der Bereitstellung von Tätigkeitsfeldern. Sie fragen bereits jetzt nach derartigen Möglichkeiten. Was ich weiterhin für wichtig halte, ist die erste Begegnung mit der Praxis im Hospitationspraktikum nach dem ersten Semester. Es ist sehr nützlich, um die Studierenden für die komplexen Anforderungen aufzuschließen. Deshalb erachte ich das Integrierte Eingangssemester als besonders bedeutsam, weil es diese Dinge verzahnt. Wir sollten ausprobieren, ob man diese Form nicht auf alle Lehramtsstudiengänge ausweiten kann.
Prof. Görtemaker: Das Potsdamer Modell der Lehrerbildung klingt nicht nur sehr schön, es ist ja auch sehr schön. Wir werden von vielen um dieses Modell beneidet. Man darf allerdings bei dessen Installierung verschiedene Komponenten dennoch nicht ganz vergessen. Das erste ist der klassische Konflikt zwischen der Fachwissenschaft und der Lehrerbildung. Lehrer verstehen sich nicht nur als kleine Gelehrte an den Schulen. Oft ist es auch anders: Lehrerstudenten fühlen sich an der Universität vielfach als fünftes Rad am Wagen. Das soll in Potsdam nicht so sein. Hier existiert im Grunde eine PH an der Universität, also eine Lehrerausbildung, die von Anfang an praxisorientiert, d.h. professionsorientiert sein soll und damit das Selbstverständnis des künftigen Lehrers stärkt. Daraus resultiert aber genau der Konflikt. Denn wir sind nicht nur eine Universität, die Lehrerausbildung betreibt, sondern wir arbeiten auch stark forschungsorientiert und müssen damit den klassischen Aufgaben einer Universität gerecht werden. Daraus erwächst logischerweise ein gewisser Widerspruch. Auf der einen Seite soll mit sehr viel Begeisterung das Potsdamer Modell umgesetzt werden, andererseits müssen die Fächer zu ihrem Recht kommen.
Das kollidiert gelegentlich, und zwar sowohl bei der Erarbeitung der Studiengänge als auch bei der Besetzung von Positionen. Hier besteht der Zielkonflikt: Wie soll die Universität Potsdam der Zukunft aus- sehen? Wo sollen ihre Schwerpunkte liegen? Diese Diskussion ist nach wie vor nicht ausgestanden. Wir werden in den nächsten Jahren sehr viel dafür tun müssen, das Potsdamer Modell in die Wirklichkeit umzusetzen. Denn bisher scheint es so, das wir zwar ein schönes Modell haben, das in der Praxis kaum genutzt wird.
Prof. Jahnke: Ich sehe es auch so ähnlich. Die konzeptionelle Arbeit ist getan. Ein Plan,
ein gutes Vorhaben ist da, aber die Frage der Verwirklichung im inhaltlichen und organisatorischen Bereich ist offen. Ein wichtiger Punkt ist zum Beispiel die Trennung der Grunds chullehrerausbildung von der Ausbildung der anderen Lehrer. Die eher ganzheitlich angelegte Ausbüdung der Primarstufen- lehrer erreicht die anderen nicht. Das ist vielleicht auch ein wenig ein Planungsfehler. Auf der Ebene des Faches ist vom Potsdamer Modell wenig zu spüren. Ich weiß auch nicht, wie es in der Bewertung der Studenten zu spüren ist. Es ist auch offen, was in diesem Bereich professionsorientierte Expertise heißt.
Wie konstituiert sie sich? Durch welche Veranstaltungen wird sie aufgebaut? Das muß letztlich in einem Sinne beantwortet werden, der die Studenten überzeugt. Auch da sehe ich im Bereich den Sekundarstufen I und II noch nicht den durchschlagenden Erfolg.
Prof. Kirsch: Was mich derzeit noch sehr stark bewegt, ist folgendes. Wir wünschen uns ja nicht nur die Professionsorientiertheit, sondern auch, daß die universitäre Ausbildung stärker greift. D.h., daß Studierende besser forschungsorientiert eingebunden werden sollten. Es macht mich betroffen, daß die gute Absicht, dieses Studium nicht „PH- typisch“ ablaufen zu lassen, sondern den universitären Charakter dazu zu holen, durch die Lehramtsprüfungsordnungen schon im Keim zunichte gemacht wird.
Prof. Mikelskis: Ich finde es oft etwas leichtfertig, Prüfungsordnungen, auch Rahmenpläne in der Schule, gleichsam als Ausrede zu benutzen, um bestimmte Dinge nicht zu erfüllen. Selbst im Rahmen dieser Ordnungen oder der Art, wie man Prüfungen gestaltet, bestehen wesentlich mehr Möglichkeiten und Freiräume, auch Alternativen auf den Weg zu bringen. Das Hauptproblem scheint mir zu sein, in irgendeiner Form an die fachwissenschaftliche Ausbildung heranzukommen. Der Stellenwert der Fachdidaktik ist an dieser Universität so hoch wie nirgends. Die Aufgabe von Fachdidaktik, das Fach aufzuweichen, oder modern gesagt, zu rekonstruieren, bedeutet ja eben auch, in die Fachausbildung als Hochschuldidaktik einzugreifen. Das scheint mir die Schnittstelle und die Bruchstelle des Potsdamer Modells zu sein. Wir müssen nach Umgangsformen, nach Kommunikationsformen suchen, wie wir im Rahmen der Zentren noch stärker wirklich in die Fachausbildung hinein wirken können, nicht nur über Ordnungen, sondern über konkrete Gespräche. Es muß ganz selbstver
ständlich sein, kooperative Lehrveranstaltungen anzubieten. Wenn wir aber die Kooperationsfähigkeit nicht im Lehrkörper dieser Universität schaffen, können wir das bei den Studierenden nicht verlangen. Dieser Aspekt müßte auch stärker in der Berufungspolitik eine Rolle spielen.
Prof. Jahnke: Ich weiß gar nicht, ob es das Problem dieser Forschungsorientierung ist. In der Mathematik zum Beispiel gibt es keine Einführungsveranstaltung in das mathematische Denken, ihre Gebiete und Methoden. Das Potsdamer Modell anzuwenden, heißt für mich hier, daß die Fachdidaktiken zusammen mit ihrem Fach Veranstaltungen entwickeln müssen, die historisches, kulturelles Wissen vermitteln.
Prof. Lompscher: Es müssen zwischen den Beteiligten mehr Arbeitskontakte hergestellt werden. Auf diesem Gebiet ist auch von den Initiatoren und Vertretern des Potsdamer Modells zu kurz gedacht worden. Wir haben uns sehr intensiv mit der Frage beschäftigt, wie Psychologie, Pädagogik und Sozialwissenschaften Zusammenwirken sollen. Schon die Frage des Zusammenwirkens dieser allgemeinen erziehungswissenschaftlichen Ausbildung mit der fachdidaktischen hat eine untergeordenete Rolle gespielt, und die Relation zwischen dieser direkt auf den Beruf orientierten Ausbildung und der Fachausbildung hat im Grunde gar keine Rolle gespielt. Wir müssen die Fachvertreter dafür gewinnen, erst einmal zur Kenntnis zu nehmen, daß Studierende unterschiedliche Ausbildungsziele verfolgen. Wie geht man damit um? Es gibt Bemühungen, sowohl in der Lehre als auch in der Forschung zusammenzuarbeiten, aber es existiert noch kein interdisziplinäres Forschungsprojekt.
Prof. Kirsch: Ich favorisiere auch das Gedankengut dieser integrativen Veranstaltungen, weil ich von deren Sinn überzeugt bin. Es gab bereits erste zaghafte Schritte, Fachdidaktiken und Fächer zusammenzuführen. Es ist unendlich schwer, das auf den Weg zu bringen. Wir müssen alle miteinander sehr viel Geduld aufbringen und nicht zu rasch großartige Erfolge erwarten. Das Unternehmen Potsdamer Modell der Lehrerbü- dung bedarf auf seiten der Lehrenden eines Umdenkungs- und Einstellungsbildungs- prozesses, der seine Zeit braucht.
Prof. Görtemaker: Wenn man realistisch an die Sache herangeht, ist es sehr unwahrscheinlich, daß man Menschen missionieren kann. Man muß also nach anderen Mechanismen suchen, das Modell umzusetzen. Dafür gibt es zwei Ansätze: Wir haben bereits recht gut ausgebildete Fachdidaktiken. Mit diesem Pfund müssen wir wuchern.
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