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KULTUR
Bildungspolitische Tour d'horizon
Eine nahezu alltägliche Situation für Hochschulangehörige und in der Wissenschaftsszene Tätige: Dienstreisen in nicht vertraute Länder stehen an, Delegationen sind von dort zu empfangen, Kooperationen sollen begonnen oder neue Förderungsprogramme entworfen werden. Doch wo findet man schnell zur eigenen Vorbereitung differenzierte und vor allem aktuelle Informationen zur hochschulpolitischen Entwicklung des betreffenden Landes oder der Region? Wer in dieser Lage zu den 235 Seiten starken Außenstellenberichten des DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) greift, kann sich gründliche Vorarbeit zunutze machen und findet einen fundierten Einstieg.
Jedes Jahr veröffentlicht der Deutsche Akademische Austauschdienst in einem gesonderten Band die Jahresberichte seiner elf Außenstellen in Jakarta, Kairo, London, Nairobi, New Delhi, New York, Paris, Rio de Janeiro, San Jose , Tokio und Moskau. Die Leiterinnen und Leiter der Außenstellen des DAAD beschreiben hier für eine immer breiter werdende Öffentlichkeit die allgemeine und hochschulpolitische Entwicklung in den jeweiligen Gastländern und setzen dementsprechend unterschiedliche Schwerpunkte und Akzente; ergänzend wird auf die bilateralen Beziehungen zu Deutschland eingegangen. Unterlegt mit umfangreichen statistischen Daten liefern die Autorinnen und Autoren ein anschauliches, oftmals spannend zu lesendes Bild der Situation vor Ort. Die Staaten, in denen DAAD-Außenstellen existieren, bilden in ihrem Anteil am Gesamtprogramm des DAAD eine deutliche Spitzengruppe. Die Außenstellen unterstützen den möglichst effektiven Einsatz der Programme, helfen bei der Evaluation bestehender und der Konzeption neuer Programme. Sie dienen als Infor- mations- und Beratungsstellen für alle Fragen von deutscher Seite, die das Hochschulwesen und die Studienmöglichkeiten im Gastland oder in der Region betreffen sowie für entsprechende Fragen zum deutschen Hochschulwesen für Ausländer. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten unterstützen sie auch andere deutsche Wissenschaftsorganisationen wie die Hochschulrektorenkonferenz, die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Max- Planck-Gesellschaft und die Alexander von Humboldt-Stiftung in Fragen der Information, Koordination und konkreten Programmdurchführung. Die Außenstellen sind keine kulturellen Repräsentationsinstitute. Ihre Hauptaufgabe liegt in der konkreten Zusammenarbeit mit den staatlichen Stellen, den Hochschulorganisationen und einzelnen Hochschulen des Gastlandes. AAA.
FRAUENFORSCHUNG AUCH IN DER MUSIK
Prof. Dr. Eva Rieger in Potsdam
In Deutschland gibt es fast 50 Lehrstühle für Frauenforschung verschiedener Gebiete, aber keinen für musikalische Frauenforschung. Das beklagt verständlicher weise Prof. Dr. Eva Rieger von der Universität Bremen, die kürzlich an der Universität Potsdam einen Vortrag hielt.
Plädiert für ein Nachhaken der Frauenforschung im Bereich der Musik: Prof. Dr. Eva Rieger Foto: Tribukeit
Sie selbst bezeichnet sich als Spätstarterin, begann sie doch erst mit 26 Jahren ihr Studium an der Musikhochschule Berlin (West). Dort promovierte sie auch zum Thema Musikerziehung in der DDR. Über Göttingen und Hildesheim führte ihr wissenschaftlicher Weg an die Universität Bremen, wo sie seit 1991 einen Lehrstuhl für Musikgeschichte und Musikdidaktik innehat. „Das Thema Frauenforschung hat mich Mitte der 70er Jahre zur Zeit der Frauenbewegung gepackt", erzählt Eva Rieger. Damals gab es große, von Frauen erstmals selbst organisierte Sommer- universitäten. Dort sei ihr klar geworden, daß die Benachteiligung von Frauen zwar auf vielen Gebieten diskutiert und beschrieben wurde, aber die Musik ausgespart blieb. Diese Tatsache stachelte sie an und weckte ihren Tatendrang. Sie suchte Archive auf und fand Noten von Clara Schumann und Fanny Händel. „Von da an hat mich das Thema
^Der Band „Berichte der Außenstellen 1993" ist kostenlos erhältlich über den DAAD, Referat Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und Publikationen, Postfach 20 04 04, 53134 Bonn. Die Publikation kann darüber hinaus im Akademischen Auslandsamt der Universität, Am Neuen Palais, Haus 6, eingesehen werden.
doch sehr berührt und nicht mehr losgelassen", begründet die Musikwissenschaftlerin ihr Interesse und intensives Engagement. Folgerichtig ließ sie 1981 mit ihrem ersten Buch „Frau, Musik und Männerherrschaft" aufhorchen. Da in den USA im Gegensatz zum deutschsprachigen Raum die Frauenforschung in der Musik bereits instrumentalisiert ist, mußte also der Kontakt zu jenen Forscherinnen hergestellt werden. Auch die auf diese Weise gewonnenen Erkenntnisse bildeten den Gegenstand des Vortrages von Prof. Rieger Mitte Oktober in Potsdam. Der Stand der Frauenforschung im musikalischen Bereich war Mittelpunkt des Abends. Weniger ginge es darum, Komponi- stinnen zu „entdecken“ und deren Musik kennenzulernen, als herauszufinden, inwieweit Frauen innerhalb der Musikkultur in den Opern, der Filmmusik usw. strukturell benachteiligt sind. Die Referentin forderte die Ausweitung des traditionellen Gegenstandes von Frauenforschung sowie interdisziplinäre Zusammenarbeit. Der Vortrag sollte für die anwesenden Studierenden ebenso als Anregung für eventuelle Themen ihrer Abschlußarbeiten verstanden werden. Musikbeispiele aus dem 17. bis 19. Jahrhundert veranschaulichten die, ausdrücklich als Diskussionsangebote gedachten, vorgetragenen Thesen.
B.E.
Seite 32
PUZ 16/94