TITEL
NSCHAFT AKTUELL
Von einem gelungenen Anfang sprach Prof. Grözinger auch deshalb, weil sich 170 Studierende als Teilnehmer der verschiedenen Angebote des neuen Studienganges eingetragen haben. Die Frage, ob ein derartiger Aufwand und dieses Interesse an den, eine Minderheit darstellenden, Juden für eine Universität in Deutschland gerechtfertigt sei, beantwortet der Wissenschaftler mit einem eindeutigen „ja“.
Denn „das Judentum ist auch für das deutsche Selbstver- ständnis kein Randphänomen“. Ob man wolle oder nicht, sei es ein Teil der europäischen Tradition und des europäischen Selbstverständnisses, ein Teil von uns allen, unserer deutschen Geschichte,
Kultur und Gegenwart. Dieser Realität müsse das Potsdamer Modell gerecht werden. Die Jüdischen Studien sollen aus ihrer exotischen Randstellung heraus in das Bewußtsein aller Personen und Hochschul- disziplinen hereingeholt werden.
Ignatz Bubis' Ansprache stand unter der Thematik „Die Bedeutung der Vermittlung von jüdischem Wissen in Schulen, Hochschulen und Gesellschaft im vereinten Deutschland“. Auch er hob hervor, daß 80 Millionen Nichtjuden das Judentum kennenlernen müssen. An den Schulen werde sich mit dem Judentum fast ausschließlich nur im Zusammenhang mit der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt. Deshalb seien Juden Fremdkörper in den Köpfen sehr vieler Menschen. Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus spielten sich in den letzten Jahren dort am schrecklichsten ab, wo keine Fremden leben. Unbegründete Ängste existierten dort, wo man Fremdes nicht kennt. „Fremdes zu entfremden", sei also auch die Aufgabe der Hochschulen. So bezeichnete Bubis den neuen Studiengang als eine „große Notwendigkeit“, worüber er sich sehr freue und auf Verbreiterung hoffe.
Zum Abschluß der festlichen Veranstaltung erhielt Ignatz Bubis aus den Händen von Prof. Dr. Julius H. Schoeps, Inhaber des Lehrstuhls für Neuere Geschichte II und Direktor des
Moses Mendelssohn Zentrums, die Moses Mendelssohn Medaille. Sie wird vom Potsdamer Zentrum und dem Centrum für Judaicum Berlin verliehen. Damit wurde Bubis' „aufklärerisches und politisches Engagement um Toleranz, gerade auch für die Minderheiten in unserem Land“, gewürdigt. Der 1927 in Breslau Geborene mußte 1935 mit seiner Familie unfreiwillig nach Polen aus wandern.
Von Februar 1941 an im Ghetto Deblin und in Zwangslagern gefangengehalten, wurde er 1945 aus dem Lager Czenstochau befreit. Seit Dezember 1945 lebt er in Deutschland, seit 1956 ist er als Unternehmer in Frankfurt am Main ansässig. Der Geehrte hat seit 28 Jahren leitende Ämter in der Frankfurter Jüdischen Gemeinde inne. Seit 1978, mit kurzer Unterbrechung, ist er Vorstandsmitglied dieser zweitgrößten Jüdischen Gemeinde in der Bundesrepublik. Im Jahre 1977 wurde er Mitglied des Zentralrates der Juden in Deutschland und im September 1992 dessen Vorsitzender. Seit dieser Wahl sei er innerhalb kürzester Zeit zu einer moralischen Instanz geworden, die landauf, landab gehört werde, so Prof. Schoeps. B.E.
(Der Stich von 1792 nach Daniel Chodowiecki auf dem Titelblatt zeigt die Übergabe eines Einladungsschreibens vom König durch einen preußischen Zöllner an Moses Mendelssohn am Berliner Tor zu Potsdam.)
ZU VIELE GESETZE UND VERORDNUNGEN?
Nicht nur bei uns, sondern auch in allen übrigen westlichen Demokratien hört man oft die Klage, es gäbe zu viele Gesetze und Verordnungen. Allerdings ist diese oft beschworene „Gesetzes-“ oder „Normenflut“ bei unseren Nachbarn in Europa bei genauem Hinsehen höchst unterschiedlich stark ausgeprägt. Es gibt einige Länder, die mit vergleichsweise sehr wenigen Gesetzen und Verordnungen auskommen, und andere, die im Durchschnitt sehr viele aufweisen. Ist das nur Zufall? Oder verbirgt sich hinter solchen unterschiedlichen Niveaus der Gesetzesproduktion vielleicht eine aufzudeckende Logik politischen Handelns?
Unter Leitung von Prof. Dr. Herbert Döring, der seit dem Sommersemester 1994 die Professur für „Vergleichende Politikwissenschaft“ in der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften innehat, geht ein auch von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderter internationaler Projektverbund dieser Frage nach. Der Projektleiter brachte dieses Vorhaben, das er am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung entwickelt hatte, nach der Annahme des Rufes nach Potsdam mit.
Vor kurzem traf sich diese internationale Projektgruppe auf einer auch vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur geförderten Arbeitstagung erstmals in Potsdam.
H. D.
POTSDAMER ELAN
Über den Stand der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierten Forschung an der Universität informierte sich vor kurzem der Präsident dieses größten Drittmittelgebers in der Bundesrepublik, Wolfgang Frühwald. Dabei stellte sich nicht nur heraus, daß der Anteil der DFG-geförderten geistes- und sozialwissenschaftlichen Projekte in Potsdam über dem Durchschnitt von rund 17 Prozent liegt und die Projekte sogar gleichrangig mit den Naturwissenschaften bei den DFG-Fördermitteln vertreten sind. Vielmehr zeigte sich der Präsident dieser Selbstverwaltungsorganisation der deutschen Wissenschaft auch angenehm überrascht von dem in Potsdam spürbaren Aufbruchswillen: „Sie haben hier einen Elan in dem, was man neu angreift, und einen Elan in der Zusammenarbeit innerhalb der Universität, der im Vergleich zu anderen Bundesländern - auch zu den alten - seinesgleichen sucht“, erklärte Frühwald und fügte hinzu: „Ich bin jetzt in vielen Universitäten der neuen Bundesländer gewesen. Doch die Seriosität, mit der hier Forschung geplant, beantragt und durchgeführt wird, hat mich erstaunt, weil sie größer ist, als im bundesdeutschen Durchschnitt. Hg.
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Lobgesang und Gebet der Judenheit auf den Sieg Friedrichs des Großen bei Scheidnitz, auch so stellt sich eine Verbindung zu Potsdam her, Berlin 1762. Die Bildquelle stammt aus der Jewish National and University Libary, Jerusalem.
PUZ 16/94
Seite 17