Heft 
(1.1.2019) 02
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der Bereitstellung von Tätigkeitsfeldern. Sie fragen bereits jetzt nach derartigen Möglich­keiten. Was ich weiterhin für wichtig halte, ist die erste Begegnung mit der Praxis im Hospitationspraktikum nach dem ersten Se­mester. Es ist sehr nützlich, um die Studie­renden für die komplexen Anforderungen aufzuschließen. Deshalb erachte ich das In­tegrierte Eingangssemester als besonders bedeutsam, weil es diese Dinge verzahnt. Wir sollten ausprobieren, ob man diese Form nicht auf alle Lehramtsstudiengänge auswei­ten kann.

Prof. Görtemaker: Das Potsdamer Modell der Lehrerbildung klingt nicht nur sehr schön, es ist ja auch sehr schön. Wir werden von vielen um dieses Modell beneidet. Man darf allerdings bei dessen Installierung ver­schiedene Komponenten dennoch nicht ganz vergessen. Das erste ist der klassische Kon­flikt zwischen der Fachwissenschaft und der Lehrerbildung. Lehrer verstehen sich nicht nur als kleine Gelehrte an den Schulen. Oft ist es auch anders: Lehrerstudenten fühlen sich an der Universität vielfach als fünftes Rad am Wagen. Das soll in Potsdam nicht so sein. Hier existiert im Grunde eine PH an der Universität, also eine Lehrerausbildung, die von Anfang an praxisorientiert, d.h. pro­fessionsorientiert sein soll und damit das Selbstverständnis des künftigen Lehrers stärkt. Daraus resultiert aber genau der Kon­flikt. Denn wir sind nicht nur eine Universi­tät, die Lehrerausbildung betreibt, sondern wir arbeiten auch stark forschungsorientiert und müssen damit den klassischen Aufgaben einer Universität gerecht werden. Daraus er­wächst logischerweise ein gewisser Wider­spruch. Auf der einen Seite soll mit sehr viel Be­geisterung das Potsdamer Modell umgesetzt wer­den, andererseits müssen die Fä­cher zu ihrem Recht kommen.

Das kollidiert ge­legentlich, und zwar sowohl bei der Erarbeitung der Studi­engänge als auch bei der Besetzung von Po­sitionen. Hier besteht der Zielkonflikt: Wie soll die Universität Potsdam der Zukunft aus- sehen? Wo sollen ihre Schwerpunkte liegen? Diese Diskussion ist nach wie vor nicht aus­gestanden. Wir werden in den nächsten Jah­ren sehr viel dafür tun müssen, das Potsda­mer Modell in die Wirklichkeit umzusetzen. Denn bisher scheint es so, das wir zwar ein schönes Modell haben, das in der Praxis kaum genutzt wird.

Prof. Jahnke: Ich sehe es auch so ähnlich. Die konzeptionelle Arbeit ist getan. Ein Plan,

ein gutes Vorhaben ist da, aber die Frage der Verwirklichung im inhaltlichen und organi­satorischen Bereich ist offen. Ein wichtiger Punkt ist zum Beispiel die Trennung der Grunds chullehrerausbildung von der Ausbil­dung der anderen Lehrer. Die eher ganzheit­lich angelegte Ausbüdung der Primarstufen- lehrer erreicht die anderen nicht. Das ist viel­leicht auch ein wenig ein Planungsfehler. Auf der Ebene des Faches ist vom Potsdamer Modell wenig zu spüren. Ich weiß auch nicht, wie es in der Be­wertung der Stu­denten zu spüren ist. Es ist auch of­fen, was in die­sem Bereich pro­fessionsorientierte Expertise heißt.

Wie konstituiert sie sich? Durch welche Veranstaltungen wird sie aufgebaut? Das muß letztlich in einem Sinne beantwor­tet werden, der die Studenten überzeugt. Auch da sehe ich im Bereich den Sekundarstufen I und II noch nicht den durchschlagenden Erfolg.

Prof. Kirsch: Was mich derzeit noch sehr stark bewegt, ist folgendes. Wir wünschen uns ja nicht nur die Professionsorientiertheit, sondern auch, daß die universitäre Ausbil­dung stärker greift. D.h., daß Studierende besser forschungsorientiert eingebunden werden sollten. Es macht mich betroffen, daß die gute Absicht, dieses Studium nichtPH- typisch ablaufen zu lassen, sondern den uni­versitären Charakter dazu zu holen, durch die Lehramtsprüfungsordnungen schon im Keim zunichte gemacht wird.

Prof. Mikelskis: Ich finde es oft etwas leichtfertig, Prüfungsordnungen, auch Rah­menpläne in der Schule, gleichsam als Aus­rede zu benutzen, um bestimmte Dinge nicht zu erfüllen. Selbst im Rahmen dieser Ordnun­gen oder der Art, wie man Prüfungen gestal­tet, bestehen wesentlich mehr Möglichkeiten und Freiräume, auch Alternativen auf den Weg zu bringen. Das Hauptproblem scheint mir zu sein, in irgendeiner Form an die fach­wissenschaftliche Ausbildung heranzukom­men. Der Stellenwert der Fachdidaktik ist an dieser Universität so hoch wie nirgends. Die Aufgabe von Fachdidaktik, das Fach aufzu­weichen, oder modern gesagt, zu rekonstru­ieren, bedeutet ja eben auch, in die Fachaus­bildung als Hochschuldidaktik einzugreifen. Das scheint mir die Schnittstelle und die Bruchstelle des Potsdamer Modells zu sein. Wir müssen nach Umgangsformen, nach Kommunikationsformen suchen, wie wir im Rahmen der Zentren noch stärker wirklich in die Fachausbildung hinein wirken können, nicht nur über Ordnungen, sondern über konkrete Gespräche. Es muß ganz selbstver­

ständlich sein, kooperative Lehrveranstaltun­gen anzubieten. Wenn wir aber die Ko­operationsfähigkeit nicht im Lehrkörper die­ser Universität schaffen, können wir das bei den Studierenden nicht verlangen. Dieser Aspekt müßte auch stärker in der Berufungs­politik eine Rolle spielen.

Prof. Jahnke: Ich weiß gar nicht, ob es das Problem dieser Forschungsorientierung ist. In der Mathematik zum Beispiel gibt es keine Einführungsveranstaltung in das mathema­tische Denken, ihre Gebiete und Methoden. Das Potsdamer Modell anzuwenden, heißt für mich hier, daß die Fachdidaktiken zusammen mit ihrem Fach Veranstaltungen entwickeln müssen, die historisches, kulturelles Wissen vermitteln.

Prof. Lompscher: Es müssen zwischen den Beteiligten mehr Arbeitskontakte hergestellt werden. Auf diesem Gebiet ist auch von den Initiatoren und Vertretern des Potsdamer Modells zu kurz gedacht worden. Wir haben uns sehr intensiv mit der Frage beschäftigt, wie Psychologie, Pädagogik und Sozialwis­senschaften Zusammenwirken sollen. Schon die Frage des Zusammenwirkens dieser all­gemeinen erziehungswissenschaftlichen Ausbildung mit der fachdidaktischen hat eine untergeordenete Rolle gespielt, und die Relation zwischen dieser direkt auf den Be­ruf orientierten Ausbildung und der Fachaus­bildung hat im Grunde gar keine Rolle ge­spielt. Wir müssen die Fachvertreter dafür gewinnen, erst einmal zur Kenntnis zu neh­men, daß Studierende unterschiedliche Aus­bildungsziele verfolgen. Wie geht man damit um? Es gibt Bemühungen, sowohl in der Lehre als auch in der Forschung zusammen­zuarbeiten, aber es existiert noch kein inter­disziplinäres Forschungsprojekt.

Prof. Kirsch: Ich favorisiere auch das Ge­dankengut dieser integrativen Veranstaltun­gen, weil ich von deren Sinn überzeugt bin. Es gab bereits erste zaghafte Schritte, Fachdidaktiken und Fächer zusammenzufüh­ren. Es ist unendlich schwer, das auf den Weg zu bringen. Wir müssen alle miteinan­der sehr viel Geduld aufbringen und nicht zu rasch großartige Erfolge erwarten. Das Un­ternehmen Potsdamer Modell der Lehrerbü- dung bedarf auf seiten der Lehrenden eines Umdenkungs- und Einstellungsbildungs- prozesses, der seine Zeit braucht.

Prof. Görtemaker: Wenn man realistisch an die Sache herangeht, ist es sehr unwahr­scheinlich, daß man Menschen missionieren kann. Man muß also nach anderen Mecha­nismen suchen, das Modell umzusetzen. Dafür gibt es zwei Ansätze: Wir haben be­reits recht gut ausgebildete Fachdidaktiken. Mit diesem Pfund müssen wir wuchern.

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