissens-Unordnung besteht. Stellt man die alte philosophische Frage nach dem Verhältnis von Wesen und Erscheinung, dabei beachtend, daß Kommunikation sowohl die Essenz der Wissenschaft als auch Vermittlungsmedium derselben darstellt, kann man zu der Hypothese gelangen, daß diese neue Wissensordnung ihre logische und physikalische Umsetzung durch das INTERNET erfährt. DiesesNetzwerk der Netzwerke, das gegenwärtig ca. 13.000 Netzwerke weltweit mit ca. 1,77 Mio Host-Rechnern (Netzvermittlungs­rechner) miteinander kommunizieren läßt, befindet sich in einer Phase des dyna­mischen, unkontrollierten Wachstums. Schätzte man 1993 die Anzahl der INTER- NET-Dienste nutzenden Personen auf 10 - 17 Mio, so geht man in 1994 von einer Größenordnung um 26 Mio Menschen weltweit aus. Zu diesen können sich nun auch die Nutzer der Potsdamer Universitätsbibliothek zählen.

30 % der an Internet teilnehmenden Netzwer­

ke sind kommerzieller Natur. DieUnterneh­mung INTERNET ist dabei eine nur proto­kollbestimmte soziale Interaktion. Die Ent­wicklung der Nutzung desProtokolls TCP/ IP wiederum ist ein Beispiel für die Eigen­dynamik gesellschaftlicher Prozesse: 1964 erhielt die U.S.-Denkfabrik RAND Corporati­on von Regierungsseite den Auftrag, eine Technologie zu entwickeln, die es erlauben sollte, daß U.S.-Regierungsstellen nach ei­nem Atomschlag des Gegners weiter sicher und effektiv miteinander kommunizieren kön­nen. Ergebnis der Studie war die Idee eines Netzes ohne zentrale Leitung, ohne Netz­werkleitstelle, alle Teile sind gleichberech­tigt, können unabhängig miteinander kom­munizieren, die Informationsübermittlung erfolgt durch das Bilden von Paketen, die mit einer Adresse versehen werden. Die Archi­tektur dieser Netzwerke beruhte auf der Client-Server-Technologie, d.h. spezielle Pro­gramme (Client-Programme") können dabei die Aufgabe übernehmen, eine Verbindung zu einem entfernten Rechner (Server) herzu­stellen. Als Protokoll wurde TCP (Trans­mission Control Protocol,verpackt") / IP (Internet Protocol,adressiert") entwickelt. Dieses Protokoll fand eine so hohe Akzep­tanz, daß es nach kurzer Zeit ausschließlicher Nutzung für militärische Forschung für eine freie Nutzung durch die Wissenschaft geöff­net wurde.

Dienste im INTERNET

Den Teilnehmern an diesem Netzwerk ste­hen folgende grundlegende Möglichkeiten offen: Austausch von Texten und Übernah­me von Software, Dokumenten, Bildern, Bibliothekskatalogen usw. Für eine Nutzung der im Internet hegenden Ressourcen sind sogenannteNetwork Resource Tools ent­wickelt worden. EARN (European Academic & Research Network) hat für diese Werkzeu­ge funktionale Gebiete beschrieben: die er­

ste Gruppe bilden danach jene tools (Werk­zeuge), die auf der Client-Server-Technolgie die AufgabeExploring the network ausfüh­ren. Hier ist das Werkzeug Gopher (als ein verteiltes menübasiertes Informationssystem) zu nennen, bei dem der lokale Computer die Funktion eines clients ausführt, der Gopher- Host hat Serverfunktion.

Es kann dabei durch immer weiteres Öffnen von anderen Gopher-Anbietern der gesam­te weltweit verfügbareGopher-Space un­mittelbar am Bildschirm des Endnutzers er­schlossen werden. Als wesentlich komforta­bler entwickeln sich Client-Programme für World Wide Web (WWW), einem weltweit verteilten Hypertext-Informationssystem, mit deren Hilfe die Informationssuche in einem virtuellen Raum von miteinander verbunde­nen Hypertextdokumenten erfolgt. Eine wei­tere Gruppe von tools (Werkzeugen) führt Recherchen in Datenbanken aus: das Werk­zeug WAIS (Wide Area Information Server) dient der Suche in volltext-indexierten Datenbanken.

Bibliotheken im INTERNET

Bibliotheken sind zunehmend in der Lage, sich als offene Systeme darzustellen. Die gleichzeitige Entwicklung von Telekommu­nikation und spezieller Werkzeuge des Inter­net ermöglicht und erfordert einen Wandel desklassischen Informationsangebotes von Bibüotheken: hinausgehend über die Ge­währleistung eines Zugriffes auf die Gesamt­heit der Quellen einer definierten geschlos- senenen Umgebung (Quellen der verschiede­nen Medienformen innerhalb der Bibliothek) und eines Zugriffes auf eine definierte äuße­re Umgebung (Quellen eines hosts, Quellen anderer Bibüotheken) stellt sich nun die Auf­gabe, einen strukturierten, thematisch geord­neten Zugangs in eine offene, nur ansatzwei­se geordnete und sich ständig verändernde Umgebung anbieten zu müssen. Gleichzei­tig sollen die Quellen der inneren Umgebung

In weltweiten Datenbanken für die eigenen Arbei­ten zu recherchieren ist mittlerweile in der Be­reichsbibliothek Am Neuen Palais möglich.

Foto: RüSert

so aufberietet werden, daß sie für Internet- Nutzer von außen nutzbar werden. Neben diesen gegenwärtig realisierbaren Aufgaben gibt es die Idee der Entwicklung von intelli­genten Tools, die als inteüigente, d.h. lern­fähige Füter- und Retrieval-Komponenten vor die Gesamtheit der äußeren Quellen gesetzt werden und die Trefferquote an relevanter Information wesentüch erhöhen würden. Er­ste Schritte dieser Art werden am MIT (Massachussetts Institute for Technology) mit Hilfe von Perl-Scripten durchgeführt.

Thematischer INTERNET-Ressourcen- Zugriff in der Universitätsbibliothek Potsdam

In der Universitätsbibüothek wurde ein Pro­jekt erfolgreich abgeschlossen, welches die Schaffung eines thematisch strukturierten Zugriffes auf Internet-Quellen und eine Inter­net-Ressourcenberatung zum Ziel hatte. Die kurz vor dem Abschluß stehende ISDN-Ver- bindung der noch voneinander getrennten drei lokalen Novell-Netze in den drei Be­reichsbibliotheken wird es ermöglichen, daß diese Option jedem Nutzer des UB-LAN of­fen steht. Gegenwärtig wird diese Leistung nur im Freihandbereich der Bereichsbiblio­thek Am Neuen Palais angeboten. Angebo­ten werden die Dienste WWW, Gopher, Tel­net und FTP.

Es wurden während des Projektes mehrere WWW-Client-Programme getestet: Nach Mosaic und WinWeb kommt nun der Client Netscape zum Einsatz, eine noch frei verfüg­bare Version der Mosaic Communications Corporation. Eine Ressourcenberatung wird auf Zielgruppen abgestimmt von der Uni-Bi- büothek auf Nachfrage angeboten.

Mit der Gesamtheit des Zugriffes auf Inter­net-Quellen nimmt die Universitätsbibüothek Potsdam damit innerhalb der Gruppe deut­scher Universitätsbibliotheken eine vordere Position ein.

Steffen Wawra

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