Initiativen zur Schaffung weiterer Geisteswissenschaftlicher Zentren in alten und neuen Ländern entstehen.
Von allen Entscheidungen und Empfehlungen direkt betroffen ist der Potsdamer FSP Zeithistorische Studien, der eng mit der Universität Potsdam kooperiert. Der Inhaber des Lehrstuhls für Zeitgeschichte im Historischen Institut, Prof. Dr. Christoph Kleßmann, ist gemeinsam mit Prof. Dr. Jürgen Kocka von der FU Berlin kommissarischer Leiter des Schwerpunktes.
Das Team setzt sich zusammen aus 20 wissenschaftlichen Mitarbeitern, drei wissenschaftlichen Mitarbeitern über Drittmittel- finanzierung, sechs nichtwissenschaftlichen Mitarbeitern, fünf Doktoranden, einem Stipendiaten sowie wechselnden Gastwissenschaftlern (Stand November 1994).
Das Ziel ihrer Forschungen besteht darin, „einen seriösen und fundierten Beitrag zur Aufarbeitung von DDR-Geschichte und zum schwierigen Prozeß der Herstellung der inneren Einheit auf dem Gebiet der Wissenschaft zu leisten".
Prof. Kleßmann hebt dabei vier erkenntnis- leitende Aspekte für die Erforschung der Geschichte der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der DDR hervor: die Integration dieser Geschichte in längerfristige historische Prozesse des 20. Jahrhunderts, den Vergleich mit der Geschichte anderer kommunistischer Staaten und Gesellschaften in Ostmitteleuropa, die Analyse der Verflechtungen und Wechselwirkungen mit der Geschichte der Westzonen und der Bundesrepublik sowie Probleme eines Vergleichs der NS-Diktatur und der SED-Diktatur.
Mit der Bearbeitung dieser Themen wollen die Wissenschaftler dazu beitragen, die vielzitierte Mauer in den Köpfen zu beseitigen. Da dies leichter zu beschwören als zu realisieren sei, sind nach Meinung Prof. Kleß- manns dafür auch institutioneile Konsequenzen erforderlich.
So könnten Geisteswissenschaftliche Zentren große interdisziplinäre Projekte verwirklichen, die an Universitäten nicht möglich wären. Deshalb befinden sich auch im FSP Zeithistorische Studien zwei größere Vorhaben in Vorbereitung.
Zum einen will man sich der Thematik „Führungsgruppen und Apparate des SED-Re- gimes" zuwenden. Gefragt wird nach Voraussetzungen, Konstituierung und Entwicklung, Struktur und Funktionsweise von Führungsgruppen und Apparaten des SED-Re- gimes in der SBZ/DDR.
Ein zweites Projekt zielt auf „ Herrschaft und Alltag in der SED-Diktatur“. Es soll in zeitlichem Längsschnitt Struktur- und Erfahrungsgeschichte verbinden.
Berlin-Brandenburg bildet als überschaubares regionales Untersuchungsfeld methodisch den Einstieg. Im Mittelpunkt steht die Lebensweise „kleiner Leute". B.E.
DIE POSITION WOLFGANG FRÜHWALDS
Als die Diskussion um die geisteswissenschaftlichen Forschungsschwerpunkte auf ihrem Höhepunkt angelangt war - also genau am 10. November, an dem der Wissenschaftsrat über die Art und mögliche Finanzierung ihrer Fortführung entschied - weilte der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Professor Dr. Wolfgang Frühwald, an der Universität. Myriam Honig befragte ihn für die PUZ nach der Position der DFG in der Debatte:
PUZ: Herr Frühwald, derzeit wird über die Weiterführung der geisteswissenschaftlichen Forschungsschwerpunkte in den neuen Bundesländern gestritten.
Nach einem vorläufigen Konzept des Wissenschaftsrates sollten sie als disziplinüber- greifende Forschungszentren und selbständige Einheiten an den Universitäten weitergeführt und zu einem Drittel von der DFG finanziert werden. Was meinen Sie zu diesem Konzept?
Frühwald: Das ist eine Gewissensfrage. Weil der Wissenschaftsrat heute darüber entscheidet. Im Entwurf des Wissenschafsrates steht drin, die DFG soll Sondermittel bekommen, um diese geisteswissenschaftlichen Zentren zu fördern. Diese Sondermittel soll sie vom Bund bekommen. Wenn die DFG wirklich solche Sondermittel bekommt, hat sie überhaupt keine Schwierigkeiten, die Schwerpunkte zu fördern. Aber: Es wird keine Sondermittel geben, das ist das Problem. Die DFG wird gefragt werden, ob sie aus Eigenmitteln die bestehenden geisteswissenschaftlichen Zentren fördert. Die DFG wird sich dem nicht entziehen können. Was die DFG nicht kann, ist, ein Modell Geisteswissenschaftliche Zentren zu fördern, das dann ausgeweitet und auf die alten Bundesländer übertragen wird.
Wenn die DFG mit Eigenmitteln fördern muß, und das muß sie ja wahrscheinlich, dann wird sie die bestehenden geisteswissenschaftlichen Zentren unter der Maßgabe der Begutachtung, die immer bei der DFG stattfinden muß, aus Eigenmitteln fördern. Aber sie wird nicht das Modell fortführen.
PUZ: Sie haben bezüglich des in Potsdam angesiedelten Forschungsschwerpunktes Zeithistorische Studien einmal von der Gefahr eines neuen Historikerstreites gesprochen. Was meinten Sie damit?
Frühwald: Ich habe nicht vor einem neuen Historikerstreit gewarnt. Ich habe nur gesagt, es müßte vermieden werden, daß in Deutschland plötzlich wieder über Geschichtsbüder aus der jüngsten Vergangenheit gestritten
Der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Wolfgang Frühwald, informierte sich vor Ort über die Forschungslandschaft an der Universität Potsdam. Er äußerte sich auch über die umstrittenen geisteswissenschaftlichen Forschungs Schwerpunkte. Foto.' Rüffert
wird. Wir müssen versuchen, mit möglichst objektiven wissenschaftlichen Kriterien auch zu untersuchen, was in diesem Forschungsschwerpunkt „Zeithistorische Studien“ gemacht wird. Um das zu untersuchen, muß dieser Schwerpunkt zunächst einmal antragsfähig gemacht werden bei der DFG, d.h. er muß institutionell eingerichtet werden. Dann kann er auch Anträge stellen an die DFG. Dann können die gewählten Fachgutachter der DFG sagen: das ist wissenschaftlich vertretbar, oder das ist wissenschaftlich nicht vertretbar. Dann gibt es keinen neuen Historikerstreit, sondern einen Streit von historischen Schulen, Richtungen und Meinungen. Das aber ist natürlich vertretbar und sogar gewünscht.
Wir können derzeit aber fachlich noch nicht bewerten, weil diese Zentren bei der DFG nicht antragsfähig sind. Sie müssen erst einmal institutionell errichtet werden, dann sind sie antragsfähig und dann können wir sie fachlich werten. Denn wenn beispielsweise eine Universität oder ein Land sagen würde: wir übernehmen ein Zentrum, dann wäre dieses Zentrum bei der DFG antragsberechtigt. Diese Anträge würden wir nach bestem Wissen und Gewissen prüfen.
Also, ich halte diesen Gang der Dinge für das Natürlichste von der Welt und die 15 Mio, die uns das dann kostet, werden wir in Gottes Namen auch noch aufbringen.
PUZ: Ich bedanke mich für das Gespräch, Herr Frühwald.
PUZ 16/94
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