Heft 
(1.1.2019) 16
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AUS DEM SCHATTENDASEIN HERAUSTRETEN

Feierliche Eröffnung des StudiengangesJüdische Studien" an der Universität

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Zahlreiche Uni-Angehörige und Gäste folgten der Einladung zur Eröffnung des neuen Studienganges Jüdische Studien. Unter ihnen: Prof. Dr. Karl-Erich Grözinger, der ehemalige Minister für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Hiniich Enderlein, Ignatz Bubis, Rektor Prof. Dr. RolfMitzner (v.l.n.r.).

Foto: Tribukeit

Die Geschichte der Juden in Deutsch­land reicht zurück bis in das Jahr 331, der ersten urkundlich überlieferten Gründung einer jüdischen Gemeinde in Köln. In 1600 Jahren sind jüdische Men­schen Teil der deutschen Gesellschaft geworden. Heute leben ungefähr 45000 Juden, 0,05% der Bevölkerung, in Deutschland. Nach dem Ersten Welt­krieg eskalierte die antisemitische Be­wegung. In Unkenntnis ihrer Lebens­weise und Geschichte sind Juden viel­fach zu Fremden geworden. Um einen Beitrag zur Durchbrechung dieser Fremdheit zu leisten, wurde zu Beginn des Wintersemesters 1994/95 ein Magi­ster-StudiengangJüdische Studien an der Universität Potsdam eingerich­tet. Zur feierlichen Eröffnung am 2. No­vember konnte neben dem Oberbürger­meister der Stadt Potsdam, Dr. Horst Grämlich, dem Minister für Wissen­schaft, Forschung und Kultur des Lan­des Brandenburg, Steffen Reiche, sowie Vertretern der Jüdischen Gemeinden Potsdams und Berlins auch der Vorsit­zende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, an der Uni­versität begrüßt werden. Uta Meyer und Andreas Bertheau aus dem Institut für Musik und Musikpädagogik sorgten für eine stilvolle Umrahmung.

Der Rektor der Universität, Prof. Dr. Rolf Mitzner, betonte, daß schon zu einem frühen Zeitpunkt der Universitätsgründung klar war, deutsch-jüdische und europäisch-jüdische Beziehungen zu einem Schwerpunkt in Lehre und Forschung im historisch-philosophi­schen Bereich werden zu lassen. Deshalb gründete man das Moses Mendelssohn Zen­trum für europäisch-jüdische Studien als in­terdisziplinäre Einrichtung. Seine Aufgabe bestehe vor allem darin, die Koordinierung, Bereicherung und Stimulierung der For­schung vorzunehmen. Ein Modellbei­spiel für interdisziplinäre Studien­gänge an der Universität sind nun dieJüdischen Studi­en". Prof. Mitzner berichte te sowohl vom großen In­teresse amAnfängerstu- diengang, als auch am Graduiertenstudium, dem ein Graduiertenkolleg fol­gen könnte.

Minister Steffen Reiche leite­te seine Rede mit einem Ori­ginalzitat aus dem fünften Buch Moses ein. Er betrachtet es als höchstes Ziel des neu­en Studienganges,Erzähler" neu hinzuzugewinnen, die die

Geschichte eines besonderen, einzigartigen Volkes, das in der ganzen Welt lebt und doch ein Volk geblieben ist, bis zur Gegenwart nachvollziehen können. Zu studieren bedeu­te, sich zu bemühen, aber auch einen Auf­trag zu erhalten. Er wandte sich an die Stu­dierenden und bat sie,nicht schnatternde Puppen, nicht romantisch verklärte herzige Menschen, nicht billige Nachahmer einer vielleicht modernen Strömung" zu werden. Vielmehr wünscht er sich kompetente, be­eindruckte und damit beeindruckende Boten einer 3000jährigen Geschichte. Denn ohne den jüdischen Tragpfeiler hätte das gemein­same Haus Europa keine Stabilität. Gleich­zeitig appellierte er an die jungen Leute, zü­gig und gut zu studieren, weil sie an vielen Stellen gebraucht würden.

Prof. Dr. Karl-Erich Grözinger, kürzlich beru­fener Professor für Religionswissenschaft und Direktor des gleichnamigen Institutes an der Universität Potsdam, stell­te in seiner Rede den Studien­gang vor. Er bezeichnete ihn als einenMarkstein in der deutschen Universitäts­geschichte . Potsdam sei die erste deutsche Univer­sität, an der das Studium jüdischer Themen aus ei­ner exotischen Randexis­tenz in die Mitte der Fakultä­ten und Fächer gerückt werde. Von der alttestamentlichen Wissenschaft oder der Hebra- istik abgesehen, war das Ju­dentum bis in unser Jahrhun­dert hinein an deutschen Uni­

versitäten nicht präsent. Erst Ende der sech­ziger Jahre wurde der Gegenstand teilweise unter dem Eindruck neuerlicher rechtsradi­kaler Umtriebe in der damaligen Bundesre­publik wieder aufgenommen. Judaistik wer­de in Deutschland, so Prof. Grözinger, ge­wöhnlich zu denOrchideenfächern" ge­zählt. Für Potsdam nun konnte der Wissen­schaftler eine neue Konzeption vorstellen. Interdisziplinarität ist nämlich angesagt, da Geschichte und Gegenwart des Judentums in ihren vielfältigen kulturellen, intellektuel­len, wirtschaftlichen und sozialen Verflech­tungen in einem Studiengang mit großer Fächer- und Methodenvielfalt besser er­forscht und gelehrt werden können.

Nicht ein Institut, sondern zehn Fächer der Universität sind deshalb beteiligt. So werden Seminare und Übungen aus den Gebieten Geschichte, Literaturwissenschaften wie Germanistik und Slawistik, Religionswissen­schaft, Linguistik, Psychologie, Philosophie, Pädagogik, Soziologie und Politikwissen­schaft angeboten. Auch die Wissenschaftler des Moses Mendelssohn Zentrums sind ein­bezogen. Für den Erwerb unabdingbarer Sprachkenntnisse finden Kurse in biblischem Hebräisch und Neuhebräisch sowie Jiddisch statt. Der Studiengang Jüdische Studien ist ein Hauptfachstudiengang mit dem Abschluß des Magister Artium (M.A.), kann jedoch auch als Nebenfach studiert werden.Pots­dam wird wohl die erste Universität in Deutschland sein, an der fast jeder Student im Laufe seines Studiums in der einen oder anderen Weise mit dem Thema Judentum konfrontiert wird, glaubt der Religions- wissenschaftler.

Für sein aufklärerisches und politisches Engagement um Toleranz wurde Ignatz Bubis die Moses Mendelssohn Medaille verliehen. Foto: Tribukeit

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