WISSENSCHAFT AKTUELL
SOZIALE UNGLEICHHEIT
WIP-Projekt zum Wandel familialer Lebensformen
Zahlreiche Wissenschaftler aus Einrichtungen der Akademie der Wissenschaften erhielten nach deren Auflösung eine Förderung im Rahmen des Wissenschaftier-Integrationsprogramms (WIP), das Teil der Hochschulerneuerung in den neuen Bundesländern ist. Zu den Zielen der Erneuerung gehört die Rückführung der Forschung an die Universitäten. In der „PUZ“ stellen wir in loser Folge WIP-Projekte vor. Das dieses Mal thematisierte Projekt „Soziale Ungleichheit“ wird von Dr. Sabine Huth (Projektleiterin) und Dr. Heidrun Großmann bearbeitet. Unter dem Titel „Wandel familialer Lebensformen - Chancen und Risiken für Frauen“ gilt das Interesse der Wissen- schaftlerinnen der Entwicklung von Erhebungs- und Auswertungsinstrumenten in der qualitativen (biographischen) Forschung.
Frauen, Männer und ihre Kinder spielen miteinander; doch der Wandel familialer Lebensformen birgt für Frauen neben den Chancen auch Risiken. Foto: Archiv
In den letzten Jahrzehnten haben nicht-vertikale Ungleichheiten zunehmend strukturprägendes Gewicht bekommen. Das gilt insbesondere für geschlechtsspezifische Ungleichheiten sowie für Ungleichheiten in der Wohlfahrtsteilhabe verschiedener Familien- bzw. Lebensformen, wie die von Ehepaaren oder Lebensgemeinschaften mit Kindern, Lebensformen ohne Kinder, Allein erziehende, Alleinlebende. Ausgehend von theoretischen und empirischen Arbeiten zu Wandel und Differenzierung von Lebensformen und Beziehungskonzepten werden mit Individualisierungsprozessen verbundene Chancen und Risiken für Frauen in den Mittelpunkt der wissenschaftlichen Arbeit gestellt. Besondere Beachtung finden dabei die differenzierten Ausgangs- und Entwicklungsbedingungen in Ost und West. Schwerpunkte sind der Wandel weiblicher Lebensmuster im Transformationsprozeß, die Relevanz veränderter Lebensformen für die soziale Lage von Frauen, theoretische Ansätze zur Erklärung geschlechtsbedingter sozialer Ungleichheiten sowie Frauenbilder und Selbstverständnis von Frauen in Ost und West. Unter diesen thematischen Schwerpunkten werden in Verbindung von Lehrveranstaltungen und empirischen Forschungsvorhaben methodische Instrumentarien qualitativer Sozialforschung, vor allem Techniken zur Erhebung und Auswertung biographischen Materials nutzbar gemacht und entwickelt.
Ein Schwerpunkt für das Jahr 1994 war die Erarbeitung einer qualitativen Studie, die das Erscheinungsbild und die Wirkungsweise sozialer Ungleichheit für eine spezielle Gmppe alleinerziehender Frauen transparent macht. Wie erleben und wie verarbeiten Frauen in Ost und West die Notwendigkeit, Sozialhilfe für den Lebensunterhalt ihrer Familie zu beanspruchen? Wie nehmen alleinerziehende Frauen aus ihrer jeweiligen sozialen Perspektive diese Situation wahr? Diese Fragestellungen werden von Wissenschaftlerinnen aus Ost und West jeweils in einer Stahlregion in den alten und neuen Bundesländern untersucht. Dabei geht es primär darum, das „Alleinleben“ mit Kindern als familiale Lebensform zu untersuchen. Ferner sollen Risiken dieser Lebensform auf gezeigt und Unterschiede in den Sozialisationsbedingungen Alleinerziehender in West und Ost herausgearbeitet werden, die Einfluß auf differenzierte Bewertungs- und Verarbeitungsmuster sozialer Risikolagen haben.
Gefördert wird dieses Ost-West vergleichende Projekt durch die Kommission für die Erforschung des sozialen und politischen Wandels in den neuen Bundesländern. Die geplante Weiterführung ist mit dem Interesse verknüpft, Aufschluß über den Einfluß struktureller Bedingungen auf den Wandel von Lebensmustern und -Orientierungen im Transformationsprozeß zu erhalten und damit sozialen Wirkungszusammenhängen biographischer Konzepte in Ost und West näher zu kommen. Die Arbeiten werden weiterhin in einer Ost-West gemischten Arbeitsgruppe realisiert. Eine Diskussionsebene für Forschungsfragen der WIP-Gruppe „Soziale Ungleichheit" ebenso wie der WIP-Gruppe „Sozial- stuktur- und Milieuforschung“ wurde am Lehrstuhl Frauenforschung der Universität Potsdam durch Prof. Dr. Irene
Dölling geschaffen. Fortgeführt wird darüber hinaus die Diskussion mit Wissenschaftlerinnen des Fachbereiches Politikwissenschaften der FU Berlin, des Fachbereiches Frauenforschung der Universität Frankfurt und der Methodengruppe der Frauenakademie München'.
Die qualitative Projektarbeit wird begleitet von Projektseminaren zum Forschungsthema, die Studentinnen und Studenten der Studiengänge Soziologie im Haupt- oder Nebenfach, Politikwissenschaft sowie Lehramt die unmittelbare Beteiligung an der Durchführung und Auswertung biographischer Interviews ermöglichen. Des weiteren werden von den Wissenschaftlerinnen der WIP-Gruppe Seminare angeboten zu Methoden qualitativer Sozialforschung, wie z. B. der Spezifik des qualitativen Forschungsprozesses, Erhebungsmethoden und -verfahren, sozialwissenschaftliche Hermeneutik sowie Seminare zu ausgewählten Fragen der Geschlechterverhältnisse , als da wären der Wandel der Geschlechterrollen und der familialen Lebensformen, Frauenerwerbsarbeit im Wandel und Sozialpolitik als Geschlechterpolitik. Darüber hinaus realisiert die Forschungsgruppe im Land Brandenburg quantitative empirische Projekte, die sich als Beiträge zur Sozialberichterstattung verstehen. Gefördert durch das Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen wurden eine repräsentative Befragung und eine statistische Erhebung zu Familien mit Kindern in der Sozialhilfe erarbeitet.
Mit Blick auf die Einbindung von Studentinnen und Studenten in Forschungsprojekte im Land Brandenburg werden Untersuchungen zur Lebenssituation von Frauen mit Kindern in verschiedenen Familienformen, die schwerpunktmäßig die Ungleichheitsrelevanz familialer Lebensformen thematisieren, fortgeführt bzw. konzipiert.
Sabine Huth
Uka Wust, Studentin der Sonderpädagogik, muß Studium und Kindererziehung unter einen Hut bringen. Foto: Tribukeit
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PUZ 16/94
Seite 20