Heft 
(1.1.2019) 16
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AN KONTRASTEN WAR KEIN MANGEL

Feldpraktikum des Instituts für Geographie und Geoökologie

Auf der Grundlage derVereinbarung über die bilaterale Zusammenarbeit mit dem Sektor Ingenieurökologie und Geographie der Partner-Universität Blagoewgrad (im süd­westlichen Bulgarien) fand im Herbst ein Feldpraktikum statt, an dem 20 Studenten aus verschiedenen Studienjah­ren für das Lehramt Geographie, Diplomökologie und Di­plomgeographie teilnahmen. Organisiert wurde es von Dr. Karsten Grunewald aus dem Institut für Geographie und Geoökologie sowie Prof. Dr. Dimitar Stoilow aus Bla­goewgrad, finanziert u.a. durch eine Förderung vom bran- denburgischen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur sowie durch einen Zuschuß des Instituts für Geo­graphie und Geoökologie. Der Austausch von Lehrkräften, Doktoranden und Studenten sowie gegenseitige Unterstüt­zung bei Forschungsvorhaben und Praktika sind die wesent­lichen Punkte des Partnerschaftsvertrages mit der bulgari­schen Universität. Sowohl der Austausch als auch die Un­terstützung durch Lehrkräfte kamen der Gruppe während dieser Fahrt zugute.

Exkursion: Die bulgarisch-deutsche Exkursionsgruppe auf dem Vichren (2914 m.ü.NN). Foto: Sven Wiesner

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Das Praktikum begann mit einem Flug von Berlin-Schönefeld zum Seebad Varna am Schwarzen Meer. Durch vorher vorbereitete Vorträge von den Studenten wurden ver­schiedene Themen während des Praktikums vertieft, hauptsächlich aus dem Bereich der physischen Geographie, aber auch die Wirt­schafts- und Sozialgeographie und die Lan­deskunde kamen nicht zu kurz. Die ersten drei Tage waren der Küstenproblematik, dem Biosphärenreservat Kamtschia und den Pro­blemen einer Stadt wie Varna gewidmet. Obwohl Varna ein groß angelegtes Ferien­zentrum ist, waren die wirtschaftlichen und ökologischen Probleme auch fürBesucher" nicht zu übersehen. Die Problematik eines Schwellenlandes, das außer mit seinen schwierigen naturräumlichen Gegebenheiten (z.B. sind nur wenige nutzbare Bodenschät­ze vorhanden, Landwirtschaft ist im südli­chen Teil nur in ausgewählten Regionen möglich) noch mit der Umstellung von der Plan- zur Marktwirtschaft zu kämpfen hat, wurde auch in den nächsten Tagen immer wieder deutlich Nach fünfzehn Stunden

Busfahrt, die einen Eindruck von der land­schaftlichen Vielfalt Bulgariens gab, wurden die Berghütten der Universität Blagoewgrad im Pirin-Gebirge erreicht. Professor Stoilow und einige seiner Studenten begleiteten die deutsche Studentengruppe die nächsten Tage. Durch die Kenntnisse derEinheimi­schen wurden die folgenden Tagestouren besonders abwechslungsreich. Die krassen sozialen und wirtschaftlichen Gegensätze, die unterwegs zu beobachten waren, mach­ten ziemlich betroffen.

Auf der einen Seite waren moderne Citys mit guten Einkaufsmöglichkeiten, Restaurants und Discotheken zu finden, wie z.B. in Bla­goewgrad. Auf der anderen Seite waren an den Stadträndern Ghettosiedlungen zu se­hen, die noch zu Schivkovs Zeiten entstan­den sind und die ein mahnendes Beispiel für die architektonischen Verirrungen des Sozia­lismus darstellten.

Die natürliche Schönheit des Hochgebirges, von dem in Bulgarien große Flächen unter Naturschutz stehen (eine positiv zu bewer­tende Leistung des Sozialismus...), wechselte sich mit der erschreckenden Armut in den ländlichen Ge­genden ab. Hier war ein Och­sen- oder Eselskarren oft das einzige Transportmittel, im örtlichen Supermarkt waren nicht einmal Grundnahrungs­mittel erhältlich. An einem Vormittag wurde ein bedeu­tendes orthodoxes Kloster be­sichtigt, das Roshen-Kloster. Dieses Kloster birgt einmalige Kunstschätze, Ikonen und eine Bibliothek. Die Erhaltung der Gebäude und Ausstellungs­stücke ist aber aufgrund der desolaten finanziellen Situati­

on nicht gesichert. Am Nachmittag dessel­ben Tages kam die Gruppe an heiße vulka­nische Quellen, in deren Nähe sich eine be­rühmte Wahrsagerin niedergelassen hatte. Sie nahm sovielSpendengelder ein, daß sie davon eine prunkvolle, goldgeschmückte Kirche bauen lassen konnte. Wie bereits ge­sagt - an Kontrasten war kein Mangel. Be­sonders beeindruckend waren die Hoch­gebirgswanderungen. Bei mehreren Gipfel­besteigungen konnten Karsterscheinungen, Karseen und die alpine Flora beobachtet werden. Hier wurde wieder einmal der Wert eines solchen Praktikums bestätigt, das in mehreren Studienjahren gelernte und an­gelesene Wissen konnte endlich einmal in die Praxis umgesetzt und Naturphänomene auch in der Natur erklärt werden.

Dieses Praktikum hat viel dazu beigetragen, Verständnis für die Probleme der Länder Süd­osteuropas zu wecken. Auch der Kontakt zu den bulgarischen Studenten hat trotz einiger Sprachbarrieren sicherlich zur Völkerverstän­digung beigetragen, der Universität Bla­goewgrad sei an dieser Stelle noch einmal für ihre materielle und personelle Unterstützung gedankt.

Im Namen der Studenten möchte ich auch Dr. Karsten Grunewald für eine gelungene Exkursion danken, ohne seine Sprach- und Landeskenntnisse wären wir manches Mal hilflos gewesen. Die gute Vorbereitung und Organisation hat einen großen Teil dazu bei­getragen, daß wir sowohl viel gelernt haben als auch die Erholung nach den anstrengen­den Tagen nicht zu kurz kam. Wir freuen uns schon auf den Gegenbesuch der bulgari­schen Studenten und hoffen, daß dieses Prak­tikum eine Fortsetzung findet und im näch­sten Jahr wieder einige Potsdamer Studen­ten nach Bulgarien reisen können.

Katrin Binschus

Auch das Rila-Kloster, im gleichnamigen Gebirge des Süd-Westens Bulgariens gelegen, stellte ein Ausflugsziel für die Studierenden dar.

Foto: Sven Wiesner

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PUZ 16/94