CAMPUS
VON SCHMALSPURLEHRERN KEINE REDE
Qualifikation in Mangelfächern - Ein Weiterbildungsmodell in der Lehrerbildung
In den brandenburgischen Schulen herrschen zum Teil komplizierte Verhältnisse. Eine der Ursachen liegt in der Schulreform der neuen Bundesländer. Durch sie entstehen zweierlei Hauptschwierigkeiten: Zum einen kristallisieren sich sogenannte Mangelfächer heraus, für die nicht genügend Lehrkräfte zur Verfügung stehen, zum anderen gibt es einen Lehrerüberhang für bestimmte Fächer und Schulstufen. Um hier Abhilfe zu verschaffen, Schülerinnen und Schülern einen niveauvollen Unterricht auch in den Mangelfächem zu gewährleisten und die Entlassung von Lehrern zu umgehen, arbeitet man in Brandenburg an der Qualifizierung von Lehrern in den besonders gefragten Fachdisziplinen. Dafür ist ein Sonderprogramm zur Weiterbildung brandenburgischer Lehrkräfte aus der Taufe gehoben worden, das zeitlich begrenzt ist bis zum Jahr 2000. Sein Träger ist ein gemeinnütziger Verein „Weiterqualifizierung für branden- burgische Lehrerinnen und Lehrer e.V. (wbl)“. In ihm wirken das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport, das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur, die Universität Potsdam und, als jeweils besonders angesprochene Partner, das Pädagogische Landesinstitut Brandenburg und das universitäre Weiterbildungszentrum zusammen.
Zu den Gründungsmitgliedern dieses Vereins gehören die Staatssekretäre beider Ministerien und der Rektor der Universität, Prof. Dr. Rolf Mitzner. Den Vorsitz übernommen hat Prof. Dr. Manfred Görtemaker, Prorektor für Lehre und Studium. Das Sonderprogramm umfaßt derzeit die Studienrichtungen Englisch, Französisch, Politische Bildung, Wirtschaftswissenschaften, Kunst, Musik und Sonderpädagogik. Hinzu kommt demnächst das Angebot Berufliche Fachrichtungen.
Um es vorwegzunehmen, Lehrerweiterbildung hat es bereits in den vergangenen Jahren in nicht geringem Umfang an der Potsdamer Alma mater gegeben. Deren Hauptanliegen bestand in der Verbesserung fachlicher und pädagogischer Kompetenzen. Das Sonderprogramm jedoch ist speziell auf Mangelfächer ausgerichtet und wendet sich vorrangig an diejenigen Pädagogen, deren vorhandene fachliche Schwerpunkte auf Dauer den Einsatz in der Schule nicht mehr ermöglichen würden.
Die Schulen haben auf das Angebot bereits reagiert. Nicht weniger als 2850 Lehrerinnen und Lehrer meldeten sich für die Studieneinschreibung 1994/95. Dabei, so erläutert Prof.
Görtemaker, „handelt es sich durchaus nicht nur um Grundschullehrer. Vielmehr zeigen auch Diplomlehrer ihr Interesse. Viele von ihnen unterrichten bereits seit Jahren in dem Fach, für das sie sich nun weiteres Rüstzeug holen. Sie bringen in die Seminare eine beachtliche Kompetenz ein. Davon profitiert in hohem Maße das Niveau der gesamten Ausbildung. Von ‘Schmalspurlehrern’ kann keine Rede sein. Vielmehr stehen am Ende der Qualifikation hervorragend ausgebüdete Lehrer mit einem soliden Wissen."
Vorbereitung auf Erweiterungsprüfung
Zur Klientel des Programms zählen insgesamt rund 4500 im Schuldienst Stehende. Die wissenschaftliche Verantwortung für deren Weiterbildung trägt die Universität Potsdam. Sie stellt einen großen Teil der Räume und der Dozenten sowie alle die Prüfungen durchführenden Professoren. Die abschließende Erweiterungsprüfung wird, wie üblich, vor dem Landesprüfungsamt abgelegt. Mit ihrem Bestehen ist die Lehrbefähigung nach § 71 des Ersten Schulreformgesetzes erworben. Alle Studienordnungen, die für das Programm entwickelt worden sind, erfuhren ihre Sanktionierung durch die Gremien der Universität Potsdam. Die Kommission für Lehre und Studium wie auch der Senat der Hochschule trugen und tragen Sorge für die Kompatibilität der Studieninhalte mit denen des Direktstudiums oder anderer Weiterbildungs- studiengänge der Einrichtung.
Um Absicherung gerungen
Bei der Absicherung des vollständigen Programms kam es auch zu Problemen. So gab es beispielsweise im Bereich „Französisch“ Schwierigkeiten, eine Studienordnung mit der gewünschten Kompatibilität zu erarbeiten.
Als noch komplizierter erwies sich die Sicherstellung der Weiterbildungsdisziplin „Sonderpädagogik". Prof. Dr. Herbert Götze, Direktor des Institutes für Sonderpädagogik, dazu: „Von den im Institut vermittelten sieben sonderpädagogischen Fachrichtungen sind nur die Geistigbehinderten- und die Ver- haltensgestörtenpädagogik - als Mangelfächer in Brandenburg - in das Sonderprogramm einbezogen worden. Anfängliche Irritationen sind dadurch entstanden, daß wichtige Entscheidungen im Weiterbildungszentrum (WBZ) ohne die Einbindung des Instituts für Sonderpädagogik gefällt worden sind. Man hat jedoch inzwischen Kompromisse gefunden, die dem Institut eine entscheidende Mitbestimmung bei der Gestaltung des Studiums einräumen. Diese Kompromisse müssen nun in Handlungen umgesetzt werden.“
Dezentrales Studium
60 - 80 Semesterwochenstunden bei einer etwa zwei bis zweieinhalb Jahre währenden Studiendauer werden den Lehrern, die sich in der Qualifikation befinden, abverlangt. In einem kommt man ihnen jedoch entgegen: die Studien finden dezentral an zehn Orten im Land Brandenburg statt. So glaubt man auch die übliche Abbrecherquote vermeiden zu können. Die Veranstaltungsformen sind vielfältig. Sie reichen vom Seminar mit 30 Teilnehmern bis zur Gruppenarbeit zwischen sieben und zehn Anwesenden. Die Studieninhalte lassen sich in etwa zur Hälfte in Präsenz- und in Fernstudien teüen. Im Unterschied zum universitären Lehrbetrieb erfolgt die Ausbildung ganzjährig. Von einer Semesterregelung hat man zugunsten der Steigerung von Effektivität und Flexibilität Abstand genommen.
An der Universität Potsdam hofft man nun, daß sich die Auswirkungen des Weiterbildungsprogramms in naher Zukunft unmittelbar in den Schulen bemerkbar machen werden. Im übrigen: das Interesse ist nicht für alle angebotenen Fächer gleich. Besonderen Zuspruchs erfreut sich jedoch die Politische Bildung. P.G.
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