STUDENTEN VERHINDERN „ERSTARRUNG"
Ernährungswissenschaft als gemeinsamer Studiengang von Universität und Deutschem Institut für Ernährungsforschung
Dank des gemeinsamen Studiengangs haben Studierende frühzeitig Zugang zu modernen Apparaturen, wie beispielsweise diesem im DIfE zur Verfügung stehenden Atomabsorptionsgerät.
Foto: zg.
Wenn eine neue Universität gegründet wird, dann sollten die allgemeinen Reformbemühungen in diesem Bereich Berücksichtigung finden. Das betrifft beispielsweise die Zusammenarbeit von Universitäten und außeruniversitären Einrichtungen. In Potsdam kann dabei auf gute Ergebnisse verwiesen werden. Mit diesen Worten eröffnete Rektor Prof. Dr. Rolf Mitzner kürzlich eine Pressekonferenz, zu der Universität und Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) geladen hatten.
Der von beiden Einrichtungen gemeinsam bestrittene Studiengang Ernährungswissenschaft sowie sechs gemeinsam berufene Professoren sind dabei Beleg für eine besonders gelungene Kooperation. Erste Ergebnisse präsentieren sich wie folgt: Im Wintersemester 1992 konnte das Studienangebot an der Universität Potsdam um das Fach Ernährungswissenschaft erweitert werden. Wissenschaftler des Institutes für Ernährungswissenschaft der Uni und des DIfE sorgten dafür, daß sich diese Wissenschaft in Lehre und Forschung zu einem Schwerpunkt an der Alma mater entwickelte. Dabei ist die Kooperation für beide Seiten von Nutzen. Prof. Dr. Christian A. Barth, Wissenschaftlicher Direktor des DIfE, begründete sein Interesse an der Verknüpfung mit der Universität damit, daß dadurch der Gefahr einer „Erstarrung“ begegnet werde. „Es kommt permanent Leben in die Bude“, weil die neugierigen Studenten mit ihren mehr oder weniger angenehmen Fragen dafür sorgen, daß sich seine 190 Mitarbeiter nicht nur mit ihren Problemen beschäftigen. Außerdem sei es für viele Wissenschaftler attraktiv, die Professur an einer nahegelegenen Universität mit einer Abteilungsleiter- funktion zu verbinden. Die Universität ihrerseits verfüge mit diesen Spezialisten des DIfE über Fachleute, die man sich sonst nicht leisten könne, ergänzte Prof. Mitzner.
Das DIfE, hervorgegangen aus dem Zentralinstitut für Ernährung, bringt Resultate einer
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über 40jährigen Forschungsarbeit in die Konzeption und die Ausgestaltung dieses Studiums ein. Die Ernährungswissenschaft ist kein streng umgrenztes Fachgebiet, sondern umfaßt alle für die menschliche Ernährung bedeutsamen Belange. Kein Schmalspurstudium, sondern eine breit gefächerte Ausbildung mit naturwissenschaftlichen Grundla- genfächem (Chemie, Physik, Mathematik, Biologie), angewandten medizinisch-gesundheitlichen und praktischen Inhalten ist das Ziel. Die Regelstudienzeit beträgt neun Semester. In ihr sind Zeiträume für Prüfungen und die Anfertigung der Diplomarbeit einge- schlossen. Grund- und Hauptstudium umfassen jeweüs vier Semester.
Prof. Dr. Jürgen Kroll, Direktor des Institutes für Ernährungswissenschaft, kann sich über mangelnde Nachfrage nicht beklagen. In diesem Jahr bewarben sich für 20 Plätze 75 junge Leute. Und das, obwohl aus dem Land Brandenburg wegen des eingeführten 13. Schuljahres 1994 keine Schulabgänger an die Universität kamen. Die naturwissenschaftlichen Aspekte wurden deshalb im Rahmen des ihnen angebotenen Studiums bewußt in den Vordergrund gestellt, weil die Vorgänge der Ernährung und Verdauung nur durch die Kenntnis chemischer Vorgänge verständlich sind, erläuterte Prof. Dr. Michael Blaut, Abteilungsleiter „Gastrointestinale Mikrobiologie“. Der Wissenschaftler wertete dies als eine richtige Entscheidung, wobei selbstverständlich andere Komponenten gleichfalls zu beachten seien. Die Studentin Barbara Howald, 5. Semester, bestätigte auch im Namen ihrer Kommilitonen, daß sie auf dem Gebiet der Chemie sehr gut ausgebildet werden. „Uns fehlt ein wenig die Psychologie. Wir wollen auch in andere Richtungen reinschnuppern.“
Dem Wunsch wurde Rechnung getragen. Emährungs- psychologie steht in diesem Jahr auf dem Studienplan.
Volkswirtschaftliche und betriebswirtschaftliche Fragen werden in fakultativen Veranstaltungen angeboten.
Durch die interne Zulassungsbeschränkung kann jedem Studierenden ein Praktikumsplatz garantiert werden, was anderswo
durchaus nicht selbstverständlich ist. Die Ausbildung erfolgt intensiver und damit besser als in zahlenmäßig großen Matrikeln. Prof. Kroll sieht auch gute Berufschancen für seine zukünftigen Absolventen. In Stuttgart, wo an der dortigen Universität seit 30 Jahren ein ähnlicher Studiengang absolviert wird, finden nahezu alle Abgänger einen Arbeitsplatz. Einsatzgebiete sind Lebensmittelindustrie, pharmazeutische Industrie, Ernährungsberatung oder Forschung. Ein weiteres Feld könnte in den Ländern der Dritten Welt liegen. Die kleine Zahl der Studierenden, die Vielzahl der Wahlmöglichkeiten und die fachliche Kompetenz der Lehrkräfte erlauben es, den Auszubildenden schon zu einem frühen Zeitpunkt des Studienablaufs die Labore zu öffnen.
Über die Einbeziehung der Studierenden in die Forschung berichtete Prof. Dr. Hans-Joachim Zunft, Abteilungsleiter „Epidemiologie und Ernährungsverhalten“. So arbeiteten sie an Untersuchungen zum Ernährungs- und Präferenzverhalten der Brandenburger Bevölkerung mit. Dabei ging man der Frage nach, wie sich Einstellungen zum Verzehr von Lebensmitteln über die Zeit der Wende verändert haben. Derzeit arbeiten Wissenschaftler des DIfE unter Mitwirkung von Studierenden an einer Studie „Gesundheit, Ernährung, Krebs“. Bei 30.000 Personen im Alter von 35 bis 65 Jahren wird über zehn bis fünfzehn Jahre der Zusammenhang von Ernährung und dem Auftreten von Krankheiten verfolgt. Nachdem nun bereits die ersten Studieren
den im Oktober ihr Hauptstudium begannen, kann Prof. Mitzner mit Recht vom Studiengang Ernährungswissenschaft als einem Schmuckstück an der Universität Potsdam sprechen. B.E.
PUZ 16/94
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Eine Pressekonferenz war angesagt, um den mittlerweile etablierten gemeinsamen Studiengang „Ernährungswissenschaft“ des Deutschen Institutes für Emähmngsforschung (DIfE) und der Uni Potsdam öffentlich zu präsentieren. Das Credo: „Es kommt permanent Leben in die Bude." Foto: Puffert