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(1.1.2019) 16
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Initiativen zur Schaffung weiterer Geisteswis­senschaftlicher Zentren in alten und neuen Ländern entstehen.

Von allen Entscheidungen und Empfehlun­gen direkt betroffen ist der Potsdamer FSP Zeithistorische Studien, der eng mit der Uni­versität Potsdam kooperiert. Der Inhaber des Lehrstuhls für Zeitgeschichte im Historischen Institut, Prof. Dr. Christoph Kleßmann, ist gemeinsam mit Prof. Dr. Jürgen Kocka von der FU Berlin kommissarischer Leiter des Schwerpunktes.

Das Team setzt sich zusammen aus 20 wis­senschaftlichen Mitarbeitern, drei wissen­schaftlichen Mitarbeitern über Drittmittel- finanzierung, sechs nichtwissenschaftlichen Mitarbeitern, fünf Doktoranden, einem Sti­pendiaten sowie wechselnden Gastwissen­schaftlern (Stand November 1994).

Das Ziel ihrer Forschungen besteht darin, einen seriösen und fundierten Beitrag zur Aufarbeitung von DDR-Geschichte und zum schwierigen Prozeß der Herstellung der inne­ren Einheit auf dem Gebiet der Wissenschaft zu leisten".

Prof. Kleßmann hebt dabei vier erkenntnis- leitende Aspekte für die Erforschung der Geschichte der Sowjetischen Besatzungszo­ne (SBZ) und der DDR hervor: die Integrati­on dieser Geschichte in längerfristige histo­rische Prozesse des 20. Jahrhunderts, den Vergleich mit der Geschichte anderer kom­munistischer Staaten und Gesellschaften in Ostmitteleuropa, die Analyse der Verflech­tungen und Wechselwirkungen mit der Ge­schichte der Westzonen und der Bundesre­publik sowie Probleme eines Vergleichs der NS-Diktatur und der SED-Diktatur.

Mit der Bearbeitung dieser Themen wollen die Wissenschaftler dazu beitragen, die viel­zitierte Mauer in den Köpfen zu beseitigen. Da dies leichter zu beschwören als zu reali­sieren sei, sind nach Meinung Prof. Kleß- manns dafür auch institutioneile Konsequen­zen erforderlich.

So könnten Geisteswissenschaftliche Zentren große interdisziplinäre Projekte verwirkli­chen, die an Universitäten nicht möglich wären. Deshalb befinden sich auch im FSP Zeithistorische Studien zwei größere Vorha­ben in Vorbereitung.

Zum einen will man sich der ThematikFüh­rungsgruppen und Apparate des SED-Re- gimes" zuwenden. Gefragt wird nach Vor­aussetzungen, Konstituierung und Entwick­lung, Struktur und Funktionsweise von Füh­rungsgruppen und Apparaten des SED-Re- gimes in der SBZ/DDR.

Ein zweites Projekt zielt auf Herrschaft und Alltag in der SED-Diktatur. Es soll in zeitli­chem Längsschnitt Struktur- und Erfahrungs­geschichte verbinden.

Berlin-Brandenburg bildet als überschauba­res regionales Untersuchungsfeld metho­disch den Einstieg. Im Mittelpunkt steht die Lebensweisekleiner Leute". B.E.

DIE POSITION WOLFGANG FRÜHWALDS

Als die Diskussion um die geisteswis­senschaftlichen Forschungsschwer­punkte auf ihrem Höhepunkt angelangt war - also genau am 10. November, an dem der Wissenschaftsrat über die Art und mögliche Finanzierung ihrer Fort­führung entschied - weilte der Präsi­dent der Deutschen Forschungsgemein­schaft (DFG), Professor Dr. Wolfgang Frühwald, an der Universität. Myriam Honig befragte ihn für die PUZ nach der Position der DFG in der Debatte:

PUZ: Herr Frühwald, derzeit wird über die Weiterführung der geisteswissenschaftlichen Forschungsschwerpunkte in den neuen Bun­desländern gestritten.

Nach einem vorläufigen Konzept des Wis­senschaftsrates sollten sie als disziplinüber- greifende Forschungszentren und selbstän­dige Einheiten an den Universitäten weiter­geführt und zu einem Drittel von der DFG finanziert werden. Was meinen Sie zu diesem Konzept?

Frühwald: Das ist eine Gewissensfrage. Weil der Wissenschaftsrat heute darüber ent­scheidet. Im Entwurf des Wissenschafsrates steht drin, die DFG soll Sondermittel bekom­men, um diese geisteswissenschaftlichen Zentren zu fördern. Diese Sondermittel soll sie vom Bund bekommen. Wenn die DFG wirklich solche Sondermittel bekommt, hat sie überhaupt keine Schwierigkeiten, die Schwerpunkte zu fördern. Aber: Es wird kei­ne Sondermittel geben, das ist das Problem. Die DFG wird gefragt werden, ob sie aus Ei­genmitteln die bestehenden geisteswissen­schaftlichen Zentren fördert. Die DFG wird sich dem nicht entziehen können. Was die DFG nicht kann, ist, ein Modell Geisteswis­senschaftliche Zentren zu fördern, das dann ausgeweitet und auf die alten Bundesländer übertragen wird.

Wenn die DFG mit Eigenmitteln fördern muß, und das muß sie ja wahrscheinlich, dann wird sie die bestehenden geisteswissen­schaftlichen Zentren unter der Maßgabe der Begutachtung, die immer bei der DFG statt­finden muß, aus Eigenmitteln fördern. Aber sie wird nicht das Modell fortführen.

PUZ: Sie haben bezüglich des in Potsdam angesiedelten Forschungsschwerpunktes Zeithistorische Studien einmal von der Ge­fahr eines neuen Historikerstreites gespro­chen. Was meinten Sie damit?

Frühwald: Ich habe nicht vor einem neuen Historikerstreit gewarnt. Ich habe nur gesagt, es müßte vermieden werden, daß in Deutsch­land plötzlich wieder über Geschichtsbüder aus der jüngsten Vergangenheit gestritten

Der Präsident der Deutschen Forschungsgemein­schaft, Wolfgang Frühwald, informierte sich vor Ort über die Forschungslandschaft an der Universität Potsdam. Er äußerte sich auch über die umstritte­nen geisteswissenschaftlichen Forschungs Schwerpunkte. Foto.' Rüffert

wird. Wir müssen versuchen, mit möglichst objektiven wissenschaftlichen Kriterien auch zu untersuchen, was in diesem Forschungs­schwerpunktZeithistorische Studien ge­macht wird. Um das zu untersuchen, muß dieser Schwerpunkt zunächst einmal an­tragsfähig gemacht werden bei der DFG, d.h. er muß institutionell eingerichtet werden. Dann kann er auch Anträge stellen an die DFG. Dann können die gewählten Fachgut­achter der DFG sagen: das ist wissenschaft­lich vertretbar, oder das ist wissenschaftlich nicht vertretbar. Dann gibt es keinen neuen Historikerstreit, sondern einen Streit von hi­storischen Schulen, Richtungen und Meinun­gen. Das aber ist natürlich vertretbar und sogar gewünscht.

Wir können derzeit aber fachlich noch nicht bewerten, weil diese Zentren bei der DFG nicht antragsfähig sind. Sie müssen erst ein­mal institutionell errichtet werden, dann sind sie antragsfähig und dann können wir sie fachlich werten. Denn wenn beispielsweise eine Universität oder ein Land sagen würde: wir übernehmen ein Zentrum, dann wäre dieses Zentrum bei der DFG antragsberech­tigt. Diese Anträge würden wir nach bestem Wissen und Gewissen prüfen.

Also, ich halte diesen Gang der Dinge für das Natürlichste von der Welt und die 15 Mio, die uns das dann kostet, werden wir in Gottes Namen auch noch aufbringen.

PUZ: Ich bedanke mich für das Gespräch, Herr Frühwald.

PUZ 16/94

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