ZUM NEUEN PALAIS, WO MICH DIE EHRFURCHT PACKT...
Der Studienort Potsdam, dargestellt von Antje Strubel
Schön muß es da schon sein, wenn der Fritz auf seine alten Tage sogar noch seine Knochen dahin umtopfen läßt. Dachte ich, kam, sah und staunte. Nicht mit Touristenzoom, dafür aber dem neugierigen Erstsemestlerblick im Gepäck bin ich angereist. Als allerdings die bemoosten Kuppeln von Sanssouci im Rückspiegel des Busses versanken, und die Dorfstraße immer zahlreicher von Löchern bepflastert war, erinnerte ich mich der Warnungen, der wilden Gerüchte, die mir Potsdamkundige noch zugeraunt hatten über dieses Golm, das vor Zeiten Stasigelände gewesen sein soll.
Aufwachen würde ich hier unter Herbstblättern, hatte man mir gesagt, der Vorlesungssaal fünf Minuten um die Ecke, und die Golmer „Alpen“ verstiegen sich hinter dem Haus zur Imitation erholsamer Kurparks. Nach der dritten Nacht kenne ich meine Wohnheimnachbarn und noch besser deren Musikgeschmack (so schnell kann man den Wänden die antrainierte Hellhörigkeit eben nicht abgewöhnen) und weiß, daß schräg rechts jeden Donnerstag die Gemeinschaftsküche für seine Bratkartoffeln mit Zwiebeldunst belegt und gegenüber gern laut mit ihren Schüsseln rasselt...
Studentennächte
Abends treffe ich auf andere aufgescheuchte Erstsemestler, die auf dem Weg zur „Bohne“ sind, einer dieser diskussionsschwangeren, dickluftigen Kellergewölbe, in denen Studenten so gern ihre Nächte durch die Kehle kippen. Dieses hier würde ich mit den alten Trabiteilen und ausrangiertem Cocktailsesselmobiliar als musealen Nostalgieträger dem Potsdamer Denkmalschutz übergeben... Hier werde ich also aufgenommen in den Kreis der Erwählten. Viel hat sich nicht geändert seit der Feuerzangenbowle; nur daß heute statt Degenschmissen sehr praktisch die nächste Runde gefragt ist. So hält auch unter Studenten der Materialismus seine harten Dollarpfoten hin, und gesungen wird nicht mehr, weü jeder nach seiner eigenen Pfeife tanzt. Geburtstage sind die erfreuliche Ausnahme oder wenn das Bier besonders billig ist.
Baustellen-Parcours
Der nächste Tag jagt mich über Baustellen am Neuen Palais, wo mich die Ehrfurcht packt vor soviel Kunst und hehrem Gestein, das ich ganz gewöhnlich und ohne Parkettschoner betreten darf.
Spätestens an der Tür reduziert sich die Ehre zur Furcht, als ich fast scheiterte an dem
Massivholz, das mich weichknochige Wohlstandsstudentin schon Kraft kostet. Ein Schulterhieb, der einem trainierten 8-Semest- ler gehört, öffnet mir die Pforten zum Heiligtum. Ich wandle durch die hohen Gänge zum Lesesaal mit dem modrigen Geruch nach Puder und vergessener Perücke, im knarrenden Holzstuhl klemmt noch ein weißes Haar. Dem Professor kann es nicht fehlen, der gerade schwarzgelockt hereinkommt und den Familienvaterblick über seine zwanzig Stu- dies wirft, bevor er sich lieber mit dem Rük- ken zum Fenster stellt, um nicht ganz der Romantik der Giebel zu verfallen, die da von draußen flirten...
Spätestens um 10 Uhr jedoch dröhnen Pressluftbohrer in die Idylle, und hin und wieder weht Baustaub über meine Mitschriften. Da macht auch keinen Unterschied, in welcher Himmelsrichtung man sitzt, der Lärm dröhnt allen in den Köpfen.
Essen „ä la carte“
Endlich schiebe ich mich in den Strom knurrender Studienmägen auf die Mensa zu, die dem Ansturm tapfer dref Gerichte in eben- sovielen Preisklassen entgegenhält. So wird spätestens hier der Klassenunterschied deutlich zwischen Holzfällersteak und Frühlingsrolle, wobei letztere sich noch mal in zwei Gruppen aufteilt - in die der Überzeugten, die, weil sie sonst nichts zwischen den Zähnen haben, laut und viel reden und die der Mitleiderregenden, die mit hängender Zunge letzte Groschen hinzählen... Und damit der Studie nicht gänzlich versinkt im Romantikrausch der Umgebung, soll die sozialistische Auslaufbestuhlung bis in die tiefste Peristaltik ernüchtern.
Stadtspaziergang
Der Weg in die Stadt ist nicht weit, aber gefährlich mit dem Fahrrad; nur kenne ich mich zu wenig aus, als daß ich mich auf die Umwege der Busse verlassen wollte. Nach dem Einkaufsbummel dürfen die Quarkkeulchen vom Bassinplatz nicht fehlen, sind schon fester Bestandteil des Monatsbudgets. Schief angeguckt in meiner schäbigen Jacke von vor drei Jahren werde ich nur vormittags von den Tauben, die, aus dem Schlaf gerissen, Federn lassen. Und in den drei gut erreichbaren Buchläden lächeln sie nur freundlich, wenn ich mit meiner Bücherliste zum Selbststudium ankomme, so gut sind sie mit ihrem Sortiment darauf eingestellt. Und was doch nicht am Lager ist, kann ich übermorgen abholen. Daß Studentenleben der Himmel im Sparstrumpf ist, wissen zum Glück auch die Kabarettisten am Obelisken und sondern die Preise gegen Vorlage des Ausweises; die Satire wird nicht billiger, nur preiswerter da
durch und gut besucht, und als ich dem Herrn an der Garderobe meinen löchrigen Mantel reiche, drückt er uns die Garderobenmarken umsonst in die Hand, so daß es doch noch für das Glas Wasser in der Pause reicht. Danach bin ich locker verabredet, so groß ist die Kneipenauswahl noch nicht, daß wir uns verpassen könnten. Ich geh ins Hafthorn, der eine ist bestimmt am Guinesstrinken, und der weiß auch, ob die andere vorhin ins arthur gehen wollte, den nächsten treffen, wo der eine, wie er weiß, jetzt aber weiß, daß der nächste eigentlich erst in der Staude Milchkaffee trinken wollte und ihn später abzuholen und mit zum arthur zu nehmen beabsichtige, weil der der anderen noch Geld schuldet, aber ich könne ja noch mit auf die eine warten, die Barfrau im Hafthorn, also hier ist, und gleich Schluß hat... und wenn wir uns dann alle treffen, fängt bestimmt bald das Konzert im Lindenpark an...
Antje Strubel
Einheitlichkeit erwünscht
Der Senat der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) hat gefordert, daß bei der Zulassung von Studienbewerbern ohne Abitur oder eine andere formale Studienberechtigung bundeseinheitlich zwei Grundprinzipien zu beachten sein sollten:
Die Studierfähigkeit sollte im Rahmen einer Prüfung vor Aufnahme des Studiums festge- stellt werden und die Prüfungsinhalte sich an den Anforderungen des gewünschten Studiums orientieren, um sowohl dem Bewerber als auch der Hochschule ausreichende Anhaltspunkte für die Erfolgsaussichten eines Studiums zu geben. Das für Berufstätige besonders schwerwiegende Risiko des Schei- terns soll so möglichst gering gehalten werden.
Ferner wäre es wünschenswert, daß die Studienberechtigung fachbezogen bzw. auf einen bestimmten Studiengang beschränkt sei, damit Kenntnisse und Erfahmngen aus der Berufstätigkeit in das Studium eingebracht werden könnten.
Derzeit gibt es zwar außer in Bayern in allen Bundesländern Regelungen für den Hochschulzugang ohne Abitur. Die von der HRK geforderten Prinzipien sind jedoch nicht überall eingehalten.
In den meisten Bundesländern ist der Hochschulzugang an eine Eignungsprüfung geknüpft, einzelne Länder eröffnen unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit, ein Studium auf Probe aufzunehmen, Berlin sieht ausschließlich ein Studium auf Probe vor. pm.
PUZ 16/94
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