Heft 
(1.1.2019) 16
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BEITRAG ZUR VERSACHLICHUNG EINES BRISANTEN THEMAS

Der Potsdamer Forschungsschwerpunkt Zeithistorische Studien bleibt erhalten

Über den Rückgang der Geisteswissenschaften in unserer Forschungslandschaft wird häufig geklagt. Als Beitrag zur Stär­kung dieser Disziplinen verabschiedete dieser Tage der Wissenschaftsrat Empfehlungen zur Förderung Geisteswissenschaft­licher Zentren. Der Wissenschaftsrat ist zwar kein Entscheidungs-, wohl aber ein Beratungsgremium. In ihm sind Wissen­schaftler sowie Länder und Bund vertreten. Auf der Grundlage des Einigungsvertrages wurde er nach Auflösung der Akade­mie der Wissenschaften der DDR seinerzeit beauftragt, die Begutachtung öffentlich getragener Einrichtungen vorzunehmen. So sind am 1. Januar 1992 sieben geisteswissenschaftliche Forschungsschwerpunkte (FSP) gegründet worden. Es handelt sich um: Zeithistorische Studien, Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftstheorie (inzwischen in ein Max-Planck-Institut über­führt), Europäische Aufklärung, Moderner Orient, Allgemeine Sprachwissenschaft, Typologie und Universalienforschung, Li­teraturwissenschaft sowie Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas. Mit der Umsetzung dieser Empfehlungen betraute man die Max-Planck-Gesellschaft (MPG). Träger der Einrichtungen ist eine im November 1991 ins Leben gerufene Tochtergesell­schaft der MPG, die Förderungsgesellschaft Wissenschaftliche Neuvorhaben mbH mit Sitz in München.

Nach langwierigen Verhandlungen hatten sich Wissenschaftsrat, Bundesministerium für Forschung und Technologie, Bund-Län- der-Kommission, Hochschulrektorenkonfe- renz, Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Max-Planck-Gesellschaft auf ein gemein­sames Konzept hinsichtlich der Zukunft der FSP geeinigt.

Streit herrscht über die Finanzierung. Die Entscheidung über die endgültige Etablie­rung der geisteswissenschaftlichen For­schungseinrichtungen wurde ständig ver­tagt. Aus diesem Grunde wandten sich Mit­arbeiter der FSP in einem Offenen Brief an die mit der Zukunft der Zentren Befaßten. Sie forderten nicht nur Maßnahmen zur Wei­terbeschäftigung qualifizierter, mehrfach positiv evaluierter Kollegen, sondern ebenso die Fortsetzung des Vereinigungsprozesses der Forschung in Deutschland, die für beide Seiten Gewinn bringe.

Da die wissenschaftliche Perspektive der Be­troffenen wegen der zum 31.12.1994 auslau­fenden und nur bis zum 31.12.1995 befristet angebotenen Arbeitsverträge ungewiß schien, schalteten sie Anfang November 1994 die Öffentlichkeit ein. Die unmittelbar Beteiligten luden zu einem Pressegespräch Geisteswissenschaften in Berlin und Bran­denburg.

Prominenter Gesprächspartner war der in der DDR ebenfalls an der Akademie der Wissen­schaften tätig gewesene Wolfgang Thierse. Das heutige Mitglied des Bundestages ver­deutlichte das fortdauernde Interesse am Weiterbestehen der FSP. Er betonte:Der Standort Ostdeutschland wird nur dann eine Chance haben, wenn es gelingt, Innovations­und Modernisierungspotentiale hierher zu holen, hier anzusiedeln oder hier aufrechtzu- erhalten. Dieses Konzept dürfe auf gar kei­nen Fall aus finanziellen Gründen scheitern. Folgenden, nicht unproblematischen, aber die Dimension verdeutlichenden Vergleich führte der Politiker an: Für einen Kilometer Autobahn könnten sechs FSP zehn Jahre lang finanziert werden. Der Gesamtbetriebs­rat der MPG verwies darauf, daß mit den FSP die Möglichkeit bestehe,den Einigungs­prozeß zu innovativen Lösungen auf dem

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Gebiet der Geisteswissenschaften zu nutzen, Wissenschaftler aus den alten und den neu­en Bundesländern in gemeinsamen For­schungsprojekten zu integrieren und der deutschen Wissenschaft durch die Errich­tung derartiger interdisziplinärer, außer­universitärer Forschungseinrichtungen neue Impulse zu verleihen.

Am 17. November 1994 nun hat der Wissen­schaftsrat bereits erwähnte Empfehlungen verabschiedet. Danach sollen Geisteswissen­schaftliche Zentren für interdisziplinäre, ko­operative und projektorientierte sowie kul­turwissenschaftlich und international ausge­richtete Forschung in den Geisteswissen­schaften eingerichtet werden.Die Zentren sollen von einer oder mehreren Universitäten getragen werden und zu deren Profilbildung beitragen. Ein Zentrum soll über etwa 30 Stellen verfügen. Der Kern eines Zentrums (etwa 1/3 der Ausstattung) soll vom Sitzland finanziert, der überwiegende Teil der Mittel

für die Arbeit der Zentren von der Deutschen Forschungsgemeinschaft zusätzlich einge­worben werden (etwa 2/3).

Die Selbständigkeit der Zentren als längerfri­stig angelegte Forschungsschwerpunkte in­nerhalb von Universitäten oder in enger Be­ziehung zu ihnen muß gesichert werden; dies betrifft Entscheidungen über die Wahl und Veränderung der Forschungsthemen, die Re­krutierung des Personals und einen eigenen, vom Universitätshaushalt unabhängigen Wirtschaftsplan."

Erstrebenswert sei es, die FSP noch 1995 in Zentren zu überführen. Nach Aussagen des Vorsitzenden des Wissenschaftsrates, Prof. Karl-Heinz Hoffmann, kommt es nun darauf an,daß sich Bund und Länder in gleicher Weise für diese Zentren einsetzen, wie sie dies 1991/92 bei der Umsetzung der Empfeh­lungen des Wissenschaftsrates im Bereich Natur- und Ingenieurwissenschaften getan haben. Außerdem hofft er, daß schon bald

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PUZ 16/94

Der ForschungsschwerpunktZeithistorische Studien" hat sein Domizil im Zentrum Potsdams. Nach den kürzlich herausgegebenen Empfehlungen des Wissenschaftsrates ist auch sein Fortbestand gesichert, können die Mitarbeiter Prof. Kleß manns zunächst einmal aufatmen. Foto: zg.

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