Heft 
(1.1.2019) 16
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ZUM NEUEN PALAIS, WO MICH DIE EHRFURCHT PACKT...

Der Studienort Potsdam, dargestellt von Antje Strubel

Schön muß es da schon sein, wenn der Fritz auf seine alten Tage sogar noch seine Knochen dahin umtopfen läßt. Dachte ich, kam, sah und staunte. Nicht mit Touristenzoom, dafür aber dem neu­gierigen Erstsemestlerblick im Gepäck bin ich angereist. Als allerdings die bemoosten Kuppeln von Sanssouci im Rückspiegel des Busses versanken, und die Dorfstraße immer zahlreicher von Löchern bepflastert war, erinnerte ich mich der Warnungen, der wilden Ge­rüchte, die mir Potsdamkundige noch zugeraunt hatten über dieses Golm, das vor Zeiten Stasigelände gewesen sein soll.

Aufwachen würde ich hier unter Herbstblät­tern, hatte man mir gesagt, der Vorlesungs­saal fünf Minuten um die Ecke, und die GolmerAlpen verstiegen sich hinter dem Haus zur Imitation erholsamer Kurparks. Nach der dritten Nacht kenne ich meine Wohnheimnachbarn und noch besser deren Musikgeschmack (so schnell kann man den Wänden die antrainierte Hellhörigkeit eben nicht abgewöhnen) und weiß, daß schräg rechts jeden Donnerstag die Gemeinschafts­küche für seine Bratkartoffeln mit Zwiebel­dunst belegt und gegenüber gern laut mit ihren Schüsseln rasselt...

Studentennächte

Abends treffe ich auf andere aufgescheuch­te Erstsemestler, die auf dem Weg zurBoh­ne sind, einer dieser diskussionsschwan­geren, dickluftigen Kellergewölbe, in denen Studenten so gern ihre Nächte durch die Kehle kippen. Dieses hier würde ich mit den alten Trabiteilen und ausrangiertem Cocktail­sesselmobiliar als musealen Nostalgieträger dem Potsdamer Denkmalschutz übergeben... Hier werde ich also aufgenommen in den Kreis der Erwählten. Viel hat sich nicht ge­ändert seit der Feuerzangenbowle; nur daß heute statt Degenschmissen sehr praktisch die nächste Runde gefragt ist. So hält auch unter Studenten der Materialismus seine harten Dollarpfoten hin, und gesungen wird nicht mehr, weü jeder nach seiner eigenen Pfeife tanzt. Geburtstage sind die erfreuliche Ausnahme oder wenn das Bier besonders billig ist.

Baustellen-Parcours

Der nächste Tag jagt mich über Baustellen am Neuen Palais, wo mich die Ehrfurcht packt vor soviel Kunst und hehrem Gestein, das ich ganz gewöhnlich und ohne Parkett­schoner betreten darf.

Spätestens an der Tür reduziert sich die Ehre zur Furcht, als ich fast scheiterte an dem

Massivholz, das mich weichknochige Wohl­standsstudentin schon Kraft kostet. Ein Schulterhieb, der einem trainierten 8-Semest- ler gehört, öffnet mir die Pforten zum Heilig­tum. Ich wandle durch die hohen Gänge zum Lesesaal mit dem modrigen Geruch nach Puder und vergessener Perücke, im knarren­den Holzstuhl klemmt noch ein weißes Haar. Dem Professor kann es nicht fehlen, der ge­rade schwarzgelockt hereinkommt und den Familienvaterblick über seine zwanzig Stu- dies wirft, bevor er sich lieber mit dem Rük- ken zum Fenster stellt, um nicht ganz der Romantik der Giebel zu verfallen, die da von draußen flirten...

Spätestens um 10 Uhr jedoch dröhnen Press­luftbohrer in die Idylle, und hin und wieder weht Baustaub über meine Mitschriften. Da macht auch keinen Unterschied, in welcher Himmelsrichtung man sitzt, der Lärm dröhnt allen in den Köpfen.

Essenä la carte

Endlich schiebe ich mich in den Strom knur­render Studienmägen auf die Mensa zu, die dem Ansturm tapfer dref Gerichte in eben- sovielen Preisklassen entgegenhält. So wird spätestens hier der Klassenunterschied deut­lich zwischen Holzfällersteak und Frühlings­rolle, wobei letztere sich noch mal in zwei Gruppen aufteilt - in die der Überzeugten, die, weil sie sonst nichts zwischen den Zäh­nen haben, laut und viel reden und die der Mitleiderregenden, die mit hängender Zun­ge letzte Groschen hinzählen... Und damit der Studie nicht gänzlich versinkt im Roman­tikrausch der Umgebung, soll die sozialisti­sche Auslaufbestuhlung bis in die tiefste Peristaltik ernüchtern.

Stadtspaziergang

Der Weg in die Stadt ist nicht weit, aber ge­fährlich mit dem Fahrrad; nur kenne ich mich zu wenig aus, als daß ich mich auf die Um­wege der Busse verlassen wollte. Nach dem Einkaufsbummel dürfen die Quarkkeulchen vom Bassinplatz nicht fehlen, sind schon fe­ster Bestandteil des Monatsbudgets. Schief angeguckt in meiner schäbigen Jacke von vor drei Jahren werde ich nur vormittags von den Tauben, die, aus dem Schlaf gerissen, Federn lassen. Und in den drei gut erreichbaren Buchläden lächeln sie nur freundlich, wenn ich mit meiner Bücherliste zum Selbststudi­um ankomme, so gut sind sie mit ihrem Sor­timent darauf eingestellt. Und was doch nicht am Lager ist, kann ich übermorgen abholen. Daß Studentenleben der Himmel im Spar­strumpf ist, wissen zum Glück auch die Ka­barettisten am Obelisken und sondern die Preise gegen Vorlage des Ausweises; die Satire wird nicht billiger, nur preiswerter da­

durch und gut besucht, und als ich dem Herrn an der Garderobe meinen löchrigen Mantel reiche, drückt er uns die Garderoben­marken umsonst in die Hand, so daß es doch noch für das Glas Wasser in der Pause reicht. Danach bin ich locker verabredet, so groß ist die Kneipenauswahl noch nicht, daß wir uns verpassen könnten. Ich geh ins Hafthorn, der eine ist bestimmt am Guinesstrinken, und der weiß auch, ob die andere vorhin ins arthur gehen wollte, den nächsten treffen, wo der eine, wie er weiß, jetzt aber weiß, daß der nächste eigentlich erst in der Staude Milchkaffee trinken wollte und ihn später ab­zuholen und mit zum arthur zu nehmen be­absichtige, weil der der anderen noch Geld schuldet, aber ich könne ja noch mit auf die eine warten, die Barfrau im Hafthorn, also hier ist, und gleich Schluß hat... und wenn wir uns dann alle treffen, fängt bestimmt bald das Konzert im Lindenpark an...

Antje Strubel

Einheitlichkeit erwünscht

Der Senat der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) hat gefordert, daß bei der Zulassung von Studienbewerbern ohne Abitur oder eine andere formale Studienberechtigung bundes­einheitlich zwei Grundprinzipien zu beach­ten sein sollten:

Die Studierfähigkeit sollte im Rahmen einer Prüfung vor Aufnahme des Studiums festge- stellt werden und die Prüfungsinhalte sich an den Anforderungen des gewünschten Studi­ums orientieren, um sowohl dem Bewerber als auch der Hochschule ausreichende An­haltspunkte für die Erfolgsaussichten eines Studiums zu geben. Das für Berufstätige be­sonders schwerwiegende Risiko des Schei- terns soll so möglichst gering gehalten wer­den.

Ferner wäre es wünschenswert, daß die Studienberechtigung fachbezogen bzw. auf einen bestimmten Studiengang beschränkt sei, damit Kenntnisse und Erfahmngen aus der Berufstätigkeit in das Studium einge­bracht werden könnten.

Derzeit gibt es zwar außer in Bayern in allen Bundesländern Regelungen für den Hoch­schulzugang ohne Abitur. Die von der HRK geforderten Prinzipien sind jedoch nicht überall eingehalten.

In den meisten Bundesländern ist der Hoch­schulzugang an eine Eignungsprüfung ge­knüpft, einzelne Länder eröffnen unter be­stimmten Voraussetzungen die Möglichkeit, ein Studium auf Probe aufzunehmen, Berlin sieht ausschließlich ein Studium auf Probe vor. pm.

PUZ 16/94

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