Heft 
(1.1.2019) 16
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TITEL

NSCHAFT AKTUELL

Von einem gelungenen Anfang sprach Prof. Grözinger auch deshalb, weil sich 170 Stu­dierende als Teilnehmer der verschiedenen Angebote des neuen Studienganges einge­tragen haben. Die Frage, ob ein derartiger Aufwand und dieses Interesse an den, eine Minderheit darstellenden, Juden für eine Uni­versität in Deutschland gerechtfertigt sei, beantwortet der Wissenschaftler mit einem eindeutigenja.

Denndas Juden­tum ist auch für das deutsche Selbstver- ständnis kein Rand­phänomen. Ob man wolle oder nicht, sei es ein Teil der europäischen Tradition und des europäischen Selbstverständnis­ses, ein Teil von uns allen, unserer deut­schen Geschichte,

Kultur und Gegen­wart. Dieser Realität müsse das Potsda­mer Modell gerecht werden. Die Jüdi­schen Studien sollen aus ihrer exotischen Randstellung heraus in das Bewußtsein aller Personen und Hochschul- disziplinen herein­geholt werden.

Ignatz Bubis' An­sprache stand unter der ThematikDie Bedeutung der Ver­mittlung von jüdi­schem Wissen in Schulen, Hochschu­len und Gesellschaft im vereinten Deutsch­land. Auch er hob hervor, daß 80 Millionen Nichtjuden das Judentum kennenlernen müssen. An den Schulen werde sich mit dem Judentum fast ausschließlich nur im Zusam­menhang mit der Zeit des Nationalsozialis­mus beschäftigt. Deshalb seien Juden Fremdkörper in den Köpfen sehr vieler Men­schen. Fremdenfeindlichkeit und Antisemi­tismus spielten sich in den letzten Jahren dort am schrecklichsten ab, wo keine Frem­den leben. Unbegründete Ängste existierten dort, wo man Fremdes nicht kennt.Frem­des zu entfremden", sei also auch die Auf­gabe der Hochschulen. So bezeichnete Bu­bis den neuen Studiengang als einegroße Notwendigkeit, worüber er sich sehr freue und auf Verbreiterung hoffe.

Zum Abschluß der festlichen Veranstaltung erhielt Ignatz Bubis aus den Händen von Prof. Dr. Julius H. Schoeps, Inhaber des Lehrstuhls für Neuere Geschichte II und Direktor des

Moses Mendelssohn Zentrums, die Moses Mendelssohn Medaille. Sie wird vom Potsda­mer Zentrum und dem Centrum für Judaicum Berlin verliehen. Damit wurde Bubis'aufklä­rerisches und politisches Engagement um Toleranz, gerade auch für die Minderheiten in unserem Land, gewürdigt. Der 1927 in Breslau Geborene mußte 1935 mit seiner Fa­milie unfreiwillig nach Polen aus wandern.

Von Februar 1941 an im Ghetto Deblin und in Zwangslagern gefangengehalten, wurde er 1945 aus dem Lager Czenstochau befreit. Seit Dezember 1945 lebt er in Deutschland, seit 1956 ist er als Unternehmer in Frankfurt am Main ansässig. Der Geehrte hat seit 28 Jah­ren leitende Ämter in der Frankfurter Jüdi­schen Gemeinde inne. Seit 1978, mit kurzer Unterbrechung, ist er Vorstandsmitglied die­ser zweitgrößten Jüdischen Gemeinde in der Bundesrepublik. Im Jahre 1977 wurde er Mitglied des Zentralrates der Juden in Deutschland und im September 1992 dessen Vorsitzender. Seit dieser Wahl sei er inner­halb kürzester Zeit zu einer moralischen In­stanz geworden, die landauf, landab gehört werde, so Prof. Schoeps. B.E.

(Der Stich von 1792 nach Daniel Chodowiecki auf dem Titelblatt zeigt die Übergabe eines Einla­dungsschreibens vom König durch einen preußi­schen Zöllner an Moses Mendelssohn am Berliner Tor zu Potsdam.)

ZU VIELE GESETZE UND VERORDNUNGEN?

Nicht nur bei uns, sondern auch in allen üb­rigen westlichen Demokratien hört man oft die Klage, es gäbe zu viele Gesetze und Ver­ordnungen. Allerdings ist diese oft beschwo­reneGesetzes- oderNormenflut bei un­seren Nachbarn in Europa bei genauem Hin­sehen höchst unterschiedlich stark ausge­prägt. Es gibt einige Länder, die mit ver­gleichsweise sehr wenigen Gesetzen und Verordnungen auskommen, und andere, die im Durchschnitt sehr viele aufweisen. Ist das nur Zufall? Oder verbirgt sich hinter solchen unterschiedlichen Niveaus der Gesetzes­produktion vielleicht eine aufzudeckende Logik politischen Handelns?

Unter Leitung von Prof. Dr. Herbert Döring, der seit dem Sommersemester 1994 die Pro­fessur fürVergleichende Politikwissen­schaft in der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften innehat, geht ein auch von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderter internationaler Projektverbund dieser Frage nach. Der Projektleiter brachte dieses Vorhaben, das er am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung entwickelt hatte, nach der Annahme des Rufes nach Potsdam mit.

Vor kurzem traf sich diese internationale Pro­jektgruppe auf einer auch vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur ge­förderten Arbeitstagung erstmals in Potsdam.

H. D.

POTSDAMER ELAN

Über den Stand der von der Deutschen For­schungsgemeinschaft (DFG) finanzierten For­schung an der Universität informierte sich vor kurzem der Präsident dieses größten Dritt­mittelgebers in der Bundesrepublik, Wolf­gang Frühwald. Dabei stellte sich nicht nur heraus, daß der Anteil der DFG-geförderten geistes- und sozialwissenschaftlichen Projek­te in Potsdam über dem Durchschnitt von rund 17 Prozent liegt und die Projekte sogar gleichrangig mit den Naturwissenschaften bei den DFG-Fördermitteln vertreten sind. Vielmehr zeigte sich der Präsident dieser Selbstverwaltungsorganisation der deut­schen Wissenschaft auch angenehm über­rascht von dem in Potsdam spürbaren Auf­bruchswillen:Sie haben hier einen Elan in dem, was man neu angreift, und einen Elan in der Zusammenarbeit innerhalb der Univer­sität, der im Vergleich zu anderen Bundes­ländern - auch zu den alten - seinesgleichen sucht, erklärte Frühwald und fügte hinzu: Ich bin jetzt in vielen Universitäten der neu­en Bundesländer gewesen. Doch die Serio­sität, mit der hier Forschung geplant, bean­tragt und durchgeführt wird, hat mich er­staunt, weil sie größer ist, als im bundesdeut­schen Durchschnitt. Hg.

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Lobgesang und Gebet der Judenheit auf den Sieg Friedrichs des Großen bei Scheidnitz, auch so stellt sich eine Verbindung zu Potsdam her, Berlin 1762. Die Bildquelle stammt aus der Jewish National and University Libary, Jerusalem.

PUZ 16/94

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