Heft 
(1.1.2019) 16
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WISSENSCHAFT AKTUELL

SOZIALE UNGLEICHHEIT

WIP-Projekt zum Wandel familialer Lebensformen

Zahlreiche Wissenschaftler aus Einrichtungen der Akademie der Wissenschaften erhielten nach deren Auflösung eine Förderung im Rahmen des Wissenschaftier-Integrationsprogramms (WIP), das Teil der Hochschulerneuerung in den neuen Bundesländern ist. Zu den Zielen der Erneuerung gehört die Rückführung der Forschung an die Universitäten. In derPUZ stellen wir in loser Folge WIP-Projekte vor. Das dieses Mal thematisierte ProjektSoziale Ungleichheit wird von Dr. Sabine Huth (Projektleiterin) und Dr. Heidrun Großmann bearbeitet. Unter dem TitelWandel familialer Lebensformen - Chancen und Risiken für Frauen gilt das Interesse der Wissen- schaftlerinnen der Entwicklung von Erhebungs- und Auswertungs­instrumenten in der qualitativen (biographischen) Forschung.

Frauen, Männer und ihre Kinder spielen miteinander; doch der Wan­del familialer Lebensformen birgt für Frauen neben den Chancen auch Risiken. Foto: Archiv

In den letzten Jahrzehnten haben nicht-ver­tikale Ungleichheiten zunehmend struktur­prägendes Gewicht bekommen. Das gilt ins­besondere für geschlechtsspezifische Un­gleichheiten sowie für Ungleichheiten in der Wohlfahrtsteilhabe verschiedener Familien- bzw. Lebensformen, wie die von Ehepaaren oder Lebensgemeinschaften mit Kindern, Lebensformen ohne Kinder, Allein erziehen­de, Alleinlebende. Ausgehend von theoreti­schen und empirischen Arbeiten zu Wandel und Differenzierung von Lebensformen und Beziehungskonzepten werden mit Individu­alisierungsprozessen verbundene Chancen und Risiken für Frauen in den Mittelpunkt der wissenschaftlichen Arbeit gestellt. Besonde­re Beachtung finden dabei die differenzierten Ausgangs- und Entwicklungsbedingungen in Ost und West. Schwerpunkte sind der Wan­del weiblicher Lebensmuster im Transfor­mationsprozeß, die Relevanz veränderter Le­bensformen für die soziale Lage von Frauen, theoretische Ansätze zur Erklärung ge­schlechtsbedingter sozialer Ungleichheiten sowie Frauenbilder und Selbstverständnis von Frauen in Ost und West. Unter diesen thematischen Schwerpunkten werden in Verbindung von Lehrveranstaltungen und empirischen Forschungsvorhaben methodi­sche Instrumentarien qualitativer Sozialfor­schung, vor allem Techniken zur Erhebung und Auswertung biographischen Materials nutzbar gemacht und entwickelt.

Ein Schwerpunkt für das Jahr 1994 war die Erarbeitung ei­ner qualitativen Studie, die das Erscheinungsbild und die Wirkungsweise sozialer Ungleichheit für eine spezielle Gmppe allein­erziehender Frauen transparent macht. Wie erleben und wie verarbeiten Frauen in Ost und West die Notwendigkeit, Sozialhilfe für den Lebensunterhalt ihrer Familie zu bean­spruchen? Wie nehmen alleinerziehende Frauen aus ihrer jeweiligen sozialen Perspek­tive diese Situation wahr? Diese Fragestel­lungen werden von Wissenschaftlerinnen aus Ost und West jeweils in einer Stahlregion in den alten und neuen Bundesländern unter­sucht. Dabei geht es primär darum, das Alleinleben mit Kindern als familiale Le­bensform zu untersuchen. Ferner sollen Ri­siken dieser Lebensform auf gezeigt und Un­terschiede in den Sozialisationsbedingungen Alleinerziehender in West und Ost herausge­arbeitet werden, die Einfluß auf differenzier­te Bewertungs- und Verarbeitungsmuster so­zialer Risikolagen haben.

Gefördert wird dieses Ost-West vergleichen­de Projekt durch die Kommission für die Er­forschung des sozialen und politischen Wan­dels in den neuen Bundesländern. Die ge­plante Weiterführung ist mit dem Interesse verknüpft, Aufschluß über den Einfluß struk­tureller Bedingungen auf den Wandel von Lebensmustern und -Orientierungen im Transformationsprozeß zu er­halten und damit sozialen Wir­kungszusammenhängen bio­graphischer Konzepte in Ost und West näher zu kommen. Die Arbeiten werden weiterhin in einer Ost-West gemischten Arbeitsgruppe realisiert. Eine Diskussionsebene für For­schungsfragen der WIP-Gruppe Soziale Ungleichheit" ebenso wie der WIP-GruppeSozial- stuktur- und Milieuforschung wurde am Lehrstuhl Frauen­forschung der Universität Pots­dam durch Prof. Dr. Irene

Dölling geschaffen. Fortgeführt wird darüber hinaus die Diskussion mit Wissenschaftlerin­nen des Fachbereiches Politikwissenschaften der FU Berlin, des Fachbereiches Frauen­forschung der Universität Frankfurt und der Methodengruppe der Frauenakademie Mün­chen'.

Die qualitative Projektarbeit wird begleitet von Projektseminaren zum Forschungsthe­ma, die Studentinnen und Studenten der Stu­diengänge Soziologie im Haupt- oder Neben­fach, Politikwissenschaft sowie Lehramt die unmittelbare Beteiligung an der Durchfüh­rung und Auswertung biographischer Inter­views ermöglichen. Des weiteren werden von den Wissenschaftlerinnen der WIP-Grup­pe Seminare angeboten zu Methoden quali­tativer Sozialforschung, wie z. B. der Spezifik des qualitativen Forschungsprozesses, Er­hebungsmethoden und -verfahren, sozialwis­senschaftliche Hermeneutik sowie Semina­re zu ausgewählten Fragen der Geschlech­terverhältnisse , als da wären der Wandel der Geschlechterrollen und der familialen Le­bensformen, Frauenerwerbsarbeit im Wandel und Sozialpolitik als Geschlechterpolitik. Darüber hinaus realisiert die Forschungs­gruppe im Land Brandenburg quantitative empirische Projekte, die sich als Beiträge zur Sozialberichterstattung verstehen. Gefördert durch das Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen wurden eine reprä­sentative Befragung und eine statistische Erhebung zu Familien mit Kindern in der Sozialhilfe erarbeitet.

Mit Blick auf die Einbindung von Studentin­nen und Studenten in Forschungsprojekte im Land Brandenburg werden Untersuchungen zur Lebenssituation von Frauen mit Kindern in verschiedenen Familienformen, die schwerpunktmäßig die Ungleichheitsrele­vanz familialer Lebensformen thematisieren, fortgeführt bzw. konzipiert.

Sabine Huth

Uka Wust, Studentin der Sonderpädagogik, muß Studium und Kin­dererziehung unter einen Hut bringen. Foto: Tribukeit

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PUZ 16/94

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