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AUS DEM SCHATTENDASEIN HERAUSTRETEN
Feierliche Eröffnung des Studienganges „Jüdische Studien" an der Universität
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Zahlreiche Uni-Angehörige und Gäste folgten der Einladung zur Eröffnung des neuen Studienganges „Jüdische Studien“. Unter ihnen: Prof. Dr. Karl-Erich Grözinger, der ehemalige Minister für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Hiniich Enderlein, Ignatz Bubis, Rektor Prof. Dr. RolfMitzner (v.l.n.r.).
Foto: Tribukeit
Die Geschichte der Juden in Deutschland reicht zurück bis in das Jahr 331, der ersten urkundlich überlieferten Gründung einer jüdischen Gemeinde in Köln. In 1600 Jahren sind jüdische Menschen Teil der deutschen Gesellschaft geworden. Heute leben ungefähr 45000 Juden, 0,05% der Bevölkerung, in Deutschland. Nach dem Ersten Weltkrieg eskalierte die antisemitische Bewegung. In Unkenntnis ihrer Lebensweise und Geschichte sind Juden vielfach zu Fremden geworden. Um einen Beitrag zur Durchbrechung dieser Fremdheit zu leisten, wurde zu Beginn des Wintersemesters 1994/95 ein Magister-Studiengang „Jüdische Studien“ an der Universität Potsdam eingerichtet. Zur feierlichen Eröffnung am 2. November konnte neben dem Oberbürgermeister der Stadt Potsdam, Dr. Horst Grämlich, dem Minister für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, Steffen Reiche, sowie Vertretern der Jüdischen Gemeinden Potsdams und Berlins auch der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, an der Universität begrüßt werden. Uta Meyer und Andreas Bertheau aus dem Institut für Musik und Musikpädagogik sorgten für eine stilvolle Umrahmung.
Der Rektor der Universität, Prof. Dr. Rolf Mitzner, betonte, daß schon zu einem frühen Zeitpunkt der Universitätsgründung klar war, deutsch-jüdische und europäisch-jüdische Beziehungen zu einem Schwerpunkt in Lehre und Forschung im historisch-philosophischen Bereich werden zu lassen. Deshalb gründete man das Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien als interdisziplinäre Einrichtung. Seine Aufgabe bestehe vor allem darin, die Koordinierung, Bereicherung und Stimulierung der Forschung vorzunehmen. Ein Modellbeispiel für interdisziplinäre Studiengänge an der Universität sind nun die „Jüdischen Studien". Prof. Mitzner berichte te sowohl vom großen Interesse am „Anfängerstu- diengang“, als auch am Graduiertenstudium, dem ein Graduiertenkolleg folgen könnte.
Minister Steffen Reiche leitete seine Rede mit einem Originalzitat aus dem fünften Buch Moses ein. Er betrachtet es als höchstes Ziel des neuen Studienganges, „Erzähler" neu hinzuzugewinnen, die die
Geschichte eines besonderen, einzigartigen Volkes, das in der ganzen Welt lebt und doch ein Volk geblieben ist, bis zur Gegenwart nachvollziehen können. Zu studieren bedeute, sich zu bemühen, aber auch einen Auftrag zu erhalten. Er wandte sich an die Studierenden und bat sie, „nicht schnatternde Puppen, nicht romantisch verklärte herzige Menschen, nicht billige Nachahmer einer vielleicht modernen Strömung" zu werden. Vielmehr wünscht er sich kompetente, beeindruckte und damit beeindruckende Boten einer 3000jährigen Geschichte. Denn ohne den jüdischen Tragpfeiler hätte das gemeinsame Haus Europa keine Stabilität. Gleichzeitig appellierte er an die jungen Leute, zügig und gut zu studieren, weil sie an vielen Stellen gebraucht würden.
Prof. Dr. Karl-Erich Grözinger, kürzlich berufener Professor für Religionswissenschaft und Direktor des gleichnamigen Institutes an der Universität Potsdam, stellte in seiner Rede den Studiengang vor. Er bezeichnete ihn als einen „Markstein in der deutschen Universitätsgeschichte“ . Potsdam sei die erste deutsche Universität, an der das Studium jüdischer Themen aus einer exotischen Randexistenz in die Mitte der Fakultäten und Fächer gerückt werde. Von der alttestamentlichen Wissenschaft oder der Hebra- istik abgesehen, war das Judentum bis in unser Jahrhundert hinein an deutschen Uni
versitäten nicht präsent. Erst Ende der sechziger Jahre wurde der Gegenstand teilweise unter dem Eindruck neuerlicher rechtsradikaler Umtriebe in der damaligen Bundesrepublik wieder aufgenommen. Judaistik werde in Deutschland, so Prof. Grözinger, gewöhnlich zu den „Orchideenfächern" gezählt. Für Potsdam nun konnte der Wissenschaftler eine neue Konzeption vorstellen. Interdisziplinarität ist nämlich angesagt, da Geschichte und Gegenwart des Judentums in ihren vielfältigen kulturellen, intellektuellen, wirtschaftlichen und sozialen Verflechtungen in einem Studiengang mit großer Fächer- und Methodenvielfalt besser erforscht und gelehrt werden können.
Nicht ein Institut, sondern zehn Fächer der Universität sind deshalb beteiligt. So werden Seminare und Übungen aus den Gebieten Geschichte, Literaturwissenschaften wie Germanistik und Slawistik, Religionswissenschaft, Linguistik, Psychologie, Philosophie, Pädagogik, Soziologie und Politikwissenschaft angeboten. Auch die Wissenschaftler des Moses Mendelssohn Zentrums sind einbezogen. Für den Erwerb unabdingbarer Sprachkenntnisse finden Kurse in biblischem Hebräisch und Neuhebräisch sowie Jiddisch statt. Der Studiengang Jüdische Studien ist ein Hauptfachstudiengang mit dem Abschluß des Magister Artium (M.A.), kann jedoch auch als Nebenfach studiert werden. „Potsdam wird wohl die erste Universität in Deutschland sein, an der fast jeder Student im Laufe seines Studiums in der einen oder anderen Weise mit dem Thema Judentum konfrontiert wird“, glaubt der Religions- wissenschaftler.
Für sein aufklärerisches und politisches Engagement um Toleranz wurde Ignatz Bubis die Moses Mendelssohn Medaille verliehen. Foto: Tribukeit
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