BEITRAG ZUR VERSACHLICHUNG EINES BRISANTEN THEMAS
Der Potsdamer Forschungsschwerpunkt Zeithistorische Studien bleibt erhalten
Über den Rückgang der Geisteswissenschaften in unserer Forschungslandschaft wird häufig geklagt. Als Beitrag zur Stärkung dieser Disziplinen verabschiedete dieser Tage der Wissenschaftsrat Empfehlungen zur Förderung Geisteswissenschaftlicher Zentren. Der Wissenschaftsrat ist zwar kein Entscheidungs-, wohl aber ein Beratungsgremium. In ihm sind Wissenschaftler sowie Länder und Bund vertreten. Auf der Grundlage des Einigungsvertrages wurde er nach Auflösung der Akademie der Wissenschaften der DDR seinerzeit beauftragt, die Begutachtung öffentlich getragener Einrichtungen vorzunehmen. So sind am 1. Januar 1992 sieben geisteswissenschaftliche Forschungsschwerpunkte (FSP) gegründet worden. Es handelt sich um: Zeithistorische Studien, Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftstheorie (inzwischen in ein Max-Planck-Institut überführt), Europäische Aufklärung, Moderner Orient, Allgemeine Sprachwissenschaft, Typologie und Universalienforschung, Literaturwissenschaft sowie Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas. Mit der Umsetzung dieser Empfehlungen betraute man die Max-Planck-Gesellschaft (MPG). Träger der Einrichtungen ist eine im November 1991 ins Leben gerufene Tochtergesellschaft der MPG, die Förderungsgesellschaft Wissenschaftliche Neuvorhaben mbH mit Sitz in München.
Nach langwierigen Verhandlungen hatten sich Wissenschaftsrat, Bundesministerium für Forschung und Technologie, Bund-Län- der-Kommission, Hochschulrektorenkonfe- renz, Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Max-Planck-Gesellschaft auf ein gemeinsames Konzept hinsichtlich der Zukunft der FSP geeinigt.
Streit herrscht über die Finanzierung. Die Entscheidung über die endgültige Etablierung der geisteswissenschaftlichen Forschungseinrichtungen wurde ständig vertagt. Aus diesem Grunde wandten sich Mitarbeiter der FSP in einem Offenen Brief an die mit der Zukunft der Zentren Befaßten. Sie forderten nicht nur Maßnahmen zur Weiterbeschäftigung qualifizierter, mehrfach positiv evaluierter Kollegen, sondern ebenso die Fortsetzung des Vereinigungsprozesses der Forschung in Deutschland, die für beide Seiten Gewinn bringe.
Da die wissenschaftliche Perspektive der Betroffenen wegen der zum 31.12.1994 auslaufenden und nur bis zum 31.12.1995 befristet angebotenen Arbeitsverträge ungewiß schien, schalteten sie Anfang November 1994 die Öffentlichkeit ein. Die unmittelbar Beteiligten luden zu einem Pressegespräch „Geisteswissenschaften in Berlin und Brandenburg“.
Prominenter Gesprächspartner war der in der DDR ebenfalls an der Akademie der Wissenschaften tätig gewesene Wolfgang Thierse. Das heutige Mitglied des Bundestages verdeutlichte das fortdauernde Interesse am Weiterbestehen der FSP. Er betonte: „Der Standort Ostdeutschland wird nur dann eine Chance haben, wenn es gelingt, Innovationsund Modernisierungspotentiale hierher zu holen, hier anzusiedeln oder hier aufrechtzu- erhalten.“ Dieses Konzept dürfe auf gar keinen Fall aus finanziellen Gründen scheitern. Folgenden, nicht unproblematischen, aber die Dimension verdeutlichenden Vergleich führte der Politiker an: Für einen Kilometer Autobahn könnten sechs FSP zehn Jahre lang finanziert werden. Der Gesamtbetriebsrat der MPG verwies darauf, daß mit den FSP die Möglichkeit bestehe, „den Einigungsprozeß zu innovativen Lösungen auf dem
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Gebiet der Geisteswissenschaften zu nutzen, Wissenschaftler aus den alten und den neuen Bundesländern in gemeinsamen Forschungsprojekten zu integrieren und der deutschen Wissenschaft durch die Errichtung derartiger interdisziplinärer, außeruniversitärer Forschungseinrichtungen neue Impulse zu verleihen.“
Am 17. November 1994 nun hat der Wissenschaftsrat bereits erwähnte Empfehlungen verabschiedet. Danach sollen Geisteswissenschaftliche Zentren für interdisziplinäre, kooperative und projektorientierte sowie kulturwissenschaftlich und international ausgerichtete Forschung in den Geisteswissenschaften eingerichtet werden. „Die Zentren sollen von einer oder mehreren Universitäten getragen werden und zu deren Profilbildung beitragen. Ein Zentrum soll über etwa 30 Stellen verfügen. Der Kern eines Zentrums (etwa 1/3 der Ausstattung) soll vom Sitzland finanziert, der überwiegende Teil der Mittel
für die Arbeit der Zentren von der Deutschen Forschungsgemeinschaft zusätzlich eingeworben werden (etwa 2/3).
Die Selbständigkeit der Zentren als längerfristig angelegte Forschungsschwerpunkte innerhalb von Universitäten oder in enger Beziehung zu ihnen muß gesichert werden; dies betrifft Entscheidungen über die Wahl und Veränderung der Forschungsthemen, die Rekrutierung des Personals und einen eigenen, vom Universitätshaushalt unabhängigen Wirtschaftsplan."
Erstrebenswert sei es, die FSP noch 1995 in Zentren zu überführen. Nach Aussagen des Vorsitzenden des Wissenschaftsrates, Prof. Karl-Heinz Hoffmann, kommt es nun darauf an, „daß sich Bund und Länder in gleicher Weise für diese Zentren einsetzen, wie sie dies 1991/92 bei der Umsetzung der Empfehlungen des Wissenschaftsrates im Bereich Natur- und Ingenieurwissenschaften getan haben.“ Außerdem hofft er, daß schon bald
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PUZ 16/94
Der Forschungsschwerpunkt „Zeithistorische Studien" hat sein Domizil im Zentrum Potsdams. Nach den kürzlich herausgegebenen Empfehlungen des Wissenschaftsrates ist auch sein Fortbestand gesichert, können die Mitarbeiter Prof. Kleß manns zunächst einmal aufatmen. Foto: zg.
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